Ein Krampfanfall, auch epileptischer Anfall genannt, entsteht durch eine plötzliche, unkontrollierte Entladung von Nervenzellen im Gehirn. Die Symptome können je nach betroffenem Hirnbereich und Ausmaß der Entladung stark variieren. Sie reichen von kurzen Bewusstseinsaussetzern (Absencen) über Missempfindungen oder Zuckungen bis hin zu generalisierten Krampfanfällen mit Sturz und Bewusstseinsverlust.
Einführung
Krampfanfälle können verschiedene Ursachen haben. Neben Epilepsie, einer Erkrankung, die durch wiederholte, unprovozierte Anfälle gekennzeichnet ist, können auch akute Faktoren wie Vergiftungen, Entzugserscheinungen, Stoffwechselstörungen oder Hirnschädigungen einen Krampfanfall auslösen. Dieser Artikel beleuchtet insbesondere Krampfanfälle, die durch Vergiftungen verursacht werden, und erläutert deren Ursachen, Diagnose und Behandlung.
Arten von Krampfanfällen
Es gibt verschiedene Arten von Krampfanfällen, die sich in ihren Symptomen und der Ausdehnung der neuronalen Entladung unterscheiden:
- Generalisierte Krampfanfälle: Betreffen beide Gehirnhälften gleichzeitig.
- Tonisch-klonischer Anfall (Grand mal): Die eindrücklichste Form, bestehend aus einer tonischen Phase (Muskelversteifung, Sturz, möglicher Atemstillstand) und einer klonischen Phase (Zuckungen der gesamten Körpermuskulatur). Es folgt eine postiktale Phase mit neurologischen Symptomen.
- Myoklonischer Anfall: Plötzliche, unwillkürliche Muskelzuckungen bei vollem Bewusstsein, meist Arme, Schultern oder Oberkörper betreffend.
- Absencen: Kurze, plötzlich einsetzende Abwesenheiten mit stark eingeschränktem oder fehlendem Bewusstsein, ohne Aura.
- Fokale Krampfanfälle: Betreffen nur einen begrenzten Bereich einer Hirnhälfte.
- Einfach-fokaler Anfall: Bewusst erlebte fokale Anfälle, früher einfach-partiell genannt.
- Komplex-fokaler Anfall: Zusätzlich zu lokaler Symptomatik treten Bewusstseinsstörungen und Automatismen (z.B. Schmatzen, Lippenlecken) auf.
- Fokal zu bilateral tonisch-klonisch: Ein fokal beginnender Anfall breitet sich über beide Hirnhälften aus und geht in einen generalisiert tonisch-klonischen Anfall über.
Ursachen von Krampfanfällen durch Vergiftung
Krampfanfälle, die durch Vergiftungen ausgelöst werden, zählen zu den akut-symptomatischen Anfällen. Das bedeutet, dass der Anfall direkt auf eine akute Schädigung oder Störung des Gehirns zurückzuführen ist. Verschiedene Substanzen können Krampfanfälle verursachen, darunter:
- Drogen: Kokain kann beispielsweise Krampfanfälle auslösen.
- Alkoholentzug: Ein plötzlicher Entzug von Alkohol bei abhängigen Personen kann zu Entzugskrämpfen führen.
- Medikamente: Einige Medikamente können bei Überdosierung oder in Kombination mit anderen Substanzen Krampfanfälle verursachen.
- Chemikalien: Bestimmte Chemikalien, wie Pestizide oder Lösungsmittel, können bei Inhalation oder Einnahme zu Krampfanfällen führen.
Die genauen Mechanismen, wie diese Substanzen Krampfanfälle auslösen, sind vielfältig. Einige Substanzen wirken direkt auf die Nervenzellen im Gehirn und stören deren Funktion, während andere indirekt wirken, indem sie beispielsweise den Stoffwechsel oder die Durchblutung des Gehirns beeinträchtigen.
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Differenzialdiagnose
Es ist wichtig, epileptische Anfälle von Gelegenheitskrämpfen abzugrenzen. Dies sind im Kindesalter z.B. Fieberkrämpfe und bei Erwachsenen Krämpfe bedingt durch Alkohol- oder Drogenabusus oder Dehydration. Auch psychogene nichtepileptische Anfälle (PNEA), die epilepsieähnliche Anfälle mit psychischen Ursachen sind, müssen differenziert werden.
Diagnose
Die Diagnose eines Krampfanfalls durch Vergiftung umfasst mehrere Schritte:
- Anamnese: Eine ausführliche Befragung des Patienten oder von Zeugen des Anfalls ist entscheidend. Dabei werden Informationen über die Art des Anfalls, mögliche Auslöser (z.B. Einnahme von Substanzen), Vorerkrankungen und Medikamente erfragt.
- Körperliche Untersuchung: Eine neurologische Untersuchung kann Hinweise auf die Ursache des Anfalls liefern.
- Laboruntersuchungen: Blut- und Urinuntersuchungen können Hinweise auf Vergiftungen, Stoffwechselstörungen oder Infektionen liefern. Eine Blutgasanalyse (BGA) mit Elektrolyten ist ebenfalls wichtig.
- Bildgebung: Eine Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) des Gehirns kann strukturelle Veränderungen wie Tumore, Blutungen oder Entzündungen aufdecken, die den Anfall verursacht haben könnten.
- Elektroenzephalografie (EEG): Ein EEG misst die elektrische Aktivität des Gehirns und kann helfen, epileptiforme Potenziale zu identifizieren. Allerdings schließt ein normales EEG eine Epilepsie nicht aus. Ein Langzeit-EEG kann bei der Abgrenzung von PNEA hilfreich sein.
Behandlung
Die Behandlung eines Krampfanfalls durch Vergiftung zielt darauf ab, den Anfall zu stoppen, die Ursache der Vergiftung zu behandeln und weitere Anfälle zu verhindern.
Akutbehandlung
Die Akutbehandlung eines Krampfanfalls umfasst:
- Sicherung der Vitalfunktionen (ABCDE-Schema): Atemwege freimachen, Atmung und Kreislauf stabilisieren.
- Entfernung potenziell patientengefährdender Gegenstände.
- Medikamentöse Anfallsunterbrechung: Bei einem anhaltenden Krampfanfall (länger als 5 Minuten) oder einer Anfallsserie werden Benzodiazepine wie Midazolam oder Lorazepam intravenös, intramuskulär oder intranasal verabreicht, um den Anfall zu durchbrechen.
- Midazolam: Für Erwachsene >40 kg: 10 mg i.n./i.m. oder i.v.; <40 kg: 5 mg i.n./i.m. oder i.v. Dosierung pro kgKG: 0,2 mg/kgKG i.n.
- Lorazepam: 4mg i.v.
- Behandlung des Status epilepticus: Ein Status epilepticus (Anfall, der länger als 5 Minuten anhält oder mehrere Anfälle ohne Wiedererlangen des Bewusstseins) ist ein Notfall und erfordert eine sofortige Behandlung mit Benzodiazepinen und Antikonvulsiva wie Levetiracetam oder Valproat. In schweren Fällen kann eine Narkose mit Propofol und Esketamin erforderlich sein.
Behandlung der Vergiftung
Die Behandlung der Vergiftung richtet sich nach der Art der Substanz, die den Anfall verursacht hat. Mögliche Maßnahmen sind:
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- Entfernung der Substanz: Bei Einnahme von Giftstoffen kann eine Magenspülung oder die Gabe von Aktivkohle in Erwägung gezogen werden.
- Antidot: Für einige Vergiftungen gibt es spezifische Gegengifte (Antidote), die verabreicht werden werden können.
- Supportive Maßnahmen: Die Aufrechterhaltung der Vitalfunktionen und die Behandlung von Komplikationen wie Atemnot oder Herzrhythmusstörungen sind entscheidend.
Langzeitbehandlung
Nach einem Krampfanfall durch Vergiftung ist es wichtig, die Ursache der Vergiftung zu beseitigen und weitere Anfälle zu verhindern. Dazu gehören:
- Vermeidung der auslösenden Substanz: Patienten mit Alkohol- oder Drogenproblemen sollten eine Suchtbehandlung in Anspruch nehmen.
- Anfallsprophylaxe: In einigen Fällen kann eine vorübergehende oder dauerhafte Behandlung mit Antikonvulsiva erforderlich sein, um weitere Anfälle zu verhindern. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn eine strukturelle Schädigung des Gehirns vorliegt oder das Risiko für weitere Anfälle hoch ist.
Erste Hilfe bei einem Krampfanfall
Unabhängig von der Ursache des Krampfanfalls gibt es einige wichtige Erste-Hilfe-Maßnahmen, die beachtet werden sollten:
- Ruhe bewahren.
- Die Person vor Verletzungen schützen: Gefährliche Gegenstände entfernen, Kopf schützen (z.B. Kissen oder Jacke unterlegen).
- Enge Kleidung lockern.
- Nicht festhalten!
- Nichts in den Mund stecken!
- Auf die Uhr schauen und Dauer des Anfalls beobachten.
- Nach dem Anfall:
- Atemwege kontrollieren und ggf. freimachen.
- Person in stabile Seitenlage bringen.
- Bis zum vollständigen Erwachen bei der Person bleiben und beruhigen.
- Bei Bedarf Notruf 112 wählen (insbesondere bei erstmaligem Anfall, Anfallsserien oder Verletzungen).
Prävention
Einige Maßnahmen können helfen, das Risiko von Krampfanfällen durch Vergiftungen zu verringern:
- Sicherer Umgang mit Medikamenten und Chemikalien.
- Vermeidung von Drogen und übermäßigem Alkoholkonsum.
- Suchtbehandlung bei Abhängigkeit.
- Schutz vor versehentlichen Vergiftungen (insbesondere bei Kindern).
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