Epilepsien und epileptische Anfälle zählen zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. In Deutschland leiden schätzungsweise 640.000 Menschen an Epilepsie, wobei die genauen Zahlen je nach Quelle variieren. Die Erkrankung stellt sowohl Ärzte als auch Betroffene vor Herausforderungen, da sie ein komplexes Krankheitsbild aufweist. Die Ursachen für Epilepsie sind vielfältig und erfordern eine sorgfältige medizinische Abklärung.
Die Bedeutung des EEGs in der Epilepsiediagnostik
Die Aufzeichnung der Hirnströme mittels Elektroenzephalogramm (EEG) ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Diagnostik von Epilepsie. Das EEG misst die bioelektrische Aktivität des Gehirns, indem Elektroden auf der Kopfhaut platziert werden. Diese Elektroden registrieren Spannungsschwankungen, die dann in einem Elektroenzephalogramm grafisch dargestellt werden. Ärzte nutzen diese Methode zur Diagnose und neurologischen Forschung.
Standard-EEG und seine Grenzen
In der Regel dauert eine Standard-EEG-Messung nur wenige Minuten. Dies liefert dem Neurologen jedoch lediglich ein punktuelles Bild der Hirnfunktion. In etwa 50 Prozent der Fälle zeigen sich nach einem epileptischen Anfall noch Veränderungen im EEG. Daher reicht ein Standard-EEG oft nicht aus, um eine fundierte Aussage zu treffen.
Langzeit-EEG mit Videoüberwachung
Ein Langzeit-EEG mit Videoüberwachung kann hier sinnvoll sein. Beispielsweise bietet die Klinik für Neurologie des Klinikums Kassel eine neue stationäre Monitoring-Einheit an, in der Patienten zwischen 24 und 72 Stunden oder sogar länger überwacht werden. EEG- und Videoaufzeichnungen liefern Anhaltspunkte für eine mögliche Anfallserkrankung.
Dr. Mareike Hagge, Oberärztin der Klinik für Neurologie am Klinikum Kassel, betont: „Gerade nach einem ersten Anfall ist es wichtig, die Ursache zu diagnostizieren." Denn nicht jeder Anfall wird tatsächlich durch Epilepsie verursacht. Symptome wie Bewusstseinsstörungen, Kribbelgefühle oder unkontrollierte Bewegungen der Extremitäten können auch bei anderen Erkrankungen auftreten. Das Langzeit-EEG dient daher auch dazu, Fehldiagnosen auszuschließen. Besonders wichtig sind die EEG-Aufzeichnungen während der Schlafphase, da hier in der Regel mehr epilepsietypische Aktivitäten erkennbar sind.
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Die stationäre EEG-Monitoring-Einheit am Klinikum Kassel verfügt über Zimmer, die mit Betten und Kameras ausgestattet sind. Dank eines tragbaren EEG-Systems sind die Patienten während der Überwachungszeit mobil. Patienten können über ihren Hausarzt oder ambulanten Neurologen für ein EEG-Monitoring angemeldet werden.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Ein erster epileptischer Anfall sollte immer ärztlich abgeklärt werden. Je früher eine Hirnstromkurve (EEG) abgeleitet werden kann, desto einfacher ist die Diagnose. Besonders kleinere Krämpfe als erste Anzeichen einer Epilepsie werden oft verkannt. Erwachsene sollten bei Verdacht auf Epilepsie von einem Neurologen untersucht werden, während Kinder von einem Pädiater betreut werden sollten.
Bei Verdacht auf Epilepsie wird der Arzt Anamnese, körperliche Untersuchung, EEG und bildgebende Verfahren einsetzen. Es ist wichtig, dem Arzt alle Details über den Anfall zu berichten, einschließlich eventueller Auren oder Umstände vor dem Anfall. Auch Berichte von Beobachtern sind wertvoll.
Epilepsie: Eine vielschichtige Erkrankung
Epilepsie ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen des Nervensystems. Der Begriff beschreibt Erkrankungen des Gehirns mit vielfältigen Erscheinungsbildern. Epileptische Anfälle sind kurzzeitige Funktionsstörungen des Gehirns, die in der Regel schlagartig und unprovoziert auftreten und nach kurzer Zeit wieder enden.
Das harmonische Zusammenspiel der Nervenzellen im Gehirn wird plötzlich gestört, und viele Nervenzellen entladen sich gleichzeitig. Dieser ungewohnte Impuls führt zum epileptischen Anfall. Die Erscheinungsform und Ausprägung hängen von der betroffenen Gehirnregion ab. Manche Patienten verspüren nur ein leichtes Zucken, andere sind kurzzeitig abwesend.
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Gelegenheitsanfall vs. Epilepsie
Tritt ein Anfall nur einmalig auf, wird er als „Gelegenheitsanfall“ bezeichnet. Etwa 5-10% aller Menschen erleben einmal im Leben einen solchen Anfall, der z.B. durch Alkoholentzug oder Schlafentzug ausgelöst werden kann. Bei einer Epilepsie liegt jedoch eine langfristige Veränderung des Gehirns vor, die sich durch wiederholt auftretende epileptische Anfälle äußert.
Die Diagnose Epilepsie wird gestellt, wenn mindestens zwei epileptische Anfälle im Abstand von mehr als 24 Stunden auftreten, ein einziger unprovozierter Anfall auftritt, aber die Wahrscheinlichkeit für weitere Anfälle hoch ist, oder ein Epilepsie-Syndrom vorliegt.
Diagnostischer Prozess bei Epilepsie
Die Epilepsiediagnostik ist ein Prozess, bei dem verschiedene Untersuchungen durchgeführt und deren Ergebnisse aufeinander bezogen werden müssen. Es ist wichtig zu wissen, was der Betroffene vor, während und nach dem Anfall selbst spürt. Da Anfälle oft nicht bewusst miterlebt werden, sind Fremdbeschreibungen durch Angehörige oder Freunde unverzichtbar. Auch Videoaufzeichnungen mit dem Handy können hilfreich sein.
Video-EEG-Monitoring
Bei Bedarf kann die Anfallsbeschreibung durch eine Videoüberwachung in einer spezialisierten Klinik ergänzt werden. Dies ermöglicht eine genaue Analyse der Anfallssymptome und der begleitenden EEG-Veränderungen.
Magnetresonanztomographie (MRT)
Mit Hilfe der MRT können hirnorganische Veränderungen sichtbar gemacht werden, die Hinweise auf die Ursache der Epilepsie geben können.
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Bildgebende Verfahren in der Epilepsiediagnostik
Neben dem EEG spielen bildgebende Verfahren eine wichtige Rolle bei der Diagnose und Behandlung von Epilepsie. Sie ermöglichen die Darstellung struktureller und funktioneller Veränderungen des Gehirns.
Elektroenzephalogramm (EEG)
Das EEG ist der Goldstandard zur Bestätigung der Diagnose Epilepsie. Es ermöglicht die zeitlich genaue Aufzeichnung der Hirnwellen und die Erkennung krankhafter Veränderungen der Hirnströme in Echtzeit. Im Rahmen der Untersuchung werden Spikes und Sharp Waves während eines akuten Anfalls aufgezeichnet. Allerdings ist die Methode nur eingeschränkt aussagefähig, da bei manchen Betroffenen die Werte eines zwischen zwei Anfällen durchgeführten EEGs unauffällig erscheinen können.
Magnetresonanztomographie (MRT)
Die MRT liefert wichtige strukturelle Informationen und ermöglicht die Detektion selbst kleiner Veränderungen wie Gewebeneu- oder Umbildungen. Sie ist besonders geeignet, um strukturelle Läsionen wie Tumore, Fehlbildungen der hirnversorgenden Gefäße oder Narbengewebe nach einem Trauma oder Entzündungen darzustellen. Zum Beispiel ist eine Hippokampussklerose häufig Ursache der mesialen Temporallappenepilepsie und zeigt charakteristische Signalveränderungen und Volumenreduktion in einzelnen MRT-Sequenzen.
Computertomographie (CT)
Die CT spielt eine wichtige Rolle in spezifischen klinischen Situationen, insbesondere in der Notfalldiagnostik beim Status epilepticus oder bei erstmaligen Anfällen, um lebensbedrohliche Ursachen wie Blutungen oder raumfordernde Prozesse auszuschließen.
Szintigraphie (SPECT und PET)
Die Szintigraphie stellt funktionelle Aspekte der Hirnphysiologie über radioaktiv markierte Stoffe dar. Die iktale SPECT-Bildgebung zeigt eine stärkere Durchblutung im epileptischen Fokus, während die interiktale Aufnahme eine Minderdurchblutung dokumentiert.
Therapieansätze bei Epilepsie
Die Epilepsiebehandlung wird in der Regel medikamentös mit Antiepileptika begonnen. Diese Medikamente wirken direkt auf das Nervensystem und die Nervenzellen, indem sie die Reizweiterleitung der Nerven hemmen und die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn vermindern. Parallel zur medikamentösen Therapie kann auch die Anfallsselbstkontrolle in die Behandlung integriert werden.
Epilepsiechirurgie
Allerdings werden nicht alle Patienten durch eine medikamentöse Behandlung anfallsfrei. In solchen Fällen kann eine weitere Abklärung erforderlich sein, um alternative Behandlungsmöglichkeiten wie die Epilepsiechirurgie in Betracht zu ziehen.
Unter Epilepsiechirurgie versteht man die Behandlung der Epilepsie mittels neurochirurgischer Verfahren. Sie ist eine erprobte und anerkannte Behandlungsform, die in spezialisierten Zentren durchgeführt wird. Im Rahmen einer stationären prächirurgischen Abklärung wird geprüft, ob die epileptischen Anfälle von einer bestimmten Stelle des Gehirns ausgehen und ob es möglich ist, diese operativ zu entfernen, ohne dass der Patient Störungen im Bereich von Gedächtnis, Kraft oder Sprache erleidet.
Neurostimulation
Im Gegensatz zur Epilepsiechirurgie kann mit der Neurostimulation keine Anfallsfreiheit erreicht werden. Allerdings bewirkt sie, je nach Art der Epilepsie und des eingesetzten Verfahrens, eine deutliche Minderung der Anfallsfrequenz. Unter Neurostimulation versteht man, dass Strukturen im Gehirn oder solche, die dorthin führen (wie der Vagus-Nerv), mit niedriger Stromstärke stimuliert werden.
Moderne Entwicklungen in der Epilepsiechirurgie
Mit zunehmender Technisierung der prächirurgischen Epilepsiediagnostik gewinnt auch die invasive Elektroenzephalographie (iEEG) an Bedeutung. Minimal-invasive, neuronavigationsgestützte Verfahren gehören zum neurochirurgischen Standardrepertoire in epilepsiechirurgischen Zentren.
Stereoelektroenzephalographie (SEEG)
Die Stereoelektroenzephalographie (SEEG) ist eine Methode, bei der Elektroden tief in das Gehirn eingeführt werden, um die elektrische Aktivität aus verschiedenen Regionen aufzuzeichnen. Dies ermöglicht eine präzisere Lokalisation der epileptogenen Zone, insbesondere bei nichtläsionellen Epilepsien.
Vorteile der SEEG
- Erreichbarkeit tief gelegener Strukturen
- Geringe Invasivität und Komplikationsrate
- Möglichkeit des Mappings von Sensorik, Motorik und Sprache
Anwendung der SEEG bei verschiedenen Epilepsieformen
Die SEEG findet Anwendung bei verschiedenen Epilepsieformen, darunter die MRT-negative Temporallappenepilepsie (TLE) und die Frontallappenepilepsie (FLE).
Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit
Die Ergebnisse aus dem invasiven Video-EEG-Monitoring sollten im Rahmen einer interdisziplinären Epilepsiekonferenz präsentiert werden. Für den Neurochirurgen ist eine Visualisierung der Ergebnisse, idealerweise mittels multiplanar rekonstruierter MR-Bilder, unabdingbar.
Epi-Care: Ein Beispiel für moderne Technologie im Bereich Epilepsie
Die Technologie hinter den Epi-Care Alarmarmbändern wurde in einer wissenschaftlichen Studie an drei Epilepsiezentren klinisch getestet. Epi-Care mobile kann drinnen, draußen und unterwegs verwendet werden. Die Studie zeigte, dass Epi-Care free generalisierte tonisch-klonische Anfälle mit einer hohen Genauigkeit erkennen kann.
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