Vestibuläre Migräne: Ursachen, Symptome und Behandlung

Die vestibuläre Migräne ist eine spezielle Form der Migräne, die sich durch Schwindelattacken zusätzlich zu den typischen Migränesymptomen auszeichnet. Oftmals wird sie als "Chamäleon unter den Schwindelformen" bezeichnet, da der Schwindel auch ohne Kopfschmerzen auftreten kann, was die Diagnose erschwert. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten der vestibulären Migräne.

Was ist vestibuläre Migräne?

Die vestibuläre Migräne ist eine Unterform der episodischen Migräne, bei der das Gleichgewichtsorgan im Innenohr (Vestibularorgan) betroffen ist. Früher wurde sie auch als migränebedingte Vestibulopathie oder migränöser Schwindel bezeichnet. Sie betrifft schätzungsweise ein Prozent der mitteleuropäischen, erwachsenen Bevölkerung. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Die vestibuläre Migräne kann in jeder Altersgruppe auftreten.

Abgrenzung zu anderen Schwindelerkrankungen

Die Diagnose der vestibulären Migräne kann schwierig sein, da sie anderen Erkrankungen des Innenohrs ähneln kann. Es ist wichtig, sie von folgenden Krankheitsbildern zu unterscheiden:

  • Morbus Menière: Auch hier treten anfallsartiger Schwindel, Übelkeit und Ohrgeräusche auf. Allerdings führt Morbus Menière im Gegensatz zur vestibulären Migräne zu einem fortschreitenden Hörverlust.
  • Transitorisch ischämische Attacken (TIAs): TIAs betreffen meist ältere Patienten und verursachen Symptome wie Sprachschwierigkeiten, Verwirrtheit, Sehverlust, Schwindel und Gleichgewichtsverlust. Die Symptome halten nur wenige Minuten bis Stunden an.
  • Vestibularisparoxysmie: Hier kommt es durch Nervenkompression zu kurzen Schwindelattacken, die nur wenige Sekunden dauern, aber bis zu 100-mal täglich auftreten können.
  • Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS): BPLS verursacht kurze Schwindelattacken bei Kopfbewegungen, z.B. beim Aufstehen oder Umdrehen.
  • Psychogener Schwindel: Dieser Schwindel ist die Folge einer Angststörung und tritt besonders in bestimmten Situationen auf.
  • Orthostatische Hypotonie: Beim schnellen Aufstehen sinkt der Blutdruck, was zu Benommenheit, Schwindel und Sehstörungen führen kann.

Symptome der vestibulären Migräne

Das Hauptsymptom der vestibulären Migräne ist Schwindel. Dieser kann sich als Drehschwindel, Schwankschwindel, lageabhängiger Schwindel oder als Kopfbewegungsintoleranz äußern. Bei einigen Patienten werden die Schwindelattacken auch von visuellen Reizen wie bewegten Mustern oder vielen Farben und Formen beeinflusst.

Eine Schwindelattacke kann zwischen wenigen Sekunden und mehreren Tagen dauern. Bei etwa der Hälfte aller Betroffenen halten die Attacken Stunden bis Tage an. Ein temporärer Zusammenhang zwischen Schwindel und migränetypischen Kopfschmerzen ist nicht immer vorhanden.

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Weitere Symptome, die das Beschwerdebild der vestibulären Migräne vervollständigen können, sind:

  • Oszillopsien: Scheinbewegungen der Umwelt.
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Gangunsicherheit: Aufgrund der Beteiligung des Gleichgewichtsorgans.
  • Migräne-Symptome: Kopfschmerzen, Licht- und Lärmscheu, häufiges Wasserlassen.
  • Auditive Symptome: Hörminderung, Tinnitus oder Ohrendruck (ohne Verschlimmerung im Laufe der Erkrankung).
  • Visuelle Auren: Flimmern vor den Augen.

Ursachen und Auslöser der vestibulären Migräne

Die genauen Ursachen der vestibulären Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass es sich um eine neurologische Erkrankung handelt, bei der das Gehirn Reize nicht mehr richtig verarbeiten kann. Oft liegt die Erkrankung aber in der Familie.

Äußere Faktoren können Attacken auslösen. Zu den häufigsten Triggern gehören:

  • Stress
  • Schlafmangel oder gestörter Schlafrhythmus
  • Hormonelle Schwankungen: Besonders während der Schwangerschaft, Wechseljahre oder Menstruation.
  • Bestimmte Lebensmittel: Rotwein, Käse, dunkle Schokolade, Geschmacksverstärker wie Glutamat.
  • Licht- oder Geräuschreize
  • Wetterveränderungen
  • Nikotin und Alkohol

Diagnose der vestibulären Migräne

Die Diagnose der vestibulären Migräne kann eine Herausforderung sein. Viele Betroffene durchlaufen eine lange Ärzte-Odyssee, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Die Bárány-Society hat folgende Kriterien für die Diagnose aufgestellt:

  • Mindestens fünf Attacken mit vestibulären Symptomen mit einer Dauer von fünf Minuten bis 72 Stunden.
  • Diagnostizierte Migräne mit oder ohne Aura in der Vergangenheit.
  • Bei mindestens 50 % der Schwindelanfälle treten ein oder mehrere Migränesymptome auf.
  • Die Beschwerden sind nicht auf eine andere Erkrankung zurückzuführen.

Um die Funktion des Gleichgewichtsorgans zu messen, wird häufig eine Videonystagmografie (VNG) durchgeführt.

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Behandlung der vestibulären Migräne

Die Behandlung der vestibulären Migräne zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Häufigkeit der Attacken zu reduzieren.

Akutbehandlung

Bei akuten Schwindelattacken können folgende Medikamente helfen:

  • Antiemetika: Wie Metoclopramid und Domperidon gegen Übelkeit.
  • Dimenhydrinat: Gegen Übelkeit und Schwindel.
  • Triptane: Bei Migräne mit Kopfschmerzen.
  • Schmerzmittel (Analgetika): Wie Ibuprofen und ASS gegen Kopfschmerzen.

Prophylaxe

Zur Vorbeugung von Attacken können folgende Medikamente eingesetzt werden:

  • Betablocker: Wie Metoprolol.
  • Calciumkanalblocker: Wie Flunarizin. Flunarizin blockiert den Calciumkanal im Innenohr und wirkt so direkt am Vestibularorgan.
  • Antidepressiva: Wie Amitriptylin.
  • Antiepileptika: Wie Topiramat.
  • CGRP-Antikörper: Können bei hohem Leidensdruck eingesetzt werden.
  • Gepante: Blockieren im Gehirn einen Rezeptor, der an der Entstehung von Attacken beteiligt ist.
  • Carboanhydrasehemmer: Wie Acetazolamid und Diclofenamid.

Es ist wichtig, die Medikamente in Absprache mit dem Arzt einzuschleichen und regelmäßig die Wirkungen und möglichen Nebenwirkungen zu besprechen.

Weitere Maßnahmen

Zusätzlich zu Medikamenten können folgende Maßnahmen helfen, die Symptome der vestibulären Migräne zu lindern:

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  • Gesunder Lebensstil: Ausreichend Schlaf, ausgewogene Ernährung, genügend Trinken.
  • Regelmäßige Bewegung: Ausdauersportarten wie Joggen, Schwimmen oder Fahrradfahren.
  • Entspannungsmethoden: Progressive Muskelrelaxation, autogenes Training oder Mediation.
  • Gleichgewichtstraining: Um die Sicherheit zu erhöhen.
  • Vermeidung von Triggern: Individuelle Auslöser erkennen und vermeiden.

Krankheitsverlauf und Prognose

Die Symptome der vestibulären Migräne dauern zwischen fünf Minuten und 72 Stunden. Die Beschwerden klingen bis zum nächsten Migräne-Anfall komplett ab. Mithilfe von geeigneten Prophylaxe-Maßnahmen lassen sich die Migräne-Tage meistens um etwa die Hälfte reduzieren.

Vestibuläre Migräne ist nicht heilbar. Dennoch gibt es immer wieder Fälle, bei denen es zu einer Spontanremission kommt. Viele Patientinnen und Patienten haben jedoch immer wieder Migräne-Anfälle. Kommen Migränepatientinnen in die Wechseljahre, lassen die Kopfschmerzen oft nach und der Schwindel tritt alleine auf.

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