Das visuelle Schneesyndrom (VSS), auch bekannt als Visual Snow Syndrome, ist eine neurologische Störung, die durch persistierende visuelle Symptome gekennzeichnet ist, die an das Rauschen eines alten Fernsehers oder Schneefall erinnern. Obwohl es nicht direkt mit Migräne verbunden ist, tritt es häufig zusammen mit Migräne auf, insbesondere mit Migräne mit Aura. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über das visuelle Schneesyndrom, seine Symptome, Ursachen, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten, wobei auch die Verbindung zur Migräne berücksichtigt wird.
Was ist das visuelle Schneesyndrom?
Das visuelle Schneesyndrom ist eine relativ seltene Erkrankung, die durch anhaltende visuelle Störungen gekennzeichnet ist. Die Betroffenen sehen typischerweise flimmernde, sich bewegende Punkte im gesamten Gesichtsfeld, ähnlich dem Rauschen eines Fernsehers oder Schneefall. Diese Symptome sind sowohl bei offenen als auch bei geschlossenen Augen vorhanden und dauern in der Regel über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten an.
Vanessa Limbach, eine 25-jährige Frau aus Bonn, beschreibt ihre Erfahrung mit dem visuellen Schneesyndrom wie folgt: „Ich schaue über etwas hinweg, denke gar nicht darüber nach und zack ist ein Nachbild da. Dann erschrecke ich mich jedes Mal richtig.“ Sie leidet seit April 2021 unter visuellen Störungen, die ihr Leben stark beeinträchtigen.
Symptome des visuellen Schneesyndroms
Neben dem namensgebenden "Schnee" sehen die Patienten häufig eine Vielzahl anderer visueller Symptome, darunter:
- Visueller Schnee: Wahrnehmung von sich bewegenden, kleinen Punkten im gesamten Gesichtsfeld, die an TV-Rauschen, Schneefall oder dichten Regen erinnern.
- Palinopsie: Wahrnehmung von Trugbildern oder Nachbildern, bei denen gerade betrachtete Objekte "nachziehen".
- Photophobie: Erhöhte Lichtempfindlichkeit.
- Tinnitus: Ohrgeräusche.
- Entoptische Phänomene: Wahrnehmung von Strukturen im eigenen Auge, wie z.B. Mouches volantes (fliegende Mücken) oder das Scheerer-Phänomen (Wahrnehmung sich bewegender, kleiner Punkte).
- Nachtblindheit: Schwierigkeiten beim Sehen in der Dunkelheit.
- Kopfschmerzen: Häufige Begleiterscheinung, die das Syndrom zusätzlich belastet.
Die Symptome können den Alltag der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Vanessa Limbach berichtet, dass sie im Dunkeln fast nichts mehr sehen kann und auf Licht angewiesen ist, um sich zu orientieren. Sie vermeidet es, bei Dunkelheit Auto zu fahren und kann keine starken Muster mehr sehen, da ihr dabei schwindelig wird und sie Kopfschmerzen bekommt.
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Ursachen und Pathophysiologie
Die genauen Ursachen des visuellen Schneesyndroms sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass eine Filterstörung im Gehirn eine Rolle spielt, bei der bestimmte sensorische Signale nicht mehr richtig gefiltert werden. Jan Kempa, Vorstandsvorsitzender des Vereins „Visual Snow Syndrome Germany“ e.V., erklärt, dass normalerweise sensorische Signale vom Gehirn gefiltert werden, aber dieser Prozess bei Patienten mit Visual Snow nicht mehr richtig funktioniert.
Neuere Forschungen deuten auf eine gestörte Habituation der visuell evozierten Potenziale hin. Normalerweise reagiert der visuelle Kortex auf zwei aufeinanderfolgende Reize mit einer nachlassenden Reizantwort. Bei Patienten mit visuellem Schneesyndrom bleibt die Reaktion auf den zweiten Reiz jedoch unvermindert stark, was auf eine mögliche Störung der inhibitorischen Kontrolle durch GABA-erge Neuronen hindeutet.
Verbindung zur Migräne
Es besteht eine hohe Komorbidität zwischen dem visuellen Schneesyndrom und Migräne, insbesondere Migräne mit Aura. Studien haben gezeigt, dass etwa 60 % der Patienten mit visuellem Schneesyndrom auch an Migräne leiden. Die genaue Beziehung zwischen den beiden Erkrankungen ist noch unklar, aber es wird vermutet, dass sie möglicherweise gemeinsame pathophysiologische Mechanismen aufweisen, wie z.B. eine kortikale Übererregbarkeit.
Patienten mit Migräne haben eine erhöhte Prävalenz von Palinopsie und Attacken mit erhöhter Empfindlichkeit gegenüber äußeren visuellen Reizen. Da Visual Snow sowohl Palinopsie als auch Photophobie beinhaltet, wird vermutet, dass es eine Verbindung zwischen den beiden Erkrankungen gibt.
Diagnose
Die Diagnose des visuellen Schneesyndroms basiert hauptsächlich auf den berichteten Symptomen und dem Ausschluss anderer möglicher Ursachen für die visuellen Störungen. Es gibt keine spezifischen diagnostischen Tests für das Syndrom. Die Diagnosekriterien umfassen:
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- Visueller Schnee (kontinuierliche Wahrnehmung von kleinen, sich bewegenden Punkten im gesamten Gesichtsfeld).
- Mindestens zwei zusätzliche visuelle Symptome, wie z.B. Palinopsie, verstärkte entoptische Phänomene, Photophobie oder beeinträchtigte Nachtsicht.
- Die Symptome sind nicht auf eine andere Erkrankung oder Substanz zurückzuführen.
Es ist wichtig, andere mögliche Ursachen für die visuellen Symptome auszuschließen, wie z.B. Augenerkrankungen, neurologische Erkrankungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten.
Behandlung
Es gibt derzeit keine validierte Therapie oder zugelassene Medikamente speziell für das visuelle Schneesyndrom. Die Behandlung zielt in erster Linie darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Einige Behandlungsansätze umfassen:
- Medikamentöse Therapie: In einigen Fällen werden Medikamente eingesetzt, die eigentlich zur Behandlung von Epilepsie oder schwerer Migräne eingesetzt werden. Allerdings sind diese Medikamente nur bei einer kleinen Anzahl von Patienten wirksam und können sogar die Symptome verschlimmern. Antikonvulsiva und Benzodiazepine haben in Einzelfällen eine Linderung der Beschwerden gezeigt.
- Neuromodulation und Elektrostimulation: Da es sich bei Visual Snow um eine Filterstörung im Gehirn handelt, wird die Forschung in Richtung Neuromodulation und Elektrostimulation vorangetrieben, um das Gehirn wieder in die richtige Bahn zu lenken.
- Brillen mit getönten Gläsern: Viele Betroffene berichten von einer Linderung der Symptome durch das Tragen von Brillen mit gelb, blau oder grün getönten Gläsern.
- Stressreduktion: Stress kann die Symptome des visuellen Schneesyndroms verstärken. Daher ist es wichtig, Stress zu reduzieren und Entspannungstechniken zu erlernen.
- Psychologische Unterstützung: Die chronischen visuellen Störungen können zu Angstzuständen, Depressionen und sozialer Isolation führen. Eine psychologische Betreuung kann den Betroffenen helfen, mit den Symptomen umzugehen und ihre Lebensqualität zu verbessern.
- Integrierte Versorgung: Die Integrierte Gesundheitsversorgung für Kopfschmerzpatienten (IGV-Kopfschmerz) stellt ein Behandlungsmodell dar, bei dem Spezialisten aus dem (teil-)stationären und ambulanten Bereich anhand evidenzbasierter Methoden zusammenarbeiten, um eine optimale Versorgung von Kopfschmerzpatienten zu gewährleisten.
Vanessa Limbach berichtet, dass sie sich von Ärzten nicht ernst genommen fühlt und dass ihre Symptome oft auf die Psyche geschoben werden. Sie hat jedoch durch den Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen Unterstützung gefunden.
Antidepressiva und visuelle Störungen
Es ist wichtig zu beachten, dass einige Medikamente, insbesondere Antidepressiva, visuelle Störungen als Nebenwirkung verursachen können. Trizyklische Antidepressiva und selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) können verschwommenes Sehen, trockene Augen und andere Sehstörungen verursachen.
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Wenn Sie Antidepressiva einnehmen und unter visuellen Störungen leiden, sollten Sie dies mit Ihrem Arzt besprechen. Möglicherweise ist eine Anpassung der Dosierung oder ein Wechsel des Medikaments erforderlich.