Die urämische Polyneuropathie ist eine Nervenerkrankung, die als Folge einer Urämie auftritt, einem Zustand, der durch die Ansammlung von toxischen Stoffwechselprodukten im Blut aufgrund einer Niereninsuffizienz gekennzeichnet ist. Dieser Artikel beleuchtet die Symptome, Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten dieser spezifischen Form der Polyneuropathie.
Was ist Urämische Polyneuropathie?
Urämie entsteht, wenn die Nieren nicht mehr in der Lage sind, Abfallprodukte und überschüssige Flüssigkeit aus dem Körper zu filtern. Diese Ansammlung von Toxinen, einschließlich Harnstoff, kann verschiedene Organsysteme beeinträchtigen und zu einer Reihe von Komplikationen führen, darunter die urämische Polyneuropathie.
Die Polyneuropathie selbst ist ein Überbegriff für verschiedene Nervenerkrankungen, die nicht durch Verletzungen ausgelöst werden. Betroffen sind mehrere Nerven des peripheren Nervensystems, also jene Nervenfasern (Axone), welche die Extremitäten oder Organe mit Gehirn und Rückenmark verbinden. Somit kommt es zu einer Störung der nervlichen Reizweiterleitung.
Ursachen der Urämischen Polyneuropathie
Die urämische Polyneuropathie entwickelt sich als Folge einer chronischen Nierenerkrankung (CKD), bei der es zur Ansammlung harnpflichtiger Substanzen im Blut kommt. Diese Substanzen wirken toxisch auf die Nervenfasern und führen zu deren Schädigung.
Pathophysiologie:
- Akkumulation urämischer Toxine: Bei Niereninsuffizienz werden harnpflichtige Substanzen wie Harnstoff, Phenole, Carnitin und Guanidin nicht ausreichend eliminiert und reichern sich im Blut an.
- Oxidativer Stress: Es wird postuliert, dass harnpflichtige Substanzen oxidativen Stress in den Zellen induzieren. Die resultierende Akkumulation reaktiver Sauerstoffspezies kann zur Demyelinisierung von Axonen beitragen und somit eine urämische Neuropathie begünstigen. Zudem fördern häufig bei urämischen Patienten vorliegender Hyperparathyreoidismus und Hyperkaliämie die Axondegeneration.
- Entzündungsreaktionen: Im Perikard induzieren sie die Freisetzung proinflammatorischer Marker wie Interleukin 1, Interleukin 6 und Tumornekrosefaktoren, was Entzündungsprozesse und Fibrosierung begünstigt und in einer urämischen Perikarditis kulminieren kann.
- Weitere Faktoren: Des Weiteren könnten reaktive Sauerstoffspezies zur Nitrierung von Proteinen im Gehirn beitragen, was potenziell eine Rolle bei der Entstehung der urämischen Enzephalopathie spielt, obgleich die genaue Pathogenese hier noch unklar ist. Urämische Stoffe können außerdem Histamin-Rezeptoren aktivieren, was in einem Juckreiz resultiert. Weiterhin führen sie zur Modifikation des GPIIb/IIIa-Rezeptors.
Risikofaktoren:
- Chronische Nierenerkrankung (CKD)
- Akutes Nierenversagen
- Diabetes mellitus (als Ursache der Nierenerkrankung)
- Hyperparathyreoidismus
- Hyperkaliämie
Symptome der Urämischen Polyneuropathie
Die Symptome einer urämischen Polyneuropathie entwickeln sich in der Regel langsam und progressiv. Die Ausprägung der Symptome kann je nach Schweregrad der Nierenerkrankung und dem Ausmaß der Nervenschädigung variieren.
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Häufige Symptome:
- Sensible Symptome:
- Parästhesien (Kribbeln, Ameisenlaufen)
- Hypästhesie (verminderte Empfindlichkeit)
- Dysästhesie (abnorme Empfindungen)
- Schmerzen (brennend, stechend, elektrisierend)
- Taubheitsgefühl
- Einschränkung des Temperatur- und Schmerzempfindens
- Motorische Symptome:
- Muskelschwäche, insbesondere in den Beinen
- Muskelkrämpfe
- Atrophie der Muskulatur
- Gangunsicherheit
- Schwierigkeiten beim Gehen und Stehen
- Autonome Symptome:
- Vermindertes Schwitzen
- Orthostatische Hypotonie (Schwindel beim Aufstehen)
- Blasen- und Darmfunktionsstörungen
- Erektile Dysfunktion
Verteilungsmuster:
- Die Symptome beginnen typischerweise in den Füßen und Unterschenkeln und breiten sich dann nach oben aus (distal-proximale Progression).
- Die Symptome sind meist symmetrisch, d.h. sie treten auf beiden Körperseiten auf.
Weitere urämische Symptome:
Zusätzlich zu den neurologischen Symptomen können bei Urämie auch andere Symptome auftreten, wie z.B.:
- Müdigkeit
- Appetitlosigkeit
- Übelkeit und Erbrechen
- Juckreiz
- Urinähnlicher Körpergeruch
- Kognitive Beeinträchtigungen
Diagnose der Urämischen Polyneuropathie
Die Diagnose der urämischen Polyneuropathie basiert auf einer Kombination aus Anamnese, körperlicher Untersuchung und verschiedenen diagnostischen Tests.
Anamnese:
- Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich Nierenerkrankungen, Diabetes, Alkoholmissbrauch, Medikamenteneinnahme und Exposition gegenüber Toxinen.
- Detaillierte Beschreibung der Symptome, ihres Beginns, ihrer Dauer und ihres Verlaufs.
Körperliche Untersuchung:
- Neurologische Untersuchung zur Beurteilung der Sensibilität, Motorik, Reflexe und Koordination.
- Überprüfung der Berührungsempfindlichkeit aller Hautareale mithilfe eines Wattebausches oder Pinsel und die Reflexe mit einem Reflexhammer.
- Mit einer angeschlagenen Stimmgabel kann das Vibrationsempfinden und damit die Tiefensensibilität kontrolliert werden.
- Untersuchung auf Anzeichen einer Nierenerkrankung, wie z.B. Ödeme oder Bluthochdruck.
Diagnostische Tests:
- Laboruntersuchungen:
- Blutuntersuchungen zur Bestimmung der Nierenfunktion (Kreatinin, Harnstoff), Elektrolyte, Blutzucker, Vitamin B12 und anderer relevanter Parameter.
- Urinuntersuchung zur Beurteilung der Nierenfunktion und zum Nachweis von Proteinurie.
- Elektrophysiologische Untersuchungen:
- Nervenleitgeschwindigkeitsmessung (NLG) zur Beurteilung der Funktion der peripheren Nerven.
- Elektromyographie (EMG) zur Beurteilung der Muskelaktivität und zum Nachweis von Nervenschäden.
- Weitere Untersuchungen:
- Nervenbiopsie (in seltenen Fällen) zur Bestimmung der Ursache der Neuropathie.
- Elektrokardiogramm (EKG) zeigt, inwieweit das Herz von der Polyneuropathie betroffen ist.
- Bei Verdacht auf einen zugrundeliegenden Diabetes mellitus kann der Langzeit-Blutzuckerwert HbA1c die Diagnose sichern.
- Eine Infektion kann durch entsprechende Antikörper im Blut nachgewiesen werden.
Differentialdiagnostik:
Es ist wichtig, andere Ursachen für Polyneuropathie auszuschließen, wie z.B.:
- Diabetische Polyneuropathie
- Alkoholische Polyneuropathie
- Vaskulitische Polyneuropathie
- Medikamenteninduzierte Polyneuropathie
- Hereditäre Polyneuropathien
Behandlung der Urämischen Polyneuropathie
Die Behandlung der urämischen Polyneuropathie zielt darauf ab, die zugrunde liegende Nierenerkrankung zu behandeln, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.
Behandlung der Nierenerkrankung:
- Dialyse: Die Dialyse ist eine lebensrettende Behandlung, die die Funktion der Nieren ersetzt, indem sie Abfallprodukte und überschüssige Flüssigkeit aus dem Blut filtert. Regelmäßige Dialyse kann die urämischen Toxine reduzieren und die Symptome der Polyneuropathie verbessern.
- Nierentransplantation: Eine Nierentransplantation ist die ultimative Behandlung für Nierenversagen. Eine erfolgreiche Transplantation kann die Nierenfunktion wiederherstellen und die urämische Polyneuropathie vollständig heilen.
- Medikamentöse Therapie: Die Behandlung der Grunderkrankung, die zur Niereninsuffizienz geführt hat, ist entscheidend. Dies kann die Kontrolle des Blutdrucks und des Blutzuckers bei Diabetes, die Behandlung von Glomerulonephritis oder die Vermeidung nephrotoxischer Medikamente umfassen.
Symptomatische Behandlung:
- Schmerzmittel:
- Antikonvulsiva (Gabapentin, Pregabalin, Carbamazepin) werden häufig zur Behandlung neuropathischer Schmerzen eingesetzt.
- Antidepressiva (Amitriptylin, Duloxetin) können ebenfalls bei neuropathischen Schmerzen wirksam sein.
- Opioide (Tramadol, Morphin) können bei starken Schmerzen eingesetzt werden, sollten aber aufgrund des Risikos von Nebenwirkungen und Abhängigkeit nur mit Vorsicht verwendet werden.
- Schmerzlindernde Pflaster: Bei regional begrenzten neuropathischen Schmerzen wie nach einer Herpes-Zoster-Infektion werden Pflaster mit den Wirkstoffen Lidocain oder Capsaicin angewendet.
- Physiotherapie und Ergotherapie: Physiotherapie und Ergotherapie können helfen, die Muskelkraft und Koordination zu verbessern und dieFunktionsfähigkeit im Alltag zu erhalten.
- Weitere Maßnahmen:
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS)
- Akupunktur
- Entspannungstechniken
- Psychotherapie (zur Bewältigung von Schmerzen und Depressionen)
Präventive Maßnahmen:
- Kontrolle des Blutzuckerspiegels: Bei Patienten mit Diabetes ist eine gute Blutzuckerkontrolle entscheidend, um das Risiko einer diabetischen Neuropathie zu verringern, die die urämische Polyneuropathie verschlimmern kann.
- Vermeidung von Alkohol und Nikotin: Alkohol und Nikotin können die Nerven schädigen und die Symptome der Polyneuropathie verschlimmern.
- Ausgewogene Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Vitaminen und Mineralstoffen ist wichtig für die Nervengesundheit.
- Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige Bewegung kann die Durchblutung verbessern und die Nervenfunktion fördern.
- Vermeidung von Toxinen: Die Exposition gegenüber industriellen Chemikalien und Schwermetallen sollte vermieden werden.
- Sorgfältige Fußpflege: Bei bestehender Polyneuropathie ist eine sorgfältige Fußpflege wichtig, um Verletzungen und Wunden vorzubeugen.
Verlauf und Prognose
Der Verlauf der urämischen Polyneuropathie hängt von der Schwere der Nierenerkrankung und dem Erfolg der Behandlung ab. Bei rechtzeitiger Diagnose und Behandlung kann die Progression der Neuropathie verlangsamt oder sogar gestoppt werden. In einigen Fällen kann sich die Nervenfunktion sogar wieder verbessern.
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Faktoren, die die Prognose beeinflussen:
- Schweregrad der Nierenerkrankung
- Erfolg der Dialyse oder Nierentransplantation
- Einhaltung der Behandlungsempfehlungen
- Vorliegen von Begleiterkrankungen (z.B. Diabetes)
In fortgeschrittenen Fällen kann die urämische Polyneuropathie zu erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität führen. Betroffene können auf einen Rollator oder Rollstuhl angewiesen sein.
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