Epilepsie bei Kindern: Ursachen, Diagnose und Behandlungsansätze

Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen im Kindesalter. Eltern, deren Kinder an Epilepsie erkranken, sind oft mit Ängsten konfrontiert, sowohl in Bezug auf die Erkrankung selbst als auch auf die Therapie. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Epilepsie bei Kindern, einschließlich Ursachen, Diagnoseverfahren und Behandlungsoptionen.

Was ist Epilepsie?

Das Wort "Epilepsie" stammt aus dem Griechischen und bedeutet "überwältigt werden". Es beschreibt das plötzliche Auftreten von Funktionsverlusten, die von kurzen Abwesenheiten bis hin zu tonisch-klonischen Anfällen mit Bewusstseinsverlust und Krämpfen reichen können. Epilepsie ist definiert als eine Neigung zu wiederholten Anfällen ohne erkennbare Auslöser. Ein einzelner Anfall bedeutet nicht zwangsläufig, dass eine Epilepsie vorliegt. Rund 5 % der Bevölkerung erleben im Laufe ihres Lebens einen epileptischen Anfall, ohne dass dies zu einer Epilepsiediagnose führt.

In Deutschland sind durchschnittlich etwa 1 % der Menschen an Epilepsie erkrankt. Im Kindesalter liegt die Prävalenz bei etwa 0,5 %, wobei jährlich etwa 50 von 100.000 Kindern (im Alter von 0 bis 14 Jahren) neu erkranken. Kinder machen etwa ein Viertel aller Epilepsie-Neuerkrankungen aus.

Ursachen von Epilepsie im Kindesalter

Die Ursachen für Epilepsie sind vielfältig. Sie können in verschiedene Kategorien eingeteilt werden:

  • Genetische Faktoren: Eine genetische Veranlagung kann eine Rolle spielen. Monogen verursachte Epilepsien sind jedoch selten. Häufige genetische Epilepsiesyndrome entstehen durch das Zusammenspiel verschiedener genetischer Faktoren und Umwelteinflüsse.
  • Strukturelle Hirnschäden: Hirnschäden durch Trauma, Schlaganfall oder Entzündungen können Epilepsie verursachen. Auch Hirnmissbildungen oder Hirntumore können eine Rolle spielen.
  • Stoffwechselstörungen: Selten können Stoffwechselerkrankungen, wie Defekte im Pyridoxin-, Pyridoxalphosphat- oder Folinsäurestoffwechsel, zu Anfällen führen. Diese lassen sich durch entsprechende Vitamingaben bessern.
  • Sauerstoffmangel: Sauerstoffmangel während der Geburt kann zu Hirnschäden und in der Folge zu Epilepsie führen.
  • Infektionen: Entzündungen des Gehirns (Enzephalitis) können ebenfalls Epilepsie verursachen.
  • Immunvermittelte Störungen: In einigen Fällen können Autoimmunprozesse im Gehirn zu Anfällen führen.

Bei Neugeborenen können Krampfanfälle auf eine genetische Veranlagung, eine Störung im Gehirnstoffwechsel oder eine Hirnschädigung zurückzuführen sein.

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Formen epileptischer Anfälle

Epileptische Anfälle können sehr unterschiedlich ablaufen. Die Art des Anfalls hängt davon ab, welcher Bereich des Gehirns betroffen ist und wie sich die elektrische Aktivität ausbreitet. Es werden fokale und generalisierte Anfälle unterschieden:

Fokale Anfälle

Fokale Anfälle beginnen in einem bestimmten Bereich des Gehirns. Je nach betroffenem Gebiet können sich die Symptome unterschiedlich äußern:

  • Fokale Anfälle mit erhaltenem Bewusstsein: Früher wurden diese Anfälle als Auren bezeichnet. Die Symptome hängen von der Region der Übererregung ab und können sensorische Wahrnehmungen (z. B. Blitze sehen, Kribbeln), autonome Symptome (z. B. Gesichtsröte, Herzrasen), emotionale Symptome (z. B. Angst, Glücksgefühl) oder Sprachstörungen umfassen.
  • Fokale Anfälle mit gestörtem Bewusstsein: Bei diesen Anfällen ist das Bewusstsein beeinträchtigt. Der Patient kann beispielsweise einen Verhaltensarrest zeigen, automotorische Symptome (z. B. orale Automatismen, Nesteln) oder unsinnige Handlungen ausführen.
  • Fokale Anfälle mit motorischen Symptomen: Diese Anfälle können sich durch tonische (Versteifung), atonische (Erschlaffung) oder klonische (Zuckungen) Muskelkontraktionen äußern. Auch myoklonische Anfälle (kurze, einschießende Muskelzuckungen) sind möglich.

Generalisierte Anfälle

Generalisierte Anfälle betreffen von Anfang an beide Gehirnhälften. Auch hier gibt es verschiedene Formen:

  • Generalisierte tonisch-klonische Anfälle (Grand-Mal-Anfälle): Diese Anfälle sind durch plötzlichen Bewusstseinsverlust, Versteifung des Körpers (tonische Phase) und anschließende rhythmische Zuckungen (klonische Phase) gekennzeichnet. Es kann zu Zyanose (Blaufärbung der Haut), vermehrtem Speichelfluss, Einnässen und Zungenbiss kommen.
  • Absencen: Absencen sind kurze Bewusstseinsaussetzer von wenigen Sekunden Dauer, oft mit starrem Blick oder leichtem Blinzeln.
  • Myoklonische Anfälle: Diese äußern sich durch kurze, einschießende Muskelzuckungen.
  • Tonische oder atonische Anfälle: Diese Anfälle können zu einem plötzlichen Verlust der Muskelspannung und Stürzen führen.

Spezielle Epilepsiesyndrome im Kindesalter

Es gibt eine Reihe von Epilepsiesyndromen, die spezifische Merkmale aufweisen und im Kindesalter auftreten:

  • West-Syndrom (Blitz-Nick-Salaam-Epilepsie): Dieses Syndrom beginnt im Säuglingsalter mit charakteristischen Anfällen (epileptische Spasmen), bestimmten EEG-Ausschlägen (Hypsarrhythmie) und einer verzögerten Entwicklung. Häufige Ursachen sind Sauerstoffmangel während der Geburt, ZNS-Fehlbildungen oder tuberöse Sklerose.
  • Dravet-Syndrom: Dieses Syndrom beginnt im ersten Lebensjahr mit febrilen tonisch-klonischen Anfällen und entwickelt im weiteren Verlauf verschiedene Anfallsformen, die schwer zu behandeln sind.
  • Rolando-Epilepsie: Diese Form der Epilepsie beginnt häufig im Grundschulalter und äußert sich durch meist nächtliche fokale Anfälle mit sensiblen und motorischen Symptomen im Bereich des Mundes. Die Prognose ist in der Regel gut.
  • Kindliche Absence-Epilepsie: Diese Epilepsieform tritt meist zwischen dem fünften und achten Lebensjahr auf und ist durch häufige Absencen gekennzeichnet.

Diagnose von Epilepsie

Die Diagnose von Epilepsie basiert auf verschiedenen Faktoren:

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  • Anamnese: Eine ausführliche Befragung des Patienten und der Augenzeugen des Anfallsereignisses ist entscheidend. Dabei werden Informationen über Vorgefühle, den Ablauf des Anfalls und eventuelle Auslöser gesammelt.
  • Neurologische Untersuchung: Eine allgemeine neurologische Untersuchung dient dazu, andere mögliche Ursachen für die Anfälle auszuschließen.
  • EEG (Elektroenzephalographie): Das EEG misst die elektrische Aktivität des Gehirns und kann epileptische Entladungen aufzeichnen. Idealerweise sollte das EEG möglichst bald nach einem Anfall durchgeführt werden, um die Chancen auf den Nachweis von Epilepsiepotentialen zu erhöhen.
  • MRT (Magnetresonanztomographie): Die MRT des Gehirns dient dazu, strukturelle Ursachen für die Epilepsie, wie z. B. Hirntumore oder -fehlbildungen, auszuschließen.
  • Liquordiagnostik: Bei Verdacht auf eine Entzündung des Gehirns wird eine Untersuchung des Hirnwassers (Liquor) durchgeführt.
  • Blutuntersuchungen: Bestimmte Blutwerte (z. B. CK-Wert, Prolaktin) können bei der Diagnose eines Grand-Mal-Anfalls hilfreich sein. Regelmäßige Blutuntersuchungen sind auch bei bekannter Epilepsie wichtig, um die Medikamentenspiegel zu kontrollieren und mögliche Nebenwirkungen zu erkennen.
  • Neuropsychologische Tests: Diese Tests können Einbußen in Gedächtnis und Konzentration erfassen und im Verlauf kontrollieren. Sie dienen auch dazu, die Auswirkungen der Erkrankung auf den Lebensalltag des Patienten zu beurteilen.
  • Videoaufnahmen: Videoaufnahmen der Anfälle, die von Familienangehörigen oder Freunden mit dem Smartphone gemacht werden, können den behandelnden Ärzten wertvolle Informationen liefern.

In unklaren Fällen kann eine Zweitmeinung durch eine speziell epileptologisch ausgerichtete diagnostische Einheit eingeholt werden.

Behandlung von Epilepsie

Ziel der Behandlung ist es, Anfallsfreiheit zu erreichen und die Lebensqualität des Patienten zu verbessern. Die Behandlungsmöglichkeiten umfassen:

Akutbehandlung beim Anfall

Ein epileptischer Anfall dauert in der Regel nur wenige Minuten und bedarf keiner Notfallmedikation. Wichtig ist es, den Patienten während des Anfalls zu schützen und Verletzungen vorzubeugen. Dauert der Anfall länger als 5 Minuten, sollte ein Notarzt gerufen werden. Krampflösende Medikamente (Benzodiazepine) können zur Unterbrechung eines länger dauernden Anfalls eingesetzt werden.

Medikamentöse Behandlung

Antiepileptika sind Medikamente, die die Krampfschwelle des Gehirns erhöhen und so Anfälle verhindern sollen. Die Auswahl des geeigneten Medikaments hängt von der Art der Epilepsie, dem Alter des Patienten und anderen individuellen Faktoren ab. In der Regel wird eine Monotherapie angestrebt, d. h. die Behandlung mit nur einem Medikament. Etwa 75 % der Kinder werden mit dem ersten oder zweiten Medikament anfallsfrei. Bei Patienten, bei denen mehrere Medikamente nicht anschlagen, kann eine modifizierte Atkins-Diät oder ketogene Diät in Betracht gezogen werden.

Es ist wichtig, die Medikamente regelmäßig und in der verordneten Dosis einzunehmen. Änderungen oder das Absetzen der Medikamente sollten nur in Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen.

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Neurostimulation

In einigen Fällen können Neurostimulationsverfahren eingesetzt werden, um die Anfallshäufigkeit zu reduzieren:

  • Vagusnervstimulation (VNS): Bei der VNS wird der Vagusnerv im Halsbereich durch einen implantierten Generator stimuliert. Dies kann die Anfallsaktivität im Gehirn reduzieren und die Lebensqualität verbessern.
  • Tiefe Hirnstimulation (DBS): Bei der DBS werden Elektroden in bestimmte Hirnbereiche implantiert, die regelmäßig elektrische Impulse aussenden.
  • Transkutane Vagusnervstimulation (T-VNS): Bei der T-VNS wird ein Nerv, der die Ohrmuschel versorgt, von außen stimuliert.

Epilepsiechirurgie

Bei schwer behandelbaren Epilepsien kann eine Operation in Erwägung gezogen werden. Ziel der Operation ist es, den Epilepsieherd im Gehirn vollständig zu entfernen, ohne wichtige Gehirnfunktionen zu schädigen. Eine frühe Entscheidung für eine Operation kann den weiteren Lebensverlauf eines Patienten sehr positiv beeinflussen.

Begleitende Maßnahmen

Neben der medikamentösen und interventionellen Behandlung spielen begleitende Maßnahmen eine wichtige Rolle:

  • Beratung und Aufklärung: Patienten und ihre Familien benötigen umfassende Informationen über die Erkrankung, die Behandlungsmöglichkeiten und den Umgang mit Anfällen im Alltag.
  • Psychologische Unterstützung: Epilepsie kann zu psychischen Problemen wie Depressionen, Angststörungen oder Gedächtnisstörungen führen. Eine psychologische oder psychotherapeutische Mitbehandlung kann die Lebensqualität verbessern.
  • Soziale Integration: Es ist wichtig, dass Kinder mit Epilepsie am normalen Leben teilnehmen können. Die Schule sollte über die Erkrankung informiert sein und im Notfall richtig reagieren können. Auch die Teilnahme am Sport ist in der Regel möglich, wobei bestimmte Vorsichtsmaßnahmen zu beachten sind.

Prognose

Die Prognose für Kinder mit Epilepsie ist sehr unterschiedlich und hängt von der Ursache, der Art der Anfälle und dem Therapieerfolg ab. Etwa 70 % der Epilepsien können mit den heute zur Verfügung stehenden Medikamenten so behandelt werden, dass Anfallsfreiheit erreicht wird. Bei einigen Epilepsiesyndromen, wie der Rolando-Epilepsie, ist die Prognose sehr gut, während andere, wie das Dravet-Syndrom, schwer zu behandeln sind und mit einer schlechteren Entwicklungsprognose einhergehen.

Es ist wichtig zu beachten, dass die Diagnose Epilepsie eine Belastung für die ganze Familie darstellt. Eine offene Kommunikation, eine gute medizinische Betreuung und begleitende Maßnahmen können jedoch dazu beitragen, dass Kinder mit Epilepsie ein möglichst normales und erfülltes Leben führen können.

Was tun bei einem Anfall?

Es ist wichtig, zu wissen, wie man sich bei einem epileptischen Anfall verhalten sollte:

  • Ruhe bewahren: Panik hilft niemandem.
  • Patienten schützen: Gefährliche Gegenstände aus dem Weg räumen, den Patienten vor Verletzungen schützen.
  • Nicht festhalten: Den Patienten nicht gewaltsam festhalten, da dies zu Verletzungen führen kann.
  • Auf die Zeit achten: Die Dauer des Anfalls notieren.
  • Notarzt rufen: Wenn der Anfall länger als 5 Minuten dauert oder der Patient sich verletzt hat, einen Notarzt rufen.
  • Nach dem Anfall: Den Patienten in eine stabile Seitenlage bringen, um eine Aspiration zu vermeiden.

Vorurteile abbauen

Epilepsie ist immer noch mit vielen Vorurteilen behaftet. Es ist wichtig, diese Vorurteile abzubauen und eine offene und tolerante Haltung gegenüber Menschen mit Epilepsie zu fördern. Die Kampagne "Epilepsie braucht Offenheit" setzt sich weltweit für eine bessere Aufklärung und Akzeptanz von Epilepsie ein.

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