Vasovagale Synkope: Ursachen, Diagnose und Behandlung des Vagusnerv-bedingten Ohnmachtsanfalls

Einleitung:Synkopen, oder Ohnmachtsanfälle, sind ein weit verbreitetes Phänomen. Etwa 40 Prozent aller Menschen erleben mindestens einmal in ihrem Leben eine Ohnmacht. Die Ursachen dafür können vielfältig sein, wobei die vasovagale Synkope eine der häufigsten Formen darstellt. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose und Behandlung der vasovagalen Synkope, wobei der Fokus auf der Rolle des Vagusnervs liegt.

Was ist eine vasovagale Synkope?

Die vasovagale Synkope, auch Reflexsynkope genannt, ist eine Form der Ohnmacht, die durch eine Fehlregulation des autonomen Nervensystems verursacht wird. Das autonome Nervensystem steuert unwillkürliche Körperfunktionen wie Herzschlag, Blutdruck und Atmung. Es besteht aus zwei Hauptteilen: dem Sympathikus und dem Parasympathikus.

Bei einer vasovagalen Synkope reagiert das autonome Nervensystem übermäßig auf bestimmte Reize. Dies führt zu einer plötzlichen Weitstellung der Blutgefäße (vermittelt durch den Sympathikus) und/oder einer Verlangsamung des Herzschlags (vermittelt durch den Vagusnerv, der zum Parasympathikus gehört). Infolgedessen sinkt der Blutdruck, und das Gehirn erhält kurzzeitig zu wenig Blut und Sauerstoff, was zur Ohnmacht führt.

Ursachen und Auslöser

Die vasovagale Synkope kann durch eine Vielzahl von Faktoren ausgelöst werden, die in körperliche und psychische Auslöser unterteilt werden können.

Körperliche Auslöser

  • Schmerz, Schreck, Angst: Diese Reize können eine Überreaktion des Vagusnervs provozieren, der unter anderem den Herzschlag reguliert.
  • Extreme Kälte oder Hitze: Auch extreme Temperaturen können das autonome Nervensystem beeinflussen und eine Synkope auslösen.
  • Langes Stehen: Längeres Stehen kann dazu führen, dass sich das Blut in den Beinen staut, was den Blutdruck senken und eine Synkope begünstigen kann.
  • Starker Druck im Bauchraum oder Brustkorb: Situationen wie starkes Husten, Niesen, Stuhlgang oder Wasserlassen können den Vagusnerv stimulieren und eine Synkope auslösen.
  • Flüssigkeitsmangel (Dehydration): Ein geringes Blutvolumen kann die orthostatische Toleranz beeinträchtigen und eine Synkope begünstigen.
  • Unterzuckerung: Ein niedriger Blutzuckerspiegel kann die Gehirnfunktion beeinträchtigen und zu einer Synkope führen.
  • Anblick von Blut: Der Anblick von Blut, beispielsweise bei Wunden oder Blutabnahmen, kann bei manchen Menschen eine vasovagale Reaktion auslösen.
  • Überfüllte Räume mit unzureichender Belüftung: Sauerstoffmangel in schlecht belüfteten Räumen kann das Risiko einer Synkope erhöhen.

Psychische Auslöser

  • Stress: Psychischer Stress kann das autonome Nervensystem beeinflussen und eine Synkope begünstigen.
  • Starke Emotionen: Auch starke Emotionen wie Angst, Furcht oder Panik können eine vasovagale Reaktion auslösen.

Weitere Ursachen

  • Karotissinussyndrom: Bei Menschen mit diesem Syndrom reagieren die Rezeptoren der Halsschlagader (Arteria carotis) überempfindlich auf Druck. Bereits leichte Berührungen oder Kopfdrehungen können eine Synkope auslösen.
  • Medikamente: Bestimmte Medikamente, insbesondere solche gegen Bluthochdruck, Depressionen oder Herzrhythmusstörungen, können als Nebenwirkung Synkopen verursachen.
  • Störung des autonomen Nervensystems (Autonome Neuropathie): Diese Erkrankung kann verschiedene Symptome wie Herzrasen, Schwindel und Lähmungserscheinungen verursachen und auch Synkopen auslösen.

Es ist wichtig zu beachten, dass die vasovagale Synkope oft durch eine Kombination von Faktoren ausgelöst wird.

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Symptome und Anzeichen

Eine vasovagale Synkope kündigt sich oft durch bestimmte Symptome an, bevor es zum Bewusstseinsverlust kommt. Diese Vorboten können Betroffenen helfen, rechtzeitig zu reagieren und Stürze zu vermeiden. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Schwindelgefühl: Ein Gefühl von Benommenheit oder Drehschwindel.
  • Schwarzwerden vor den Augen: Verschwommenes Sehen oder das Gefühl, dass sich das Sichtfeld verdunkelt.
  • Ohrensausen: Ein Klingeln oder Rauschen in den Ohren.
  • Übelkeit: Ein flaues Gefühl im Magen.
  • Blässe: Die Haut kann blass und fahl erscheinen.
  • Schwitzen: Vermehrtes Schwitzen, insbesondere im Gesicht und an den Händen.
  • Herzklopfen oder Herzrasen: Ein schneller oder unregelmäßiger Herzschlag.
  • Schwächegefühl in den Beinen: Das Gefühl, dass die Beine nachgeben.
  • Kopfschmerzen: Dumpfe oder pochende Kopfschmerzen.
  • Angst oder Unruhe: Ein Gefühl von Nervosität oder Besorgnis.

Nicht alle Betroffenen erleben alle diese Symptome, und die Reihenfolge, in der sie auftreten, kann variieren. Einige Menschen erleben die Synkope auch ohne Vorwarnung. Die Symptome können einige Sekunden bis Minuten andauern, bevor es zum Bewusstseinsverlust kommt. Nach dem Aufwachen können Betroffene sich noch für einige Zeit benommen, verwirrt oder erschöpft fühlen.

Diagnose

Die Diagnose einer vasovagalen Synkope basiert in erster Linie auf der Anamnese und der körperlichen Untersuchung. Der Arzt wird den Patienten ausführlich zu den Umständen des Ohnmachtsanfalls befragen, um mögliche Auslöser und Begleitsymptome zu identifizieren. Wichtige Fragen sind:

  • In welcher Situation kam es zum Bewusstseinsverlust?
  • Gab es einen Auslöser für den Kollaps?
  • Hat sich die Ohnmacht eventuell durch bestimmte Anzeichen angekündigt?
  • Leidet der Patient an Vorerkrankungen wie Diabetes, Parkinson oder Epilepsie?
  • Werden Medikamente eingenommen?

Neben der Anamnese können verschiedene diagnostische Tests durchgeführt werden, um die Diagnose zu sichern und andere Ursachen für die Ohnmacht auszuschließen. Zu den gängigsten Tests gehören:

  • Elektrokardiogramm (EKG): Das EKG misst die elektrische Aktivität des Herzens und kann Herzrhythmusstörungen erkennen. Es kann als Ruhe-EKG, Belastungs-EKG oder Langzeit-EKG durchgeführt werden.
  • Blutdruckmessung: Die Messung des Blutdrucks im Liegen und Stehen kann eine orthostatische Hypotonie aufdecken.
  • Schellong-Test (Stehtest): Dieser Test dient der Erkennung einer Orthostase-Problematik. Dabei wird der Blutdruck und die Herzfrequenz im Liegen, Stehen und nach einer bestimmten Zeit erneut im Stehen gemessen.
  • Kipptischtest: Dieser Test wird durchgeführt, um eine Reflexsynkope zu erkennen. Der Patient wird auf einem Kipptisch fixiert und in eine aufrechte Position gebracht, um einen Ohnmachtsanfall zu provozieren.
  • Karotis-Sinus-Massage: Diese Untersuchung wird durchgeführt, um ein Karotis-Sinus-Syndrom zu erkennen. Dabei wird die Halsschlagader massiert, während das EKG und der Blutdruck überwacht werden.
  • Ereignisrekorder (Loop-Recorder): Dieses kleine Gerät wird unter die Haut implantiert und zeichnet kontinuierlich die Herzaktivität auf, um Herzrhythmusstörungen zu erfassen.
  • Echokardiografie: Diese Ultraschalluntersuchung des Herzens dient der Beurteilung von Herzstruktur und Herzfunktion.
  • Elektrophysiologische Untersuchung (EPU): Diese Untersuchung wird durchgeführt, wenn der Verdacht auf eine strukturelle Herzerkrankung besteht und eine Katheterablation in Erwägung gezogen wird.
  • Elektroenzephalogramm (EEG): Dieses Verfahren zeichnet die Hirnstromkurve auf und kann bei Verdacht auf eine neurologische Ursache wie Epilepsie durchgeführt werden.
  • Farbdoppler-Untersuchung der Halsgefäße: Diese Untersuchung dient der Feststellung von Durchblutungsstörungen des Gehirns.
  • Blutuntersuchung: Eine Blutuntersuchung kann Hinweise auf andere Erkrankungen wie Anämie, Herzinfarkt oder Stoffwechselstörungen liefern.

In einigen Fällen kann auch eine psychiatrische Untersuchung erforderlich sein, um psychogene Ursachen für die Synkope auszuschließen.

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Behandlung

Die Behandlung der vasovagalen Synkope zielt darauf ab, die Häufigkeit der Ohnmachtsanfälle zu reduzieren und den Ablauf einer Synkope oder Präsynkope günstig zu beeinflussen. Da Verhaltensaspekte bei der Synkopenauslösung eine wichtige Rolle spielen, besteht die Therapie zunächst in einer sorgfältigen Aufklärung des Patienten über die Natur seiner Ohnmachten und die Möglichkeiten ihrer günstigen Beeinflussung.

Verhaltensmaßnahmen

  • Vermeidung von Auslösern: Betroffene sollten bekannte Auslöser wie Stresssituationen, heiße Temperaturen, langes Stehen oder den Anblick von Blut vermeiden.
  • Körperliche Gegenmanöver: Bei ersten Anzeichen einer Ohnmacht können körperliche Gegenmanöver wie Hocken, Beine kreuzen und Anspannen der Bein-, Gesäß-, Bauch- und Armmuskeln helfen, den Blutdruck zu erhöhen und die Synkope zu verhindern.
  • Stehtraining: Regelmäßiges Stehtraining (angelehntes ruhiges Stehen für 30 Minuten) kann die symptomfreie Stehdauer verlängern.
  • Ausdauertraining: Regelmäßiges Ausdauertraining kann die orthostatische Toleranz verbessern, insbesondere bei Patienten mit posturalem Tachykardiesyndrom (POTS).
  • Salzzufuhr und Flüssigkeitszufuhr: Eine Steigerung der täglichen Salzzufuhr auf 5-10 g und der täglichen Trinkmenge auf 2-2,5 l Wasser kann das Blutvolumen erhöhen und den Blutdruck stabilisieren.
  • Bauchbinde: Eine abdominelle Bauchbinde kann das venöse Pooling im Stehen verhindern.
  • Schlafen in Kopfhochlage: Das Schlafen in Kopfhochlage kann die nächtliche Diurese vermindern und damit eine Blutvolumenabnahme verhindern.

Medikamentöse Therapie

In einigen Fällen kann eine medikamentöse Therapie erforderlich sein, um den Blutdruck zu stabilisieren und Synkopen vorzubeugen. Zu den eingesetzten Medikamenten gehören:

  • Midodrin: Ein Alphasympathomimetikum, das die Vasokonstriktion verbessert.
  • Fludrocortison: Ein Mineralocorticoid, das die Volumenvermehrung fördert.

Die medikamentöse Therapie spielt bei VVS und POTS aufgrund unzureichender Studienlage eine nachrangige Bedeutung.

Weitere Therapien

  • Homöopathie: Bei einigen Auslösern einer Synkope können homöopathische Mittel wirkungsvoll eingesetzt werden. Dabei müssen die jeweilige Grunderkrankung und auch die individuelle Symptomatik genau berücksichtigt werden.
  • Akupunktur: Akupunktur kann bei Synkopen eingesetzt werden, die durch einen zu niedrigen Blutdruck entstehen.

Erste Hilfe bei Synkope

Wenn jemand in Ihrer Nähe ohnmächtig wird, ist es wichtig, ruhig zu bleiben und die folgenden Schritte zu unternehmen:

  1. Prüfen Sie das Bewusstsein: Sprechen Sie die betroffene Person an und berühren Sie sie leicht an der Schulter.
  2. Atemwege freimachen: Überstrecken Sie vorsichtig den Kopf der betroffenen Person nach hinten, um die Atemwege freizuhalten.
  3. Atmung prüfen: Überprüfen Sie, ob sich der Brustkorb hebt und senkt, um die Atmung zu kontrollieren.
  4. Stabile Seitenlage: Wenn die Person atmet, aber bewusstlos ist, legen Sie sie in die stabile Seitenlage.
  5. Notruf: Wenn die Person nicht atmet, wählen Sie sofort den Notruf (112) und beginnen Sie mit der Wiederbelebung.
  6. Beine hochlagern: Legen Sie die ohnmächtige Person auf den Rücken und heben Sie die Beine an, um die Durchblutung des Gehirns zu verbessern.
  7. Beruhigen: Wenn die Person aus der Bewusstlosigkeit erwacht, beruhigen Sie sie und sprechen Sie mit ihr.

Vasovagale Synkope in Literatur und Kunst

Die Ohnmacht ist ein beliebtes Motiv in der Literatur und Kunst. Im 18. und 19. Jahrhundert schwinden vor allem jungen Frauen reihenweise die Sinne. Oft dient die Ohnmacht dazu, dass sich die Angehörigen des "schwachen Geschlechts" einer schwierigen Situation entziehen, wie etwa im Tugendroman "Pamela" von Samuel Richardson. Oder sie werden von ihren Gefühlen überwältigt, wie Heinrich von Kleists "Käthchen von Heilbronn". Und sogar Jane Eyre, die starke Heldin von Charlotte Bronte, verliert einmal das Bewusstsein, als sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch steht. Auch Männer bleiben übrigens nicht verschont von der Übermacht der Gefühle.

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