Vorzeitiger Höhepunkt und das Nervensystem: Ursachen, Auswirkungen und Behandlungen

Der vorzeitige Samenerguss (Ejaculatio praecox) ist eine sexuelle Funktionsstörung, die viele Männer betrifft und oft mit Scham und Unbehagen verbunden ist. Im Gegensatz dazu steht die Ejaculatio retarda (ER), der verzögerte Samenerguss, der zwar weniger verbreitet ist, aber ebenfalls eine Herausforderung darstellen kann. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen des vorzeitigen Samenergusses, insbesondere im Zusammenhang mit dem Nervensystem, und bietet einen umfassenden Überblick über Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten.

Was ist ein vorzeitiger Samenerguss?

Ein vorzeitiger Samenerguss liegt vor, wenn ein Mann beim Geschlechtsverkehr regelmäßig und ungewollt innerhalb kurzer Zeit, meist vor oder kurz nach dem Eindringen in die Vagina, zum Samenerguss kommt. Dies führt oft zu Unzufriedenheit und Belastung sowohl für den Mann als auch für seinen Partner. Es ist wichtig zu betonen, dass gelegentliche Episoden von schnellem Samenerguss normal sind und nicht unbedingt auf eine Funktionsstörung hindeuten. Die Diagnose wird erst gestellt, wenn das Problem chronisch ist und zu einem Leidensdruck führt.

Definition und Zeitrahmen

Die Vorstellungen darüber, was "vorzeitig" bedeutet, sind subjektiv und variieren. Studien zeigen, dass die durchschnittliche Zeit bis zum Samenerguss (intravaginale Ejakulationslatenzzeit, IELT) bei etwa fünf bis sieben Minuten liegt. Ein Samenerguss, der regelmäßig innerhalb von ein bis zwei Minuten nach dem Eindringen auftritt, wird in der Regel als vorzeitig betrachtet.

Primärer vs. Sekundärer vorzeitiger Samenerguss

Mediziner unterscheiden zwischen zwei Formen:

  • Primärer (lebenslanger) vorzeitiger Samenerguss: Dieser tritt bereits bei den ersten sexuellen Erfahrungen auf und bleibt ohne Behandlung bestehen.
  • Sekundärer (erworbener) vorzeitiger Samenerguss: Dieser entwickelt sich erst im Laufe des Lebens, nachdem der Mann zuvor keine Probleme mit der Ejakulation hatte. Er kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden, darunter Erkrankungen, Medikamente oder psychische Probleme.

Ursachen des vorzeitigen Samenergusses

Die Ursachen des vorzeitigen Samenergusses sind vielfältig und oft nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass sowohl biologische als auch psychologische Faktoren eine Rolle spielen können.

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Biologische Ursachen

  • Überempfindlichkeit des Penis: Eine erhöhte Sensibilität der Penishaut oder der Eichel kann zu einer schnelleren Erregung und Ejakulation führen.
  • Erektile Dysfunktion: Erektionsprobleme können zu Angst und Stress führen, was wiederum einen vorzeitigen Samenerguss begünstigen kann.
  • Hormonelle Störungen: Schilddrüsenerkrankungen oder ein Testosteronmangel können die sexuelle Funktion beeinträchtigen.
  • Entzündungen der Prostata: Eine Prostatitis kann zu einer erhöhten Reizbarkeit des Nervensystems im Beckenbereich führen.
  • Erkrankungen des Nervensystems: In seltenen Fällen können neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Verletzungen des Rückenmarks die Ejakulationskontrolle beeinträchtigen.
  • Genetische Faktoren: Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass bei manchen Männern mit primärem vorzeitigem Samenerguss eine genetische Veränderung im serotonergen System vorliegen könnte.

Psychologische Ursachen

  • Angst und Stress: Leistungsdruck, Versagensängste oder allgemeiner Stress können die sexuelle Erregung negativ beeinflussen und zu einem vorzeitigen Samenerguss führen.
  • Beziehungsprobleme: Konflikte oder mangelnde Kommunikation in der Partnerschaft können sich auf die sexuelle Funktion auswirken.
  • Traumatische sexuelle Erfahrungen: Negative Erlebnisse in der Vergangenheit können zu Angst und Anspannung beim Sex führen.
  • Erlernte Verhaltensmuster: Manche Männer haben sich in ihrer Jugend angewöhnt, schnell zum Samenerguss zu kommen, beispielsweise aus Angst, bei der Masturbation entdeckt zu werden.

Die Rolle des Nervensystems

Das Nervensystem spielt eine entscheidende Rolle bei der Steuerung der Ejakulation. Die Gehirnzentren für Orgasmus und Samenerguss liegen im Hypothalamus und im Stammhirn. Von dort werden sowohl hemmende als auch stimulierende Impulse zu den Rückenmarkszentren gesendet, die dann die inneren Geschlechtsorgane und den Blasenhals mit Nervenimpulsen versorgen.

Der Neurotransmitter Serotonin ist besonders wichtig für die Kontrolle der Ejakulation. Eine Fehlfunktion der Serotonin-Rezeptoren im Gehirn kann zu einer Überempfindlichkeit des Ejakulationszentrums und damit zu einem vorzeitigen Samenerguss führen.

Diagnose des vorzeitigen Samenergusses

Die Diagnose basiert in erster Linie auf den Angaben des Patienten. Der Arzt wird nach der Häufigkeit des vorzeitigen Samenergusses, der Zeit bis zum Samenerguss (IELT), dem Leidensdruck und möglichen Begleitfaktoren fragen. Eine körperliche Untersuchung kann durchgeführt werden, um organische Ursachen auszuschließen.

Anamnese

  • Detaillierte Fragen zur sexuellen Vorgeschichte, zum Zeitpunkt des Auftretens des Problems und zu möglichen Auslösern.
  • Erfassung des Leidensdrucks und der Auswirkungen auf die Partnerschaft.
  • Abklärung möglicher psychischer Belastungen oder Beziehungsprobleme.

Körperliche Untersuchung

  • Untersuchung des Penis auf Überempfindlichkeit oder andere Auffälligkeiten.
  • Abtasten der Prostata, um eine Entzündung auszuschließen.
  • Neurologische Untersuchung, um Nervenschäden auszuschließen (in seltenen Fällen).

Zusätzliche Untersuchungen

  • Hormonstatus: Bestimmung des Testosteronspiegels und anderer Hormone, um hormonelle Störungen auszuschließen.
  • Urinuntersuchung: Zum Ausschluss einer Harnwegsinfektion oder Prostatitis.

Behandlungsmöglichkeiten

Die Behandlung des vorzeitigen Samenergusses richtet sich nach der Ursache und dem Schweregrad der Symptome. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die einzeln oder in Kombination eingesetzt werden können.

Verhaltens- und Sexualtherapie

  • Start-Stopp-Technik: Dabei stimuliert der Mann seinen Penis (oder lässt ihn von seinem Partner stimulieren) bis kurz vor dem Höhepunkt. Dann wird die Stimulation unterbrochen, bis das Erregungsgefühl nachlässt. Dieser Vorgang wird mehrmals wiederholt, um die Kontrolle über die Erregung zu verbessern.
  • Squeeze-Technik: Ähnlich wie die Start-Stopp-Technik, aber anstatt die Stimulation zu unterbrechen, wird der Penis kurz vor dem Höhepunkt fest zusammengedrückt, um die Erregung zu reduzieren.
  • Beckenbodentraining: Durch gezielte Übungen kann die Beckenbodenmuskulatur gestärkt werden, was zu einer besseren Kontrolle über die Ejakulation beitragen kann.
  • Sexualtherapie: Eine Sexualtherapie kann helfen, Ängste und Versagensängste abzubauen, die sexuelle Kommunikation in der Partnerschaft zu verbessern und neue Wege der sexuellen Befriedigung zu entdecken.

Medikamentöse Behandlung

  • Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs): Diese Antidepressiva erhöhen den Serotoninspiegel im Gehirn und können so die Ejakulation verzögern. Dapoxetin ist ein speziell für die Behandlung des vorzeitigen Samenergusses zugelassener SSRI.
  • Topische Anästhetika: Betäubende Cremes oder Gels, die auf die Eichel aufgetragen werden, können die Sensibilität reduzieren und die Ejakulation verzögern.
  • PDE-5-Hemmer: Diese Medikamente, die auch zur Behandlung der erektilen Dysfunktion eingesetzt werden, können in manchen Fällen auch bei vorzeitigem Samenerguss helfen, insbesondere wenn dieser mit Erektionsproblemen einhergeht.
  • Trizyklische Antidepressiva: Diese älteren Antidepressiva können ebenfalls die Ejakulation verzögern, werden aber aufgrund ihrer stärkeren Nebenwirkungen seltener eingesetzt.

Alternative Behandlungsmethoden

  • Perkutane penile Vibrostimulation: Hierbei wird ein Vibrationsgerät eingesetzt, um die Nerven im Penis zu stimulieren und die Sensibilität zu erhöhen.
  • Traditionelle chinesische Medizin: Einige Studien deuten darauf hin, dass Akupunktur oder pflanzliche Mittel die Ejakulationskontrolle verbessern können.

Was kann man selbst tun?

Neben den professionellen Behandlungsansätzen gibt es auch einige Maßnahmen, die man selbst ergreifen kann, um den vorzeitigen Samenerguss zu bewältigen:

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  • Offene Kommunikation mit dem Partner: Sprechen Sie offen über Ihre Ängste und Bedürfnisse. Gemeinsam können Sie neue Wege der sexuellen Befriedigung entdecken und den Druck auf den Geschlechtsverkehr reduzieren.
  • Entspannungstechniken: Erlernen Sie Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder progressive Muskelentspannung, um Stress abzubauen und die sexuelle Erregung besser zu kontrollieren.
  • Ablenkung: Konzentrieren Sie sich während des Sex auf andere Dinge als den bevorstehenden Samenerguss. Denken Sie an etwas Unaufregendes oder lenken Sie sich durch Zählen ab.
  • Kondome: Die Verwendung eines Kondoms kann die Sensibilität des Penis verringern und die Ejakulation verzögern. Es gibt auch spezielle Kondome mit betäubenden Gels.
  • Regelmäßige sexuelle Aktivität: Regelmäßiger Sex oder Masturbation kann helfen, die Sensibilität zu regulieren und die Ejakulationskontrolle zu verbessern.

Die Bedeutung der Partnerschaft

Der vorzeitige Samenerguss kann eine Partnerschaft stark belasten. Es ist wichtig, dass beide Partner offen miteinander kommunizieren und gemeinsam nach Lösungen suchen. Eine unterstützende und verständnisvolle Partnerin kann dem Mann helfen, sein Selbstwertgefühl zu stärken und den Druck auf die sexuelle Leistung zu reduzieren.

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