Vagusnervstimulation: Nutzen, Risiken und Nebenwirkungen

Der Vagusnerv, auch bekannt als der zehnte Hirnnerv, spielt eine zentrale Rolle in der Kommunikation zwischen Gehirn und nahezu allen Organen. Er ist von elementarer Bedeutung für die unbewusste und bewusste Überwachung unseres körperlichen Befindens durch das autonome Nervensystem. Die Stimulation dieses Nervs (VNS) hat sich als vielversprechend bei der Behandlung verschiedener neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen erwiesen, insbesondere bei therapieresistenten Fällen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Vagusnervstimulation, einschließlich der Anwendungsbereiche, Verfahren, potenziellen Nebenwirkungen und der aktuellen Forschungslage.

Was ist der Vagusnerv und warum ist seine Stimulation relevant?

Der Vagusnerv ist ein paarig angelegter Nerv, der dem Gehirn entspringt und tief auf beiden Halsseiten bis zum Bauch verläuft. Er vermittelt zwischen einer Vielzahl von Körperfunktionen wie Herzfrequenz, Verdauung und Atmung. Er ist eine Art "Datenautobahn" im Körper, die Informationen über den Zustand der Organe an das Gehirn weiterleitet und uns hilft, schnell das passende Verhalten auszuwählen.

Studien zeigen, dass die Stimulation des Vagusnervs bei einer Vielzahl von psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen hilfreich sein kann. Dazu gehören Epilepsie, Migräne, Depressionen, Angststörungen, Adipositas und Essstörungen. Die Stimulation wirkt auf übergeordnete Hirnzentren und hat zur Folge, dass vermindert Glutamat freigesetzt wird, was eine wichtige Rolle bei der Schmerzentstehung spielt.

Anwendungsbereiche der Vagusnervstimulation

Die Vagusnervstimulation (VNS) wird zur Behandlung verschiedener Erkrankungen eingesetzt, darunter:

  • Epilepsie: Die VNS kann bei Patientinnen und Patienten mit schwer kontrollierbarer Epilepsie die Häufigkeit und Schwere von Anfällen in Kombination mit Medikamenten reduzieren. Es gibt Hinweise darauf, dass die Stimulation des Vagusnervs die Erregbarkeit von Gehirnzellen reduzieren kann.
  • Depressionen: Die VNS ist als Zusatztherapie für chronische und wiederkehrende Depressionen zugelassen, insbesondere bei Patienten, die auf medikamentöse Behandlungen nicht ansprechen oder diese nicht vertragen. Studien haben gezeigt, dass Patienten, die eine Standardtherapie plus iVNS erhielten, verglichen mit Patienten, die lediglich die Standardtherapie erhielten, höhere Raten von Therapieansprechen und z.T. Remission zeigten.
  • Migräne: Die Stimulation des Vagusnervs ist auch als Therapie für Migräne zugelassen. Der schmerzblockierende Effekt beruht darauf, dass bei Reizung dieses sechsten Hirnnervs afferente A- und B-Fasern des Vagusnervs erregt werden und hierunter in den höhergelegenen Hirnzentren inhibitorische Neurotransmitter freigesetzt werden. Das führt zur Hemmung der Glutamatsynthese im trigeminalen Nucleus caudalis (TNC).
  • Weitere Anwendungsbereiche: Die Forschung untersucht auch den Einsatz der VNS bei anderen Erkrankungen wie Angststörungen, Adipositas, Essstörungen und Long/Post COVID, insbesondere zur Verbesserung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit.

Verfahren der Vagusnervstimulation

Es gibt verschiedene Methoden zur Stimulation des Vagusnervs, die sich in ihrer Invasivität unterscheiden:

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Invasive Vagusnervstimulation (iVNS)

Bei der invasiven Vagusnervstimulation wird ein Gerät ähnlich einem Herzschrittmacher unter der Haut im Brustbereich implantiert. Eine Elektrode wird dann um den linken Vagusnerv im Halsbereich gewickelt. Dieses Gerät sendet in regelmäßigen Abständen elektrische Impulse an den Nerv. Die Implantation erfolgt in Vollnarkose und dauert ca. 1 bis 1,5 Stunden. Nach etwa 5-7 Jahren sollten die Batterien ausgetauscht werden.

Nicht-invasive Vagusnervstimulation (nVNS)

Die nicht-invasive Vagusnervstimulation ist eine weniger invasive Alternative, bei der der Vagusnerv über die Haut stimuliert wird. Es gibt verschiedene Formen der nVNS:

  • Transkutane Vagusnervstimulation (tVNS): Hierbei wird der Vagusnerv durch die Haut am Ohr mittels sanfter elektrischer Impulse stimuliert. Die tVNS ähnelt der Anwendung eines In-Ear-Kopfhörers.
  • Noninvasive Vagusnerv-Stimulation am Hals: Die Stimulation wird über ein tragbares Gerät in der Größe eines Mobiltelefons verabreicht, das ein einziges elektrisches Signal erzeugt. Auf die Stimulationsoberfläche des Geräts wird ein elektrisch leitfähiges Gel aufgetragen, bevor das Gerät am Hals platziert wird.

Wirkungsweise der Vagusnervstimulation

Die genaue Wirkungsweise der VNS ist noch nicht vollständig verstanden. Es wird angenommen, dass die elektrischen Impulse die Aktivität des Vagusnervs beeinflussen und dadurch verschiedene Hirnregionen aktivieren.

  • Epilepsie: Bei Epilepsie wird vermutet, dass die VNS die Erregbarkeit von Gehirnzellen reduziert und so die Häufigkeit und Schwere von Anfällen verringert.
  • Depressionen: Bei Depressionen wird angenommen, dass die VNS die Freisetzung von Neurotransmittern wie Serotonin und Noradrenalin im Gehirn beeinflusst, die für die Stimmung und das Wohlbefinden verantwortlich sind. Die Stimulation des Vagusnervs steigert die Aktivität des Nucleus Tractus Solitarius (NTS), der Verbindungen zu den Raphekernen (Serotoninproduktion) und dem Locus Coeruleus (Noradrenalinproduktion) hat.
  • Migräne: Bei Migräne wird angenommen, dass die VNS die Freisetzung von Glutamat im trigeminalen Nucleus caudalis (TNC) hemmt, einem wichtigen Schmerzzentrum im Gehirn.

Mögliche Nebenwirkungen der Vagusnervstimulation

Wie bei jeder medizinischen Behandlung kann auch die Vagusnervstimulation Nebenwirkungen haben. Diese sind jedoch in der Regel mild und vorübergehend.

Nebenwirkungen der invasiven Vagusnervstimulation (iVNS)

  • Während der Operation: Jede Operation ist mit gewissen Risiken verbunden, wie z.B. Infektionen.
  • Nach der Operation:
    • Heiserkeit
    • Stimmveränderungen
    • Kurzatmigkeit (Dyspnoe)
    • Husten
    • Schmerzen im Halsbereich
    • Schluckstörungen
    • Herzrhythmusstörungen (selten)

Nebenwirkungen der nicht-invasiven Vagusnervstimulation (nVNS)

  • tVNS:
    • Sehr geringe Nebenwirkungen aufgrund der nicht-invasiven Natur der Behandlung.
  • nVNS am Hals:
    • Vorübergehende Heiserkeit
    • Kurzatmigkeit
    • Stimmveränderungen
    • Hautreizung

Es ist wichtig zu beachten, dass die Verträglichkeit der VNS in der Regel gut ist und die meisten Patienten die Behandlung nicht aufgrund von Nebenwirkungen abbrechen.

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Kosten und Verfügbarkeit

Die Kosten für die Vagusnervstimulation variieren je nach Art der Stimulation und dem behandelnden Arzt. Die invasive VNS ist in der Regel teurer als die nicht-invasive VNS.

  • Invasive VNS: Die Kosten für die Implantation des Stimulators werden in der Regel von den Krankenkassen übernommen, zumindest in der Europäischen Union.
  • Nicht-invasive VNS: Die nicht-invasive Vagusnerv-Stimulation ist oft eine Selbstzahlerleistung. Im GKV-Sprachgebrauch ist sie eine individuelle Gesundheitsleistung (IgeL), die nicht erstattet wird. Manchmal (selten) erhalten Privatversicherte, Heilfürsorge-Berechtigte und Patienten der KVB eine Erstattung.

Die Verfügbarkeit der VNS variiert je nach Region und den jeweiligen Gesundheitseinrichtungen. Die invasive VNS wird in spezialisierten Zentren durchgeführt. Die nicht-invasive VNS ist möglicherweise leichter zugänglich, aber es ist wichtig, sich von einem qualifizierten Arzt beraten zu lassen, um sicherzustellen, dass die Behandlung geeignet ist.

Aktuelle Forschungslage und Ausblick

Die Forschung zur Vagusnervstimulation ist ein aktives Feld mit vielen laufenden Studien. Forscher untersuchen die Wirksamkeit der VNS bei verschiedenen Erkrankungen und versuchen, die zugrunde liegenden Mechanismen besser zu verstehen.

  • Klinische Studien: Weltweit laufen mehr als 150 klinische Studien zur VNS.
  • Innovative Ansätze: Es gibt innovative Ansätze, wie die Kombination der VNS mit funktionellen MRT, um die Aktivität des Gehirns in Echtzeit zu überwachen und die Stimulation entsprechend anzupassen.
  • tVNS-Studien: Studien untersuchen die Auswirkungen der tVNS auf depressive Störungen und die biologischen Mechanismen, die dabei beteiligt sind.

Die Vagusnervstimulation hat großes Potenzial als Behandlungsoption für verschiedene Erkrankungen. Es ist jedoch wichtig, sich von einem qualifizierten Arzt beraten zu lassen, um die Vor- und Nachteile der Behandlung abzuwägen und festzustellen, ob sie für den individuellen Fall geeignet ist.

Vagusnervstimulation im Trend: Was ist dran?

Die Vagusnervstimulation liegt im Trend, und es gibt viele Versprechungen zur Wirkung der Stimulation im Internet und in den sozialen Medien. Es ist jedoch wichtig, kritisch zu sein und nicht alles zu glauben, was man liest.

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  • Selbstmassage und Atemübungen: Nachweislich entspannend wirken zum Beispiel kontrollierte Atemübungen wie tiefes Atmen oder progressive Muskelentspannung. Wenn die Übungen zusätzlich mit einer Vagusnervstimulation gekoppelt werden, ist die Wirkung besonders gut, dazu gibt es erste Hinweise. Unklar ist, wie gut die mechanische Stimulation, zum Beispiel Massagen am Hals, das Bienensummen oder Gurgeln die Entspannung fördert.
  • Freiverkäufliche Geräte: Im Internet werden freiverkäufliche Systeme mit großen Versprechen beworben, allerdings gibt es keine nennenswerten Studien zur Wirksamkeit vieler Geräte. Viele Geräte sind nicht gefährlich, aber auch nicht als Medizinprodukte zur wirksamen Behandlung zertifiziert. Eine Garantie, dass sie den Vagusnerv tatsächlich stimulieren und eine therapeutische Wirkung haben, gibt es somit nicht. Bei Herz- oder Kreislaufproblemen oder in der Schwangerschaft sollten alle Geräte nicht ohne ärztliche Rücksprache angewendet werden.

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