Vera Neumeyer: Ein Leben im Schatten des Nationalsozialismus

Die Geschichtswerkstatt im Landkreis Dachau hat sich zum Ziel gesetzt, vergessene Persönlichkeiten der Region ins Gedächtnis zurückzurufen und ihre Lebensgeschichten zu dokumentieren. In diesem Kontext soll an Vera Neumeyer erinnert werden, deren Leben eng mit den tragischen Ereignissen des Nationalsozialismus verbunden ist.

Musikalische Wurzeln und frühe Jahre

Hans Neumeyer, geboren am 13. September 1887 in München als Sohn einer alteingesessenen jüdischen Familie, war ein begabter Musiker und Komponist. Eine Augenkrankheit führte zu seiner frühen Erblindung im Alter von 14 Jahren. Trotz seiner Sehbehinderung schloss er sein Studium an der Musikakademie in München im Jahr 1913 ab.

Heirat und Leben in Dachau

Im Jahr 1920 heiratete Hans Neumeyer Vera, und die Familie zog in das Haus Nr. Hier wurden die beiden Kinder Ruth und Raimund geboren. Trotz seiner Sehbehinderung war Neumeyer ein begabter Musiker und Komponist.

Verfolgung und Tod im Nationalsozialismus

Die Pogromnacht am 9. November 1938 markierte einen Wendepunkt im Leben der Familie Neumeyer. Sie wurden aus ihrem Haus vertrieben. Die Kinder konnten mit einem Kindertransport nach England gerettet werden und überlebten den Krieg. Die Eltern jedoch wurden Opfer des Holocaust. Hans Neumeyer starb an den Folgen einer Tuberkuloseinfektion in Theresienstadt, Vera Neumeyer vermutlich im Ghetto Piaski.

Gedenken

Zum Gedenken an das Schicksal der Familie Neumeyer wurden Stolpersteine vor ihrem ehemaligen Wohnhaus verlegt. Jedes Jahr finden an diesen Stolpersteinen Gedenkveranstaltungen statt, um an die Familie und ihr tragisches Schicksal zu erinnern.

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Das Schicksal anderer Verfolgter im Landkreis Dachau

Die Geschichte von Vera Neumeyer ist exemplarisch für das Leid vieler Menschen im Landkreis Dachau während der Zeit des Nationalsozialismus. Die Geschichtswerkstatt erinnert auch an andere vergessene Persönlichkeiten, wie die Unterstützer von KZ-Häftlingen oder die jüdischen Familien, die aus ihren Häusern vertrieben wurden.

Lehrer Jakob Hindinger und seine Familie

Ein weiteres Beispiel für ein bewegtes Leben im Landkreis Dachau ist das von Jakob Hindinger, der 41 Jahre lang als Lehrer in Unterweikertshofen tätig war. Am 16. Juni 1880 trat Jakob Hindinger seine Stelle in Unterweikertshofen an. Er unterrichtete alle Schüler von der 1. bis zur 7. Klasse, zwischen 70 und 75 Kinder (!), in einem Raum. Diese Strenge bekam sicherlich auch einer der heute bekanntesten Schüler des Ortes zu spüren: der junge Mathias Kneißl, 1875 in Unterweikertshofen geboren, verbringt seine ersten Schuljahre bei Lehrer Hindinger. Seine Schulnoten sind bis auf die musischen Fächer eher mäßig und 1883 schreibt Hindinger im Klassenbuch über den damals Achtjährigen: „Junge Musikanten - alte Bettler: Versteht jetzt schon die Harmonika besser zu handhaben als das Lesebuch und spielt zur Belustigung u. Vergnügen der Großen auf. Klar sieht der Lehrer aber auch, dass Kneißls Verhalten und Lerneifer mit der häuslichen Situation zusammenhängt. Bei allem beruflichen Erfolg, so ist er auch Vorstand des Bezirkslehrerverbandes in Dachau, hat Jakob Hindinger privat einige Schicksalsschläge zu verkraften. Seine Frau Philomena verstirbt bereits 1903 und alle Söhne werden im 1. Weltkrieg als Soldaten eingezogen. Karl, lt. Grabinschrift „Oekonomiepraktikant“ fällt 1918 in Cambrai, seine Brüder Jakob und Johann kehren nach Kriegsende nach Unterweikertshofen zurück. Dort bereitet ihnen die Dorfgemeinschaft eine Kriegerheimkehrfeier am 13. Ab 1916 macht ihm zunehmend seine Gesundheit zu schaffen. Er ist wiederholt erkrankt und wird am 21. Februar 1921 „auf sein Ansinnen wegen nachgewiesener Dienstunfähigkeit unter Anerkennung seiner Dienstleistung in den dauernden Ruhestand versetzt.“ Daraufhin beginnt er eine Wohnung zu suchen, was sich äußerst schwierig gestaltet, sodass sein Nachfolger Christian Schmidtner und dessen Frau noch ein paar Jahre zusammen mit ihm im Schulhaus wohnen. Seinen Lebensabend verbringt er in Unterweikertshofen. Er sei sehr beliebt gewesen, „besonders durch seinen Humor und seinen Witz, den er sich bis in sein hohes Alter bewahrt“ habe, schreibt der Amperbote am 2. März 1933 in einem Nachruf, nachdem er am 28. Und das „Fräulein“ Josepha Hindinger, die einen eigenen kleinen Grabstein am Familiengrab hat, führt die Familientradition des Lehrberufs als Handarbeitslehrerin fort. Da bis 1951 das sogenannte „Lehrerinnenzölibat“ in Kraft ist, kann sie nicht heiraten, ohne ihre Pensionsansprüche zu verlieren. Zweimal taucht sie in den Aufzeichnungen der Gemeinde Unterweikertshofen auf: als 1912 der Radfahrerverein Concordia gegründet wird, ist sie als Mitglied auf einem Foto mit ihren männlichen Vereinskollegen abgebildet. Sie wird „Fräu´n Peppi“ genannt und ist, wie mündlich überliefert ist, mit dem Bader Josef Oswald befreundet. Laut Aufzeichnungen der Gemeinde Erdweg wird sie 1943 für den Unterricht in Unterweikertshofen verpflichtet. Dort werden die landwirtschaftlichen Berufsschulen aus Walkertshofen und Hof gemeinsam unterrichtet. Jeden 1. Montag sei auf dem Lenzbauernhof praktischer Unterricht abgehalten worden, den der Landwirt Schwibinger für die Buben erteilt und „Handarbeitslehrerin Frl.

Vier Komponisten aus Dachau im 20. Jahrhundert

Die Geschichtswerkstatt erinnert auch an vier Komponisten aus Dachau, die im 20. Jahrhundert gewirkt haben: Aloys Fleischmann, Hans Neumeyer, Anton Goldhofer und Gustl Waldenmaier. Aloys Fleischmann wurde 1880 als Sohn des Schuhmachermeisters Alois und seiner Frau Magdalena in Dachau geboren. Der sehr begabte Dachauer studierte an der Königlichen Akademie der Tonkunst in München und trat bereits mit 21 Jahren die Stelle des Chorregenten und Organisten an der Kirche St. Jakob an. Er gründete eine Musik- und Singschule, mit der er 1902 ein Krippenspiel aufführte, dem weitere zahlreiche erfolgreiche Aufführungen folgten. Unterstützt wurde er von Dachauern Künstlern und der Brauereifamilie Ziegler. Überregional bekannt wurde er durch seine Komposition „Nacht der Wunder“ von 1905. Nach seiner Heirat mit der deutsch-irischen Pianistin Tilly Swertz zog er nach Irland, wo er in Cork als Domkapellmeister tätig war. Anton Goldhofer wurde 1901 als Kind des Oberweichenwärters Andreas und seiner Frau Maria geboren. Er lernte beim Dachauer Chordirektor Georg Hablitzel Geige und wurde bereits als Jugendlicher Mitglied des Kirchenchors St. Jakob. Ab 1920 wirkte er als Volksschullehrer, später als Gymnasiallehrer. Parallel zu seiner Lehrtätigkeit nahm er das Studium der Violine an der Münchner Musikhochschule auf, war in der Meisterklasse Felix Berber und machte 1924 seinen Abschluss. Bis 1932 war er Erster Geiger im Nationaltheater, dann verließ er Dachau und war Kriegsteilnehmer. Nach dem Krieg entstand eine große Zahl an Kompositionen: Messen, Requiems, Chorwerke, Vertonungen von Gedichten. Ab den 50er Jahren war Goldhofer wieder als Lehrer tätig und leitete Schulchöre und -orchester. 1954-66 unterrichtete er am Dachauer Ignaz-Taschner-Gymnasium. Zu seinen Lebzeiten wurden seine Kompositionen nicht gespielt. Erst nach seinem Tod 1975 kamen auf Initiative seiner Witwe einige seiner Werke erstmals zur Aufführung - so 2005 u.a. im Rahmen der 1200-Jahrfeier der Stadt Dachau ein Requiem in St. Jakob. Der Musiker Gustl Waldenmaier war Mitglied der „Original Dachauer Bauernkapelle“. Seinen Unterricht erhielt er zunächst beim Dachauer Privatmusiklehrer Max Berkauf. Anschließend besuchte er die Münchner Musikhochschule um Klavier, Komposition, Dirigieren und Chorleitung zu studieren. 1942 arbeitete er als Chorleiter an der Semper-Oper in Dresden. Nach dem Krieg kehrte er nach Dachau zurück und organisierte Konzerte mit Dresdner Opernsolisten. 1946 gründete er im Dachauer Schloss eine Opernbühne, für die er die arbeitslosen Ensembles der Münchner Opernhäuser verpflichtete. Ein Jahr später löste sich der Betrieb wieder auf, als in München sowohl das Gärtnerplatztheater als auch das Prinzregententheater wiedereröffnet wurden. Die von ihm veranstalteten Konzerte begründeten die Tradition der bis heute stattfindenden Schlosskonzerte. 1948 -1960 arbeitete Waldenmaier für den Bayerischen Rundfunk als Aufnahmeleiter für die „Gehobene Unterhaltungsmusik“. 150 Kompositionen entstanden und über 1200 Arrangements im Bereich der Chor-, und Orchestermusik, Oper und Operette, geistlicher und Unterhaltungsmusik.

Das sinnlose Sterben junger Soldaten in den letzten Kriegstagen

Ein weiteres Beispiel für die tragischen Ereignisse im Landkreis Dachau ist das sinnlose Sterben zweier junger Soldaten in den letzten Kriegstagen. Ein Grab an der Nordostseite des Chores der Pfarrkirche St. Martin erinnert an zwei junge Männer, die in den letzten Kriegstagen in Eckhofen, am Ortsrand des Dorfes Kleinberghofen, den Tod fanden: Hermann Ramus, geboren am 12. März 1928 im hessischen Wrexen wurde nur 16 Jahre alt. Werner Orlamünder, geboren am 28. August 1928 in Saalburg in Thüringen, starb mit 17 Jahren am gleichen Tag, dem 29. Wie es dazu kam, ist auch heute noch nicht eindeutig geklärt. Der damalige Pfarrer Hintermeyer hielt in seiner Chronik fest, dass an diesem Tag die amerikanischen Streitkräfte durch Kleinberghofen zogen. Obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits offensichtlich war, dass der Krieg verloren war, wurden in den letzten Kriegstagen noch viele junge Männer in aussichtslose Kämpfe mit den Alliierten geschickt. Dazu zählte derjenige am Ortsrand von Eckhofen, wo Ramus und Orlamünder mit ihrem Zug auf eine Einheit der Amerikaner stießen.

Die Haustafeln der Familie Strasser und die Mörtelplastiken Bartholomäus Ostermairs

Über die Persönlichkeiten, an die dieses Jahr im Rahmen der Reihe „Gegen das Vergessen“ erinnert wird, wissen wir außer einiger Lebensdaten nur sehr wenig. Ihre Werke im Landkreis Dachau sind jedoch an vielen Stellen noch präsent: die Haustafeln der Familie Strasser und die Mörtelplastiken Bartholomäus Ostermairs. Sie entstanden im 19. Jahrhundert im Dachauer Land und stellen bis heute eine Besonderheit in Bayern dar. Der Maurer Lorenz Strasser wurde 1795 als erstes von sechs Kindern des Ehepaars Afra und Anton Strasser geboren und am 27. Mai des gleichen Jahres in der Kirche in Großberghofen getauft. Drei Jahre später kauften seine Eltern ein Leerhaus in Walkertshofen. Dieses Haus Nr. 7 mit dem Hausnamen „Maurerlenz“ wurde Lorenz Strasser am 23. Am 3. Mai 1831 heiratete Strasser Monika Mayer aus Guggenberg, mit der er drei Kinder, Maria Anna, Franz Xaver und Creszentia hatte. Nach seinem Tod am 30. Wie der gelernte Maurer Lorenz Strasser auf die Idee kam, aus Solnhofer Kalkplatten eine Bild/Schrifttafel zu gestalten, ist nicht überliefert. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden Kalkplatten vor allem als Bodenbelag genutzt - Strasser brachte sie hingegen an Hausmauern an: die quadratischen Tafeln mit einem Maß von 30.

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