Die Anwendung von Unterdruck, insbesondere im Kontext von traditionellen Heilmethoden wie dem Schröpfen, hat eine lange Geschichte und wird in verschiedenen Kulturen zur Behandlung einer Vielzahl von Beschwerden eingesetzt. Dieser Artikel beleuchtet die potenziellen Auswirkungen von Unterdruck auf das Nervensystem, basierend auf traditionellen Anwendungen und modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen.
Einführung in das Schröpfen und seine Geschichte
Das Schröpfen ist eine jahrtausendealte Therapieform, die sowohl in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) als auch in der europäischen Naturheilkunde ihren festen Platz hat. Dabei wird durch das Erzeugen eines Unterdrucks in glockenförmigen Schröpfgläsern eine therapeutische Wirkung erzielt. Ziel ist es, Verhärtungen und Verspannungen zu lösen, die Durchblutung zu fördern und Schmerzen zu lindern. In den letzten Jahren hat Schröpfen zunehmend an Beliebtheit gewonnen, nicht nur in der Naturheilkunde, sondern auch in der kosmetischen und sportmedizinischen Praxis.
Grundlagen des Schröpfens
Beim Schröpfen werden kleine, glockenförmige Gefäße auf tastbare Muskelverhärtungen der Haut, sogenannte Gelosen, aufgesetzt. Der erzeugte Unterdruck saugt die Haut leicht an, was zu einer verstärkten Durchblutung führt. Die Nervenenden reagieren auf den Zugreiz und regen die Ausschüttung von Gewebshormonen an. Je nach Ziel und Methode wird das Schröpfen als trockenes Schröpfen, blutiges Schröpfen oder Schröpfkopfmassage durchgeführt. Die Behandlung dauert in der Regel 10 bis 30 Minuten und wird individuell angepasst.
Schröpfmethoden im Überblick
Es gibt verschiedene Arten des Schröpfens, die sich in ihrer Anwendung und den angestrebten Wirkungen unterscheiden:
- Unblutiges, trockenes Schröpfen: Hier werden Schröpfgläser auf intakter Haut platziert und verbleiben maximal 15 Minuten auf den betroffenen Stellen. Der erzeugte Unterdruck saugt die Haut im Glas an, was die Durchblutung fördert, tiefsitzende Verspannungen löst und den Stoffwechsel anregt. Die schmerzlindernde Wirkung wird vermutlich durch das Freisetzen von Endorphinen und Prostaglandinen erzeugt.
- Blutiges Schröpfen: Bei dieser Methode wird die Haut vorab mit kleinen, sterilen Einstichen behandelt, um die Durchblutung zu fördern. Das Schröpfglas verbleibt anschließend für maximal 15 Minuten auf der betroffenen Stelle und saugt dabei nicht nur die Haut, sondern auch eine geringe Menge Blut an. Diese Methode hat eine entgiftende Wirkung und eignet sich besonders bei chronischen Entzündungen, starken Verspannungen und gut tastbaren, oberflächlichen Verhärtungen.
- Schröpfkopfmassage: Diese Variante des unblutigen Schröpfens, auch Saugwellenmassage genannt, kombiniert die Effekte des Schröpfens mit denen einer Massage. Die Schröpfgläser werden sanft über die eingeölten Hautpartien des Rückens bewegt, wodurch tiefliegende Verspannungen gelöst, die Durchblutung gefördert und die Muskulatur entspannt wird.
- Kosmetisches Schröpfen: Im kosmetischen Bereich wird Schröpfen vor allem zur Hautstraffung und Behandlung von Cellulite eingesetzt. Die durchblutungs- und stoffwechselanregende Wirkung stimuliert im Gesicht die Kollagenproduktion, verbessert die Elastizität der Haut, reduziert Falten und verleiht einen frischen Teint. An Oberschenkeln oder Gesäß hilft Schröpfen, die Hautstruktur zu verbessern und Cellulite zu reduzieren.
Auswirkungen von Unterdruck auf das Nervensystem
Schröpfen wird ein positiver Einfluss auf hormonelle Dysbalancen wie PMS oder Wechseljahresbeschwerden zugeschrieben. Auch bei Herz-Kreislauf-Beschwerden wie niedrigem Blutdruck oder Bluthochdruck kann es sich positiv auswirken.
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Die gezielte Behandlung soll das zugehörige Organ positiv beeinflussen.
Mögliche Mechanismen der Wirkung
Die genauen Mechanismen, durch die Unterdrucktherapien wie das Schröpfen auf das Nervensystem wirken, sind noch nicht vollständig geklärt. Es gibt jedoch verschiedene Theorien und Ansätze, die mögliche Erklärungen liefern:
- Stimulation von Nervenenden: Der Unterdruck, der durch das Schröpfen erzeugt wird, stimuliert die Nervenenden in der Haut und im darunterliegenden Gewebe. Diese Stimulation kann die Ausschüttung von Neurotransmittern und anderen Botenstoffen beeinflussen, die eine Rolle bei der Schmerzlinderung und Entspannung spielen.
- Beeinflussung von Reflexzonen: Laut der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) bestehen Verbindungen zwischen bestimmten Hautarealen (Head-Zonen) und inneren Organen. Durch die Stimulation dieser Reflexzonen am Rücken soll sich auch das zugehörige, erkrankte Organ positiv beeinflussen lassen.
- Reduktion von Muskelverspannungen: Schröpfen kann dazu beitragen, Muskelverspannungen zu lösen und die Durchblutung der Muskulatur zu verbessern. Dies kann indirekt auch das Nervensystem beeinflussen, da Muskelverspannungen oft zu Nervenkompressionen und Schmerzen führen können.
- Aktivierung des Parasympathikus: Die richtige Atmung - durch die Nase, in den Bauch - aktiviert das parasympathische Nervensystem, das dem Sympathikus entgegenwirkt. Das Gute ist: Wir können unsere Atmung willentlich beeinflussen und lernen, sie zu steuern. Nicht nur in der Atemtherapie, sondern auch in der Sprech- oder Gesangsausbildung wird der bewusste Wechsel zwischen Brust- und Bauchatmung erlernt. Der erste Schritt ist hierbei, beide voneinander zu unterscheiden. Atmen Sie dazu tief durch die Nase ein und spüren Sie mit Ihren Händen, wie sich der Bauch nach außen wölbt. Anschließend lassen Sie den Atem aus dem Bauch wieder über die Nase ausströmen, wobei Sie den Bauch wieder entspannen. Wichtig ist, dass das erneute Einatmen nicht sofort geschieht, sondern erst, wenn der Körper wieder nach Luft verlangt. Bewusstes Atmen ist ein wesentlicher Bestandteil von zahlreichen Entspannungstechniken wie Yoga und Pilates. Bei allen oben genannten Beschäftigungen ist sowohl das Ein-, aber auch das Ausatmen zentral.
Anwendungsbereiche von Schröpfen bei neurologischen Beschwerden
Schröpfen wird traditionell bei verschiedenen neurologischen Beschwerden eingesetzt, obwohl die wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit in einigen Bereichen noch begrenzt ist:
- Nervenschmerzen: Schröpfen kann bei Nervenschmerzen helfen.
- Kopfschmerzen: Schröpfen kann bei Kopfschmerzen eingesetzt werden. Es löst Verklebungen im Gewebe und verbessert die Beweglichkeit.
- Migräne: Diese Methode ist die am häufigsten angewandte und eignet sich besonders gut zur Linderung allgemeiner Beschwerden wie Rückenschmerzen oder Migräne.
- Schlafstörungen: Schröpfen kann stressreduzierend wirken und Schlafstörungen lindern.
- Mentale Beschwerden: Zudem kann es bei Antriebslosigkeit helfen.
Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen
Schröpfen ist nicht für jeden geeignet. In folgenden Fällen sollte auf die Therapieform verzichtet werden:
- Verletzungen oder Entzündungen der Haut, wie Sonnenbrand, Brand- und Schürfwunden, sowie Tumore.
- Hautallergien
- Schwangerschaft
- Vorliegen von Blutgerinnungsstörungen oder Anämie, insbesondere bei blutigem Schröpfen
- Dehydratation, Neigung zur Ohnmacht oder Herzrhythmusstörungen
- Nach Strahlentherapie
Es ist wichtig, vor einer Schröpfbehandlung Rücksprache mit einem Arzt oder Heilpraktiker zu halten, um mögliche Risiken und Kontraindikationen abzuklären.
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Liquorverlustsyndrom und Unterdruck im Schädelinneren
Ein weiterer Aspekt, der im Zusammenhang mit Unterdruck und Nervensystem relevant ist, ist das Liquorverlustsyndrom. Dieses Syndrom entsteht durch einen Defekt in der harten Hirnhaut, wodurch Nervenwasser austritt und ein Unterdruck im Schädelinneren entsteht.
Ursachen und Symptome des Liquorverlustsyndroms
Das Liquorleck kann nach vorangegangener Liquorpunktion auftreten. Dies zeigt sich in der Regel innerhalb von 24 Stunden, kann sich jedoch auch später manifestieren. Hier kann es zu unterschiedlichen Schweregraden kommen, die von leichter Symptomatik wie Kopfschmerzen bis zu schweren Blutungen reichen können. Die Ursache eines spontanen Liquorlecks, welches unabhängig von einem medizinischen Eingriff auftritt, kann ein sogenannter Knochensporn sein, der ein kleines Loch in die Häute des Rückenmarks reißt. So kann es zum Austritt von Nervenwasser kommen. Auch Zysten an den Wurzeltaschen, den Nervenaustrittsstellen, können einen Liquorverlust bedingen. Ursächlich können jedoch auch Bagatelltraumen, wie Prellungen, Stauchungen, abrupte Bewegungen oder heftige Husten- und Niesattacken sein, die einen kleinen Einriss der harten Hirnhäute verursachen können.
Patienten mit Liquorverlustsyndrom geben typischerweise lagebedingte, häufig dumpfe, sogenannte orthostatische Kopfschmerzen an, die im Stehen auftreten und sich im Liegen bessern. Weiterhin kann es zu Wahrnehmungsstörungen, Konzentrationsstörungen, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Tinnitus, einem Druckgefühl im Ohr oder erhöhtem Puls kommen. Auch gestörte Bewegungsabläufe können sich zeigen, wenn das Kleinhirn mitbetroffen ist.
Diagnose und Therapie des Liquorverlustsyndroms
Die Diagnose bei Liquorverlustsyndrom erfolgt in mehreren Schritten. Zunächst sollten eine ausführliche Anamnese und körperliche Untersuchung durchgeführt werden. Im Anschluss wird eine MRT Untersuchung des Kopfes vorgenommen, um weitere Ursachen auszuschließen und typische radiologische Zeichen bei Liquorunterdrucksyndrom darzustellen. Anschließend kann sowohl eine Augenuntersuchung, als auch eine Druckmessung des Liquors sinnvoll sein. Ergibt sich ein erniedrigter Druck, spricht dies für ein Liquorleck. Weiterhin wird zur Lokalisation des Lecks eine spinale Darstellung des Rückens mit Kontrastmittel angefertigt. Dennoch ist zu beachten, dass dies eine große neuroradiologische Herausforderung darstellt, da die Löcher sehr klein sein können und aus diesem Grund häufig nur schwer aufzufinden sind.
Auch die Therapie baut sich in mehreren Schritten auf. Zunächst kann ein konservativer Versuch mit Bettruhe und eine Therapie mit Koffeinpräparaten erfolgen. Einige Patienten erholen sich auf diese Weise spontan und bedürfen keiner weiteren Therapie. Dies ist vor allem bei Beschwerden der Fall, die nach einer Liquorpunktion aufgetreten sind, sie sind teilweise selbstlimitierend. Spontan aufgetretene Liquorverlustsyndrome müssen hingegen zumeist auf invasivere Art behandelt werden. Dabei kann zunächst versucht werden das Loch mit einem Blutpatch zu verschließen. Dieses Vorgehen kann gezielt und ungezielt durchgeführt werden, indem Blut in den Spinalraum injiziert wird. Dies führt zu einer Druckerhöhung im Spinalraum und bei gezielter Injektion auch zum Verschluss des Lecks durch den Blutpatch. Es ist ein komplikationsarmes und erfolgreiches Vorgehen, jedoch kann es notwendig sein, das Verfahren mehrfach zu wiederholen, um den gewünschten Effekt zu erreichen. Bei schon länger andauernder Symptomatik kommt es bei dieser Methode eventuell zu einer eingeschränkten Wirksamkeit. Kann auf diese Weise keine Besserung erzielt werden, wird der mikrochirurgische Verschluss angestrebt. Dies ist nur möglich, wenn das Leck zuvor genau lokalisiert werden konnte. Der Eingriff erfolgt mittels Neuromonitoring, um keine neurologischen Schäden zu verursachen.
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