Querschnittlähmung und ihre Auswirkungen auf das vegetative Nervensystem

Eine Querschnittlähmung ist ein schwerwiegender neurologischer Defekt, bei dem die motorische und sensorische Funktion unterhalb der Verletzungsstelle im Rückenmark beeinträchtigt ist. Die Schädigung der darin verlaufenden motorischen und sensiblen Bahnen sowie des vegetativen Nervensystems führt zur Lähmung der Muskulatur unterhalb des Verletzungsniveaus, zu einer Veränderung der Sensibilität (Schmerz, Temperatur, Tast- und Lagesinn) und zu Störungen der vegetativen Funktionen.

In der Anfangszeit steht für viele, die neu von einer Querschnittlähmung betroffen sind, die Aussicht im Vordergrund, nicht mehr laufen und vielleicht auch die Arme nicht mehr oder nicht mehr voll einsetzen zu können. Dabei spielt nicht nur das Wissen um anatomische Vorgänge eine Rolle, sondern vor allem die Erfahrungen mit den veränderten Reaktionen des eigenen Körpers. Dennoch finden Betroffene im Folgenden ein Grundwissen zu möglichen Veränderungen über die Motorik hinaus. Zu wissen, welchen Einfluss eine Querschnittlähmung auf einzelne Körperfunktionen haben kann, kann helfen, die ungewohnte Situation besser zu verstehen.

Was ist eine Querschnittlähmung?

Eine Querschnittlähmung ist eine neurologische Erkrankung, bei der die Übertragung von Nervenimpulsen zwischen dem Gehirn und Rückenmark gestört ist. Eine Querschnittlähmung tritt häufig infolge einer Verletzung, eines Unfalls oder einer Erkrankung des Rückenmarks auf. Durch die Schädigung des Rückenmarks werden die Nervenbahnen unterbrochen, die normalerweise motorische und sensorische Signale zwischen dem Gehirn und anderen Körperteilen übermitteln. Durch die Unterbrechung der Nervenbahnen ist die Übermittlung gestört, was zu einer dauerhaften Beeinträchtigung der motorischen, sensorischen und autonomen Funktionen führt. Unter einer Querschnittlähmung versteht man die Folgen einer kompletten Durchtrennung oder inkompletten Schädigung des Rückenmarkquerschnittes. Unterhalb der Schädigung kommt es zum Ausfall motorischer, sensibler und vegetativer Körperfunktionen. Das Rückenmark bildet zusammen mit dem Gehirn das zentrale Nervensystem des Menschen. Es beginnt oberhalb des ersten Halswirbels und endet über dem zweiten Lendenwirbel. Es liegt gut geschützt im knöchernen Spinalkanal der Wirbelsäule. Über das Rückenmark werden Nervenimpulse, die im Gehirn entstehen an die Muskulatur weitergegeben. Umgekehrt werden sensorische Signale an das Gehirn übermittelt. Außerdem verlaufen im Rückenmark spezielle Nervenstränge zur Kontrolle und Funktion der inneren Organe. Das Rückenmark ist in verschiedene Segmente unterteilt. Jedes Segment ist für die Steuerung bestimmter Muskelgruppen und Organfunktionen verantwortlich.

Ursachen und Häufigkeit von Querschnittlähmungen

Eine Querschnitt­lähmung kann durch verschiedene Ursachen ausgelöst werden. Überwiegend tritt die Plegie als Unfallfolge oder erkrankungs­bedingt auf. Bei einem Unfall kann das Rückenmark stark verletzt oder durchtrennt werden. Dabei sind meist Verletzungen im Bereich der Hals- oder Brust­wirbelsäule die Ursache für eine Querschnitt­lähmung und somit eine Beein­trächtigung der Funktionen unterhalb der Verletzungsstelle. Zu den häufigsten Auslösern zählen:

  • Unfälle, insbesondere Verkehrsunfälle
  • Erkrankungen
  • Geburtsdefekte
  • Stürze
  • Verletzungen der Wirbelsäule
  • Tumore
  • Entzündungen

Lange Zeit galten Unfälle als häufigste Ursache einer Querschnittlähmung. In 55 Prozent der Fälle liegen Querschnittlähmungen Erkrankungen zugrunde.

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In Deutschland gibt es keine genauen Daten zu der Prävalenz von Rückenmarkserkrankungen und Querschnittlähmungen für die gesamte Bevölkerung. Laut Schätzungen des Deutschen Rollstuhlverbandes (DRS) leben in Deutschland ca. 40.000 Menschen mit Querschnittlähmung. Weltweit mangelt es ebenfalls an genauen globalen Daten für Rückenmarksverletzungen und Querschnittlähmung. Schätzungen der internationalen Stiftung für Querschnittlähmung (ISCoS) gehen davon aus, dass weltweit etwa 250.000 bis 500.000 Menschen an einer Querschnittlähmung leiden.

Pro Jahr erleiden etwa 20 bis 100 Menschen pro einer Million Einwohner eine Querschnittlähmung - etwa die Hälfte davon durch ein Trauma (Unfall, Verletzung), die andere Hälfte durch nichttraumatische Rückenmarksschädigungen (angeborene oder erworbene Krankheiten). Männer erleiden mit rund 80 Prozent deutlich häufiger eine traumatisch bedingte Querschnittlähmung als Frauen, das durchschnittliche Alter liegt bei 40 Jahren.

Diagnose einer Querschnittlähmung

Da eine Querschnittlähmung ein schwerwiegendes und sich multipel auswirkendes Ereignis ist, ist eine genaue Diagnose essentiell. Diese wird meist in einer Fachklinik oder in einem spezialisierten Behandlungszentrum vorgenommen. Anhand komplexer Tests und Verfahren wird untersucht, inwiefern sich Betroffene bewegen können, Reize spüren oder sich Reflexe auslösen lassen. Weiterhin werden Vitalfunktionen im Hinblick auf Herz, Atmung oder Verdauung geprüft. Zudem helfen bildgebende Verfahren, betroffene Segmente oder das Ausmaß einer Querschnittlähmung zu ermitteln bzw. einzugrenzen. Weiterhin können Punktionen oder Blutuntersuchungen erfolgen. Erst in der Summe aller Untersuchungen und Erkenntnisse wird die Diagnose gestellt sowie der Schweregrad anhand einer fünfstufigen Skala klassifiziert.

Von zentraler Bedeutung bei der Diagnose einer akuten Querschnittslähmung ist der Zeitfaktor. Eine Chance auf eine Rückbildung einer kompletten Querschnittlähmung besteht nur innerhalb der ersten 24 Stunden. Eine wesentliche Rolle spielen die bildgebenden Verfahren. Nach Erheben der Verdachtsdiagnose sollte zeitnah zumindest ein Computertomogramm (CT) und falls erforderlich ein Magnetresonanztomogramm (MRT) erfolgen. Bei einem Unfall muss allerdings zuerst nach lebensbedrohlichen Verletzungen der Lunge, des Bauches oder des Kopfes geschaut werden.

Symptome einer Querschnittlähmung

Die Symptome einer Querschnitt­lähmung hängen von der betroffenen Stelle der Wirbelsäule ab. Je nach Schwere und Lage der Verletzung kann eine Querschnitt­lähmung somit unter­schiedliche Auswirkungen haben. Bei einer inkompletten Lähmung sind die Symptome variabler. In der Regel sind die Funktionen der Muskeln, die unterhalb der Verletzung liegen, beeinträchtigt oder komplett gelähmt. Häufig kommt es zu einem Verlust der Empfindungsfähigkeit bis hin zu vollständigen Gefühlsstörungen in den betroffenen Körperregionen. Es können Störungen bis hin zum vollständigen Verlust der Kontrolle über Blasen- und Darmfunktion sowie Beeinträchtigungen der Sexualfunktion auftreten.

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Motorische Beeinträchtigungen

In der Regel sind die Funktionen der Muskeln, die unterhalb der Verletzung liegen, beeinträchtigt oder komplett gelähmt.

Sensorische Beeinträchtigungen

Häufig kommt es zu einem Verlust der Empfindungsfähigkeit bis hin zu vollständigen Gefühlsstörungen in den betroffenen Körperregionen. Ist die Sensibilität der Haut durch eine Rückenmarksverletzung gestört, werden Reize nicht mehr weitergeleitet und die Schutzfunktion fällt aus. Über die Haut nehmen wir nicht nur bewusst Berührungen, Schmerz, Druck oder Vibration wahr, sondern auch unbewusst. Wir verlagern unsere Sitzposition, wenn der Druck an einer Stelle zu hoch wird oder drehen uns im Schlaf. Damit bewahrt der Körper sich selbst vor Schäden.

Vegetative Beeinträchtigungen

Es können Störungen bis hin zum vollständigen Verlust der Kontrolle über Blasen- und Darmfunktion sowie Beeinträchtigungen der Sexualfunktion auftreten.

Das vegetative Nervensystem und seine Bedeutung bei Querschnittlähmung

Das Nervensystem unseres Körpers besteht aus zwei großen Bereichen: Zum einen dem sensomotorischen System, das wir sehr gut kennen und das für sämtliche körperlichen Empfindungen (Berührung, Schmerz, Temperatur) und auch die willkürlichen Bewegungen der Skelettmuskulatur zuständig ist. Zum anderen dem autonomen (oder vegetativen) Nervensystem, das alle inneren Körperfunktionen kontrolliert und steuert und über welches wir keine willkürliche Kontrolle haben. Das autonome Nervensystem arbeitet, wie der Name es sagt, „autonom“, also selbstständig. Es steuert alle körperinternen Funktionen, an die wir nicht aktiv denken müssen. Wir können es daher auch nur in ganz geringem Maße willentlich beeinflussen.

Das autonome Nervensystem teilt sich bezüglich der Funktion wiederum in zwei sich ergänzende Teile (Gegenspieler): dem sympathischen Nervensystem (= Sympathikus) und dem parasympathischen Nervensystem (= Parasympathikus). Praktisch alle inneren Organe werden von beiden Teilen des autonomen Systems versorgt, die je nach Organ eine aktivierende oder bremsende Funktion ausüben. Der Sympathikus aktiviert die Funktionen, die wir brauchen, um Leistung zu entwickeln, zu arbeiten oder davonzurennen. Der Parasympathikus hingegen dient dazu, den Körper zu regenerieren, Nahrung aufzunehmen und zu verdauen, sich zu erholen und zu schlafen. Je nachdem, was wir gerade tun, ist entweder das eine oder das andere System aktiv.

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Viele Funktionsausfälle bei einer Rückenmarksverletzung rühren daher, dass neben dem zentralen Nervensystem auch Bahnen des damit eng verbundenen autonomen Nervensystems beeinträchtigt sind. Sie betreffen meist Leistungen des Sympathikus, was dazu führt, dass sein Gegenspieler, der Parasympathikus, die Oberhand gewinnt. Vegetative Störungen können Harn- und Verdauungstrakt, Atmung, Sexualfunktion und andere innere Organsysteme betreffen. Die zielgerichtete Steuerung von Muskelaktivität erreichen ZNS und autonomes Nervensystem gemeinsam. Fehlen dem ZNS dämpfende Impluse, bleibt die Aktivität eines Muskels oder von Muskelgruppen ungebremst. Von eingeschränkter oder ungesteuerter Muskelaktivität können zahlreiche Organe betroffenen sein, z. B. In seiner tendenziell hemmenden Funktion kann es bei einer ungebremsten Aktivität des Parasympathikus leicht zu gefährlichen Herz-Kreislauf-Problemen kommen, vor allem in der Akutphase. Im akuten Stadium können Blutdruck und Herzfrequenz je nach Höhe der Verletzung massiv abfallen.

Auswirkungen auf den Sympathikus und Parasympathikus

Der parasympathische Teil wird über die Hirnnerven III (Nervus oculomotorius ➔ Tränendrüsen), den Gesichtsnerv VIII (Nervus facialis ➔ Speicheldrüsen), den Hirnnerv IX (Nervus glossopharyngeus ➔ Speicheldrüsen) und den Hirnnerv IX (Nervus vagus), der die größte Ausdehnung hat und alle inneren Organe bis zur linken Biegung des Dickdarms bedient. Das sympathische System entspringt dem Rückenmark im Bereich der Brust- und Lendenwirbelsäule (Th1 bis L2) und bildet als erstes den sympathischen Grenzstrang, eine Kette von Ganglien, die beidseitig längs der Wirbelsäule verlaufen. Die daraus entspringenden Nerven versorgen die verschiedenen Körperorgane.

Beim akuten autonomen Ausfall sehen wir vor allem drei Hauptsymptome: Hypotension, Bradykardie und Hypothermie. Die Hypotension oder Hypotonie (= zu wenig Blutdruck) entsteht, weil die sympathische Innervation (Versorgung von Organen und Geweben durch Nerven) der Arterien wegfällt, diese sich öffnen und dem Blut mehr Platz bieten, sodass der arterielle Druck abfällt. Der chronische Ausfall bleibt geprägt von der fehlenden Blutdruckregulation, also der Unmöglichkeit, die Herzfrequenz zu steigern, von einer bronchialen Hypersekretion (zu viel Schleimproduktion in der Lunge) kombiniert mit einer Engstellung der Bronchien und von einer fehlenden Temperaturregulation, weil die Schweißdrüsen nicht mehr aktiviert werden (um den Körper zu kühlen). Außerdem sind die Sexualfunktionen beim Mann gestört. Die Erektion, die parasympathisch gesteuert ist, fehlt und eine Ejakulation ist wegen fehlendem Sympathikus nicht möglich.

Die Blase und der Enddarm haben sowohl die sympathische wie auch die parasympathische Steuerung durch höhere Zentren im Hirnstamm verloren. Die Schließmuskeln reagieren meist spastisch und verschließen Blasen- und Darmausgang. Damit sich die Blase trotzdem entleeren kann, muss sie katheterisiert werden oder man trainiert eine Reflexblase (Klopfblase), die sich reflektorisch entleert. Für die Darmentleerung braucht es eine Spreizung des Anus (mit den Fingern). Damit wird der anorektale Reflex ausgelöst, der den inneren Schließmuskel des Enddarms erschlafft. Gleichzeitig kontrahiert sich der Enddarm und entleert sich.

Alle diese fehlenden autonomen Funktionen haben einen großen Einfluss auf das tägliche Leben querschnittgelähmter Menschen - je höher das Lähmungsniveau, desto ausgeprägter. Es beginnt bei Tetraplegikern am Morgen mit zu tiefem Blutdruck beim Aufstehen und Schwarz-vor-Augen-Werden. Das übermäßig produzierte Bronchialsekret in den Atemwegen kann wegen der Lähmung der Atemhilfsmuskulatur nicht abgehustet werden. Es besteht die Gefahr des Einsaugens in die Lunge. Wenn Sekret abgesaugt werden muss, besteht das Risiko einer plötzlichen Bewusstlosigkeit (vagovasale Synkope) mit Blutdruck- und Herzfrequenzabfall. Glücklicherweise reguliert sich diese vermehrte Sekretbildung nach einigen Wochen. Bei kaltem Wetter kühlt der Körper schnell und unbemerkt aus, falls man nicht die passende Kleidung trägt. Wenn es wärmer wird, kann der Patient nur oberhalb des Läsionsniveaus schwitzen.

Die Verlangsamung des Blutflusses durch die schlaffen Blutgefäße und die fehlende Muskelpumpe infolge der Lähmung der Skelettmuskulatur führt zu einer Thrombosegefahr vor allem in den ersten drei bis sechs Monaten nach Querschnittlähmung und auch später bei langem Sitzen.

Autonome Dysreflexie

Nach Abklingen des spinalen Schocks kann es bei einer Läsionshöhe T6 oder höher als Ausdruck des chronischen Stadiums einer Querschnittlähmung zur autonomen Dysregulation (Dysreflexie ) mit gefährlicher, unkontrollierter Hypertonie kommen. Der dabei beobachtete massive Blutdruckanstieg stellt eine lebensbedrohliche Komplikation dar, die sofort behandelt werden muss. Falls die Ursache (in 95 % überfüllte Blase) nicht umgehend gefunden werden kann, eignen sich Nitrate (duch Senkung der Vorlast) oder Antihypertensiva wie Urapidil oder Nicardipin zur Kontrolle der Hypertonie.

Behandlung und Rehabilitation

Die Behandlung einer Querschnittlähmung zielt darauf ab, die bestmögliche funktionale Unabhängigkeit und Lebensqualität zu erreichen. Sie beinhaltet in der Regel eine intensive medizinische Betreuung und umfasst medizinische Maßnahmen wie Operationen, Medikamente und physiotherapeutische Übungen, um die verlorenen motorischen Funktionen zu verbessern und den Alltag der Betroffenen zu erleichtern. Die Reha bei Querschnittlähmung umfasst meist verschiedene Therapieansätze, um die Mobilität, Selbstständigkeit, emotionale Bewältigung und soziale Integration zu fördern. Hilfsmittel und technische Unterstützung spielen eine wichtige Rolle im Alltag. In einigen Fällen können auch operative Eingriffe notwendig sein. Es ist wichtig zu beachten, dass die Auswirkungen einer Querschnittlähmung individuell unterschiedlich sind und von Fall zu Fall variieren. Um die optimale, individuelle Behandlung und Reha zu erhalten, gibt es spezialisierte Rehakliniken, die individuelle Programme anbieten, um die Betroffenen bestmöglich zu unterstützen und ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Akutbehandlung und Rehabilitation

Ideal ist, wenn Akutbehandlung und Rehabilitation in einem spezialisierten Behandlungszentrum erfolgen. Zu deren Leistungsspektrum gehört eine ganzheitliche Rehabilitation bei Paraplegie und Tetraplegie, die neben medizinisch-therapeutischen Maßnahmen auch psychologische und soziale Aspekte umfasst.

In der akuten Therapie erhalten die Patienten meist innerhalb der ersten 24 bis 48 Stunden hochdosiert Kortison, um Schwellungen des Rückenmarks zu verhindern. Oftmals ist auch der Herzschlag verlangsamt oder der Blutdruck gefährlich niedrig, was mit bestimmten Medikamenten therapiert wird.

Eng verzahnt mit der Akut-Behandlung sind erste Schritte der Rehabilitation, die i.d.R. schon in der Akutphase auf der Intensivstation vorgenommen werden. Insgesamt dauert die Rehabilitation danach noch vier bis sechs Monate bei einer Paraplegie und acht bzw.

Therapieansätze in der Rehabilitation

In den Kliniken kommen diverse bewährte Therapiemethoden zum Einsatz, um eine umfassende Behandlung und Reha bei Querschnittlähmung zu gewährleisten. Auf Basis individueller Therapiepläne kombinieren wir unter anderem Bewegungstherapie, Ergotherapie, Kunsttherapie und Physiotherapie. Dabei setzen wir sowohl auf Einzel- als auch auf Gruppentherapie, um individuell wie auch gemeinschaftlich bestmögliche Fortschritte zu erzielen. Ergänzend bietet ein Sozialdienst Unterstützung bei sozialen und organisatorischen Fragen.

Eine wichtige Säule der Rehabilitation ist die Physiotherapie. Hier lernen die Patienten z.B. im täglichen Stehtraining mithilfe eines Stehbrettes, in die aufrechte Position zu kommen, das Gleichgewicht im Sitzen zu halten und noch intakte Muskeln mit gezielten Übungen zu stärken. So ist eine kräftige Armmuskulatur enorm wichtig, um sich später mit dem Rollstuhl fortbewegen zu können oder sich aus dem Bett auf einen Stuhl zu bewegen. Die Betroffenen müssen mit der gesamten Armkraft ihren Körper versetzen. Ein weiteres Ziel ist es, auch wieder eine gute Rumpfstabilität zu erreichen.

Die Patienten erlernen, ihre Harnblase hygienisch einwandfrei mit einem Einmalkatheter mehrfach täglich zu entleeren. Hierzu stehen unterschiedliche sterile Kathetersysteme verschiedener Hersteller zur Verfügung, sodass auf die individuellen Bedürfnisse und Notwendigkeiten eingegangen werden kann, um Folgekomplikationen möglichst zu vermeiden. Das Darmmanagement muss mit dem Ernährungs- und Flüssigkeitsmanagement eng abgestimmt sein. Ein verlässliches Darmmanagement kann durch unterschiedliche Hilfsmittel unterstützt werden.

Zentral in der Rehabilitation ist das Rollstuhl-Training, in dem die Betroffenen lernen, den Rollstuhl anzutreiben und mit ihm in unterschiedlichen Situationen im Alltag zurecht zu kommen. Der Rollstuhl und das notwendige, druckentlastende Spezialsitzkissen müssen individuell angepasst sein, damit der Betroffene in seiner selbstbestimmten Mobilität nicht eingeschränkt ist. Mit der Auswahl des Hilfsmittels müssen mögliche Folgekomplikationen an Haut und Bewegungsapparat sowie Wirbelsäule bei schlechter Sitzhaltung, unzureichender Druckentlastung etc. Das Ausprobieren unterschiedlicher Modelle, Sitzdruckprüfungen, richtiges Ausmessen und Anpassen sind nur ein Teil notwendiger Maßnahmen.

Ein wesentlicher Aspekt in der Behandlung ist die psychologische Begleitung, um sich mit der Behinderung, die das bisherige Leben völlig auf den Kopf stellt, auseinanderzusetzen. In der Ergotherapie lernen die Patienten, im Haushalt selbstständig klarzukommen. Dazu gehört es, sich trotz der Behinderung anzuziehen, zu waschen, Mahlzeiten zuzubereiten und zu essen. Je nach Lähmungsausmaß lernen sie z.B., einen Löffel oder eine Gabel zu halten, zum Mund zu führen…

Leben mit Querschnittlähmung

Lähmungen bringen enorme Auswirkungen mit sich. Das bisher selbstbestimmte Leben ist nur noch teilweise oder nicht mehr möglich. Unbürokratische Unterstützung bieten in dieser schwierigen Situation Interessensgemeinschaften und Verbände wie zum Beispiel die Fördergemeinschaft der Querschnittgelähmten in Deutschland e.V., die sich für die Bedürfnisse gelähmter Menschen stark machen.

Betroffenen und Angehörigen ist sehr zu empfehlen, sich beraten zu lassen, für welche Hilfsmittel die Gesetzlichen Krankenkassen die Kosten übernehmen (müssen). Die Unterstützung durch die Fördergemeinschaft der Querschnittsgelähmten in Deutschland e.V. und ggf. die Mitgliedschaft in einer Selbsthilfegruppe sind dafür hilfreich. Ebenfalls hilfreich ist der Austausch der Betroffenen unter sich. Peers der Fördergemeinschaft der Querschnittsgelähmte in Deutschland e.V. (FGQ) unterstützen die Frischbetroffenen in der Klinik und später auch zuhause bei Bedarf. Gerade in Selbsthilfegruppen können „erfahrene“ Querschnittspatienten ihre Tricks weitergeben.

Schwerbehindertenausweis

Da Lähmungen oftmals eine dauerhafte Einschränkung darstellen, gelten betroffene Personen in Deutschland als schwerbehindert und haben Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis. Je nach Grad der Berhinderung (GdB) sind damit verschiedene Vergünstigungen und Rechte verbunden.

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