Übungen bei Ataxie: Verbesserung der Koordination und Balance

Ataxie ist eine Koordinationsstörung, die auf einer Fehlfunktion des Kleinhirns (cerebelläre Ataxie) oder einer Störung der Gefühlswahrnehmung und damit der Bewegungsrückmeldung (sensible Ataxie) beruht. Diese Störung kann sich in überschießenden Bewegungen äußern und sowohl die Haltungsmotorik als auch die Zielmotorik betreffen. Die alltägliche Handlungsfähigkeit, das Reaktionsvermögen und das Gleichgewicht nehmen ab, was zu Angst und Sturzgefahr führen kann. Häufig ziehen sich die Betroffenen vom sozialen Leben zurück. Zielgerichtete Übungen können helfen, die Symptome zu lindern, die Beweglichkeit zu erhalten und die Lebensqualität zu verbessern.

Was ist Ataxie?

Ataxie ist ein Oberbegriff für verschiedene Störungen der Gleichgewichtsregulation und Bewegungskoordination. Sie wird ausgelöst durch das Fehlen von geleiteten, sensiblen Informationen aus Gelenken und Muskeln (spinale Ataxie) oder durch Fehlfunktionen und Störungen des Kleinhirns (zerebelläre Ataxie). Die komplexe Koordinationsstörung kann sich sowohl auf Bewegung beziehen, wie Gehfähigkeit oder Greifen von Gegenständen, als auch auf Haltung und Sprache.

Ursachen von Ataxie

Ataxie kann zahlreiche Ursachen haben. Neben genetischen Faktoren können auch Umweltfaktoren wie Toxine und Autoimmunkrankheiten eine Rolle spielen. Die Ursache kann unter anderem eine Schädigung im Kleinhirn (z.B. aufgrund eines Schlaganfalls, Schädel-Hirn-Traumatas oder andere Verletzungen des Kleinhirns) oder einer Störung der Tiefensensibilität sein. Das Kleinhirn ist für die Koordination unserer Bewegungen zuständig. Wenn dieses verletzt wird oder „ausfällt“, ist die Steuerung der „gegeneinander“ arbeitenden Muskelgruppen nicht mehr zuverlässig möglich, daher kommt es zu unkontrolliert wackelnden und überschießenden Bewegungen. Bei einer Störung der Tiefensensibilität bekommt das Gehirn keine Rückmeldung mehr über die Bewegung und den Muskeltonus (Muskelspannung / Druck) und kann dadurch Bewegungen nicht präzise ausführen.

Symptome von Ataxie

Bewegungsabläufe von Patienten mit Ataxie sind in der Anfangsphase fahrig und überschießend (griechisch: ataxia = Unordnung). Im Verlauf der Erkrankung machen sich die Betroffenen steif, sie vermeiden Koordination und erleiden eine größere Behinderung als durch die Krankheit direkt verursacht. Die Kranken möchten dadurch umgehen alkoholisiert zu wirken und erreichen eine scheinbar bessere Bewegungskontrolle. Die alltägliche Handlungsfähigkeit, Reaktionsvermögen und Gleichgewicht nehmen aber ab. Dadurch können sich Angst und Sturzgefahr entwickeln. Häufig ziehen sich die Betroffenen vom sozialen Leben zurück.

Bei den sogenannten Zielbewegungen - z. B. dem Greifen eines Glases - werden Bewegungen mit einem falschen Ausmaß ausgeführt. Sie sind dann oft überschießend-ausfahrend oder auch unflüssig und verwackelt. Eine Ataxie kann präzises Greifen und Hantieren unmöglich machen, z.B. stoßen Betroffene die Flasche nach der sie Greifen wollen um, da sie die Bewegung nicht rechtzeitig Stoppen konnten.

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Therapieansätze bei Ataxie

Wie eine Ataxie behandelt wird, hängt von der Ursache ab. In jedem Fall unterstützt Physiotherapie die Verbesserung der Bewegungsstörung. In vielen Fällen ist zusätzlich eine ärztliche Behandlung notwendig.

Physiotherapie

Als Basistherapie für alle Formen von Ataxie ist eine regelmäßige Physiotherapie förderlich: Zusammen mit einem Therapeuten erlernt der Betroffene koordinationsfördernde Übungen, die er dann zu Hause täglich wiederholt. Die koordinative Physiotherapie ist die einzige Methode, deren kurz- und langfristige Wirksamkeit zur Verbesserung der Koordinationsfähigkeit bei Patienten mit Ataxie nachgewiesen wurde. Koordination wird durch wiederholtes Üben koordinativ anspruchsvoller Bewegungsabläufe verbessert.

Ziele der Physiotherapie:

  • Verbesserung der motorischen Fähigkeiten
  • Erhalt der Beweglichkeit im Alltag
  • Minimierung der Sturzgefahr
  • Stärkung der Rumpfmuskulatur
  • Erhalt der freien Beweglichkeit der Gelenke, insbesondere der Schulter- und Hüftgelenke
  • Normalisierung des Gangbildes

Methoden der Physiotherapie:

  • Bobath-Therapie
  • PNF-Therapie
  • Gleichgewichtstraining auf instabilen Unterlagen (Matten, Trampolin)
  • Alltagsrelevante Bewegungsabläufe üben
  • Drehdehnlage
  • Arm-Beinbewegungen im Vierfüßler-Stand

Ärztliche Behandlung

Bei episodischen Ataxien (EA) hat man in Einzelfällen die Wirksamkeit bestimmter Medikamente (Carbamazepin, Acetazolamid, 4-Aminopyridin) beobachtet. Ist die Ataxie Folge einer alkoholischen Kleinhirndegeneration (ACD), ist der völlige Verzicht auf Alkohol, zusammen mit einer speziellen Vitaminzufuhr, wichtig. Bei Ataxie durch primären Vitamin-E-Mangel ist eine orale Substitution von Vitamin E nötig, das heißt Patienten nehmen Vitamin E beispielsweise in Tablettenform ein. Die Abetalipoproteinämie lässt sich durch eine starke Fettreduktion in der Ernährung therapieren. Die Friedreich-Ataxie kann bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 16 Jahren mit dem Wirkstoff Omaveloxolon behandelt werden. Beim Refsum-Syndrom setzt man unter anderem auf eine spezielle Diät (arm an Phytansäure, einer verzweigten Nahrungsfettsäure) und die Lipidapherese, ein Blutreinigungsverfahren. Bei Ataxien gibt es häufig Begleitsymptome (beispielsweise parkinson-ähnliche Bewegungsstörungen, Inkontinenz, Schmerzen, Muskelkrämpfe). Diese lassen sich gezielt behandeln.

Ergotherapie

Ergotherapie unterstützt und begleitet Menschen jeden Alters, die in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt oder von Einschränkung bedroht sind. In der Ergotherapie sind aufgrund des handlungsorientierten Ansatzes besonders auch Tätigkeiten des täglichen Lebens Teil der Therapie, was den wesentlichen Unterschied zur Physiotherapie darstellt.

Ziele der Ergotherapie:

  • Verbesserung der Feinmotorik
  • Verbesserung der Alltagskompetenzen
  • Maximierung der Selbstständigkeit

Methoden der Ergotherapie:

  • Hand- und Greifübungen
  • Gelenkmobilisierung
  • Alltagsorientierte Trainings (Schreiben, Anziehen, Kochen)
  • Adaptive Methoden (Einsatz von Hilfsmitteln)

Übungen für Patienten mit Ataxie

Die folgenden Übungen zielen darauf ab, die Koordinationsfähigkeit und die Balance zu verbessern. Steifheit und Angst sollen verringert werden.

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Allgemeine Tipps für Patienten:

  • Bewegen Sie sich vielseitig und flüssig.
  • Lassen Sie überschießende Bewegungen zu.
  • Steigern Sie die Belastungsgrenze in Bewegungen oder Aktivitäten.
  • Teilen Sie schwierige Aktivitäten in Abschnitte auf, um Bewegungs-Sequenzen einzeln zu üben.
  • Wiederholen Sie Bewegungen, um diese schneller zu automatisieren.
  • Legen Sie ein bis drei realistische Ziele fest, die Sie in den nächsten vier Wochen erreichen möchten.
  • Üben Sie jeden Tag zweimal für etwa 30 Minuten.

Möglichkeiten zur Anpassung des Schwierigkeitsgrades:

  • Unterstützungsfläche vergrößern: Je mehr Auflagefläche das Körperteil hat, desto „stabiler“ sind Bewegungen möglich. Z. B. Stützen sie den Arm beim Essen mit möglichst viel Auflagefläche an einer Wand ab, um vom Teller zum Mund zu kommen. Im Stehen bedeutet dies: je größer die Unterstützungsfläche ist, desto stabiler stehen wir.
  • Bewegungen langsamer oder schneller ausführen: Je langsamer eine Bewegung stattfindet, desto stärker sind meist die ataktischen Bewegungen. Oft kann es sinnvoll sein, die Bewegung langsam zu trainieren, auch wenn diese dadurch erstmal schwieriger wird. Wenn Sie diese beherrschen, können Sie wieder zur gewohnten Geschwindigkeit zurückkehren.
  • Gewichtsmanschetten nutzen: Zum Training von Bewegungen oder Alltagssituationen können Gewichtsmanschetten verwendet werden.

Beispiele für Übungen:

  • Balancieren auf einem Bein: Diese Übung hilft, das Gleichgewicht und die Stabilität zu verbessern. Halte dich an einer festen Oberfläche fest, wenn nötig.
  • Seilklemmen: Hierbei geht es darum, mit den Füßen ein Seil anzuheben und zu bewegen, um die Fußkoordination zu fördern.
  • Knieheben im Gehen: Gehe auf einer geraden Linie und hebe dabei die Knie so hoch wie möglich. Dies hilft, die Muskulatur zu stärken und die Gehkoordination zu verbessern.
  • Auge-Hand-Koordination: Fange und werfe einen Ball, um die Handbewegungen zu koordinieren und die Reaktionsfähigkeit zu trainieren.
  • Gehtraining auf unebenem Gelände: Das Gehen auf unterschiedlichem Terrain kann helfen, die Stabilität und das Gleichgewicht zu verbessern.
  • Arm- und Beinkreisbewegungen: Diese Übungen fördern die Beweglichkeit und Muskelstärke.
  • Koordinationsübungen mit einem Balance Board: Diese Übungen können helfen, die Gleichgewichtsfähigkeiten zu verbessern und die Beine zu stärken.
  • Atemübungen: Arbeiten an der Atemkontrolle und -tiefe kann helfen, die allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit zu verbessern und die Anstrengung zu verringern.
  • Feinmotorik-Training: Übungen, die Handbewegungen und Fingerfertigkeit verbessern, wie das Ziehen von Perlen auf eine Schnur.
  • Tandem-Gehübungen: Gehe mit den Füßen so nah wie möglich hintereinander, um das Gleichgewicht zu schulen.
  • Stabilisierungsübungen auf einem Gymnastikball: Sitze auf einem Gymnastikball und versuche, das Gleichgewicht zu halten.
  • Krafttraining: Übungen wie Beinheben oder Armbeugen helfen, die Muskulatur zu stärken und die allgemeine Beweglichkeit zu fördern.
  • Wassertherapie: Übungen im Wasser verringern die Belastung der Gelenke und bieten Widerstand, um die Muskelkraft zu erhöhen.
  • Koordinationstraining mit Übungsschnur: Das Durchführen von Übungen mit einer Übungsschnur fördert die Abstimmung zwischen Hand und Augen.

Was Sie selbst tun können

  • Treten plötzlich motorische Störungen oder Lähmungserscheinungen auf, deutet dies eventuell auf einen Schlaganfall oder eine akute Vergiftung hin. Rufen Sie sofort einen Notarzt!
  • Führen Sie regelmäßig physiotherapeutische Übungen durch, wenn Ihnen Ihr Arzt diese empfiehlt.
  • Suchen Sie den Austausch mit anderen Betroffenen.
  • Ziehen Sie sich trotz der Beschwerden nicht aus Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zurück. Sprechen Sie stattdessen offen mit Freunden und suchen Sie nach Möglichkeiten, trotz der motorischen Störungen so weit wie möglich am sozialen Leben teilzunehmen und Ihre Fähigkeiten im Alltag mit Ataxie zu trainieren.

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