Die Auswirkungen von Alkohol auf das Gehirn: Eine umfassende Analyse

Alkohol ist in vielen Kulturen tief verwurzelt, und der Konsum von Bier, Wein, Sekt oder Hochprozentigem ist weit verbreitet. Europäer ab 15 Jahren nehmen durchschnittlich über 13 Liter reinen Alkohol pro Jahr zu sich. Doch während viele den Genuss suchen, sind die schädlichen Auswirkungen von Alkohol auf das Gehirn längst bekannt und sollten nicht ignoriert werden.

Vorzeitiges Altern des Gehirns

Schrumpfung von grauer und weißer Substanz

Schon eine geringe Menge Alkohol, wie beispielsweise eine Flasche Bier pro Tag über einen längeren Zeitraum, kann die graue und weiße Substanz im Gehirn schrumpfen lassen. Die graue Substanz, auch Großhirnrinde oder Cortex genannt, beherbergt etwa 20 Milliarden Nervenzellkörper. Im Inneren des Großhirns befinden sich die Zellfortsätze (Axone), die aufgrund ihrer helleren Farbe als weiße Substanz bezeichnet werden. Beide Substanzen sind wesentliche Bestandteile des zentralen Nervensystems und steuern nahezu alle Hirnfunktionen. Ohne sie kann das Gehirn nicht normal arbeiten.

Die Veränderungen, die Alkohol in den Gehirnsubstanzen verursacht, sind nicht linear: Je mehr man trinkt, desto schneller schrumpft das Gehirn. Ein Beispiel: Erhöht eine 50-jährige Person ihren täglichen Alkoholkonsum von einem 0,25l Glas Bier auf eine 0,5l Flasche Bier, entsprechen die Veränderungen im Gehirn einer Alterung von zwei Jahren.

Beschleunigter Abbau von Zellstrukturen

Es ist normal, dass sich die Zellstrukturen im Gehirn etwa ab dem Alter von 50 Jahren langsam abbauen. Die Blütezeit des Gehirns ist dann in der Regel schon vorbei. Doch je mehr Alkohol konsumiert wird, desto schneller bauen sich die Zellstrukturen ab. Die Folgen der Hirnalterung machen sich vor allem durch ein geschwächtes Erinnerungsvermögen bemerkbar. Betroffene vergessen häufiger Kleinigkeiten wie ihren Hausschlüssel oder müssen immer öfter mehr als einmal auf ihre Einkaufsliste schauen. Aber der Alkohol beeinträchtigt auch andere kognitive Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Orientierung oder die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung. Jüngere Studien weisen darauf hin, dass regelmäßiger Alkoholkonsum von bereits fünf bis sechs Standardgläsern pro Woche die kognitive Leistungsfähigkeit vermindert.

Erhöhtes Demenzrisiko

Ein regelmäßiger Konsum hoher Alkoholmengen verursacht im Gehirn Veränderungen, die das Risiko einer Demenzerkrankung stark erhöhen. Demenz ist eine Krankheit, die eine fortschreitende Abnahme der geistigen Leistungsfähigkeit hervorruft. Betroffene Menschen können dadurch häufig kein selbstbestimmtes Leben mehr führen und sind auf Hilfe im Alltag angewiesen. Studien zeigen, dass sich das Demenzrisiko deutlich erhöht, wenn man regelmäßig viel Alkohol trinkt. Personen ab 45 Jahren, die mehr als 24 Gramm reinen Alkohol (ca. 250 ml Wein) am Tag trinken, sind besonders gefährdet.

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Die Rolle der weißen Substanz und Handlungskontrolle

Die weiße Substanz, die fast die Hälfte des Gehirns ausmacht, ist nachweislich stark von Alkoholmissbrauch betroffen. Dieser Teil des zentralen Nervensystems besteht überwiegend aus Leitungsbahnen und Nervenfasern. In der Folge kann es zu zahlreichen Einschränkungen kommen, die Kontrolle des Menschen über die eigene Handlungsfähigkeit nimmt ab. Dies befördert wiederum die Sucht - ein Teufelskreis.

Psychologin Dr. Ann-Kathrin Stock vom Dresdner Universitätsklinikum befasst sich in einem Projekt mit Hirnschäden, die während des Rauschtrinkens, aber auch während eines Alkoholentzugs auftreten können. Laut Stock tragen die entzugsbedingten Schäden wiederum dazu bei, bestehende Suchtstörungen aufrechtzuerhalten - umso stärker, je mehr Entzüge notwendig sind. Für einen größtmöglichen Therapieerfolg sind daher die Motivation des Patienten und zugleich die medizinische Versorgung von großer Bedeutung.

Toleranzentwicklung und Entzug

„Je mehr und regelmäßiger ein Suchtmittel konsumiert wird, desto stärker steuern Körper und Gehirn entgegen“, erklärt Stock, „es kommt zur Toleranzentwicklung.“ Ein Beispiel: Alkohol entzieht dem Körper Wärme - woraufhin der Körper als Ausgleich mit einer Erhöhung seiner Temperatur entgegenwirkt. Deshalb tritt beim sogenannten „kalten“ Entzug ohne medizinischen Beistand als häufige Gegenreaktion Fieber auf.

Ähnlich verhält es sich mit den Botenstoffen des Gehirns: Alkohol dämpft die Hirnaktivität, indem er die hemmende Wirkung des Botenstoffs Gamma-Aminobuttersäure (GABA) potenziert und gleichzeitig die erregende Wirkung von Glutamat, eines weiteren wichtigen Botenstoffs, reduziert. Um dies zu kompensieren, passen sich bei dauerhaftem Konsum die Art und Anzahl der entsprechenden Rezeptoren im Gehirn an - der Alkohol wirkt weniger dämpfend. Als Folge werden immer höhere Mengen getrunken, um den gewünschten Effekt noch erzielen zu können. Wenn das Botenstoffsystem aufgrund dieser Toleranzbildung jedoch nicht mehr richtig funktioniert, kommt es beim Entzug wegen der Übererregbarkeit des nüchternen Gehirns zum Absterben von Hirngewebe, insbesondere der weißen Substanz. Im Klartext heißt das: Der Entzug ist für den Patienten umso gefährlicher, je mehr Alkoholtoleranz sein Körper im Lauf der Zeit entwickelt hat. Um die teils lebensbedrohlichen Konsequenzen zu behandeln, kommen Medikamente zum Einsatz, die die Wirkung des Alkohols am GABA-Rezeptor ersetzen.

Forschung zu Hirnschäden und Handlungskontrolle

Um eine Verbesserung der Behandlungsergebnisse auf allen Ebenen zu erreichen, ist es wichtig zu zeigen, dass sich bereits geringfügige Schäden an der weißen Substanz messbar auf die Kontrolle über das eigene Denken und Handeln auswirken können. Dr. Stock erforscht in ihren Studien die akute Wirkung eines Vollrauschs und untersucht erwachsene Patienten vor, während und nach dem Entzug. Der wissenschaftliche Fokus liegt auf dem Zusammenhang zwischen Handlungskontrolle und bestimmten Bruchstücken der weißen Gehirnsubstanz, die sich mithilfe eines innovativen und sehr empfindlichen Verfahrens im Blut nachweisen lassen. Diese stellen ein sensibles Maß für die suchtbedingte Schädigung bzw. die verbliebene Funktionalität der weißen Substanz dar.

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Alkohol als Droge: Auswirkungen auf Neurotransmitter und Gehirnmasse

Suchtmediziner Markus Salinger betont, dass Alkohol eine Droge ist, die das Gehirn zerstören kann. Drogen stören die Balance der Neurotransmitter und wirken auf die Informationsübertragung im Gehirn. Alkohol hemmt beispielsweise bestimmte Glutamatrezeptoren, die für die Kommunikation der Nervenzellen, das Erinnerungsvermögen und Lernen zuständig sind. Substanzen wie Kokain blockieren sie. Allen gemeinsam ist, dass sie Gehirnmasse verändern und das Gehirnvolumen verkleinern.

Die Droge verstärkt die Grundstimmung, in der sich jemand befindet. Ist man also depressiv und trinkt, verbessert das nicht die Laune, sondern verstärkt die Depression. Weil Drogen in das Belohnungssystem eingreifen, greift man immer wieder zur Flasche, zur Tablette, zur Spritze.

Bei Jugendlichen verändern Drogen Wachstumsfaktoren im Gehirn und steuern beispielsweise die Plastizität. Je früher jemand Drogen konsumiert, umso größere Probleme wird er haben - was umgekehrt aber nicht bedeutet, dass man auch als alter Mensch nicht noch stark abhängig werden kann.

Salinger widerlegt die Behauptung, maßvoller Alkoholkonsum verlängere das Leben: „Alkohol ist ein Nervengift.“ Jede Droge kann zu Veränderungen im Körper und im Gehirn führen - in welchem Ausmaß lässt sich nicht pauschal sagen, es hängt unter anderem vom Gesundheitszustand des Einzelnen ab.

Veränderungen im Gehirnstoffwechsel nach moderatem Alkoholkonsum

Ein Forschungsteam der Universität Heidelberg hat erstmals nachgewiesen, dass Alkohol rasch Veränderungen im Gehirn verursacht. Bei gesunden Menschen würden sich die Verschiebungen im Hirnstoffwechsel wieder vollständig zurückbilden. Dieser Regenerationsprozess könnte allerdings bei häufigem Konsum zum erliegen kommen.

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Die Ergebnisse zeigen, dass sich bereits nach sechs Minuten erste Veränderungen in den Gehirnzellen abzeichnen. Alkohol bewirkt, dass das Gehirn umschaltet und statt Glukose ein Abbauprodukt des Alkohols zur Energiegewinnung nutzt. Während des Experiments nahm die Konzentration von Stoffen, denen zellschützende Effekte zugeschrieben werden, wie Kreatin und Aspartat, mit zunehmender Alkoholkonzentration ab. Cholin, ein Bestandteil der Zellwände, war ebenfalls erniedrigt.

Die Verschiebungen im Hirnstoffwechsel nach moderatem Alkoholkonsum gesunder Menschen sind vollständig reversibel, aber die Fähigkeit des Gehirns, sich von den Alkoholwirkungen zu erholen, nimmt mit zunehmendem Alkoholgenuss ab bzw. erlischt. Möglicherweise sind die akuten Effekte die Grundlage für die dauerhaften Schäden am Gehirn, wie sie bekanntermaßen bei alkoholabhängigen Menschen auftreten.

Auswirkungen von moderatem Alkoholkonsum auf das Gehirn

Eine brasilianische Studie hat die Gehirne von 1.781 Verstorbenen obduziert und auf Schädigungen untersucht. Im Mittelpunkt der Untersuchung stand die Hyaline Arteriolosklerose, eine Erkrankung, bei der sich die feinen arteriellen Gefäße (Arteriolen) durch eine glasartige (hyaline) Verdickung ihrer Wände verengen und versteifen.

Die Ergebnisse zeigten, dass starke Trinker eine um 133 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit für Gefäßschäden im Gehirn hatten als Menschen, die nie getrunken hatten. Bei ehemals starken Trinkern war das Risiko noch um 89 Prozent erhöht, bei moderaten Trinkern um 60 Prozent. Starke und ehemalige starke Trinker hatten auch mit einer um 41 Prozent bzw. 31 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit Tau-Proteine entwickelt, die sich in Gehirnen von Menschen ansammeln, die an Alzheimer leiden. Die starken Trinker starben im Schnitt 13 Jahre früher als Menschen, die nie Alkohol getrunken hatten.

Korsakow-Syndrom: Die Alkoholdemenz

Am erschreckendsten zeigt sich die Wirkung von Alkohol auf das Gehirn beim Korsakow-Syndrom, einer schweren Demenz, die eine direkte Folge von langjährigem starken Alkoholkonsum ist. Betroffene leiden unter Gedächtnisverlust, Orientierungsproblemen, Sprachschwierigkeiten und Problemen beim Planen und Organisieren.

WHO: Kein unbedenklicher Alkoholkonsum

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat 2023 verlautbaren lassen: Beim Alkoholkonsum gibt es keine gesundheitlich unbedenkliche Menge. Mögliche Vorteile von sehr mäßigem Konsum für das Herz-Kreislauf-System überwiegen nicht im Vergleich zu den negativen Auswirkungen von Alkohol. Mehr als 200 Krankheiten werden durch Alkohol begünstigt. Demenzen sind nur ein kleiner Teil davon.

Langfristige Auswirkungen auf den Hippocampus

Eine Studie der University of Oxford hat gezeigt, dass bei Männern und Frauen, die über Jahrzehnte hinweg fünf bis sieben Flaschen 0,5-l-Bier und somit etwa 110 bis 170 g reinen Alkohol pro Woche konsumieren, das Risiko einer Schrumpfung des Hippocampus doppelt bis dreimal so hoch ist wie bei Nichttrinkern. Darüber hinaus schnitten die moderaten Alkoholtrinker bei einigen Sprachtests schlechter ab als Abstinenzler. Wer umgerechnet zehn 0,5-l-Flaschen Bier (5 Vol-%) pro Woche (240 Gramm reiner Alkohol) zu sich nahm, hatte das größte Risiko einer sichtbaren Hippocampus-Atrophie im Magnetresonanztomografen. Bei einem moderaten Alkoholkonsum lag die Wahrscheinlichkeit für einen Schwund im Hippocampus immer noch bei einer Odds Ratio von 3,4.

Thiaminmangel und neurologische Folgen

Thiamin, auch bekannt als Vitamin B1, ist entscheidend für gesunde Nerven. Alkoholabhängige Menschen sind oft mangelernährt und nehmen per se zu wenig Thiamin auf. Alkohol unterbindet die Thiaminaufnahme und -verwertung im Körper. Darüber hinaus behindert Alkohol die Fähigkeit der Zellen, Thiamin zu verwerten. Alkohol wird im Körper zu Acetaldehyd verstoffwechselt. Dieses Abbauprodukt von Ethanol führt dosisabhängig zum Absterben von Nervenzellen (neuronaler Zelltod).

Entzündungen und Leberschädigungen

Alkohol führt zur Entzündung von Nervengewebe. Er erhöht die Zahl entzündungsfördernder Zytokine, die die Blut-Hirn-Schranke (BHS) überwinden und Entzündungen im Gehirn verursachen können. Auch begünstigt er die Inflammation durch Verschiebung der Neurotransmitterspiegel. Wenn es durch Alkoholmissbrauch zu einer Leberschädigung kommt, führen die dann anfallenden neurotoxischen Substanzen wiederum zu einer Gehirnschädigung („hepatische Enzephalopathie“).

Polyneuropathie

Häufig unterschätzt ist die Polyneuropathie, die durch Schädigung der peripheren Nerven durch den Alkohol entsteht. Anfänglich äußert sie sich durch ein unangenehmes Kribbeln in den Beinen, im Vollbild bringt sie Dauerschmerzen mit sich und beeinträchtigt die Lebensqualität enorm.

Die Rolle von Ethanol und Acetaldehyd

Aus chemischer Sicht ist Ethanol der „Trinkalkohol“, der in alkoholischen Getränken enthalten ist und berauschend wirkt. Alkohol gelangt vorwiegend über die Schleimhaut des Dünndarms ins Blut und verteilt sich innerhalb weniger Minuten im Blutkreislauf und schließlich im gesamten Körperwasser. Alkohol wird durch Enzyme in Acetaldehyd und dann weiter in Essigsäure umgewandelt, die der Körper ausscheiden kann.

Risikofreier Alkoholkonsum: Eine Illusion

Einen vollständig risikofreien Alkoholkonsum gibt es nicht. Auch geringe Trinkmengen können zu gesundheitlichen Problemen beitragen. Daher empfehlen sowohl die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) als auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), am besten gar keinen Alkohol zu konsumieren. Als risikoarm wird eine Trinkmenge bezeichnet, bei der das Risiko von schädlichen Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit relativ gering ist.

Psychische und soziale Folgen

Erhöhter Alkoholkonsum beeinträchtigt die Selbstkontrolle und Kritikfähigkeit. Alkohol wirkt enthemmend und erhöht zudem die Bereitschaft zu aggressivem Verhalten. Dies kann unter Umständen dazu führen, dass Betroffene gewalttätig werden oder andere Straftaten begehen. Ein übermäßiger Alkoholkonsum erhöht nicht nur die Gewaltbereitschaft gegenüber anderen, sondern auch das Risiko, selbst Opfer von Gewalt zu werden. Auch schwere Verkehrsunfälle sind unter Einfluss von Alkohol häufiger, denn er beeinträchtigt auch die Bewegungsfähigkeit (Motorik) und das Reaktionsvermögen. Der Alkoholkonsum selbst und seine Folgen können schließlich zu sozialer Ausgrenzung, zu Problemen am Arbeitsplatz bis hin zum Jobverlust und damit zu finanziellen Schwierigkeiten führen.

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