Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Ulrike Pichl, selbst Betroffene, teilt ihre Erfahrungen und Erkenntnisse aus jahrelanger Forschung und persönlichem Umgang mit dieser komplexen Erkrankung. Ihre Kolumnen in der SZ Magazinreihe "Schmerz, lass nach" geben Einblicke in verschiedene Aspekte des Lebens mit Migräne, von der Bewältigung des Alltags bis hin zur Suche nach wirksamen Therapien.
Die vielen Gesichter der Migräne
Migräne kann sich auf vielfältige Weise äußern. Sie kann einmal jährlich oder zwanzigmal im Monat auftreten, leicht oder sehr schwer sein, und sogar ohne Kopfschmerzen in Erscheinung treten, besonders bei Kindern, wo sie sich oft durch Magensymptome äußert. Für manche Betroffene ist sie ein allumfassender Angriff auf den Körper, eine totale Vernichtung.
Pichl beschreibt eine ausgewachsene Migräneattacke als übertrieben und dramatisch, wie einen Horrorfilm ohne Gespür für das richtige Maß. Der Schmerz ist intensiv, pulsierend und kann von Übelkeit, Schwindel und extremer Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet sein. In solchen Momenten verliert die Zeit ihre Bedeutung, und selbst der Gedanke an ein Ende des Leidens kann aufkommen.
Der lange Weg zur Diagnose und Akzeptanz
Ulrike Pichls Leidensweg begann nach einem Schleudertrauma vor acht Jahren. Anfänglich plagten sie starke Kopfschmerzen, die sich zu chronischen Schmerzen entwickelten. Ärzte nahmen sie nicht ernst, und sie suchte verzweifelt Hilfe bei verschiedenen Spezialisten und alternativen Therapeuten. Erst nach Jahren fand sie einen Arzt, der sich wirklich mit ihrem Leiden auseinandersetzte.
Ein Wendepunkt war die Erkenntnis, dass sie ihre Schmerzen nicht als etwas von sich Getrenntes betrachten sollte, sondern als Teil ihres Körpers, auf den sie Einfluss nehmen kann. Sie lernte, auf ihren Körper zu hören, ihre Grenzen zu akzeptieren und sich Auszeiten zu gönnen.
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Strategien zur Bewältigung des Alltags
Trotz der chronischen Schmerzen versucht Ulrike Pichl, ein möglichst normales Leben zu führen. Sie hat Strategien entwickelt, um mit den Einschränkungen umzugehen und ihren Alltag zu meistern. Dazu gehören:
- Anpassung des Arbeitsalltags: Pichl, die selbstständig ist, vermeidet Termine vor 11 Uhr, um ihren Schlaf-Wach-Rhythmus einzuhalten. Sie hat gelernt, Aufgaben abzugeben und sich nicht zu überlasten. Trotzdem hat sie schon mit Eisbeuteln auf dem Kopf in Kundengesprächen gesessen und Telefonkonferenzen notfalls auf dem Rücken liegend geführt.
- Bewegung und Natur: Regelmäßige Spaziergänge in der Natur helfen ihr, Stress abzubauen und ihre Ausdauer zu verbessern. Sie nutzt diese Momente auch, um ihre Kreativität auszuleben und mit ihrem Smartphone Fotos zu machen.
- Entspannungstechniken: Meditation hilft ihr, zur Ruhe zu kommen und sich von den Schmerzen abzulenken. Sie betont, dass es bei der Meditation kein Ziel gibt und daher auch kein Versagen, was ihr besonders guttut.
- Kommunikation und Akzeptanz: Pichl hat gelernt, ihre Bedürfnisse offen zu kommunizieren und sich einzugestehen, dass sie Ruhe und Alleinsein braucht. Sie weiß, dass es in Ordnung ist, Dinge liegen zu lassen oder abzugeben.
Ernährung als Therapieansatz
Ein wichtiger Bestandteil von Ulrike Pichls Therapie ist die Ernährung. Über eine alternative Therapiemethode kam sie zur Low-Carb-Ernährung. Zunächst in lockerer Form, später strikt ketogen. Sie berichtet von positiven Erfahrungen mit dieser Ernährungsweise:
- Weniger Anfälle: Seit der Umstellung auf eine ketogene Ernährung sind ihre Migräneanfälle seltener, schwächer und schneller vorbei. Wetterwechsel, laute Geräusche oder 3D-Kino lösen bei ihr keine Attacken mehr aus.
- Hormonelle Balance: Pichl hat herausgefunden, dass hormonelle Schwankungen eine große Rolle bei ihrer Migräne spielen. Gemeinsam mit ihrem Arzt arbeitet sie an Lösungen, um ihre Hormonstörung in den Griff zu bekommen.
- Weniger Kopfschmerzen: Dank der kohlenhydratarmen Ernährung und ihrer Hormontherapie werden auch ihre chronischen Kopfschmerzen zunehmend besser.
- Mehr Lebensqualität: LCHF hat Ulrike Pichl ein großes Stück ihres alten Lebens zurückgegeben. Sie kann wieder arbeiten, ohne ständig mit Migräne kämpfen zu müssen.
Die Bedeutung von Freundschaft und Unterstützung
Ulrike Pichl betont, wie wichtig es ist, Menschen um sich zu haben, die einen unterstützen und verstehen. Sie hat gelernt, was wahre Freundschaft ausmacht und warum man auch mal anstrengend sein darf. Es ist ihr wichtig, dass ihre Freunde sie so akzeptieren, wie sie ist, mit all ihren Einschränkungen. Manchmal schicken ihr Freunde Bilder von Sonnenuntergängen oder schönen Wolken und schreiben: "Schau mal wie schön, ich musste gleich an dich denken". Für sie ist das ein tolles Kompliment.
Kunst als Ausdrucksmittel
Neben der Bewältigung ihrer Krankheit hat Ulrike Pichl auch einen Weg gefunden, ihre Erfahrungen und Gefühle künstlerisch auszudrücken. Sie ist Fotografin und kombiniert ihre Bilder oft mit Texten.
- Fotografie: Seit einigen Jahren sind die Kameras der Smartphones so gut, dass sie problemlos hochwertige Aufnahmen damit machen kann. Sie muss frei sein beim Laufen und den Augenblick ohne Vorbereitung nutzen können. Sie könnte nicht so viel einfangen, wenn sie etwas größeres als ihr Smartphone dabei hätte.
- Verbindung von Bild und Text: In ihrer Arbeit gehören Bild und Text zusammen. Sie möchte den Betrachterinnen und Betrachtern eine Erweiterung des Abgebildeten mitgeben, sie möchte, dass sie etwas betrachten und lesen, was echt ist. Und sie möchte, dass sie sehen, was um sie herum ist, denn ihre Motive sind jederzeit und überall um uns.
- Sfumato: Sie mag den Begriff Sfumato, der aus der Ölmalerei stammt und eine Technik beschreibt, bei der die gemalten Dinge verschwimmen und miteinander verbunden werden. In ihren Fotografien verbindet sie sich auf diese Art mit ihren Bildern, weil sie ihnen durch die Texte über ihren Blick hinaus einen Teil von ihrem Innenleben mitgibt. Die Grenzen des abgebildeten Moments verschwimmen mit ihrer Assoziation.
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