Verkleinerter Hippocampus: Ursachen und Folgen

Der Hippocampus, eine Hirnregion, die eine entscheidende Rolle für Lernen, Gedächtnis und die Verarbeitung von Emotionen spielt, steht zunehmend im Fokus der Forschung. Veränderungen in seiner Größe, insbesondere eine Verkleinerung, werden mit verschiedenen psychischen Erkrankungen und traumatischen Erfahrungen in Verbindung gebracht. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen und Folgen eines verkleinerten Hippocampus und gibt einen Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse.

Der Hippocampus und seine Funktionen

Der Hippocampus ist Teil des limbischen Systems und spielt eine Schlüsselrolle bei:

  • Gedächtnisbildung: Er ist essenziell für die Überführung von Informationen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis.
  • Räumliche Orientierung: Er hilft uns, uns in unserer Umgebung zurechtzufinden und räumliche Karten zu erstellen.
  • Emotionale Verarbeitung: Er ist an der Regulation von Emotionen beteiligt, insbesondere im Zusammenhang mit Gedächtnisinhalten.

Ursachen eines verkleinerten Hippocampus

Verschiedene Faktoren können zu einer Verkleinerung des Hippocampus beitragen:

Traumatische Erfahrungen in der Kindheit

  • Kindesmisshandlung und -vernachlässigung: Studien zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen physischer, sexueller und emotionaler Misshandlung von Kindern und Veränderungen im Hippocampus. Amerikanische Forscher untersuchten Kinder im Alter zwischen sieben und 13 Jahren, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung litten - eine Folgeerscheinung von extrem belastenden Erlebnissen. Diese Kinder hatten sexuelle Misshandlungen, Gewalt oder längere Isolation ertragen müssen.
  • Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): Traumatisierende Erlebnisse können zu einer PTBS führen, die wiederum mit einem verkleinerten Hippocampus assoziiert ist. Eine Studie an Kriegsveteranen deutet darauf hin, dass ein kleinerer Hippocampus Menschen "anfälliger" für Belastungsstörungen macht.
  • Stresshormone: Erhöhte Cortisol-Werte, ein Stresshormon, können die Zellen des Hippocampus schädigen. Kinder, die von einer posttraumatischen Belastungsstörung in ihrer Kindheit betroffen waren, haben als Erwachsene ein erhöhtes Risiko, an einer Depression oder Angststörung zu erkranken.

Depressionen

  • Chronische Depressionen: Insbesondere wiederholte depressive Episoden und ein Krankheitsbeginn vor dem 21. Lebensjahr werden mit einer Verkleinerung des Hippocampus in Verbindung gebracht.
  • Neurotrophe Hypothese: Diese Hypothese deutet Depressionen als Folge häufiger Stressereignisse. Eine gesteigerte Aktivität der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse führt zur vermehrten Freisetzung von Cortisol, was den Hippocampus schädigen kann.
  • Veränderungen der neuronalen Plastizität: Serotonin, ein Neurotransmitter, der bei Depressionen oft im Ungleichgewicht ist, beeinflusst neuronale Wachstumsprozesse im Hippocampus. Ein Mangel an Serotonin kann die Plastizität des Hippocampus beeinträchtigen.

Genetische Faktoren

  • Genvarianten: Studien haben Zusammenhänge zwischen bestimmten Genvarianten und dem Auftreten von Depressionen und einem verkleinerten Hippocampus gefunden. Eine Variante des Gens für den Wachstumsfaktor BDNF zum Beispiel produziert eine weniger verfügbare Form des Proteins, was vermutlich Einschränkungen bei der Neurogenese und synaptischen Plastizität nach sich zieht.

Weitere Faktoren

  • Alter: Der Hippocampus schrumpft bzw. atrophiert im Alter.
  • Vaskuläre Veränderungen: Reduzierter Blutfluss oder vaskuläre Schäden im Gehirn können zur kognitiven Beeinträchtigung beitragen. Dazu gehören Mikroangiopathien, Schlaganfälle oder chronisch ischämische Veränderungen.
  • Neuroinflammation: Chronische Entzündungen im Gehirn werden ebenfalls zunehmend als potenzieller Beitrag zur Neurodegeneration und zum kognitiven Abbau erkannt.
  • Drogenmissbrauch: Drogenkonsum kann psychiatrische Erkrankungen begünstigen.

Folgen eines verkleinerten Hippocampus

Ein verkleinerter Hippocampus kann verschiedene negative Auswirkungen haben:

  • Gedächtnisprobleme: Schwierigkeiten beim Lernen neuer Informationen und Abrufen von Erinnerungen.
  • Räumliche Desorientierung: Probleme, sich in der Umgebung zurechtzufinden.
  • Emotionale Dysregulation: Schwierigkeiten bei der Regulation von Emotionen, erhöhte Anfälligkeit für Angst und Depression.
  • Erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen: Ein verkleinerter Hippocampus kann das Risiko für Depressionen, PTBS und andere psychische Erkrankungen erhöhen.
  • Borderline-Persönlichkeitsstörung: Studien haben einen Zusammenhang zwischen einem verkleinerten Hippocampus und der Borderline-Persönlichkeitsstörung gefunden.
  • TLE-ähnliche Symptome: Patienten mit frühkindlicher Misshandlung zeigen oft ein abnormes EEG und Übererregbarkeit des limbischen Systems.

Forschungsergebnisse im Überblick

  • Studien mit Kindern und Jugendlichen: Amerikanische Forscher untersuchten 15 Kinder im Alter zwischen sieben und 13 Jahren, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung litten - eine Folgeerscheinung von extrem belastenden Erlebnissen. Diese Kinder hatten sexuelle Misshandlungen, Gewalt oder längere Isolation ertragen müssen. Sie wiesen im Vergleich zu „gesunden“ Kindern höhere Cortisol-Werte in ihrem Blut auf - ein Stresshormon, das in Tierversuchen Zellen des Hippocampus zerstörte (einem Teil des Gehirns, der u.a. für das Lernen, die Erinnerung und das Gedächtnis zuständig ist).
  • Studien mit Erwachsenen: J. Douglas Bremner verglich kernspintomografische Aufnahmen von 17 Erwachsenen, die als Kinder missbraucht worden waren und alle an einer so genannte posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) litten, mit einer Kontrollgruppe von 17 Gesunden. Der linke Hippocampus der missbrauchten Patienten mit PTBS war im Mittel 12 Prozent kleiner als bei den gesunden Kontrollpersonen.
  • Meta-Analysen: Die ENIGMA-Major Depressive Disorder Working Group, ein internationales Forscherteam, hat die Daten aus drei früheren Studien zusammengefasst. Die Auswertung bestätigte die Ergebnisse früherer Studien. Am stärksten ausgeprägt war der Volumenrückgang der Hippocampi - der mit einer Vergrößerung der Seitenventrikel einherging - war der Volumenrückgang bei Patienten mit rezidivierender Major-Depression, während bei Patienten nach einer ersten Episode einer Major-Depression noch keine Verkleinerung nachweisbar war.

Diagnose und Behandlung

  • Strukturelle MRT-Scans: Sie sind ein wichtiges Werkzeug für die Bestimmung des Hippocampusvolumens. AI-Tools wie AIRAscore können die Bestimmung des Hirnvolumens erleichtern.
  • Psychotherapie: Traumatherapie kann helfen, die Auswirkungen traumatischer Erfahrungen zu verarbeiten und die Symptome einer PTBS zu lindern.
  • Medikamente: Antidepressiva können helfen, die Symptome einer Depression zu lindern und die neuronale Plastizität im Hippocampus zu fördern.
  • Lifestyle-Änderungen: Stressreduktion, regelmäßige Bewegung und eine gesunde Ernährung können die Gesundheit des Gehirns fördern und möglicherweise das Wachstum des Hippocampus unterstützen.

Kritische Betrachtung

Es ist wichtig zu beachten, dass die Forschungsergebnisse zum Thema verkleinerter Hippocampus nicht immer eindeutig sind. Einige Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen bestimmten Faktoren und einer Verkleinerung des Hippocampus, während andere keine signifikanten Unterschiede finden.

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  • Heterogene Datenlage: Florian Holsboer betont, dass die Datenlage heterogen ist. Es gibt zwar Befunde, die darauf hindeuten, dass sich bei schweren Depressionen das Volumen des Hippocampus verändere, aber es gebe auch gegenteilige Ergebnisse.
  • Ursache und Wirkung: Ungeklärt ist bisher die Frage, ob ein verkleinerter Hippocampus das Risiko für eine posttraumatische Belastungsstörung erhöht oder ob ein verkleinerter Hippocampus die Folge einer Belastungsstörung ist.
  • Volumenveränderung vs. Zellverlust: Eine Volumenveränderung bedeutet nicht unbedingt, dass Nervenzellen verschwunden sind. Es könnte sich genauso gut um eine vorübergehende Flüssigkeitsverschiebung handeln.

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