Botox ist vor allem als Mittel zur Faltenbehandlung bekannt. Doch das Botulinumtoxin A kann auch bei der Behandlung von chronischer Migräne eine wichtige Rolle spielen. Dieser Artikel beleuchtet die Wirkungsweise von Botox bei Migräne, die Anwendungsweise, mögliche Nebenwirkungen und gibt Ihnen wichtige Informationen, die Sie vor einer Behandlung beachten sollten.
Was ist Migräne und wie unterscheidet sie sich von Spannungskopfschmerzen?
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die sich von Spannungskopfschmerzen in der Art des Schmerzes, dessen Intensität und den Begleiterscheinungen unterscheidet. Der Migräne-Schmerz ist meist pochend-pulsierend und oft nur in einer Kopfhälfte zu spüren. Hinzu kommen häufig Licht- und Lärmempfindlichkeit, Sehstörungen, Müdigkeit und Übelkeit. Eine Schmerzattacke dauert bei Migräne oft mehrere Stunden oder Tage.
Wie wirkt Botox® gegen Migräne?
Wissenschaftliche Studien deuten darauf hin, dass eine Migräne entsteht, wenn der sogenannte Trigeminusnerv, der unter anderem für die sensorische Wahrnehmung im Gesicht verantwortlich ist, verschiedene Botenstoffe ausschüttet. Dadurch können Schmerzsignale erzeugt oder entzündliche Reaktionen in der Hirnhaut angeregt werden. Zu den beteiligten Botenstoffen gehören Glutamat, Substanz P und Calcitonin-Gene-Related-Peptid (CGRP).
Botox® mit dem Wirkstoff Botulinumtoxin Typ A kann dies reduzieren, indem es die Ausschüttung der Botenstoffe hemmt. Ohne diese Botenstoffe kann der Nerv nur eingeschränkt Schmerzsignale weiterleiten und auch die Erweiterung der Blutgefäße in der Hirnhaut und das dortige Entzündungsgeschehen werden gehemmt. Damit kann BOTOX® gegen Kopfschmerzen bei chronischer Migräne helfen.
Botox® hemmt die Ausschüttung des Botenstoffs im Körper, der für die Muskelaktivierung verantwortlich ist. Dadurch wird bei einem Migräne-Anfall die Muskelanspannung reduziert. Die schmerzstillende Wirkung des Botox® gegen die chronischen Kopfschmerzen wurde in mehreren Studien belegt. So konnte in der PREEMPT-Studie aus dem Jahre 2010 mit 1384 Migräne-Patienten die Anzahl der Kopfschmerz-Tage als auch die Intensität der Schmerzen signifikant verringert werden. Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine Studie zu Cluster-Kopfschmerzen.
Lesen Sie auch: Was verursacht Demenz?
Für wen ist die Botox®-Behandlung geeignet?
BOTOX® kommt für Erwachsene infrage, bei denen vorbeugende Medikamente nicht ausreichend wirksam waren oder nicht vertragen wurden.
Die Migräne Behandlung mit Botox® eignet sich für Patient:innen, die unter chronischer Migräne leiden und deren Lebensqualität dadurch erheblich beeinträchtigt ist. Insbesondere Betroffene, bei denen herkömmliche Therapien wie Medikamente nicht ausreichend wirksam sind oder Nebenwirkungen verursachen, können von dieser Methode profitieren. Vor der Behandlung wird ein ausführliches Beratungsgespräch geführt, um zu prüfen, ob Botox® bei Migräne geeignet ist. Dabei werden die individuellen Symptome, die Häufigkeit der Migräneanfälle und bisherige Behandlungsansätze berücksichtigt.
Eine Migräne gilt dann als chronisch, wenn ein Patient an mindestens 15 Tagen im Monat unter Kopfschmerzen leidet und davon an mindestens acht unter Migräne. Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (International Headache Society) hat spezifische Kriterien für die Diagnose der chronischen Migräne festgelegt.
Wie läuft eine Botox®-Behandlung gegen Migräne ab?
Auf Basis der PREEMPT-Studie wurde ein Schema erarbeitet, anhand dessen das Botox® mit feinsten Kanülen in die Muskulatur an Stirn, Nacken und Schultern injiziert wird. Die Behandlung selbst dauert meist nur wenige Minuten und kann im Sitzen oder Liegen durchgeführt werden. Je nach Schmerzmuster kann zusätzlich an weiteren Injektionsstellen eine Behandlung erfolgen. Somit sind bis zu 39 Punkte für die Injektion möglich.
Die aktuelle Standarddosierung gemäß Herstellerempfehlung und Zulassung in Deutschland beträgt pro Behandlung zwischen 155 und 195 sogenannten „Allergan-Einheiten“ (AE). Die Erstbehandlung erfolgt dabei regelmäßig mit 155 AE, verteilt über 31 Injektionspunkte.
Lesen Sie auch: Walnüsse: Ein Superfood für Ihr Gehirn
Üblicherweise erfolgt die Behandlung alle 3 Monate. Im 2. Behandlungsjahr kann bei anhaltendem Therapieerfolg versucht werden, das Intervall auf 4 Monate zu verlängern. Alternativ besteht auch die Möglichkeit, den 3-Monatszeitraum beizubehalten, aber die Dosierung zu verringern.
Was ist vor und nach der Behandlung zu beachten?
Vor der Behandlung:
- Sollten Sie BOTOX® selbst zu dem Termin mitbringen, denken Sie daran, das Medikament gekühlt (bei maximal 2 - 8 °C) zu transportieren.
- Teilen Sie Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt mit, wo die Schmerzen besonders stark sind, um falls nötig weitere Behandlungspunkte festzulegen.
- Wenn Sie zum Zeitpunkt eines Behandlungstermins eine akute Migräneattacke haben, sollten Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt besprechen, ob der Termin verschoben werden sollte und ob es zeitnahe Alternativen gibt.
Nach der Behandlung:
- Bleiben Sie noch ein paar Minuten in der Praxis, um sicherzugehen, dass Sie die Behandlung mit BOTOX® gut vertragen.
- Mögliche Schwellungen im behandelten Bereich bilden sich meist innerhalb von 30 Minuten von selbst wieder zurück.
- In den ersten 24 Stunden nach der Behandlung vermeiden Sie es, den Bereich der Injektion zu reiben oder zu massieren, wenden Sie keine Gesichtsmaske oder Peeling an, lassen Sie keine Physiotherapie und Lymphdrainagen durchführen und verzichten Sie auf einen Saunabesuch oder ein Sonnenbad.
Wie lange dauert es, bis Botox® wirkt und wie lange hält die Wirkung an?
Die schmerzstillende Wirkung des Botox® setzt nach ca. 48 bis 72 Stunden ein und hält bis zu drei Monate an. Die erste Wirkung von BOTOX® kann bereits nach zwei bis drei Tagen spürbar sein, wobei sich die volle Wirkung in der Regel fünf bis sechs Wochen nach der ersten Behandlung entfaltet. Das kann jedoch individuell unterschiedlich sein. Bei manchen Menschen tritt die volle Wirkung erst nach der zweiten oder der dritten Behandlung ein. Daher ist es wichtig, von Beginn an drei Behandlungstermine einzuplanen, jeweils im Abstand von 12 Wochen, da die Wirkung mit der Zeit zunimmt.
Wenn die Therapie weitergeführt wird, sind pro Jahr vier Behandlungstermine einzuplanen.
Lesen Sie auch: Wadenkrämpfe effektiv vorbeugen
Die Wirkung von Botox® bei Migräne kann mit der Zeit nachlassen, deshalb ist nach 12 Wochen eine erneute Behandlung empfohlen. Bevor Sie gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt den Therapieerfolg bewerten und über die Therapiefortführung entscheiden, sind drei Behandlungen vorgesehen. Ein Vergleich der Beschwerden der chronischen Migräne vorher und nachher ist also erst nach etwa sechs Monaten sinnvoll.
Mögliche Nebenwirkungen und Kontraindikationen
Wie bei jeder Therapie können auch bei Botox Nebenwirkungen auftreten. Meist sind diese nur leicht bis mittelschwer ausgeprägt und treten vorübergehend auf. Zu den häufigsten Nebenwirkungen, die bei bis zu 1 von 10 behandelten Personen auftreten, zählen:
- Kopfschmerzen, Migräne und Verschlimmerung der Migräne
- Schwäche der Gesichtsmuskeln
- Herabhängen des Augenlids
- Hautausschlag, Juckreiz
- Nackenschmerzen, Muskelschmerzen
- Muskelkrämpfe, Muskelsteifheit
- Muskelverspannung, Muskelschwäche
- Schmerzen an der Injektionsstelle
Gelegentliche Nebenwirkungen, die bei bis zu 1 von 100 behandelten Personen auftreten, sind:
- Schluckbeschwerden
- Hautschmerzen
- Kieferschmerzen
Eine Nebenwirkung, deren Häufigkeit nicht bekannt ist, ist:
- seitliche Anhebung der Augenbrauen
In bestimmten Fällen darf Botox nicht eingesetzt werden:
- wenn der Patient an einer Erkrankung leidet, die die neuromuskuläre Übertragung beeinflusst, wie z.B. die Myasthenia gravis
- wenn der Patient eine bekannte Unverträglichkeit gegenüber Botulinumtoxinen hat
- bei Neuromuskulären Erkrankungen
- bei Schluckstörungen oder chronischen Atembeschwerden
- beim Bestehen akuter Infekte und Entzündungen der vorgesehenen Injektionsstellen
- bei der gleichzeitigen Einnahme bestimmter Medikamente, die die muskuläre Transmission beeinflussen sowie bestimmter Antibiotika (Aminoglykosid-Antibiotika, Spectinomycin)
- bei nachgewiesener Überempfindlichkeit gegen einen der Bestandteile von BOTOX
- während der Schwangerschaft und Stillzeit
Kosten und Kostenübernahme durch die Krankenkasse
Die Kosten für eine Behandlung mit Botox® gegen Migräne hängen von der Menge der Injektionspunkte ab. Der behandelnde Arzt erstellt einen Kostenvoranschlag, den die Patienten bei ihrer Krankenkasse einreichen.
Damit die Krankenkasse die Kosten für eine Behandlung mit BOTOX® gegen chronische Migräne übernimmt, müssen verschiedene Kriterien erfüllt sein:
- Es muss eine chronische Migräne diagnostiziert werden nach den Kriterien der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft (International Headache Society), das bedeutet: Seit 3 Monaten oder länger bestehende Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen im Monat, davon 8 oder mehr Tage mit migränetypischen Symptomen.
- Eine in der Vergangenheit durchgeführte vorbeugende Behandlung der chronischen Migräne mit Medikamenten unter anderem aus der Gruppe der Blutdrucksenker, Antiepileptika, Antidepressiva oder CGRP-Antagonisten zeigten keine Wirkung oder wurden nicht vertragen.
Am besten ist es, Sie nehmen vor dem Beginn der Therapie mit BOTOX® gegen Migräne Kontakt zu Ihrer Krankenkasse auf und reichen dort einen Behandlungsplan ein, den Ihnen Ihre behandelnde Ärztin bzw. Ihr behandelnder Arzt erstellen und aushändigen kann.
Alternativen zur Botox®-Behandlung
Es gibt medikamentöse und nicht-medikamentöse Verfahren, um der Migräne vorzubeugen. Bei Patienten, bei denen die Migräne noch nicht sehr stark ausgeprägt ist, sollten zunächst die nicht-medikamentösen Verfahren ausgeschöpft werden. Dazu gehören zum Beispiel Entspannungs-Übungen und / oder ein regelmäßiger Ausdauersport. Oft helfen auch gewisse Lebensstil-Modifikationen, wie regelmäßig zu essen, regelmäßig zu schlafen und ein gutes Stress-Management.
Seit Ende 2018 stehen mit Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab und Eptinezumab neue Wirkstoffe zur Verfügung. Hier greift der Wirkstoff als Antikörper gezielt am CGRP-Rezeptor an, der an der Entstehung und Aufrechterhaltung von Migräne zentral beteiligt ist. CGRP ist ein sogenannter Neurotransmitter, ein Botenstoff, der bei Migräne vermehrt freigesetzt wird.