Das menschliche Gehirn ist ein faszinierendes und komplexes Organ, das sich ständig verändert und anpasst. Diese Fähigkeit zur Veränderung, bekannt als Neuroplastizität, ermöglicht es dem Gehirn, sich an neue Erfahrungen anzupassen, verlorene Funktionen nach Verletzungen oder Krankheiten zu kompensieren und lebenslang zu lernen. Während einige Veränderungen des Gehirns, wie die in der Pubertät, universell sind, werden andere durch individuelle Erfahrungen und Lebensumstände geprägt. Dieser Artikel beleuchtet die Umstrukturierung der linken und rechten Gehirnhälfte, indem er sich auf die Neuroplastizität konzentriert und Mythen und Realitäten untersucht.
Neuroplastizität: Die Grundlage der Umstrukturierung
Neuroplastizität ist die Fähigkeit des Gehirns, seine neuronalen Netze als Reaktion auf neue Informationen, sensorische Stimulation, Entwicklung, Schäden oder Fehlfunktionen zu verändern. Diese Veränderungen können auf verschiedenen Ebenen stattfinden, von einzelnen Synapsen bis hin zu ganzen Hirnarealen.
Anpassung durch Erfahrung:
Ein prägnantes Beispiel für Neuroplastizität ist die Anpassung des Gehirns bei Musikern. Geiger, die ihre linke Hand zum Greifen der Töne verwenden, weisen eine Vergrößerung der Hirnareale auf, die für die Bewegung und das Gefühl der Finger der linken Hand zuständig sind. Dies liegt daran, dass durch das tägliche Üben unzählige Impulse von der Hand am somatosensorischen Kortex ankommen, was zu einer Zunahme der Neuronen in diesem Bereich führt. Ähnliche Anpassungen sind auch im Hörzentrum von Musikern messbar, das anders reagiert als bei musikalischen Laien.
Kompensation nach Schäden:
Die Neuroplastizität spielt auch eine entscheidende Rolle bei der Kompensation von Hirnschäden. Nach einem Unfall oder Schlaganfall kann das Gehirn lernen, Funktionen, die durch beschädigte Bereiche verloren gegangen sind, in andere Bereiche zu verlagern. Ein bemerkenswertes Beispiel ist der Fall von Michelle Mack, der aufgrund eines Schlaganfalls vor der Geburt die linke Hirnhälfte fast vollständig fehlte. Trotzdem führte sie ein überraschend selbstständiges Leben, da sich die rechte Hirnhälfte "neu verdrahtet" und wichtige Funktionen wie Sprechen und Lesen übernommen hatte.
Die Rolle neuer Nervenzellen:
Die Entstehung neuer Nervenzellen im Gehirn, auch bekannt als Neurogenese, spielt ebenfalls eine Rolle bei der Reorganisation neuronaler Strukturen. Studien haben jedoch gezeigt, dass zu viele neue Zellen die Lernfähigkeit sogar hemmen können. Dies liegt daran, dass neue Zellen "neurotrophe Faktoren" produzieren, die neuronale Kontakte anziehen. Wenn es zu viele neue Zellen gibt, werden alle vorhandenen Kontaktstellen besetzt, was eine anschließende Reorganisation zwischen den bereits bestehenden Zellen behindert.
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Neuromythen und die Hemisphärendominanz
Trotz der beeindruckenden Fähigkeiten des Gehirns zur Umstrukturierung gibt es auch viele Mythen über seine Funktionsweise, die oft als Neuromythen bezeichnet werden. Diese Mythen entstehen häufig durch Missverständnisse, Fehlinterpretationen oder Fehlzitate von wissenschaftlich fundierten Fakten.
Der Mythos der Hemisphärendominanz:
Einer der hartnäckigsten Neuromythen betrifft die Hemisphärendominanz. Dieser Mythos besagt, dass jeder Mensch seine linke oder rechte Hirnhälfte in unterschiedlichem Maße nutzt, was Unterschiede zwischen den Lernenden erklärt. Es wird angenommen, dass "linksdominante" Lernende begabter in mathematischen Aufgaben sind, während "rechtsdominante" Lernende kreative Aufgaben besser lösen.
Die Realität der Hemisphärenasymmetrie:
Obwohl es stimmt, dass die beiden Hirnhälften anatomisch und funktionell nicht völlig identisch sind und eine gewisse Spezialisierung aufweisen, arbeiten sie bei den meisten kognitiven Prozessen zusammen. Die linke Hirnhälfte ist spezialisiert auf viele verbale Prozesse, aber die rechte Hirnhälfte ist wichtig für Aspekte wie Sprachmelodie oder das Verstehen von Witzen. Daher ist die Vorstellung, dass eine Hirnhälfte "dominant" ist und die andere unterdrückt, eine Vereinfachung der komplexenRealität.
Brain Gym und andere Mythen:
Ein weiterer Neuromythos im Zusammenhang mit der Hemisphärendominanz ist "Brain Gym". Dieser Mythos behauptet, dass spezielle Übungen die Zusammenarbeit von linker und rechter Hirnhälfte verbessern und damit das Lernen und die Intelligenz steigern können. Es gibt jedoch keine wissenschaftlichen Beweise, die diese Behauptung stützen.
Kritische Perioden und die Entwicklung des Gehirns
Das Gehirn durchläuft im Laufe des Lebens verschiedene Phasen der Entwicklung, die jeweils durch charakteristische Veränderungen in der neuronalen Vernetzung gekennzeichnet sind.
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Frühe Kindheit:
In der ersten Phase von der Geburt bis etwa zum neunten Lebensjahr werden die übermäßig produzierten Synapsen im Gehirn eines Babys reduziert. Erhalten bleiben die aktiver genutzten Verbindungen zwischen den Neuronen.
Jugend und frühes Erwachsenenalter:
Zwischen etwa 9 und 32 Jahren befindet sich das Gehirn in einer Phase des "Höhenflugs". Die Organisation der Kommunikationsnetzwerke des Gehirns wird verfeinert, was zu einer schnellen Kommunikation im gesamten Gehirn und einer verbesserten kognitiven Leistungsfähigkeit führt.
Erwachsenenalter:
Im Durchschnitt mit Anfang 30 erreicht das Gehirn seine maximale Leistungsfähigkeit. Die Gehirnarchitektur stabilisiert sich für rund drei Jahrzehnte.
Spätes Alter:
Mit etwa 66 Jahren beginnt eine allmähliche Umstrukturierung der Hirnnetzwerke. Im Alter von etwa 83 Jahren tritt das Gehirn in die Phase des späten Alterns ein, in der die Vernetzung weiter abnimmt.
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