Die vestibuläre Migräne ist eine spezielle Form der Migräne, die sich durch Schwindelattacken in Kombination mit anderen Migränesymptomen äußert. Obwohl sie erst seit den 1980er-Jahren bekannt ist, betrifft sie schätzungsweise fast ein Prozent der Bevölkerung. Die Diagnose kann schwierig sein, da die Symptome diffus sein und anderen Erkrankungen ähneln können. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose und die verschiedenen Behandlungsansätze der vestibulären Migräne, einschließlich des Einsatzes von Triptanen.
Was ist vestibuläre Migräne?
Vestibuläre Migräne ist eine Form der episodischen Migräne, bei der das Gleichgewichtsorgan im Innenohr (Vestibularorgan) betroffen ist. Früher wurde sie auch als Migräne-assoziierter Schwindel, migränebedingte Vestibulopathie oder migränöser Schwindel bezeichnet. Charakteristisch für die vestibuläre Migräne ist, dass Betroffene nicht immer Kopfschmerzen haben müssen.
Abgrenzung zu anderen Schwindelerkrankungen
Es ist wichtig, die vestibuläre Migräne von anderen Erkrankungen des Innenohrs und des Nervensystems zu unterscheiden, die ähnliche Symptome verursachen können:
- Morbus Menière: Diese Erkrankung geht ebenfalls mit Migräne-Symptomen einher, zusätzlich aber mit Hörverlust, Tinnitus und Ohrendruck, die sich im Laufe der Zeit verschlimmern.
- Transitorisch ischämische Attacken (TIA): TIAs treten meist bei älteren Patienten auf und verursachen Symptome wie Sprachschwierigkeiten, Verwirrtheit, Sehverlust, Schwindel und Gleichgewichtsstörungen, die nur wenige Minuten bis Stunden anhalten.
- Vestibularisparoxysmie: Diese Erkrankung führt durch Nervenkompression zu kurzen Schwindelattacken, die nur Sekunden dauern, aber bis zu 100-mal täglich auftreten können.
- Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS): BPLS verursacht kurze Schwindelattacken bei Kopfbewegungen, z.B. beim Aufstehen oder Umdrehen.
- Psychogener Schwindel: Dieser Schwindel tritt als Folge einer Angststörung auf und ist oft mit pessimistischen Gedanken, Angst, Herzrasen und Muskelzittern verbunden.
- Orthostatische Hypotonie: Hierbei sinkt der Blutdruck beim Aufstehen, was zu Benommenheit, Schwindel und Sehstörungen führt.
Symptome der vestibulären Migräne
Das Hauptsymptom der vestibulären Migräne ist Schwindel, der sich als Drehschwindel, lageabhängiger Schwindel oder Kopfbewegungsintoleranz äußern kann.
- Drehschwindel: Das Gefühl, sich ununterbrochen auf einem Karussell zu befinden.
- Lageabhängiger Schwindel: Die Symptomstärke hängt von der Kopfposition ab.
- Kopfbewegungsintoleranz: Das Gefühl, seekrank zu sein, sobald der Kopf bewegt wird.
Weitere Symptome können sein:
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- Oszillopsien: Scheinbewegungen der Umwelt.
- Übelkeit und Erbrechen.
- Gangunsicherheit: Gleichgewichtsstörungen aufgrund der Beeinträchtigung des Vestibularorgans.
- Migräne-Symptome: Kopfschmerzen, Licht- und Lärmscheu, häufiges Wasserlassen.
- Auditive Symptome: Hörminderung, Tinnitus oder Ohrendruck (ohne Verschlimmerung im Laufe der Zeit).
Die Dauer einer Schwindelattacke kann zwischen wenigen Sekunden und mehreren Tagen variieren. Ein temporärer Zusammenhang zwischen Schwindel und migränetypischen Kopfschmerzen ist nicht immer gegeben.
Ursachen und Auslöser
Die genauen Ursachen der vestibulären Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und äußeren Faktoren eine Rolle spielt. Zu den bekannten Auslösern (Triggern) gehören:
- Stress.
- Gestörter Schlafrhythmus.
- Bestimmte Lebensmittel: Rotwein, Käse, dunkle Schokolade, Geschmacksverstärker (Glutamat).
- Hormonelle Schwankungen: Menstruation, Schwangerschaft, Wechseljahre.
- ** sensorische Reize:** Helles Licht, laute Geräusche, bestimmte Gerüche, Wetterwechsel.
- Ernährung und Lebensweise: Mangel an wichtigen Nährstoffen, übermäßiger Konsum von Nikotin und Alkohol.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Auslöser individuell verschieden sein können. Ein Kopfschmerztagebuch kann helfen, die persönlichen Trigger zu identifizieren und zu meiden.
Diagnose der vestibulären Migräne
Die Diagnose der vestibulären Migräne kann eine Herausforderung sein, da die Symptome vielfältig sind und anderen Erkrankungen ähneln können. Eine sorgfältige Anamnese und neurologische Untersuchung sind entscheidend. Folgende Aspekte sind wichtig:
- Anamnese: Detaillierte Beschreibung der Schwindelattacken, Begleitsymptome, Häufigkeit, Dauer und Auslöser.
- Neurologische Untersuchung: Überprüfung der Hirnnervenfunktion, Koordination, Gleichgewicht und Reflexe.
- Videonystagmografie (VNG): Messung der Augenbewegungen, um die Funktion des Gleichgewichtsorgans zu beurteilen.
- Ausschluss anderer Ursachen: Bildgebung (MRT, CT) und weitere Untersuchungen, um andere Erkrankungen auszuschließen.
Die Diagnosekriterien der Barany Society und der International Headache Society (IHS) werden häufig verwendet, um die Diagnose zu stellen.
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Therapie der vestibulären Migräne
Die Behandlung der vestibulären Migräne zielt darauf ab, die akuten Symptome zu lindern und zukünftige Attacken zu verhindern. Sie umfasst sowohl pharmakologische als auch nicht-pharmakologische Maßnahmen.
Nicht-pharmakologische Therapie
Eine gesunde Lebensführung ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung:
- Vermeidung von Triggern: Identifizierung und Meidung der persönlichen Auslöser.
- ausreichend Schlaf: Regelmäßiger und ausreichender Schlaf (mindestens 8 Stunden).
- Ausgewogene Ernährung: Regelmäßige und ausgewogene Mahlzeiten, ausreichende Flüssigkeitszufuhr.
- Stressmanagement: Regelmäßige Pausen, Entspannungsverfahren (z.B. progressive Muskelentspannung, autogenes Training), Sport.
- Gleichgewichtstraining: Übungen zur Verbesserung des Gleichgewichts und der Koordination.
Pharmakologische Therapie
Die medikamentöse Behandlung kann in Akuttherapie und Prophylaxe unterteilt werden.
Akuttherapie
- Antiemetika: Gegen Übelkeit und Erbrechen (z.B. Metoclopramid, Domperidon, Dimenhydrinat).
- Analgetika: Schmerzmittel zur Linderung von Kopfschmerzen (z.B. Ibuprofen, ASS).
- Triptane: Migränespezifische Medikamente, die die Blutgefäße im Gehirn verengen und Entzündungen reduzieren (z.B. Sumatriptan, Rizatriptan, Zolmitriptan, Almotriptan).
Triptane sollten so früh wie möglich im Attackenablauf eingenommen werden. Bei Migräne mit Aura sollten sie jedoch erst nach Abklingen der Aura-Phase eingenommen werden. Es ist wichtig, die Einnahme von Schmerzmitteln und Triptanen auf maximal 10-15 Tage pro Monat zu beschränken, um einen Medikamentenübergebrauchskopfschmerz (MÜK) zu vermeiden.
Prophylaxe
Eine prophylaktische Behandlung ist indiziert, wenn die Migräneattacken häufig (3-4 pro Monat oder mehr), schwer oder lang anhaltend sind oder wenn ein MÜK vorliegt. Ziel ist es, die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Attacken zu reduzieren.
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- Magnesium und Vitamin B2: Werden oft gut vertragen und können bereits bei Kindern eingesetzt werden.
- Betablocker: (z.B. Metoprolol)
- Antidepressiva: (z.B. Amitriptylin)
- Antiepileptika: (z.B. Topiramat)
- Kalziumkanalblocker: (z.B. Flunarizin)
- CGRP-Antikörper: Werden bei therapieresistenter Migräne eingesetzt und blockieren das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP), ein Molekül, das an der Entstehung von Migräneattacken beteiligt ist.
- Gepante: Eine neue Wirkstoffklasse, die die Bildung von CGRP-Proteinen verhindert und sowohl zur Prophylaxe als auch zur Akutbehandlung eingesetzt werden kann.
- Carboanhydrasehemmer: Acetazolamid und Diclofenamid können ebenfalls zur Vorbeugung eingesetzt werden.
Die Auswahl des geeigneten Medikaments sollte individuell und in Absprache mit dem Arzt erfolgen, unter Berücksichtigung von Nebenwirkungen und Komorbiditäten.
Triptane bei vestibulärer Migräne
Triptane sind eine Klasse von Medikamenten, die speziell für die Behandlung von Migräne entwickelt wurden. Sie wirken, indem sie an Serotoninrezeptoren im Gehirn binden und die Blutgefäße verengen, die während einer Migräneattacke erweitert sind. Darüber hinaus können sie die Freisetzung von Entzündungsstoffen im Gehirn reduzieren.
Obwohl Triptane in erster Linie für die Behandlung von Migräne mit Kopfschmerzen eingesetzt werden, können sie auch bei vestibulärer Migräne wirksam sein, insbesondere wenn diese mit Kopfschmerzen einhergeht. Einige Studien haben gezeigt, dass Triptane die Häufigkeit und Intensität von Schwindelattacken bei vestibulärer Migräne reduzieren können.
Es ist wichtig zu beachten, dass Triptane nicht für jeden geeignet sind. Sie sind kontraindiziert bei Patienten mit bestimmten Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall oder unkontrolliertem Bluthochdruck. Nebenwirkungen können Schwindel, Müdigkeit, Engegefühl in der Brust und Kribbeln sein.
Leben mit vestibulärer Migräne
Die vestibuläre Migräne ist nicht heilbar, aber mit einer Kombination aus Medikamenten, Lebensstiländerungen und Stressmanagement können viele Betroffene ihre Symptome kontrollieren und ihre Lebensqualität verbessern. Es ist wichtig, sich von einem erfahrenen Arzt oder Neurologen betreuen zu lassen und sich aktiv an der Behandlung zu beteiligen.
Wichtige Tipps für den Alltag:
- Führen Sie ein Kopfschmerztagebuch, um Ihre persönlichen Trigger zu identifizieren.
- Achten Sie auf einen regelmäßigen Schlafrhythmus und ausreichend Schlaf.
- Ernähren Sie sich ausgewogen und vermeiden Sie bekannte Trigger-Lebensmittel.
- Reduzieren Sie Stress durch Entspannungsverfahren und regelmäßige Bewegung.
- Suchen Sie Unterstützung bei Selbsthilfegruppen oder Therapeuten.
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