Die Entwicklung des vegetativen Nervensystems bei Kindern: Ein umfassender Überblick

Die Entwicklung des vegetativen Nervensystems (VNS) bei Kindern ist ein komplexer Prozess, der einen wesentlichen Einfluss auf ihre Gesundheit, ihr Verhalten und ihre Lernfähigkeit hat. Das VNS, auch autonomes Nervensystem genannt, steuert lebenswichtige Körperfunktionen, die wir nicht willentlich beeinflussen können, wie Herzschlag, Atmung, Verdauung und Stoffwechsel. Es sorgt für die Aufrechterhaltung unseres inneren Gleichgewichts (Homöostase) und passt unsere Körperfunktionen an unterschiedliche Anforderungen an.

Die Grundlagen des vegetativen Nervensystems

Das vegetative Nervensystem besteht aus zwei Hauptkomponenten: dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Diese beiden Systeme wirken als Gegenspieler und regulieren die Körperfunktionen im Wechselspiel.

  • Sympathikus: Der Sympathikus ist für die Aktivierung des Körpers in Stresssituationen zuständig. Er erhöht den Blutdruck, beschleunigt Herzschlag und Atmung, erweitert die Pupillen und setzt Stresshormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol frei. Der Körper wird in Alarmbereitschaft versetzt, um auf Bedrohungen zu reagieren (Kampf-oder-Flucht-Reaktion).
  • Parasympathikus: Der Parasympathikus hingegen fördert Entspannung und Erholung. Er senkt den Blutdruck, verlangsamt Herzschlag und Atmung, verengt die Pupillen und fördert die Verdauung. Das Blut kann wieder in andere Systeme (Verdauungsorgane, Drüsensysteme usw.) fließen.

Ein gesundes VNS zeichnet sich durch ein ausgewogenes Zusammenspiel zwischen Sympathikus und Parasympathikus aus. Dieses Gleichgewicht ermöglicht es dem Körper, flexibel auf unterschiedliche Anforderungen zu reagieren und sich nach Stressphasen wieder zu erholen.

Entwicklung des vegetativen Nervensystems im Kindesalter

Die Entwicklung des VNS beginnt bereits im Embryo und setzt sich im Laufe des Kindesalters fort. Während der Schwangerschaft können äußere Einflüsse wie Alkoholkonsum, Rauchen, Strahlung, Jodmangel oder bestimmte Erkrankungen der Mutter die Entwicklung des Nervensystems beeinträchtigen.

Nach der Geburt reift das VNS weiter. Beim Säugling stehen zunächst Reflexe im Vordergrund, die über Rückenmark und Nachhirn gesteuert werden. Mit etwa sechs Monaten lernen Babys, ihren Oberkörper und ihre Gliedmaßen zu kontrollieren. Im Alter von zwei Jahren haben die meisten Nervenfasern von Rückenmark, Nachhirn und Kleinhirn ihre endgültige Dicke erreicht und können Nervensignale schnell weiterleiten.

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Die Rolle von Bindungserfahrungen

Besonders wichtig für die Entwicklung des VNS ist die Qualität der frühen Bindungserfahrungen. Das sympathische System funktioniert von Geburt an zuverlässig, da wir als hilfloses Wesen geboren werden und lebensnotwendig auf die Unterstützung unserer Eltern/Bindungspartner angewiesen sind. Unseren Parasympathikus hingegen müssen wir noch schulen bzw. stärken, vor allem in seiner Flexibilität. Das geschieht, indem unsere Bindungspartner unsere „Stressreaktion“ auf ruhige und angemessene Weise beantworten. So erlangen wir die Fähigkeit, uns zwischen beiden Zuständen hin und her bewegen zu können. Reagieren Bezugspersonen feinfühlig auf die Bedürfnisse des Kindes und bieten ihm Sicherheit und Geborgenheit, kann sich der Parasympathikus gut entwickeln. Das Kind lernt, Stress abzubauen und sich zu entspannen.

Die Bedeutung von Bewegung und Entspannung

Neben den Bindungserfahrungen spielen auch Bewegung und Entspannung eine wichtige Rolle für die Entwicklung eines gesunden VNS.

  • Bewegung: Kinder sind von Natur aus aktiv und bewegen sich gerne. Bewegung fördert die Durchblutung des Gehirns, erhöht die Sauerstoffzufuhr und sorgt für mehr Aktivität, was wiederum auch das Lernen erleichtert, und die Konzentration fördert. Zudem hilft Bewegung, Stress abzubauen und Spannungen zu regulieren.
  • Entspannung: Kinder sollten über den Tag verteilt immer wieder Möglichkeiten haben, sich zu entspannen und zur Ruhe zu kommen. Dadurch gelingt es ihnen besser, zu verarbeiten, was sie erlebt und erfahren haben. Entspannungstechniken wie Meditation, Achtsamkeitsübungen oder Atemübungen können helfen, den Parasympathikus zu aktivieren und das innere Gleichgewicht wiederherzustellen.

Auswirkungen eines unausgeglichenen vegetativen Nervensystems

Ein unausgeglichenes VNS kann sich negativ auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern auswirken. Wenn der Sympathikus dauerhaft überaktiv ist, kann dies zu chronischem Stress, Angstzuständen, Schlafstörungen, Verdauungsproblemen und einem geschwächten Immunsystem führen. Kinder mit einem unausgeglichenen VNS sind möglicherweise unruhig, gereizt, unkonzentriert oder neigen zu aggressivem Verhalten.

Möglichkeiten zur Förderung einer gesunden Entwicklung des vegetativen Nervensystems

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Entwicklung eines gesunden VNS bei Kindern zu fördern:

  • Feinfühlige Betreuung: Eltern und Bezugspersonen sollten feinfühlig auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen und ihm Sicherheit und Geborgenheit bieten.
  • Bewegung: Kinder sollten ausreichend Möglichkeiten zur Bewegung haben, sei es beim Spielen im Freien, beim Sport oder bei anderen Aktivitäten.
  • Entspannung: Kinder sollten lernen, sich zu entspannen und zur Ruhe zu kommen. Hier können Entspannungstechniken wie Meditation, Achtsamkeitsübungen oder Atemübungen helfen. Auch Vorlesen, Kuscheln oder ein warmes Bad können entspannend wirken.
  • Stressreduktion: Stressoren im Alltag sollten reduziert werden. Dazu gehört beispielsweise eine ruhige und strukturierte Tagesgestaltung, ausreichend Schlaf und eine ausgewogene Ernährung.
  • Vorbild sein: Eltern und Bezugspersonen sollten selbst auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Anspannung und Entspannung achten und den Kindern ein gutes Vorbild sein.

Entspannungstechniken für Kinder

Es gibt eine Vielzahl von Entspannungstechniken, die für Kinder geeignet sind. Hier einige Beispiele:

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  • Tiefe Bauchatmung: Die tiefe Bauchatmung ist eine einfache und effektive Methode, um den Parasympathikus zu aktivieren und zur Ruhe zu kommen. Dabei legt man die Hände auf den Bauch und atmet tief in den Bauch hinein, so dass sich die Bauchdecke hebt. Beim Ausatmen senkt sich die Bauchdecke wieder. Für jüngere Kinder bietet sich das Bild eines Luftballons an, der beim Einatmen voller wird und beim Ausatmen wieder kleiner.
  • Progressive Muskelentspannung (PMR): Bei der PMR werden verschiedene Muskelgruppen nacheinander angespannt und wieder entspannt. Dadurch wird die Körperwahrnehmung verbessert und Muskelverspannungen können gelöst werden. Die PMR sollte durch eine fachlich ausgebildete Kraft (z.B. Entspannungspädagogen) vermittelt werden.
  • Fantasiereisen: Bei Fantasiereisen werden die Kinder durch eine Geschichte an einen schönen und entspannenden Ort geführt. Dabei können sie ihre Fantasie nutzen und sich ganz auf die Geschichte einlassen.
  • Achtsamkeitsübungen: Achtsamkeitsübungen helfen den Kindern, ihre Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zu lenken und ihre Gedanken und Gefühle bewusst wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten.
  • Schüttelübung: Eine einfache und sehr effektive Möglichkeit, um eine kurze Bewegungseinheit einzubinden ist die Schüttelübung. Schütteln ist auch für uns Menschen super, egal ob mit oder ohne Musik. Wir können Belastendes loswerden und wieder zu mehr Ruhe finden.

Die Rolle von Bewegung für die Entwicklung des Gehirns

Bewegung spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des kindlichen Gehirns. Durch Bewegung wird die Sauerstoffzufuhr im Gehirn erhöht, was die Aktivität und Konzentration fördert. Zudem werden durch Bewegung die Tiefenwahrnehmung und Tiefensensibilität (Propriozeption) verbessert.

Bewegung hilft auch, die Lerninhalte zu sortieren und Spannungen abzubauen. Bereits kurze Bewegungseinheiten können die Konzentration und Lernbereitschaft von Kindern und Jugendlichen verbessern.

Das Gehirn von Kindern verstehen

Die Hirnforschung hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht und viele neue Erkenntnisse über die Entwicklung des Gehirns gewonnen. Diese Erkenntnisse sind auch für Erzieher und Eltern von Bedeutung, da sie helfen, Lern- und Bildungsprozesse besser zu verstehen und effektiver zu gestalten.

Das Gehirn besteht aus rund 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), die über 100 Billionen Synapsen (Kontaktstellen) miteinander kommunizieren. Die Entwicklung des Gehirns beginnt bereits im Embryo und setzt sich im Laufe des Kindesalters fort. In den ersten Lebensjahren nimmt die Anzahl der Synapsen rasant zu, was die große Lern- und Anpassungsfähigkeit von Säuglingen und Kleinkindern erklärt.

Im Laufe der Entwicklung werden nicht mehr benötigte Synapsen abgebaut, während häufig genutzte Verbindungen verstärkt werden. Dieser Prozess wird als "neuronaler Darwinismus" bezeichnet. Die Umwelt und die Erfahrungen, die ein Kind macht, spielen eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung des Gehirns.

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