Seit Jahrzehnten sucht die Medizin nach wirksamen Strategien zur Krebsbehandlung und -prävention. Trotz Fortschritten bleiben viele Fragen offen. Da konventionelle Therapien wie Bestrahlung, Operation und Chemotherapie oft belastend sind und Nebenwirkungen verursachen, suchen Betroffene nach alternativen Möglichkeiten, beispielsweise in der Pflanzenheilkunde. Hierbei rückt Weihrauch, insbesondere bei Hirntumoren, immer wieder in den Fokus. Aber stimmt das wirklich? Und wenn ja, bei welchen Krebsarten ist die Heilpflanze wirksam?
Weihrauch bei Hirntumoren: Fokus auf Hirnödeme
Zahlreiche Studien beschäftigen sich mit der Wirkung von Weihrauch bei Hirntumoren. Hirntumore verursachen oft Wasseransammlungen im Gehirn (Hirnödeme), die Druck auf die Gehirnstrukturen ausüben. Ödeme können auch als Nebenwirkung einer Strahlentherapie auftreten.
Eine Studie der Abteilung für Strahlenheilkunde der Universität Freiburg untersuchte in den Jahren 2008 und 2009 die Wirkung von Weihrauch auf Hirnödeme. Patienten erhielten parallel zur Bestrahlung entweder 4.200 mg eines Boswellia-serrata-Präparates (Extrakt aus Indischem Weihrauch) oder ein Placebo. Weder die Probanden noch die Ärzte wussten, wer welches Mittel erhielt. Während der Studie wurden neurologische Symptome, die Kortisondosis und die Lebensqualität der Patienten dokumentiert.
Die Ergebnisse zeigten, dass sich die Hirnödeme in der Weihrauch-Gruppe stärker zurückbildeten als in der Placebo-Gruppe. Interessanterweise war der Kortisonbedarf in der Weihrauch-Gruppe niedriger, da Kortisonpräparate normalerweise zur Reduzierung von Ödemen eingesetzt werden. Die Autoren schlussfolgerten, dass Weihrauch-Präparate sinnvoll sein könnten, um Ödeme bei Hirntumoren zu vermeiden (Kirste et al. 2011).
Andere Wissenschaftler fanden heraus, dass die Wirkung von Weihrauch dosisabhängig ist. Bei einer Tagesdosis von 3 x 1.200 mg gingen die Ödeme am stärksten zurück, und auch die Symptome ließen nach. Bei einer niedrigeren Dosis von 3 x 400 mg pro Tag veränderte sich das Ausmaß der Wasseransammlung nicht (Böker et al.).
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Apoptose-Induktion bei Glioblastomen
Weitere Studien belegen, dass Boswelliasäuren bei Hirntumoren, insbesondere beim Glioblastom, den programmierten Zelltod (Apoptose) fördern. Die Apoptose ist ein normaler und wichtiger Prozess, bei dem Zellen altern, sterben und durch neue ersetzt werden. Krebszellen widersetzen sich diesem System jedoch oft. Daher ist es vorteilhaft, wenn Mittel wie Weihrauch die Tumorzellen dazu bringen, sich selbst zu zerstören (Schneider & Weller 2016; Winking et al.).
Wirkmechanismus der Boswelliasäuren
Die im Weihrauch enthaltenen Boswelliasäuren scheinen Hirnödeme abzubauen und Krebszellen zu bekämpfen, indem sie vor allem die Produktion von Leukotrienen drosseln. Diese Enzyme werden unter anderem für die Ödembildung verantwortlich gemacht. Der wirksamste Weihrauch-Inhaltsstoff ist die 3-Acetyl-11-keto-ß-Boswelliasäure (AKBA), die eine zentrale Rolle bei der Krebsbekämpfung spielt.
Weitere Krebsarten und das Potenzial von Weihrauch
Die Effekte der Boswelliasäuren scheinen auch beim Darmkrebs dazu beitragen zu können, dass die bösartigen Wucherungen im Zaum gehalten werden können. In experimentellen Versuchen wurde die Apoptose von Krebszellen verstärkt und zugleich der Wachstums- und Teilungsprozess der Zellen gehemmt. Besonders ausgeprägt war die Wirkung, wenn AKBA mit Curcumin kombiniert wurde (Toden et al. 2015). In einer anderen Untersuchung schrumpfte die Geschwulst bei Mäusen, denen AKBA direkt verabreicht wurde. Darüber hinaus unterdrückte die Boswelliasäure offenbar mit einigem Erfolg den Prozess, bei dem der Tumor in Leber, Lunge oder Milz streut (Yadav et al.).
Auch bei Bauchspeicheldrüsenkrebs, der normalerweise eine sehr schlechte Prognose hat, zeigten Laborversuche positive Ergebnisse mit einer Kombination aus Boswelliasäuren und Metformin. Die Kombination der beiden Substanzen ist nach Ansicht der Wissenschaftler ein vielversprechender Ansatz, um gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs vorzugehen (Snima et al. 2015). Ähnlich wie bei Hirntumoren fördert Weihrauch auch hier die Apoptose von Krebszellen und schränkt deren Lebensfähigkeit ein (Ni et al.).
Es gibt auch Hinweise darauf, dass Weihrauch-Präparate bei weiteren Krebsarten vorbeugend oder lindernd wirken können. Das gilt beispielsweise für Brustkrebs, wo Boswelliasäuren Entzündungen hemmen und das Brustgewebe schützen sollen (Pasta et al.). Antitumoröse Effekte wurden auch bei Patienten mit akuter myeloischer Leukämie (AML) beobachtet: Die HL-60-Zellen wurden daran gehindert, zu wachsen und sich zu vermehren (Yuan et al. 2010; Jing et al.). Auf Blasenkrebs hatte Weihrauch ebenfalls eine günstige Wirkung. In einer Untersuchung wurden die Blasenkrebszellen durch entsprechende Mittel unterdrückt, während normale Zellen unbeeinträchtigt blieben (Frank et al.).
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Die Rolle der AKBA und die Komplexität des Weihrauchharzes
Unabhängig von der Krebsart scheint vor allem die Boswelliasäure AKBA eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Tumorzellen zu spielen. Das Weihrauchharz besteht jedoch aus rund 200 Substanzen, was die Angelegenheit komplex macht. Zukünftige Forschung wird zeigen, welche weiteren Ergebnisse sich ergeben werden.
Was steckt hinter der Werbung zu Weihrauchextrakt?
Weihrauchextrakte werden traditionell als Räucherharze für religiöse Zeremonien verwendet. Die enthaltenen Boswelliasäuren sollen aber auch vielfältige gesundheitliche Wirkungen aufweisen, wenn man sie verzehrt, beispielsweise Gelenkentzündungen und -schmerzen lindern, Entzündungsschübe bei Multipler Sklerose (MS) reduzieren, das Immunsystem stärken oder gegen Stress und Angstzustände helfen - so jedenfalls die Werbung. Auch als Mittel gegen Krebs, Asthma oder Colitis ulcerosa werden die Extrakte propagiert. In der ayurvedischen und auch in der europäischen traditionellen Medizin (Volksheilkunde) wird Weihrauch seit langer Zeit verwendet.
Aktuelle Studienlage und Bewertung
Die entzündungshemmende Wirkung von Weihrauchextrakten wurde bisher hauptsächlich in Tierversuchen getestet, es gibt nur wenige Untersuchungen am Menschen. Studien mit Arthrosepatienten haben oft eine zu niedrige Teilnehmerzahl. Auch wenn es Hinweise auf eine moderate Verbesserung von Schmerzen bei abgenutzten Gelenken gibt - die Ergebnisse reichen bisher nicht einmal aus, um auf eine sichere Wirkung eines bestimmten Extraktes mit einer entsprechenden Dosierung bei Gelenkerkrankungen zu schließen. Eine therapeutische Wirkung ist bisher nicht ausreichend bewiesen.
Laut Arzneimittelkommission der Bundesärztekammer kann die Verwendung von Weihrauch aufgrund der unzulänglichen klinischen Datenlage nicht empfohlen werden. Auch gemäß der Leitlinie Gonarthrose (2024) ist die Datenlage zu Wirksamkeit und Unbedenklichkeit von Weihrauch derzeit nicht ausreichend, um eine Empfehlung aussprechen zu können. Weihrauchpräparate sind als Medikament in Deutschland nicht zugelassen (lediglich als homöopathische Arzneimittel). Sie sind nur in Form frei verkäuflicher Nahrungsergänzungsmittel (Lebensmittel) erhältlich, für die kein Wirknachweis und keine Zulassung erforderlich sind.
Ein Wirknachweis ist aber Voraussetzung, um eine Zulassung als Arzneimittel zu bekommen. Viele Studien weisen Mängel auf, so dass deren Aussagekraft begrenzt ist. Es besteht noch einiger Forschungsbedarf - auch zu der Frage, ob Weihrauchextrakt herkömmlichen Schmerzmitteln wie Ibuprofen bei Arthrose überlegen ist.
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Bei der EU wurde eine gesundheitsbezogene Wirkaussage (Health Claim) zu "Gelenkgesundheit" beantragt, über die bisher nicht entschieden wurde. Hierin geht es aber nicht um die Heilung oder Linderung von Gelenkproblemen, sondern um einen möglichen positiven Einfluss von Weihrauch auf die Gelenke („Helps keep joints cool and comfortable“).
Bisherige (Tier- und Zellkultur-)Studien zur Wirkung bei Krebs zeigten, dass die Vermehrung von Tumorzellen durch Weihrauchextrakt zwar verringert werden konnte. Allerdings liegen laut Deutschem Krebsforschungszentrum kaum klinische Studien mit Krebspatient:innen vor, auch sei das Wirkprinzip noch nicht vollständig geklärt.
Worauf sollte man bei der Verwendung von Weihrauch-Produkten achten?
Weihrauch ist hierzulande nur als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich. Verwendet wird für medizinische Zwecke vor allem das Gummiharz von indischem Weihrauch (Boswellia serrata) in Tabletten- oder Kapselform.
Problematisch ist: Weder die Art des Extraktes noch Inhaltsstoffe oder Dosierung sind standardisiert, so dass die Produkte der verschiedenen Anbieter kaum miteinander vergleichbar sind. Untersuchungen zeigen, dass statt der beworbenen enthaltenen "80 Prozent" Boswelliasäuren oft nicht mehr als 35 % Boswellia-/Lupeolsäuren enthalten sind, manchmal sogar gar keine.
Es ist kaum bekannt, mit welchen, auch langfristigen, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit Medikamenten zu rechnen ist.
Die Zusammensetzung der verschiedenen Produkte schwankt erheblich. Die in den wenigen klinischen Studien untersuchten Weihrauch-Spezialextrakte unterscheiden sich nach Angaben der Arzneimittelkommission der Bundesärztekammer von den in Deutschland erhältlichen weihrauchhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln. Eine Übertragung der Aussagen zu Dosierung und Wirkung dieser Extrakte auf hiesige Nahrungsergänzungsmittel ist daher nicht möglich. Aussagen wie "enthält 85 % Boswelliasäuren" oder "400 mg Weihrauchextrakt" helfen daher nicht beim Produktvergleich. Achtung bei angeblichen Produkttests in Internetportalen, viele dienen vor allem der Verkaufssteigerung. Gleiches gilt für Sterne-Bewertungen angeblicher Käufer:innen. Einige Studien geben Hinweise auf unerwünschte Wirkungen (Nebenwirkungen) wie Übelkeit, Magensäure-Reflux (Rückfluss von Mageninhalt in die Speiseröhre) sowie allergische Reaktionen bei der Einnahme von Weihrauch-Extrakt. Weihrauch-Extrakte können Wechselwirkungen mit einer Vielzahl von Medikamenten haben (vor allem solche, die mittels P-Glycoprotein transportiert werden). Außerdem sollten Sie Weihrauchprodukte nicht verwenden, wenn Sie Blutgerinnungshemmer wie Warfarin (Coumadin®) einnehmen. Suchen Sie also unbedingt vor der Verwendung das ärztliche Gespräch oder fragen Sie in der Apotheke, wenn Sie regelmäßig Medikamente einnehmen. Keine Kostenübernahme: Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit Weihrauch in der Regel nicht. Die in Nahrungsergänzungsmitteln eingesetzte Art und Menge an Weihrauch-Extrakten darf keine arzneimittelähnliche (pharmakologische) Wirkung aufweisen, sonst werden die Produkte als nicht zugelassene Arzneimittel eingestuft.
In früheren Jahren stuften Lebensmitteluntersuchungsämter Kapseln mit Weihrauch-Extrakten oft als (nicht zugelassene) Arzneimittel ein, da sie nach ihrer „objektiven Zweckbestimmung“, teilweise auch durch die Werbung der Vertriebsunternehmen, offensichtlich zur therapeutischen Anwendung bestimmt seien. Krankheitsbezogene Werbung (z.B. hilft bei Arthritis) ist für Nahrungsergänzungsmittel (= Lebensmittel) generell nicht erlaubt.
Gesundheitsbezogene Aussagen (s.o.) wurden für Weihrauch bisher von der EU nicht zugelassen. Anbieter umgehen diese gesetzliche Regelung gerne, indem sie nur indirekt (z. B. mittels Buchtipp oder Hinweis auf entsprechende Internetforen) auf angebliche heilende oder lindernde Wirkungen verweisen.
Was ist Weihrauchextrakt?
Bei den verschiedenen Weihrauch-Arten handelt es sich meist um kleine, gedrungene Bäume mit buschähnlicher Wuchsform. Der afrikanische Weihrauch (Boswellia carterii) kommt aus südarabischen oder afrikanischen Ländern wie Somalia, Äthiopien, Sudan, Oman oder Jemen. Der indische Weihrauch (Boswellia serrata) stammt vorwiegend aus Ostindien. Wird der Stamm des Baums verwundet, tritt eine klebrige Flüssigkeit aus, die nach einigen Tagen zu festem Gummiharz trocknet. Dieses wird abgeschabt, gesammelt, gereinigt und als Trockenextrakt weiter verwendet. Da die Nachfrage nach Weihrauchprodukten steigt, kommt es Presseberichten zufolge häufig zum „Überzapfen“ der Bäume, was die Gesundheit der Bäume beeinträchtigen kann.
Welche Inhaltsstoffe sind in Weihrauchextrakt enthalten?
Das Gummiharz zeichnet sich durch einen hohen Anteil an ätherischem Öl (bis zu 10 %) aus. Als Hauptwirkstoffe enthält es verschiedene Boswelliasäuren wie die Alpha- und Beta-Boswelliasäure.
Können Weihrauch-Produkte mit Schadstoffen belastet sein?
Laut Europäischem Schnellwarnsystem RASFF fallen ab und an belastete Nahrungsergänzungsmittel aus dem asiatischen Raum auf. In den letzten Jahren lag es vor allem an der unzulässigen Begasung mit Ethylenoxid.
Sofern es sich um ayurvedische Nahrungsergänzungsmittel handelt, können diese - zum Teil absichtlich aus traditioneller Herstellungspraxis heraus - Schwermetalle enthalten, speziell Anteile von giftigem Blei, Quecksilber und Arsen.
Weitere Entwicklungen in der Glioblastomforschung
Neben der Erforschung von Naturstoffen wie Weihrauch gibt es auch andere vielversprechende Ansätze in der Glioblastomtherapie. Eine Registerstudie, die seit 2016 läuft, erfasst retrospektiv und prospektiv Daten von Patienten, die über zehn Jahre und länger mit der Erkrankung leben. Ziel ist es, Gemeinsamkeiten bei diesen Langzeitüberlebenden zu identifizieren und neue Erkenntnisse zu gewinnen. Es werden Gensequenzen von Tumorproben, MRT-Bilder, Immunzellen, Antikörper sowie eine genaue Therapiedokumentation erfasst. Darüber hinaus werden die Patienten nach ihren Lebensgewohnheiten sowie Vor- und Begleiterkrankungen befragt.
Auch das Potential von Cannabinoiden in der Therapie von Hirntumoren wurde in einer Reihe von In-vitro- und In-vivo-Studien erforscht. Positive Ergebnisse mit THC:CBD-Präparaten im Labor haben zu einer placebo-kontrollierten klinischen Phase-II-Studie geführt, in der eine THC:CBD-Mischung in Kombination mit Temozolomid bei 21 Glioblastompatienten untersucht wurde (klinische Studie NCT01812603).
Aktuelle klinische Studien untersuchen innovative Therapieansätze, wie die NOA20/N2M2-Studie, in der Patienten mit nichtmethyliertem primären Glioblastom nach umfassender Testung des molekularen Profils mit verschiedenen zielgerichteten Therapien behandelt werden. Die NOA-21-Studie (AMPLIFY-NEOVAC) untersucht eine mutationsspezifische IDH1-Peptidvakzinierung mit oder ohne den Checkpoint-Inhibitor Avelumab.
Komplementäre Anwendungen: Mistel, Weihrauch & Co.
Viele Patienten mit Hirntumoren haben den Wunsch, die Therapie aktiv zu unterstützen. Komplementäre Anwendungen sollen unerwünschte Nebenwirkungen lindern, die Tumortherapie verträglicher gestalten und möglichst deren Wirksamkeit steigern. Dazu gehören Ernährungsanpassungen (z.B. Diäten), Nahrungsergänzung (z.B. Vitamine, Selen, Weihrauch), Akupunktur, Bewegungstherapie, Entspannungsverfahren und künstlerische Therapien.
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