Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der in Deutschland mehr als 280.000 Menschen betroffen sind. Die Krankheit ist durch vielfältige Symptome und einen oft unvorhersehbaren Verlauf gekennzeichnet, was sie als "Krankheit der 1000 Gesichter" bekannt macht. In den letzten Jahren hat es jedoch erhebliche Fortschritte in der Erforschung und Behandlung von MS gegeben, die neue Hoffnung für Betroffene wecken.
Innovative Therapieansätze: CAR-T-Zellen gegen Autoimmunreaktionen
Ein besonders vielversprechender Ansatz ist die sogenannte CAR-T-Zelltherapie, die ursprünglich in der Krebsbehandlung entwickelt wurde. Diese Therapieform zielt darauf ab, das Immunsystem der Patienten so zu verändern, dass es die Angriffe auf das eigene Nervensystem einstellt.
Wie funktioniert die CAR-T-Zelltherapie?
Bei der CAR-T-Zelltherapie werden T-Zellen, eine Art von Immunzellen, aus dem Blut des Patienten entnommen und im Labor genetisch verändert. Diese veränderten T-Zellen, sogenannte CAR-T-Zellen, sind in der Lage, B-Zellen zu erkennen und zu eliminieren. B-Zellen spielen eine zentrale Rolle bei Autoimmunerkrankungen wie MS, da sie Antikörper produzieren, die sich gegen den eigenen Körper richten.
Erste Erfolge bei MS-Patienten
Die CAR-T-Zelltherapie hat bereits erste Erfolge bei der Behandlung von MS gezeigt. So berichtete Stefan Tenoth, ein MS-Patient, der seit fast 25 Jahren an der Krankheit leidet, von einer deutlichen Verbesserung seines Zustands nach der Behandlung mit CAR-T-Zellen. Bei ihm konnten sämtliche Entzündungen, insbesondere in der Halswirbelsäule, vollständig beseitigt werden. Dieser Erfolg war mit keiner anderen Medikamenten oder Behandlungen zuvor erreicht worden.
Einschränkungen und Risiken
Es ist wichtig zu beachten, dass die CAR-T-Zelltherapie noch experimentell ist und bisher nur für wenige Patienten in Frage kommt. Die Nebenwirkungen können massiv sein, weshalb eine sorgfältige Auswahl der Patienten und eine engmaschige Überwachung während der Behandlung unerlässlich sind.
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Tolebrutinib: Ein neuer Wirkstoff mit Potenzial für progrediente MS
Ein weiterer vielversprechender Therapieansatz ist der Wirkstoff Tolebrutinib, der in zwei großen klinischen Studien positive Effekte bei schubförmiger und chronisch fortschreitender MS gezeigt hat.
Unabhängig von Entzündungen wirksam
Tolebrutinib gehört zu den Bruton-Tyrosinkinase-Hemmern (BTKi) und wirkt unabhängig von akuten Entzündungen. Dies ist ein entscheidender Vorteil gegenüber bisherigen Therapien, die primär auf die Kontrolle von Entzündungsprozessen abzielen. Tolebrutinib kann möglicherweise auch das Fortschreiten der Behinderung verlangsamen, selbst wenn keine aktiven Entzündungen mehr nachweisbar sind.
Positive Ergebnisse bei sekundär progredienter MS
In der HERCULES-Studie zeigte Tolebrutinib erstmals signifikant positive Effekte bei sekundär progredienter MS, einer schwer behandelbaren Verlaufsform der Krankheit. Der primäre Endpunkt der Studie, die Verzögerung des Fortschreitens der Behinderung, wurde erreicht.
Möglicher Durchbruch in der MS-Therapie
Die Fachwelt handelt Tolebrutinib als möglichen Durchbruch in der Therapie der schleichenden MS. Es wird erwartet, dass der Wirkstoff in naher Zukunft zugelassen wird.
KI-Analyse revolutioniert das Verständnis des Krankheitsverlaufs
Eine große internationale Studie unter Beteiligung der Universitätsklinik Freiburg hat mithilfe von KI-gestützten Analysen das Verständnis des Krankheitsverlaufs bei MS revolutioniert.
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MS ist kein starres System mit festen Typen
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass MS kein starres System mit festen "MS-Typen" ist, sondern eher ein kontinuierlicher Krankheitsprozess, der sich in verschiedene Zustände einteilen lässt. Frühere, milde Zustände gehen meist über entzündliche Zwischenphasen in fortgeschrittene, irreversible Krankheitsstadien über.
Frühe Therapieentscheidungen sind entscheidend
Das neue Modell beschreibt MS als Abfolge von Zuständen mit spezifischen Übergangswahrscheinlichkeiten. Patienten mit aktiver, aber klinisch stummer Entzündungsaktivität benötigen demnach gerade frühzeitige Therapieentscheidungen.
Auswirkungen auf die Medikamentenzulassung
Das neue Modell könnte auch die Regeln für die Zulassung neuer Medikamente verändern, da es eine individuellere Risikoeinschätzung ermöglicht.
Der Einfluss des Darmmikrobioms auf die Entstehung von MS
Die Forschung hat gezeigt, dass das Darmmikrobiom, die Gesamtheit der Mikroorganismen im Darm, eine wichtige Rolle bei der Entstehung von MS spielen kann.
Unterschiede in der Darmflora von MS-Patienten
Studien haben Unterschiede in der Darmflora von MS-Patienten und gesunden Personen identifiziert. Bestimmte Bakterienstämme kommen bei MS-Patienten häufiger vor als bei gesunden Personen.
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Zwillingsstudie liefert neue Erkenntnisse
Eine Zwillingsstudie unter der Leitung von Dr. Anneli Peters und Professor Hartmut Wekerle hat neue Einblicke in die Rolle des Darmmikrobioms bei MS geliefert. Die Forschenden untersuchten die Stuhlproben von 81 Zwillingspaaren, von denen jeweils ein Zwilling an MS erkrankt war und der andere gesund.
Krankmachende Bakterien identifiziert
Die Studie identifizierte 51 Taxa (Mikroorganismen einer bestimmten Gruppe), die in gesunden und erkrankten Zwillingen unterschiedlich oft zu finden waren. Zudem konnten die Forschenden zwei Bakterienarten (Lachnoclostridium sp. und Eisenbergiella tayi) als potenzielle krankheitsauslösende Faktoren identifizieren.
Neue Therapiemöglichkeiten in Sicht
Sollte sich herausstellen, dass nur eine kleine Anzahl von Mikroorganismen die Krankheit auslöst, könnte dies neue Therapiemöglichkeiten eröffnen.
Personalisierte Therapieentscheidung dank genetischem Biomarker
Eine Studie unter Leitung der Universität Münster hat einen genetischen Biomarker identifiziert, der vorhersagt, ob MS-Patienten besonders gut auf eine Behandlung mit Glatirameracetat (GA) ansprechen.
HLA-A*03:01 als Prädiktor für Therapieerfolg
Menschen mit dem Gewebetyp HLA-A*03:01 profitieren demnach signifikant stärker von GA als von Interferon-beta (IFN). Dieser Biomarker ermöglicht eine personalisierte Therapieentscheidung und kann schon kurzfristig in der Therapieberatung angewendet werden.
HLA-Test findet die Genvariante
Ein HLA-Test, wie er zum Beispiel für Transplantationen oder Arzneimittelsicherheit bereits etabliert ist, kann die fragliche Genvariante finden.
Immuntherapie mit Myelinpeptiden: Ein vielversprechender Ansatz zur Toleranzinduktion
Ein völlig neues Verfahren zur Behandlung der multiplen Sklerose wurde mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) erfolgreich in einer klinischen Studie geprüft. Die Idee ist, das Immunsystem der Betroffenen, genauer die T-Zellen, dazu zu bringen, ihre Angriffe auf die Myelinscheide der Nervenzellen einzustellen.
Wie funktioniert die Therapie?
Aus dem Blut der MS-Patienten werden weiße Blutkörperchen entnommen und im Labor mit sieben Peptiden, also kurzen Eiweißen, die Bestandteil der Myelinscheide sind, gekoppelt. Diese veränderten Leukozyten werden den Patienten als Infusion wieder verabreicht.
Immunsystem wird ausgetrickst
Im Körper der Patienten werden die veränderten Leukozyten in die Milz transportiert, wo ihre Bestandteile dem Immunsystem präsentiert werden. Es entwickelt sich Immuntoleranz, d. h., den T-Zellen wird „beigebracht“, diese Myelinpeptide nicht als fremd, sondern als körpereigen zu erkennen.
Erste klinische Studie erfolgreich
In einer ersten klinischen Studie wurde die Therapie von allen neun Patienten gut vertragen. Bei den Patienten, die eine hohe Dosierung erhalten hatten, konnten sogar positive Effekte auf den Krankheitsverlauf beobachtet werden.