Ein epileptischer Anfall kann sowohl für Betroffene als auch für Angehörige eine beängstigende Erfahrung sein. Dieser Artikel soll Ihnen helfen, die verschiedenen Aspekte epileptischer Anfälle zu verstehen, richtig zu reagieren und entspannt mit der Situation umzugehen.
Was ist ein epileptischer Anfall?
Ein Krampfanfall, auch epileptischer Anfall genannt, entsteht durch plötzliche, unkontrollierte elektrische Entladungen von Nervenzellen im Gehirn. Diese Störung kann zu vorübergehendem Kontrollverlust über Körper und/oder Bewusstsein führen. Die Symptome variieren stark und reichen von kurzen Aussetzern bis hin zu heftigen Krämpfen.
Wie entstehen Anfälle?
Das Gehirn besteht aus Milliarden von Nervenzellen, die elektrische Signale erzeugen, empfangen und übertragen. Bei Störungen in diesem Zusammenspiel kommt es zu plötzlichen elektrischen Entladungen, die sich im Körper ausbreiten und krampfartige Zuckungen auslösen können. Jede Schädigung des Hirngewebes kann eine solche spontane Entladung verursachen.
Ursachen und Auslöser
Krampfanfälle können vielfältige Ursachen haben:
- Epilepsie: Eine chronische Erkrankung, die durch wiederholte Anfälle gekennzeichnet ist.
- Fieber: Besonders bei Kindern kann hohes Fieber zu Fieberkrämpfen führen.
- Stoffwechselstörungen: Unterzuckerung (besonders bei Diabetikern) oder Elektrolytmangel (z.B. Magnesium, Natrium, Kalzium) können Anfälle auslösen.
- Schlafentzug: Ein gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus erhöht die Anfallsbereitschaft.
- Vergiftungen: Bestimmte Substanzen können Krampfanfälle verursachen.
- Psychische Ursachen: Psychogene Anfälle, die nicht durch elektrische Entladungen im Gehirn, sondern durch seelische Belastungen verursacht werden.
- Alkohol- oder Drogenentzug: Der plötzliche Entzug kann das Nervensystem aus dem Gleichgewicht bringen.
- Seltene Auslöser: Individuelle Trigger wie flackerndes Licht oder sogar Lesen können in seltenen Fällen Anfälle provozieren.
- Erkrankungen: Schlaganfall, Gehirnverletzungen, Hirnoperationen, Infektionen des zentralen Nervensystems (z.B. Meningitis, Enzephalitis).
- Genetische Faktoren: Neuere Untersuchungen deuten auf genetische Risikofaktoren für die Entwicklung einer Epilepsie hin.
Arten von Anfällen
Grundsätzlich unterscheidet man zwischen fokalen und generalisierten Anfällen:
Lesen Sie auch: Natürliche Entspannung für Muskeln und Nerven
- Fokale Anfälle: Die Störung beginnt in einem kleinen Bereich einer Hirnhälfte. Die Symptome hängen vom betroffenen Hirnbereich ab. Betroffene können bei Bewusstsein bleiben oder dieses verlieren.
- Generalisierte Anfälle: Beide Hirnhälften sind betroffen. Hierzu gehören Absencen (kurze „Aussetzer“), myoklonische Anfälle (Muskelzuckungen) und tonisch-klonische Anfälle (früher Grand Mal genannt).
Symptome eines Krampfanfalls
Die Symptome eines Krampfanfalls können sehr unterschiedlich sein, abhängig von der Art des Anfalls und dem betroffenen Hirnbereich.
Fokale Anfälle
Bei fokalen Anfällen können folgende Symptome auftreten:
- Wahrnehmungsstörungen: Sinnestäuschungen oder Halluzinationen.
- Gefühlsstörungen: Wärme- oder Kälteempfindungen.
- Motorische Symptome: Zuckungen, Versteifungen oder Verkrampfungen einzelner Körperteile.
- Komplexere Anfälle: Bewusstseinsstörungen, Benommenheit, Verwirrtheit.
- Aura: Kribbeln, Taubheitsgefühle, Lichtblitze, ungewöhnliche Geräusche oder Gerüche, plötzliche Angst, kurze Aussetzer in Sprache oder Gedächtnis.
- Weitere Symptome: Herzrasen, Schweißausbrüche, Speichelfluss, Übelkeit.
- Automatismen: Wiederholte, unwillkürliche Verhaltensweisen wie Schmatzen, Lippenlecken oder Nesteln.
Generalisierte Anfälle
Generalisierte Anfälle können sich wie folgt äußern:
- Absencen (Petit Mal): Kurze Bewusstseinsstörungen, bei denen die betroffene Person abwesend wirkt oder ins Leere starrt.
- Tonisch-klonischer Anfall (Grand Mal):
- Tonische Phase: Plötzliche Anspannung aller Muskeln, der Körper wird steif, Bewusstseinsverlust. Die Atmung kann sehr flach sein.
- Klonische Phase: Krampfartige Zuckungen der Muskeln durch abwechselndes An- und Entspannen.
- Weitere Symptome: Zungen- oder Wangenbiss, Einnässen.
- Atonischer Anfall: Plötzlicher Verlust der Muskelspannung.
Vorboten und Prodromi
Manche Menschen erleben vor einem Anfall Vorboten (Prodromi) wie Kopfschmerzen, Schwindel, Stimmungsschwankungen oder erhöhte Reizbarkeit. Eine Aura kann ebenfalls ein Vorbote sein, wird aber heutzutage als eigene Form eines fokalen epileptischen Anfalls betrachtet.
Erste Hilfe bei einem Krampfanfall
Auch wenn ein Krampfanfall in der Regel von selbst aufhört, ist es wichtig, richtig zu reagieren, um die betroffene Person zu schützen:
Lesen Sie auch: Gehirnentspannung durch Musik: Eine Analyse
- Ruhe bewahren: Panik hilft niemandem. Versuchen Sie, ruhig und besonnen zu handeln.
- Notruf wählen (112): Bei einem ersten Anfall, einem Anfall, der länger als fünf Minuten dauert, oder bei wiederholten Anfällen ohne vollständige Erholung ist es wichtig, den Notruf zu alarmieren.
- Person schützen:
- Gegenstände aus der Umgebung entfernen, die eine Verletzungsgefahr darstellen könnten.
- Den Kopf polstern, z.B. mit einem Kissen oder Kleidungsstücken.
- Brille abnehmen, falls möglich.
- Nicht festhalten: Die Person nicht festhalten oder versuchen, die Bewegungen zu unterdrücken.
- Nichts in den Mund stecken: Es besteht Erstickungsgefahr.
- Beobachten: Die Dauer des Anfalls und die Symptome notieren, um sie später dem Arzt mitteilen zu können.
- Nach dem Anfall:
- Regelmäßig Bewusstsein und Atmung kontrollieren.
- Bei Bewusstlosigkeit in die stabile Seitenlage bringen.
- Wenn die Atmung aussetzt, Herzdruckmassage durchführen.
- Die Person nicht allein lassen und beruhigend auf sie einwirken.
- Sicherstellen, dass die Atemwege frei bleiben. Gegebenenfalls den Zahnersatz entfernen, in der Regel aber erst nach Abklingen des Anfalls.
Wann ins Krankenhaus?
- Erster Anfall: Nach einem ersten Krampfanfall sollte immer ein Arzt aufgesucht werden, um die Ursache abzuklären.
- Bewusstseinsstörungen: Auch nach einem milden Anfall mit Bewusstseinsstörungen ist ein Krankenhausaufenthalt ratsam.
- Wiederholte Anfälle: Personen, die wiederholt Anfälle erleben, sollten ebenfalls ärztlich untersucht werden.
- Anhaltender Anfall: Dauert ein Anfall länger als fünf Minuten an oder treten mehrere Anfälle ohne Erholung auf, handelt es sich um einen neurologischen Notfall (Status epilepticus).
Diagnose und Behandlung
Zur Diagnose eines Krampfanfalls oder einer Epilepsie werden verschiedene Untersuchungen durchgeführt:
- Anamnese: Ausführliche Befragung des Patienten und von Augenzeugen des Anfalls.
- Körperliche Untersuchung: Neurologische und psychiatrische Untersuchung.
- EEG (Elektroenzephalogramm): Misst die Hirnströme und kann eine Neigung zu epileptischen Anfällen anzeigen.
- Bildgebung: Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) zur Darstellung von Veränderungen im Gehirn.
- Blutuntersuchung: Um mögliche Ursachen für den Anfall aufzuspüren.
- Genetische Testung: In manchen Fällen zur Abklärung genetischer Ursachen.
- Neuropsychologische Untersuchung: Zur Erkennung und Beurteilung von Beeinträchtigungen der Hirnleistungsfähigkeit.
Die Behandlung von Epilepsie zielt darauf ab, Anfälle zu verhindern. In der Regel erfolgt dies medikamentös mit Antiepileptika. In manchen Fällen können auch eine Operation oder eine spezielle Diät (ketogene Diät) in Betracht gezogen werden.
Leben mit Epilepsie
Für Menschen mit Epilepsie ist es wichtig, bestimmte Verhaltensweisen zu beachten, um Anfälle zu vermeiden:
- Regelmäßiger Schlaf: Ausreichend und regelmäßiger Schlaf ist wichtig, da Schlafmangel ein häufiger Auslöser ist.
- Stress vermeiden: Stress kann Anfälle provozieren. Entspannungstechniken wie Yoga oder Meditation können helfen.
- Alkohol und Drogen meiden: Diese Substanzen können die Anfallsbereitschaft erhöhen.
- Medikamente regelmäßig einnehmen: Die konsequente Einnahme der verordneten Medikamente ist entscheidend für die Anfallskontrolle.
- Auslöser kennen: Wenn bestimmte Auslöser bekannt sind (z.B. flackerndes Licht), sollten diese vermieden werden.
- Anfallskalender führen: Das Führen eines Anfallskalenders kann helfen, Muster zu erkennen und die Behandlung entsprechend anzupassen.
Komplikationen und Folgen eines Krampfanfalls
In den meisten Fällen sind Krampfanfälle nicht lebensgefährlich und hinterlassen keine bleibenden Schäden. Allerdings können Komplikationen auftreten, insbesondere bei längeren Anfällen:
- Verletzungen: Durch Stürze oder unkontrollierte Bewegungen.
- Atemstillstand: Kann bei tonisch-klonischen Anfällen auftreten.
- Status epilepticus: Ein anhaltender Anfall, der länger als fünf Minuten dauert und lebensbedrohlich sein kann.
- Plötzlicher unerwarteter Tod bei Epilepsie (SUDEP): Eine seltene, aber mögliche Komplikation.
Was tun, um entspannt zu bleiben?
Es ist verständlich, dass ein Krampfanfall Angst und Unsicherheit auslösen kann. Hier sind einige Tipps, um entspannt zu bleiben:
Lesen Sie auch: Was wirklich das Gehirn entspannt
- Information: Informieren Sie sich umfassend über Epilepsie und Krampfanfälle. Je besser Sie informiert sind, desto sicherer fühlen Sie sich.
- Vorbereitung: Besprechen Sie mit Ihrem Arzt, wie Sie im Notfall reagieren sollen und welche Medikamente Sie bereithalten müssen.
- Unterstützung: Suchen Sie den Kontakt zu anderen Betroffenen und tauschen Sie sich aus.
- Entspannungstechniken: Erlernen Sie Entspannungstechniken, um Stress abzubauen und die Anfallsbereitschaft zu senken.
- Professionelle Hilfe: Wenn Sie unter Ängsten oder Depressionen leiden, suchen Sie professionelle Hilfe.
tags: #entspannt #epileptischer #anfall