Einführung
Vernarbtes Gewebe im Gehirn, auch Gliose genannt, ist eine Reaktion des Gehirns auf verschiedene Schädigungen. Es handelt sich um eine Vermehrung von Gliazellen, dem Stützgewebe des Gehirns, um beschädigtes Nervengewebe zu reparieren und die Stabilität des Gehirns zu erhalten. Im Gegensatz zu Narben auf der Haut, die durch Bindegewebszellen (Fibroblasten) verschlossen werden, bestehen Hirnnarben aus Gliazellen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze von vernarbtem Gewebe im Gehirn.
Ursachen von vernarbtem Gewebe im Gehirn
Vernarbtes Gewebe im Gehirn kann durch verschiedene Faktoren verursacht werden, darunter:
- Hirntraumata: Ein Schlag auf den Kopf, wie er beispielsweise bei Boxern, Eishockeyspielern oder American-Football-Spielern vorkommt, kann zu Hirntraumata führen. Konkret bedeutet dies, dass bestimmte Bereiche des Gehirns geschädigt werden und die Nervenzellen dort ihre gewohnte Aufgabe nicht mehr übernehmen können. An diesen Stellen bilden sich dann Narben aus.
- Schlaganfall: Ein Schlaganfall, sei er ischämisch (durch ein Blutgerinnsel verursacht) oder hämorrhagisch (durch eine Blutung verursacht), kann zu einer Minderdurchblutung des Gehirngewebes führen und somit Nervenzellen schädigen.
- Entzündungen: Entzündliche Prozesse im Gehirn, wie sie beispielsweise bei Multipler Sklerose auftreten, können ebenfalls zu Läsionen und Narbenbildung führen. Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische, fortschreitende Krankheit des zentralen Nervensystems, die das Gehirn, den Sehnerv und das Rückenmark betrifft. MS wird als Autoimmunerkrankung betrachtet. Dies bedeutet, dass das Immunsystem fälschlicherweise Teile des eigenen Körpers angreift, in diesem Fall das Zentrale Nervensystem (ZNS). Die speziellen Schäden, die dabei im ZNS entstehen, bezeichnet man als MS-Läsionen. Sie sind Orte, an denen eine entzündliche Schädigung stattfindet. Zudem geht dort die schützende Hülle um Nerven, die sogenannte Myelinscheide, verloren (Demyelinisierung).
- Neurodegenerative Erkrankungen: Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer sind durch den Abbau von Nervenzellen gekennzeichnet. Der Körper versucht, diese Schäden durch die Bildung von Narbengewebe zu kompensieren.
- Tumoren: Gutartige oder bösartige Neubildungen von Gewebe im Gehirn können auf benachbarte Strukturen drücken und diese schädigen, was zur Narbenbildung führt. Meningeome, die von den Hirnhäuten ausgehen, sind mit 35 % die häufigsten Tumoren des zentralen Nervensystems.
- Infektionen: Selten kann eine Virusinfektion des Gehirns, wie die Progressive Multifokale Leukenzephalopathie (PML), zu Hirnschäden und Narbenbildung führen. Die PML ist eine sehr seltene, schwerwiegende und potenziell lebensbedrohliche Virusinfektion des Gehirns. Als Ursache für die Entwicklung einer PML wird ein geschwächtes Immunsystem angesehen. Ausgelöst wird die PML durch das humane Polyomavirus 2 (HPyV-2; auch: John Cunningham Virus, JCV).
Symptome von vernarbtem Gewebe im Gehirn
Die Symptome von vernarbtem Gewebe im Gehirn hängen stark von der Lokalisation und dem Ausmaß der Schädigung ab. In vielen Fällen verursacht vernarbtes Gewebe keine Symptome und wird zufällig im Rahmen einer bildgebenden Untersuchung entdeckt. Wenn Symptome auftreten, können diese vielfältig sein, da verschiedene Hirnregionen unterschiedliche Funktionen haben. Einige mögliche Symptome sind:
- Neurologische Ausfälle: Abhängig vom Ort des geschädigten Hirngewebes kann die Funktionalität der betroffenen Hirnregion beeinträchtigt sein. So kann es zum Beispiel bei Schädigung des linken Schläfenlappens zu Sprachstörungen kommen. Oder die Verletzung des rechten Scheitellappens kann zu einer Halbseitenlähmung der linken Körperhälfte führen.
- Epileptische Anfälle: Narben können zu einer Störung des elektrischen Gleichgewichts des Hirns führen, was ein Epilepsieleiden zur Folge haben kann.
- Chronische Schmerzen: Vernarbtes Gewebe kann Nerven reizen und neuropathische Schmerzen verursachen. Neuropathische Schmerzen entstehen durch Schädigungen der Nerven und äußern sich oft als brennende, kribbelnde und dauerhafte Schmerzen sowie einer Überempfindlichkeit des schmerzhaften Areals.
- Kognitive Beeinträchtigungen: Gedächtnisprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten oder Veränderungen der Persönlichkeit können auftreten, wenn Hirnregionen, die für kognitive Funktionen zuständig sind, betroffen sind.
- Motorische Störungen: Vernarbtes Gewebe kann die Motorik beeinflussen, indem es die Bewegungsreichweite des Gewebes einschränkt oder die Strukturen komprimiert.
- Sensibilitätsstörungen: Parästhesien wie Kribbeln oder Brennen, Hypästhesien (vermindertes Tastgefühl) können auftreten.
Bei Multipler Sklerose sind die Symptome vielfältig und können schubweise oder stetig fortschreitend auftreten. Zu den Symptomen gehört die Optikusneuritis. Bei dieser Sehnervenentzündung tritt häufig einseitig eine Schmerzempfindung bei Augenbewegungen auf. Dabei kann es zu einer Visusminderung bis hin zur passageren Erblindung kommen, wobei oft ein Zentralskotom (zentraler Gesichtsfeldausfall) oder eine Farbsinnstörung festzustellen ist. Patienten können auch Doppelbilder erleben (Störung der Okulomotorik) oder eine Internukleäre Ophthalmoplegie (INO) entwickeln, bei der es zu einer Beeinträchtigung der koordinierten Augenbewegungen kommt. Auch kann es zu einem Nystagmus (unwillkürliche, periodisch-rhythmische Augenbewegungen) kommen. Die Betroffenen berichten auch von Sensibilitätsstörungen. Dazu gehören Parästhesien wie Kribbeln oder Brennen, Hypästhesien (vermindertes Tastgefühl), Dysästhesien und das Lhermitte-Zeichen, bei dem Patienten bei einer Nackenbeugung elektrisierende Missempfindungen entlang der Wirbelsäule verspüren. Zerebelläre und zentral-vestibuläre Symptome, wie z.B. ein Zieltremor (Zittern beim Anvisieren eines Ziels), Nystagmus (unwillkürliches Augenzucken) und skandierendes Sprechen sind bei einer Multiplen Sklerose typisch. Es gibt auch vegetative Symptome, welche den Alltag der Erkrankten einschränken. So kann MS die Blasenfunktion beeinträchtigen und zu sexuellen Dysfunktionen führen. Bei Frauen sind Sensibilitätsstörungen und Schmerzen im Genitalbereich möglich. Viele Patienten mit MS berichten auch von chronischen Schmerzen und übermäßige Müdigkeit. Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Depressionen und unangemessene Euphorie sind ebenfalls häufige Symptome. Diese gehören zu den psychischen und kognitiven Symptomen. In seltenen Fällen leiden die Erkrankten an eine symptomatische Trigeminusneuralgie (oft beidseitig). Die Trigeminusneuralgie bezeichnet einen äußerst starken Gesichtsschmerz, der in den Stirnbereich, den Oberkiefer und den Unterkiefer ausstrahlt.
Diagnose von vernarbtem Gewebe im Gehirn
Bei Verdacht auf vernarbtes Gewebe im Gehirn ist eine umfassende neurologische Untersuchung erforderlich. Diese umfasst:
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- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich möglicher Unfälle, Vorerkrankungen und des zeitlichen Verlaufs der Beschwerden.
- Körperliche Untersuchung: Überprüfung der neurologischen Funktionen, wie z.B. Hirnnervenfunktion, Motorik, Sensibilität und Koordination.
- Bildgebende Verfahren: Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist das wichtigste bildgebende Verfahren zur Darstellung von Hirngewebe und zur Lokalisation von Narben, Infarkten oder Blutungen. Eine Computertomografie (CT) nach Kontrastmittelgabe kann den Tumor sehr gut nachweisen.
- Elektroenzephalogramm (EEG): Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns zur Erkennung von Epilepsie oder anderen neurologischen Störungen.
- Liquoruntersuchung: Analyse des Nervenwassers zur Erkennung von Entzündungen oder Infektionen.
Behandlungsansätze von vernarbtem Gewebe im Gehirn
Die Behandlung von vernarbtem Gewebe im Gehirn richtet sich nach der Ursache, den Symptomen und dem Ausmaß der Schädigung. Einige mögliche Behandlungsansätze sind:
- Medikamentöse Therapie: Medikamente können eingesetzt werden, um die Ursache der Narbenbildung zu behandeln (z.B. Immunsuppressiva bei Multipler Sklerose) oder um Symptome wie Schmerzen, Epilepsie oder Spastiken zu lindern.
- Chirurgische Entfernung: In einigen Fällen, insbesondere wenn das Narbengewebe epileptische Anfälle verursacht oder auf benachbarte Strukturen drückt, kann eine operative Entfernung des Narbengewebes in Erwägung gezogen werden.
- Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie: Diese Therapieformen können helfen, motorische, sensorische oder kognitive Defizite zu verbessern, die durch das vernarbte Gewebe verursacht wurden. In der Physiotherapie bekommen Narben spezielle Aufmerksamkeit. Die Behandlung beinhaltet typischerweise eine sanfte Lockerung des vernarbten Bereichs, gefolgt von einer spezifischen leichten Aktivierung der betroffenen Muskeln. Das Ziel der Behandlung liegt nicht in der wesentlichen Korrektur der Narbe, sondern in der Veränderung der Informationen, die das Gehirn aus dem betroffenen Gebiet empfängt und der Reaktion des Gehirns auf diese Information.
- Neuromodulation: Bei chronischen Schmerzen können neuromodulative Verfahren wie die Rückenmarksstimulation (Spinal Cord Stimulation, SCS) oder die Tiefe Hirnstimulation (THS) eingesetzt werden, um die Schmerzwahrnehmung zu beeinflussen. Bei der Rückenmarkstimulation wird in der Wirbelsäule eine Elektrode platziert. Über diese werden elektrische Impulse an das Rückenmark abgegeben. Die Elektrode ist mit einem Impulsgeber (vergleichbar mit einem Herzschrittmacher) verbunden.
- Stammzelltherapie: Die Stammzelltherapie wird als potenzieller Ansatz zur Regeneration von Nervengewebe untersucht. Die Forscherin Magdalena Götz hat herausgefunden, dass sich Narbengewebe wieder in funktionsfähige Nerven verwandeln lässt. Dazu bedarf es nur einer speziellen Mixtur aus verschiedenen Proteinen, und schon werden die sogenannten Gliazellen der Narbe umgewandelt. Das Ziel von Götz ist es, die ohnehin im Gehirn schlummernden Stammzellen durch Proteine so reprogrammieren, dass sie sich in normale Nervenzellen verwandeln und sich mit dem umgebenden Neuronen vernetzen.
Aktuelle Forschung
Die Forschung im Bereich der Neuroregeneration und Narbenbildung im Gehirn ist sehr aktiv. Wissenschaftler arbeiten daran, neue Therapieansätze zu entwickeln, die das Potenzial haben, geschädigtes Nervengewebe zu reparieren und die Funktion des Gehirns wiederherzustellen. Ein Forschungsteam der Charité - Universitätsmedizin Berlin konnte aufzeigen, wie wichtig bei diesem Vorgang die Umorganisation von Gerüst- und Membranstrukturen in den Gliazellen ist. Die jetzt im Fachmagazin Nature Communications beschriebenen Erkenntnisse werfen Licht auf einen neuen zellulären Schutzmechanismus, durch den das Gehirn aktiv schweren Verläufen von neurologischen Erkrankungen entgegenwirken könnte. Ein Forschungsteam der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) und des Max-Planck-Instituts für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim konnte zeigen, dass die Unterdrückung der Narbenbildung bei Zebrafischen an den Signalweg gekoppelt ist, der über das Protein Interleukin-11 Rezeptor Alpha vermittelt wird. In einem nächsten Schritt wollen die Forscher nun untersuchen, ob und wie auch menschliche Zellen dazu gebracht werden könnten, ein solches Zellregenerationsprogramm zu aktivieren.
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