Synästhesie ist ein faszinierendes Phänomen, bei dem Sinneswahrnehmungen auf unerwartete Weise miteinander verbunden sind. Betroffene nehmen Reize nicht nur über einen einzelnen Sinn wahr, sondern erleben eine Kopplung zwischen zwei oder mehreren Sinnesmodalitäten. So können beispielsweise Buchstaben Farben haben, Töne schmecken oder Emotionen Formen annehmen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Synästhesie, von der Definition und den Ursachen bis hin zu den Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen.
Was ist Synästhesie? Eine Definition
Der Begriff "Synästhesie" leitet sich von den altgriechischen Wörtern "syn" (zusammen) und "aisthesis" (Empfinden) ab. Er bezeichnet die Kopplung zweier oder mehrerer physisch getrennter Konstellationen der Wahrnehmung. Synästhetische Wahrnehmungen sind unwillkürlich und nicht steuerbar, treten aber stets durch einen Auslöser auf. Es werden zwei oder mehrere unterschiedliche Gehirnregionen gleichzeitig aktiv. Beim Hören von Farben sind beispielsweise das Hör- und Sehzentrum zur gleichen Zeit aktiv.
Synästhesie ist keine Krankheit, sondern eine physiologische Variante menschlichen Bewusstseins, eine andere Art der Wahrnehmung. Etwa 4 % der Bevölkerung weisen mindestens eine Form der Synästhesie auf.
Die vielfältigen Formen der Synästhesie
Die Formen der Synästhesie sind so vielfältig wie die Kombinationsmöglichkeiten unserer Sinneswahrnehmungen. Einige der häufigsten Arten sind:
- Graphem-Farb-Synästhesie: Buchstaben und/oder Zahlen sind mit einem Farbeindruck verbunden. Zum Beispiel kann der Buchstabe A als dunkelblau und der Buchstabe B als dunkelgrün wahrgenommen werden.
- Farbiges Hören: Geräusche und/oder Musik werden in Farben und/oder Formen wahrgenommen. Ein G-Akkord auf der Gitarre kann beispielsweise als Gelb wahrgenommen werden.
- Sequenz-Raum-Synästhesie: Zeiteinheiten wie Wochentage, Monate oder Ziffern verfügen über eine bestimmte räumliche Anordnung vor dem inneren Auge. Der Wochentag Montag kann beispielsweise als Kreis wahrgenommen werden, während der Dienstag als Quadrat erscheint.
- Ordinal Linguistic Personification (OLP): Schriftzeichen werden nicht nur mit Farbe und Form, sondern auch mit einem Geschlecht, Charaktereigenschaften oder Emotionen verbunden. Der Buchstabe E kann beispielsweise als weiblich wahrgenommen oder mit der Emotion der Freude verbunden werden.
- Gefühlssynästhesie: Emotionen werden farbig und/oder als Form wahrgenommen. Wut kann beispielsweise in der Farbe Rot wahrgenommen werden.
- Person-Farb-Synästhesie: Persönlichkeiten und/oder einer Person wird eine jeweils charakteristische Farbe oder Ziffer zugeordnet. Der beste Freund kann beispielsweise der Farbe Blau zugeordnet werden.
- Ticker-Tape-Synästhesie: Gesprochene, gehörte, gedachte Worte werden für Sekundenbruchteile vor dem inneren Auge eingeblendet. Wenn Anna bei ihrem Namen gerufen wird und sie diesen Ausruf hört, sieht sie ihren Namen kurz bildlich vor ihrem inneren Auge.
- Lexikal-gustatorische Synästhesie: Worte haben eine bestimmte Geschmacksrichtung und/oder eine spürbare Textur auf der Zunge. Das Wort "Schnee" kann beispielsweise einen bitteren Geschmack haben.
Es gibt noch weitere Arten der Synästhesie, bei denen beispielsweise Geschmacksrichtungen, Gerüche oder Körperempfindungen durch visuelle Empfindungen begleitet werden. Der US-amerikanische Anthropologe, Linguist und Synästhet Sean A. Day listet auf seiner Internetseite daysyn.com über 80 verschiedene Formen von Synästhesie auf. Diese Liste wächst kontinuierlich.
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Ursachen der Synästhesie: Ein komplexes Zusammenspiel
Die Ursachen für eine Synästhesie sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass eine Mischung aus genetischen Gründen, Zufall und Erfahrung eine Rolle spielt. Laut einer Studie gaben 43 % der befragten Synästheten an, dass mindestens ein weiterer Synästhet unter ihren Verwandten ersten Grades sei.
Die Annahme der angeborenen Synästhesie ist in der Wissenschaft umstritten. Das liegt daran, dass eine Synästhesie erst dann auftritt, wenn die auslösenden Sinnesreize erfahren und gelernt wurden. Deshalb gehen Wissenschaftler davon aus, dass Synästhesien erst nach der Geburt entwickelt werden. Die Erfahrung spielt dabei eine große Rolle, vor allem dann, wenn gelernte Inhalte, wie das Alphabet, Monate oder Wochentage, die Synästhesie auslösen.
Neurowissenschaftler vermuten, dass zusätzliche Verbindungen zwischen zwei (oder mehreren) Gehirnarealen, in denen die Sinnesreize verarbeitet werden, für die Synästhesie verantwortlich sind. Diese Verbindungen können mithilfe von einer sogenannten Magnetresonanztomographie (MRT) sichtbar gemacht werden. Bei der Synästhesie wird ein primär nicht beteiligtes Gehirnareal zusätzlich erregt. Diese Wahrnehmungen beruhen auf neuronalen Verbindungen zwischen zwei oder mehreren Arealen des Gehirns, die Sinnesreize (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen) verarbeiten. Diese Verbindung zwischen den Gehirnarealen beschränken sich jedoch nicht nur auf Sinnesorgane. Es existieren auch Verknüpfungen anderer neuronaler Strukturen und Bereiche. Dazu gehören beispielsweise Bereiche, die für Gefühle/Emotionen zuständig sind.
Einige Forscher vermuten, dass eine reduzierte Hemmung im Gehirn zu einer Übererregbarkeit führt, wodurch Hirnareale zusammenarbeiten, die sonst unabhängig voneinander agieren. Andere verweisen auf neuroanatomische Besonderheiten im Synästhetiker-Gehirn, wie stärkere Verknüpfungen zwischen den betroffenen Hirnarealen und einen stärker ausgeprägten Scheitellappen, in dem Sinneseindrücke zu einem Gesamtbild verknüpft werden.
Synästhesie im Gehirn: Eine Frage der Vernetzung
Die Gehirne von Synästhet*innen zeigen vermehrt graue Substanz (Nervenzellen) in verschiedenen Bereichen und in anderen Bereichen eine erhöhte Dichte an weißer Substanz (Nervenverbindungen). Synästhetiker haben mehr neuroanatomische Knotenpunkte im Denkorgan und dadurch ein engmaschigeres Netzwerk.
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Die Forschung hat gezeigt, dass die Areale für das Erkennen von Buchstaben und die Farbverarbeitung bei Synästhetikern stärker verknüpft sind als bei Kontrollpersonen. Zudem sind die beteiligten Hirnareale stärker ausgeprägt. Insbesondere der Scheitellappen scheint eine wichtige Funktion bei der Synchronisierung der synästhetisch agierenden Hirnareale zu übernehmen.
Diagnose von Synästhesie: Tests und Verfahren
Es gibt viele verschiedene Tests zum Erkennen von Synästhesie. Welcher Test anschlägt, hängt von der Art der Synästhesie ab. Jedoch sollte man, wenn man durch so einen Test eine eventuelle Synästhesie feststellt, dies stets mit einem Arzt besprechen, da auch andere Gründe für eine andersartige Wahrnehmung vorliegen können.
Eine bekannte Variante ist der "Pop-Out-Test". Hier werden schwarz gedruckte Zahlen oder Buchstaben untereinander gemischt. Ein Synästhetiker, der zum Beispiel die Zahl 2 als rot und die Zahl 5 als grün wahrnimmt, würde die untergemischten Zahlen leichter erkennen.
Weitere Tests sind auf der Internetseite der Universität Düsseldorf zu finden.
Bei der Diagnostik werden auch Verhaltenstests und Hirnscans eingesetzt.
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Synästhesie und Intelligenz: Gibt es einen Zusammenhang?
Synästhesie findet man in allen gesellschaftlichen Schichten und Berufen. Menschen mit Synästhesie besitzen einzigartige Fähigkeiten, die ihnen durch ihre besondere neuronale Struktur ermöglicht wird. Aber sind Menschen mit Synästhesie deshalb auch überdurchschnittlich intelligent?
Es gibt verschieden Merkmale, die statistisch gesehen häufig auf Menschen mit Synästhesie zutreffen:
- erhöhte Kreativität
- erhöhte Merkfähigkeit
- bessere Vorstellungskraft/Bilderdenken
- bessere Detailwahrnehmung
- verstärkte Sensibilität für Sinneswahrnehmungen
- erhöhte emotionale Empathie
Ob Menschen mit Synästhesie also überdurchschnittlich intelligent sind, wurde noch nicht bestätigt. Die starke Ausprägung der oben genannten Fähigkeiten und Eigenschaften führt aber dazu, dass häufig ein Zusammenhang zwischen Synästhesie und erhöhter Intelligenz vermutet wird.
Synästhesie lernen: Ist das möglich?
Das Erlernen von Synästhesie ist nicht möglich. Die Befähigung zur Synästhesie entsteht durch zusätzliche Verbindungen innerhalb verschiedener Areale des Gehirns. Man geht davon aus, dass Synästhesie durch eine körperliche Voraussetzung entsteht. Eine Synästhesie ist also nicht beeinflussbar.
Synästhesie im Alltag: Bereicherung oder Belastung?
Synästhetiker empfinden ihre Besonderheit meist als Bereicherung, die sie nicht missen möchten. Mit Hilfe der doppelten Wahrnehmung lassen sich Dinge leichter einprägen. Gerade für Kreative scheint die Synästhesie ein sprudelnder Quell zu sein: Kompositionen gelingen leichter und Worte fließen besser, wenn man sie gleich auf mehreren Ebenen empfindet.
Allerdings kann Synästhesie auch eine Belastung darstellen. Einige Betroffene müssen sich stärker auf eine Aufgabe konzentrieren als andere Menschen, beispielsweise beim Autofahren. Junge Synästhetiker sind oft irritiert, wenn sie bemerken, dass nicht alle die Dinge so wahrnehmen, wie sie es tun. Verstärkte neuronale Tätigkeit, erhöhte Vorstellungskraft, in Kombination mit einer verstärkten Sensibilität können auch die Nachteile erklären, über die Synästhet*innen berichten; so kann es leichter zu Reizüberflutungen kommen bei lauter oder hektischer Umgebung und unter Umständen zu einer gewissen Angstreaktion auf unvorhergesehene oder nicht kontrollierbare Umwelteinflüsse.
Berühmte Synästheten: Künstler und Wissenschaftler
Synästhetinnen sind wie bereits ausgeführt häufig zu besonderen Leistungen befähigt, was Gedächtnis, Intelligenz und Kreativität betrifft. Viele künstlerisch begabte Menschen sind Synästhetinnen, unter Künstler*innen sind es weit mehr als die durchschnittlichen 4%.
Berühmte Synästheten waren z.B. der Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman und vermutlich auch der Erfinder Nikola Tesla; ebenso die Komponisten Franz Liszt, Jean Sibelius, Olivier Messiaen, Nikolai Rimsky-Korsakov, Leonard Bernstein, György Ligeti sowie der Autor Vladimir Nabokov. Der Maler Wassily Kandinsky nutzte seine Gabe, um besonders „musikalische“ Bilder zu malen. Heute bekannte Synästhet*innen soweit nach aktuellem Kenntnisstand bekannt sind z.B. Musiker/innen wie Lady Gaga, Lorde, Mary J. Blige, Tori Amos, Billy Joel, Pharell Williams und Chris Martin, der Sänger der britischen Band „Coldplay“.
Die Welt mit anderen Augen sehen
Synästhesie ist ein faszinierendes Phänomen, das uns einen Einblick in die Vielfalt der menschlichen Wahrnehmung ermöglicht. Auch Gedanken und Vorstellungen können synästhetische Empfindungen auslösen. Synästhetische Empfindungen sind ähnlich wie normale Wahrnehmungen, der auslösende Reiz kann eine Information aus der Außenwelt sein, jedoch auch ein Konzept (ein Gedanke, z. B. Synästhet*innen sind normale Menschen, die in allen gesellschaftlichen Schichten und allen denkbaren Berufen zu finden sind, die jedoch ein Potenzial besitzen, das ihnen ihre besondere neuronale Strukturierung ermöglicht. Sie zeigt, wie unser Gehirn Sinneseindrücke verarbeitet und miteinander verknüpft. Obwohl die Ursachen noch nicht vollständig geklärt sind, deuten Forschungsergebnisse auf eine Kombination aus genetischen Faktoren und individuellen Erfahrungen hin. Synästhesie ist keine Krankheit, sondern eine physiologische Normvariante, die das Leben der Betroffenen bereichern kann. Sie ist ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich und einzigartig unsere Wahrnehmung der Welt sein kann.
Synästhesie - Das Wichtigste in Kürze
- Synästhesie findet durch zusätzliche Verbindungen zwischen zwei (oder mehreren) Gehirnarealen statt, in denen die Sinnesreize verarbeitet werden.
- Diese Verbindung betrifft die Verknüpfung von Farbe, Temperatur, Ton, Musik oder Räumlichkeit.
- Beispiele für Synästhesie sind unter anderem die Gefühlssynästhesie (Emotionen werden farbig und/oder als Form wahrgenommen) oder die Graphem-Farb-Synästhesie (Buchstaben und/oder Zahlen treten in Verbindung mit einem Farbeindruck auf).
- Synästhesie ist keine Krankheit, es ist lediglich eine physiologische Variante menschlichen Bewusstseins.
- Synästhesie ist teilweise genetisch bedingt.
- Das Erlernen von Synästhesie ist nicht möglich.
- Es gibt verschiedene Tests, mit der man eine Synästhesie erkennen kann, je nachdem welche Art der Synästhesie vorliegt.
Glossar
- Synästhesie: Kopplung zweier oder mehrerer physisch getrennter Konstellationen der Wahrnehmung.
- Graphem: Kleinste bedeutungsunterscheidende Einheit in einem Schriftsystem (z.B. Buchstaben).
- Inducer: Auslösender Reiz für eine synästhetische Wahrnehmung.
- Concurrent: Synästhetische Wahrnehmung als Folge eines auslösenden Reizes.
- Ideasthesie: Empfinden einer Idee bzw. die Wahrnehmung eines Konzeptes.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Bildgebendes Verfahren zur Darstellung von Strukturen und Funktionen im Körper, insbesondere im Gehirn.
- Neuron: Nervenzelle, die für die Übertragung von Informationen im Gehirn zuständig ist.
- Synapse: Verbindungsstelle zwischen zwei Neuronen, an der die Signalübertragung stattfindet.
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