In unserer modernen Welt, in der wir ständig von Geräuschen umgeben sind, ist es wichtiger denn je, die Bedeutung von Stille und Entspannung für unser Gehirn zu verstehen. Dieser Artikel untersucht, wie Stille, Naturgeräusche und der Abbau von Stressoren dazu beitragen können, unser Nervensystem zu beruhigen und unsere kognitiven Funktionen zu verbessern.
Die allgegenwärtige Lärmbelästigung
Im Alltag sind wir einer ständigen Beschallung ausgesetzt. Ob Musik beim Einkaufen, brummende Elektrogeräte oder Autolärm - oft nehmen wir diese Geräusche gar nicht mehr bewusst wahr, da wir uns daran gewöhnt haben. Doch erst wenn es absolut still ist, bemerken wir, wie befreiend das sein kann.
Die gesundheitlichen Folgen von Lärm
Fachleute wissen schon lange, dass Lärm auf Dauer krank machen kann. Studien belegen den Zusammenhang zwischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Dauerlärm an Flughäfen oder Autobahnen. Unser Gehirn reagiert sehr prompt auf Geräusche, sogar im Schlaf. Ungewohnter oder potenziell belastender Lärm aktiviert die Amygdala, ein Kerngebiet im Schläfenlappen, das bei Angst und anderen negativen Emotionen aktiv wird. Dies kann das Stresssystem des Körpers aktivieren und zur Ausschüttung von Kortisol führen.
Die wohltuende Wirkung der Stille
Hirnforscher haben durch Zufall entdeckt, wie sehr unser Körper von akustischen Auszeiten profitiert. In einer Studie von Luciano Bernardi und seinem Team von der Universität Pavia in Italien wurde festgestellt, dass kurze Pausen der Stille inmitten von Musikstücken die Entspannung verstärkten und die Messwerte von Atmung, Blutdruck und Herzschlag sogar unter die Ausgangswerte senkten.
Das neuronale Netzwerk der Stille
Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass das Gehirn ein auf Stille spezialisiertes neuronales Netzwerk beherbergt. Beim Verstummen eines Tons wird eine andere Gruppe von Synapsen aktiv als zu dessen Beginn. Dieses Netzwerk vermittelt womöglich den besonders intensiven Eindruck, der uns ereilt, wenn die Dauerbeschallung pausiert.
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Die Bedeutung von Auszeiten
Zeiten ohne akustischen Input sind zu einer wertvollen Ressource geworden. Immer mehr Menschen sind bereit, dafür zu zahlen, sei es für Meditations-Camps im Wald, Stille-Retreats oder geräuschreduzierende Kopfhörer. Längere Phasen der Stille können tiefgreifende Auswirkungen auf unser Gehirn haben.
Nervenzellenwachstum durch Stille
Eine Studie an Mäusen des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen in Dresden ergab, dass Stille das Nervenzellwachstum im Hippocampus stimuliert. Im Vergleich zu einer gewohnten Geräuschkulisse stimulierten fast alle Bedingungen die Neurogenese im Hippocampus. Nach sieben Tagen wiesen jedoch nur noch diejenigen Mäuse mehr neue Nervenzellen auf, die regelmäßig längerer Stille ausgesetzt waren.
Das Ruhezustandsnetzwerk
Auch ohne akustischen Input herrscht selten Ruhe unter der Schädeldecke. Hören wir nichts, generiert das Gehirn oft selbst Gedanken an Töne oder gesprochene Sätze. Das Gedächtnis erzeugt imaginäre Klänge, die als Ohrwurm bisweilen sogar ähnlich nerven können wie eine Single-CD in Endlosschleife. Dieses Phänomen wird als Default Mode Network oder Ruhezustandsnetzwerk bezeichnet.
Die Vorteile des Tagträumens
Das Ruhezustandsnetzwerk wird immer dann aktiv, wenn wir nichts tun und unsere Gedanken schweifen lassen. Seinen Gedanken hin und wieder freien Lauf zu lassen, fördert den Einfallsreichtum. Wer regelmäßig tagträumt, soll zudem kognitiv flexibler sein und Probleme leichter lösen können.
Entspannung in der Natur
Die Natur bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten, unser Gehirn zu entspannen und unsere kognitiven Ressourcen wieder aufzuladen. Die Attention Restoration Theory besagt, dass das Gehirn seine kognitiven Ressourcen besser regenerieren kann, wenn es möglichst wenig sensorischen Input erhält. Auszeiten in der Natur, wie das Beobachten eines Sonnenuntergangs oder das Atmen frischer Waldluft, können das Gehirn wieder leistungsfähig machen.
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Die Wirkung von Naturgeräuschen
Naturgeräusche wie Vogelgezwitscher oder Meeresrauschen haben gleich drei Effekte auf einmal: Sie scheinen unser Gehirn so zu aktivieren, dass wir unseren Gedanken freien Lauf lassen können, aufmerksamer sind und gleichzeitig Stress abbauen.
Floating-Therapie
Eine weitere Möglichkeit, dem Gehirn eine Auszeit zu gönnen, ist die Floating-Therapie. Dabei liegen die Teilnehmer in einer mit konzentriertem Salzwasser gefüllten Wanne, abgeschottet von der Außenwelt. Niederländische Psychologen kamen zu dem Schluss, dass die Floating-Technik typische Stresssymptome lindert, den Kortisol- und Adrenalinspiegel sowie den Blutdruck senkt und das allgemeine Wohlbefinden steigert.
Stress und seine Auswirkungen auf das Gehirn
Stress kann sich auf unterschiedliche Weise auf die verschiedenen Areale des Gehirns auswirken und sogar die Struktur des Organs verändern. Das Stresshormon Cortisol kann zum Beispiel verhindern, dass sich neue Nervenzellen im Hippocampus bilden. Chronischer Stress kann zudem den medialen präfrontalen Kortex schrumpfen lassen und die Größe und Aktivität der Amygdala erhöhen.
Die Umkehrbarkeit der Stressfolgen
Die gute Nachricht ist, dass die schädlichen Wirkungen von Stress auf unseren Körper und Geist weitgehend umkehrbar sind. Körperliche Aktivität, ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Lebensweise und gezielte Entspannung können helfen, den Hippocampus wieder in Schwung zu bringen.
Gehirnwellen und Entspannung
Unser Gehirn arbeitet mit Schwingungen, den sogenannten Gehirnwellen. Diese werden mit unterschiedlichen Bewusstseinszuständen in Verbindung gebracht, zum Beispiel mit hoher Konzentration oder tiefer Entspannung. Durch Meditation und andere Entspannungstechniken können wir unsere Gehirnwellen beeinflussen und so unser Nervensystem beruhigen.
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Die Bedeutung des Vagusnervs
Der Vagusnerv spielt eine wichtige Rolle bei der Entspannung und lässt sich durch Atemtechniken, Kälte und Körperübungen aktivieren. Kurzfristig beruhigt etwa die 4-7-8-Atemtechnik, während langfristige Regulierung bei chronischem Stress Wochen bis Monate dauern kann.
Tipps zur Beruhigung des Nervensystems
Hier sind einige Strategien, um das Nervensystem zu beruhigen:
- Atemtechniken: Die 4-7-8-Atemtechnik oder die Zwerchfellatmung können helfen, den Parasympathikus zu aktivieren und den Körper zu entspannen.
- Körperliche Aktivität: Sport hilft, das ausgeschüttete Adrenalin und Cortisol abzubauen und signalisiert dem Gehirn, dass die Gefahr vorüber ist.
- Meditation und Achtsamkeit: Regelmäßige Meditation und Achtsamkeitsübungen können den Geist und das Nervensystem beruhigen und die Stressresilienz stärken.
- Schlafhygiene: Ausreichend Schlaf ist essenziell, um das Nervensystem beruhigen zu können.
- Emotionen zulassen: Manchmal kann es guttun, die angestauten Emotionen herauszulassen und sich zu erlauben, zu weinen.
- Soziale Interaktionen: Lockere, freundliche und liebevolle soziale Interaktionen vermitteln dem Gehirn, dass die Welt ein sicherer Ort ist.
Der Einfluss der mentalen Einstellung
Unsere mentale Einstellung am Morgen kann unsere Leistungsfähigkeit und Konzentration maßgeblich beeinflussen. Wenn wir morgens schon denken, dass der Tag stressig werden könnte, wird er es auch. Es ist daher wichtig, mit einem positiven Gefühl in den Tag zu starten.