Einleitung
Für Menschen mit Parkinson können alltägliche Aufgaben wie das Herausnehmen von Kleingeld aus dem Portemonnaie zu einer großen Herausforderung werden. In Deutschland leben etwa 400.000 Betroffene. Der Welt-Parkinson-Tag am 11. April macht auf diese Krankheit aufmerksam. Unkontrollierbares Zittern, Muskelsteifheit und verlangsamte Bewegungen sind typische Parkinson-Symptome. Neben der medikamentösen Behandlung gibt es eine Vielzahl ergänzender Therapieansätze, darunter auch Videospiele.
Exergaming: Bewegung und Spiel für mehr Lebensqualität
Exergaming, eine Kombination aus Videospielen (Gaming) und sportlichen Übungen (Exercise), erfreut sich wachsender Beliebtheit. Ärzte und Physiotherapeuten setzen Exergaming zunehmend ein, um chronisch Kranke und Schmerzpatienten zu stabilisieren, zu mobilisieren und ihre Lebensqualität zu verbessern. Ansprechende Grafiken auf dem Bildschirm oder Virtual-Reality-Brillen motivieren die Teilnehmer zur aktiven Mitwirkung. Die Bewegungsabläufe, Gewichtsverlagerungen und der Krafteinsatz der Teilnehmer werden meist über Sensoren eines Balancepads oder Balanceboards erfasst. Das Bewegungsangebot ist vielfältig und reicht von virtuellen Ballspielen über Gymnastik, Tanz und Yoga bis hin zum Skifahren.
Individuelle Therapieansätze durch Videospiele
Ralf Peter Loewen, bei dem vor einem Jahr Parkinson diagnostiziert wurde, nutzt in einer Klinik einen modernen Gleichgewichtstrainer. Er steht auf einem Balance-Board und steuert einen animierten Skifahrer auf einem Bildschirm durch Gewichtsverlagerungen. Die Physiotherapeutin gibt Anweisungen: "Gewicht auf den Vorfuß bringen, dann werden Sie schneller, Gewicht in die Mitte, dann werden Sie langsamer." Loewen findet das Spiel unterhaltsam, aber auch anstrengend. Er betont, dass die Anzahl der Wiederholungen irgendwann zum Problem wird. Neurologin Jennifer Tübing erklärt, dass Parkinson unter anderem Gleichgewichtsstörungen verursacht. Durch die veränderte Ausrichtung der Stützmuskulatur kann mit den Spielen trainiert werden. Sie empfiehlt, sich auch zu Hause zwischendurch zehn Minuten Zeit zu nehmen, ohne auf einen Physiotherapie-Termin warten zu müssen. Der Patient kann auf der Spielekonsole auswählen, was ihm Spaß macht.
Entwicklung von Serious Games für Parkinson-Patienten
Konventionelle PC-Gedächtnisspiele erlauben oft nur kleinste Bewegungen, was die chronisch steife Muskulatur noch mehr verhärten kann. Bremer Master-Studenten der Informatik haben deshalb in Zusammenarbeit mit der Bremer Parkinson-Selbsthilfegruppe und im Austausch mit Physiotherapeuten Computerprogramme entwickelt, die Bewegung und Gedächtnisspiele zusammenführen. Diese sogenannten Serious Games verbinden den motivierenden Charakter digitaler Programme mit therapeutischem Nutzen.
Einer der ersten Prototypen ist "Memory rocks", ein Bewegungs- und Gedächtnisspiel, bei dem Parkinson-Patienten einem kleinen Affen mit großen kreisenden Bewegungen folgen müssen. Die Idee entstand, weil der Schwiegervater eines Projektteilnehmers an Parkinson leidet. Vor der Entwicklung der Prototypen wurden rund 70 Patienten beobachtet, getestet und gefilmt, ebenso Therapeuten. Das technische Grundprinzip basiert auf einer Kamera unterhalb des Monitors, die die Bewegungen einer Kugel aufzeichnet. Der Teilnehmer zeichnet beispielsweise exakt Kreise aus Sternen nach, die bei korrekter Handhabung verschwinden. Für jeden verschwundenen Stern erhält der Spieler einen Punkt. In einem anderen Spiel müssen Insekten, die sich auf einen Obstkorb stürzen wollen, vom Spieler eliminiert werden.
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Eine Herausforderung bestand darin, die Spiele nicht mit zu viel Technik zu überfrachten, um die Menschen nicht zu verunsichern. Die Produkte müssen einfach und motivierend sein, erklärt Rainer Malaka vom Technologie-Zentrum Informatik. Dazu haben die Projektteilnehmer viel Wissen von Physiotherapeuten genutzt. Es wird noch gefeilt und vor allem in Richtung Rhythmus und Musik mehr getestet. Außerdem soll ein Programm erstellt werden, das mehrere Menschen miteinander spielen lässt.
Studienergebnisse und Forschung
Internationale Studien arbeiten heraus, welches Potenzial Exergames in der Prävention und Rehabilitation haben. Eine Übersichtsarbeit aus Taiwan aus dem Jahr 2019 analysierte, was Exergaming bei Erwachsenen mit muskuloskelettalen Erkrankungen verändern kann. Die Wissenschaftler fanden 14 randomisiert-kontrollierte Studien, die die Effektivität und Sicherheit von Virtual-Reality-Trainings im Vergleich zu anderen Therapien oder gar keiner Intervention überprüften. Die Ergebnisse waren fast durchweg vielversprechend. Patienten, die zu Studienbeginn seit mehr als drei Monaten an einer Frozen Shoulder gelitten hatten, zeigten nach vier Wochen Exergaming plus Hotpack- und Ultraschall-Anwendungen eine signifikante Steigerung ihres Bewegungsumfangs verglichen mit einer Kontrollgruppe, die Physiotherapie plus Hotpacks und Ultraschall erhielt.
In einer zweiten Studie konnten Patienten mit chronischen Kreuzschmerzen in vier Wochen Exergaming ihre Schmerzen und Bewegungseinschränkungen signifikant reduzieren. Von drei Studien zu den Auswirkungen von Exergaming auf Patienten mit einem künstlichen Kniegelenk arbeitete nur eine deutliche Vorteile für die Interventionsgruppe heraus. In den Tagen nach Einsetzen der Endoprothese empfanden sie ihre Schmerzen als signifikant erträglicher als die Kontrollgruppe. Im halben Jahr danach schritt die funktionelle Erholung der Interventionsgruppe schneller fort.
Neue Daten aus Brasilien aus dem Januar 2021 zeigen ebenfalls positive Effekte. Sechs Teilnehmerinnen und zehn Teilnehmer mit Morbus Parkinson absolvierten 10 Wochen lang je zwei Exergaming-Trainings pro Woche. An der Nintendo Wii und auf dem Wii-Balanceboard absolvierten sie nach 10 Minuten Aufwärmen 40 Minuten entweder Kopfball-Training, Tischkippen, Seiltanz oder Skislalom. Vorher und hinterher ermittelten die Wissenschaftler jeweils die Selbstständigkeit und Beweglichkeit in Alltagssituationen. Signifikante Verbesserungen ließen sich allerdings nur nach den virtuellen Skislalom- und Seiltanztrainings messen.
Eine weitere Studie aus Polen untersuchte das Potenzial von Exergames in der Sturzprävention bei älteren Menschen. 13 gesunde Seniorinnen absolvierten dreimal wöchentlich Exergames. Nach zwölf Trainings zeigte sich eine signifikante Verbesserung der Stabilität und der Fähigkeit, das Gleichgewicht zu halten.
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PDExergames: Forschungsprojekt zur Erprobung von Therapiekonzepten
Die Parkinson-Krankheit ist mit ca. 250.000 Betroffenen eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen in Deutschland. Die motorischen Symptome der Krankheit beeinträchtigen zunehmend die Beweglichkeit und damit auch die Mobilität und Lebensqualität der Betroffenen. Im Verbundprojekt PDExergames wird eine modulare, experimentelle Testumgebung konzipiert, welche die Erprobung und weiterführende Erforschung von Therapiekonzepten mittels Exergaming ermöglicht. Hierfür werden basierend auf den medizinischen Anforderungen neuartige sprach- und gestenbasierte Interaktionskonzepte, sensorbasierte, geräteunabhängige Controller zur Steuerung und Konzepte zur Datenerfassung, Datenhaltung und Datenanalyse erarbeitet.
Expertenmeinungen und Empfehlungen
Videospiele mit Bewegungssteuerung sind ein neuer Therapieansatz zur Sturzprävention bei Menschen mit Parkinson. Experten sehen in den Spielen eine flexible und motivierende Ergänzung zur klassischen Physiotherapie. Dr. med. Matthis Synofzik informiert über Möglichkeiten und Grenzen der Videospiele. Er betont, dass Menschen mit Morbus Parkinson mithilfe von Exergames verlorene Bewegungsabläufe wieder neu erlernen können. Studien haben gezeigt, dass Teilnehmer mit Parkinson im Frühstadium ihre Bewegung durch virtuelle Sportarten ähnlich verbessern, wie Kontrollpatienten, die herkömmliche Physiotherapie erhielten. "Dabei machen die Spiele den meisten Teilnehmern mehr Spaß", sagt Dr. Synofzik. "Denn sie ermöglichen ein abwechslungsreiches Training, das jederzeit zu Hause, mit Freunden oder dem Ehepartner durchführbar ist." Der Weg zum Reha-Zentrum bleibt den Betroffenen dabei erspart.
Synofzik betont jedoch, dass Exergames die Physiotherapie nicht ersetzen sollen, sondern eine empfehlenswerte Ergänzung darstellen, die nicht an Verordnungen geknüpft ist. Bereits 2012 haben Neurologen gezeigt, dass videospiel-basiertes Rehabilitationstraining zur Sturzprävention bei älteren Menschen beiträgt. Insbesondere bewegungsgesteuerte Tanzspiele sollen laut einer Studie die Bewegungsnetzwerke im Gehirn wieder fit machen.
Professor Dr. med. Holger Lerche, Facharzt für Neurologie, sieht in Exergames einen neuen Reha-Ansatz für eine ganze Reihe neurologischer Erkrankungen. Er betont jedoch, dass die bisherigen Ergebnisse in groß angelegten Studien mit verschiedenen Patientengruppen bestätigt werden müssen. Außerdem gelte es zu prüfen, welche Spiele für die Patienten in Frage kommen, um die Patientensicherheit zu gewährleisten. Viele kommerzielle Spiele, bei denen alte Menschen oder Patienten mit Parkinson schnelle Entscheidungen treffen und komplexe Bewegungen ausführen müssen, um Hindernisse zu umgehen, könnten zu risikoreich und vor allem demotivierend sein.
Praktische Übungen und Tipps für den Alltag
Die Parkinson-Übungsvideos wurden gemeinsam mit führenden Expertinnen und Experten der Paracelsus Elena Klinik Kassel entwickelt. Sie zeigen leicht umsetzbare Übungen für den Alltag - von aktivierenden Sitzübungen über stabilisierende Balance- und Kraftübungen bis hin zu praktischen Tipps für mehr Selbstständigkeit. Regelmäßige Bewegung kann Ihnen helfen, mit Parkinson möglichst lange aktiv, selbstständig und beweglich zu bleiben.
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Prof. Dr. rät: „Regelmäßige Bewegung ist ein entscheidender Teil der Parkinson-Therapie. Sie kann den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen und hilft, länger aktiv und selbstständig zu bleiben. Sie verbessert nicht nur die Beweglichkeit, sondern wirkt sich auch positiv auf Stimmung, Konzentration und Selbstvertrauen aus."
Es wird empfohlen, feste, rutschfeste Schuhe zu tragen oder barfuß auf einer rutschfesten Unterlage zu üben. Bei allen Übungen im Stehen oder Gehen kann man sich an einer Wand oder Stuhllehne abstützen.
RetroBrain R&D: Videospiele für Senioren und Menschen mit Demenz oder Parkinson
Das Hamburger Studio RetroBrain R&D entwickelt Videospiele für Senioren. Es entwickelte gemeinsam mit Medizinern, Pflegewissenschaftlern und Altersforschern die Spielekonsole memoreBox. Die Zielgruppe der Ausgründung des gamelab.berlin sind Senioren, die an Demenz oder Parkinson erkrankt sind. Sie trainieren mit der Konsole ihre motorischen und kognitiven Fähigkeiten. Die Spiele werden durch Bewegungen gesteuert, aufgezeichnet von einer Kamera an der Spielekonsole. Mit Gewichtsverlagerungen von einem auf das andere Bein steuert man ein Motorrad und trainiert sein Gleichgewicht. Ein Kegelspiel regt zu sozialer Interaktion und zur Bewegung an. Bei einem Postboten-Spiel müssen die Seniorinnen und Senioren ein Fahrrad lenken und gleichzeitig mit dem rechten und dem linken Arm Briefe austragen. Das schult Koordination und Feinmotorik. Alle Spiele sind an die betagte Zielgruppe angepasst. Die Level dauern nur wenige Minuten. Gespielt wird entspannt, ohne Druck und sowohl im Stehen als auch im Sitzen. Für jedes Spiel gibt es ein genaues Tutorial, das auch für Senioren mit Hör- oder Sehschwäche geeignet ist.
Studien haben gezeigt, dass sich Motorik, Ausdauer und Koordination durch regelmäßiges Spielen verbessern. Die Barmer bietet das digitale Gesundheitstraining als Prävention für Senioren inzwischen bundesweit an.
NEUROvitalis parkinson: Neuropsychologisches Gruppentraining für Parkinson-Patienten
NEUROvitalis parkinson erweitert mit zwei Materialbausteinen das NEUROvitalis Basisprogramm. Es ist auf das Training kognitiver Funktionen bei Parkinsonpatienten ohne kognitive Störungen oder mit leichten kognitiven Störungen abgestimmt. Für die Nutzung sind neben dem Ordner "Basisprogramm" auch die Aktivierungsspiele „Querdenken“, „Stadtplanspiel“ und „Kategorien-Merkspiel“ einzubeziehen.
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