Die vestibuläre Migräne ist eine spezielle Form der Migräne, die sich durch wiederkehrende Schwindelattacken auszeichnet. Diese Attacken können von Kopfschmerzen, Licht- oder Geräuschempfindlichkeit begleitet sein. In Deutschland sind schätzungsweise fast ein Prozent der Bevölkerung betroffen, was mehrere Hunderttausend Menschen entspricht. Die Diagnose kann jedoch schwierig sein, da Schwindel viele Ursachen haben kann.
Was ist vestibuläre Migräne?
Vestibuläre Migräne ist eine Kopfschmerzerkrankung, die in der Regel mit starken Schwindelbeschwerden, Gleichgewichtsstörungen, Übelkeit oder Hörverlust einhergeht. Die Bezeichnung "vestibulär" bezieht sich auf das vestibuläre System, das im menschlichen Körper für die Wahrung des Gleichgewichts zuständig ist. Bei der vestibulären Migräne ist genau dieses System gestört. Schon einfache Kopfbewegungen können Schwindel und Desorientierung auslösen.
Anders als bei der normalen Migräne steht bei der vestibulären Form nicht der Kopfschmerz, sondern der Schwindel im Vordergrund. Die Symptome können plötzlich auftreten und von wenigen Minuten bis hin zu mehreren Stunden anhalten. Menschen mit vestibulärer Migräne können auch Lichtempfindlichkeit, Tinnitus und verschwommenes Sehen empfinden. Es wird angenommen, dass die Erkrankung durch eine überaktive Reaktion des vestibulären Systems im Innenohr verursacht wird.
Frauen sind etwa fünfmal häufiger als Männer von vestibulärer Migräne betroffen. Insbesondere kann der Zusammenhang zwischen vestibulärer Migräne und dem Menstruationszyklus bei Frauen ein Hinweis darauf sein, dass Hormone eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Erkrankung spielen.
Symptome der vestibulären Migräne
Die Symptome der vestibulären Migräne können von Person zu Person variieren. Zur Diagnosestellung müssen mindestens fünf Schwindelattacken von mindestens fünf Minuten Dauer aufgetreten sein. Außerdem muss eine aktive oder zurückliegende Migräne diagnostiziert worden sein. Weiterhin müssen zusätzliche Migränezeichen wie Aura, Tonempfindlichkeit oder Lichtempfindlichkeit bestehen.
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Die Hauptsymptome sind:
- Schwindel: Meist Drehschwindel, gelegentlich aber auch Bewegungsgefühl (Schwanken, Kippen). Der Schwindel kann durch Licht oder sich bewegende Objekte ausgelöst werden (visuell-induzierter Schwindel) und zu Beginn der Kopfschmerzattacke, die ganze Zeit über oder erst danach auftreten.
- Gang- oder Standunsicherheit
- Dauer: Zwischen 5 Minuten und 72 Stunden
- Zunahme des Schwindels bei Änderung der Körperlage möglich
- Zuckende Augenbewegungen, die für den Betroffenen selbst spür- und für andere sichtbar sind
- Begleitende Symptome: Gangunsicherheit, Übelkeit, Brechreiz, Erbrechen, Licht- oder Geräuschempfindlichkeit
Mitunter treten auch nur die Schwindel-Attacken auf, während der eigentliche Kopfschmerz vollständig ausbleibt.
Ursachen der vestibulären Migräne
Die Ursachen der vestibulären Migräne sind noch nicht abschließend erforscht. Wie bereits erwähnt, entsteht vestibuläre Migräne im vestibulären System. Dieses ist Teil des Innenohrs und für die Wahrnehmung von Gleichgewicht und Bewegung zuständig. Das vestibuläre System enthält winzige Strukturen, die als Otolithen und Bogengänge bekannt sind. Die Otolithen und Bogenhänge registrieren Bewegungen und Veränderungen der Kopfposition. Bei vestibulärer Migräne wird angenommen, dass eine Stimulation dieser Strukturen eine neurologische Reaktion auslösen kann, die zu den Symptomen der Krankheit führt.
Oft liegt die Erkrankung aber in der Familie. Holle-Lee beschreibt sie als „eine Softwarestörung im Gehirn“, das Reize nicht mehr richtig verarbeiten kann. „Es kommt zu einer Art Entzündungsreaktion, an der vor allem jene Hirnareale beteiligt sind, die für das Gleichgewicht verantwortlich sind.“
Äußere Faktoren können Attacken auslösen. Zu den möglichen Auslösern gehören:
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- Stress
- Schlafmangel
- Hormonelle Veränderungen (z.B. während Schwangerschaft und Wechseljahren)
- Wetter
- Unverträglichkeiten und Allergien
- Licht- oder Geräuschreize
- Alkohol und Zigarettenrauch
- Bestimmte Gerüche
Die Gene und die familiäre Veranlagung spielen als äußere Faktoren eine wichtige Rolle und können die vestibuläre Migräne begünstigen.
Diagnose der vestibulären Migräne
Die Diagnose einer vestibulären Migräne ist auch für ausgebildete Ärzte nicht immer leicht, da die Symptome mitunter diffus ausfallen und auch auf andere Erkrankungen hinweisen können. Sehr ähnlich sind beispielsweise die Symptome der sogenannten Menière Krankheit, die das Innenohr betrifft. Auch Morbus Menière ist mit Schwindel und einer Störung des Gleichgewichts verbunden. Allerdings sind die Ursachen von Morbus Menière bis heute nicht erschlossen und eine Therapie gestaltet sich deshalb schwierig.
Häufig vergehen Jahre, bis die Diagnose vestibuläre Migräne gestellt wird. Betroffene sollten eine neurologische Praxis aufsuchen, wenn in einer HNO-Praxis keine Erklärung für den Schwindel gefunden wird.
Die Ärztin oder der Arzt wird in der Regel eine Videonystagmografie (VNG) veranlassen, um über die Augenbewegungen die Funktion des Gleichgewichtsorgans zu messen.
Differentialdiagnose
Die Abgrenzung zu anderen Schwindelformen ist wichtig. Folgende Erkrankungen ähneln der vestibulären Migräne:
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- Morbus Menière: Hier ist ein Überdruck im Innenohr, der durch zu viel Lymphflüssigkeit entsteht, die Ursache für die Beschwerden. Die Betroffenen berichten von plötzlichem starkem Schwindel, der oft mit Übelkeit einhergeht und 30 Minuten bis mehrere Stunden andauert. Im Gegensatz zur vestibulären Migräne führt Morbus Menière jedoch zu einem fortschreitenden Hörverlust.
- Basilarismigräne: Als Ursache gilt die Durchblutungsstörung einer Schlagader im Hirnstamm. Kopfschmerzen, Schwindelgefühle und Übelkeit sind typische Symptome für eine Basilarismigräne, genau wie Seh- und Sprachstörungen oder Taubheitsgefühle.
Behandlung der vestibulären Migräne
Die Behandlung der vestibulären Migräne zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Häufigkeit der Attacken zu reduzieren.
Akutbehandlung
Bei einer akuten Attacke können folgende Maßnahmen helfen:
- Medikamente gegen Übelkeit: Dimenhydrinat (auch in Reisetabletten enthalten) kann als Tablette, Saft oder Zäpfchen eingenommen werden.
- Typische Migränemedikamente: Schmerzmittel oder Triptane können bei Kopfschmerzen helfen.
- Ruhe: Ein Nickerchen oder das Hinlegen mit geschlossenen Augen kann helfen, Schwindel, Übelkeit und Müdigkeit zu verringern.
- Flüssigkeitszufuhr: Dehydrierung kann Schwindel und andere vestibuläre Migränesymptome verschlimmern. Achten Sie darauf viel zu trinken, um den Flüssigkeitshaushalt aufrechtzuerhalten.
- Auslöser vermeiden: Achten Sie darauf Auslöser zu vermeiden, welche Ihre Beschwerden hervorgerufen haben.
Vorbeugende Maßnahmen
Um Anfällen vorzubeugen, können folgende Maßnahmen helfen:
- Änderung des Lebensstils: Es wird empfohlen, die Auslöser einer Migräneattacke zu vermeiden.
- Regelmäßiger Schlaf: Genug zu schlafen und Stress zu vermeiden kann etwa helfen, Attacken vorzubeugen.
- Regelmäßige Mahlzeiten: Regelmäßig zu essen und zu trinken, damit das Gehirn stets mit Energie versorgt ist.
- Ausdauersport: Moderater Ausdauersport von 30 Minuten zwei- bis dreimal pro Woche wirkt sehr positiv.
- Gleichgewichtstraining: Gleichgewichtstraining gibt Patientinnen und Patienten Sicherheit.
- Medikamente: In schweren Fällen können Medikamente eingesetzt werden, um Anfällen und damit auch dem Schwindel vorzubeugen. Eingesetzt werden können Betablocker wie Metoprolol, Antidepressiva wie Amitriptylin, Antiepileptika wie Topiramat und Kalziumkanalblocker wie Flunarizin, das offiziell zur Behandlung von Schwindel zugelassen ist. Seit einigen Jahren sind bei hohem Leidensdruck auch CGRP-Antikörper zur Prophylaxe zugelassen, die sich Patienten einmal im Monat oder einmal im Quartal selbst unter die Haut spritzen können. Zu den Antikörpern gibt es eine erste erfolgreiche Pilotstudie, für eine allgemeine Empfehlung liegen noch zu wenige Daten vor. Die sogenannten Gepante blockieren im Gehirn einen Rezeptor, der an der Entstehung von Attacken beteiligt ist.
Medikamentöse Therapie
Für eine prophylaktische medikamentöse Therapie gibt es diverse Ansätze mit geringem Evidenzgrad, die alle im Hinblick auf das Wirkungs-/ Nebenwirkungs-Profil problematisch sind.
Die Anfälle verschwinden durch vorbeugende Medikamente nicht ganz, sollten aber seltener und eventuell weniger intensiv werden.
Was ist bei akuten Symptomen zu tun?
Um einen Anfall vestibulärer Migräne zu vermeiden, sollte man mögliche Auslöser frühzeitig erkennen und vermeiden. Ruhe in einer dunklen und ruhigen Umgebung kann bei vestibulärer Migräne für Linderung sorgen.
Welcher Arzt ist der richtige Ansprechpartner?
Wenn Sie unter Symptomen der vestibulären Migräne wie Schwindel oder Ohrdruck leiden, empfiehlt es sich, ärztlichen Rat einzuholen. Ihr Hausarzt ist in der Regel der erste Ansprechpartner und kann Ihnen bei Bedarf eine Überweisung ausstellen. Oftmals kommen HNO-Ärzte (Hals-Nasen-Ohren-Arzt) oder Neurologen für eine Überweisung und die Behandlung von Schwindel in Betracht.
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