Die Entfernung von Weisheitszähnen ist ein Routineeingriff, birgt aber Risiken wie Nervschädigungen. Dieser Artikel beleuchtet die Risiken, insbesondere die Schädigung des Nervus lingualis, und gibt Einblicke in Behandlungsfehler und Patientenrechte.
Weisheitszahnentfernung: Ein Routineeingriff mit potenziellen Risiken
Die operative Entfernung von unteren retinierten und verlagerten Weisheitszähnen ist im Klinikalltag ein Routineeingriff. Wie bei allen chirurgischen Eingriffen gibt es Risiken wie Nervschädigungen, Nachblutungen, Infektionen oder die Verlagerung von Wurzelfragmenten in den Mundboden.
Der Nervus Lingualis: Ein gefährdeter Nerv bei der Weisheitszahnentfernung
Eines der gefürchtetsten Risiken bei der Entfernung von Weisheitszähnen ist die Verletzung des Nervus lingualis. Dieser Nerv versorgt die vorderen zwei Drittel der Zunge derselben Seite und ist für die Geschmacksempfindung und die Sensibilität zuständig. Eine Verletzung kann zu Missempfindungen oder einer dauerhaften Taubheit im Versorgungsbereich dieses Nervs führen.
Ursachen und Prävention einer Nervschädigung
Mehrere Faktoren können zu einer Nervschädigung während der Weisheitszahnentfernung führen:
- Anatomische Nähe: Die Wurzelspitzen der Weisheitszähne liegen in unmittelbarer Nähe zum Unterkieferkanal (Canalis mandibulae), manchmal sogar darin.
- Operative Eingriffe: Direkte scharfe oder stumpfe Traumata, postoperative Ödeme und Hämatombildung sowie Wundinfektionen können zu Sensibilitätsstörungen des Nervus alveolaris inferior und des Nervus lingualis führen. Kontinuitätsunterbrechungen des Nervus alveolaris inferior und des Nervus lingualis können beispielsweise durch das Abrutschen eines Bohrers bei der Osteotomie entstehen.
- Unsachgemäße Handhabung: Eine stumpfe Schädigung des Nervus lingualis kann durch die Elevation des lingualen Periostes mit dem Raspatorium entstehen.
- Unerfahrenheit des Operateurs: Erfahrung und Routine des Operateurs spielen eine wichtige Rolle. Bei Analgosedierung oder Operationen in ITN kommt es vermehrt zu Druckschäden des Nervus lingualis, da hier unter anderem der Zungenretraktor eingesetzt wird.
Um das Risiko einer Nervschädigung zu minimieren, sind folgende Maßnahmen wichtig:
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- Sorgfältige Planung: Vor einer schwierigen Extraktion ist eine 3D-Röntgenaufnahme (DVT) essentiell. Sie zeigt die genaue Topographie der Wurzeln und ihre Beziehung zum Unterkieferkanal. Präoperativ soll stets eine angemessene röntgenologische Diagnostik durchgeführt werden.
- Schutz des Nervs: Der Zahnarzt sollte Maßnahmen zum Schutz des Nervens ergreifen, insbesondere den Nerv mit einem Raspatorium schützen, damit ein eventuell abrutschender Bohrer nicht an den Nerv gerät.
- Vermeidung von übermäßigem Druck: Im Unterkiefer ist die linguale Knochenlamelle dünner als die bukkale, weshalb man einen adäquaten Rotationsdruck verwenden sollte, um eine Dislokation zu verhindern. Lingual sollte eine palpatorische Abstützung erfolgen.
- Erfahrung des Operateurs: Die Wahl der Klinik sollte sorgfältig getroffen werden. Wird ein 3D-CT (DVT) zur Planung eingesetzt?
Diagnose und Behandlung von Nervschädigungen
Die Diagnose einer Nervschädigung erfolgt durch eine klinische Untersuchung und gegebenenfalls elektrophysiologische Tests. Die klinischen Symptome bei Nervschädigungen fallen sehr unterschiedlich aus. Es können einerseits verstärkte Empfindungen von Reizen auftreten, zum anderen zeigt sich aber auch eine verminderte Wahrnehmung oder sogar ein kompletter Sensibilitätsausfall. Weiterhin können Missempfindungen oder abnorme Empfindlichkeiten auftreten.
Die Behandlung hängt vom Schweregrad der Schädigung ab. In leichten Fällen kann eine konservative Therapie mit abschwellenden Medikamenten und Medikamenten, die die Nervenleitung verbessern, ausreichend sein. In schweren Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um den Nerv zu entlasten oder zu rekonstruieren.
Rechtliche Aspekte und Patientenrechte
Eine Verletzung des Nervus lingualis bei der Weisheitszahnentfernung kann einen Behandlungsfehler darstellen, insbesondere wenn der Zahnarzt keine Maßnahmen zum Schutz des Nervens ergriffen hat. In diesem Fall hat der Patient Anspruch auf Schadenersatz und Schmerzensgeld.
Das Oberlandesgericht (OLG) Dresden hat in einem Beschluss vom 21.12.2020 einen Anspruch des Patienten auf Schadenersatz gegen die behandelnde Zahnärztin abgelehnt (Az. 4 U 1775/20). Das Gericht kam zu dem Schluss, dass die behandelnde Zahnärztin ausreichende Maßnahmen zum Schutz des Nervens ergriffen hatte.
Das Oberlandesgericht Sachsen-Anhalt hat einen Zahnarzt zur Zahlung von 10.000 Euro Schmerzensgeld wegen einer eigenmächtig erweiterten Behandlung verurteilt. Der Zahnarzt führte eine tiefere Gewebeexzision durch, ohne die notwendige Zustimmung der Patientin einzuholen. Durch den Eingriff erlitt die Patientin eine dauerhafte Verletzung des Nervus lingualis.
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Als Patient haben Sie das Recht, vor jeder Behandlung umfassend aufgeklärt zu werden und dieser zuzustimmen. Ihr Zahnarzt muss Sie informieren und Ihre Einwilligung einholen, wenn er während der Behandlung von der ursprünglich vereinbarten Vorgehensweise abweichen will. Werden Sie durch einen nicht abgesprochenen Eingriff geschädigt, steht Ihnen Schadensersatz zu - auch wenn der Arzt in guter Absicht gehandelt hat.
Fazit
Die Weisheitszahnentfernung ist ein Routineeingriff, der jedoch Risiken birgt, insbesondere die Schädigung des Nervus lingualis. Eine sorgfältige Planung, der Schutz des Nervs während der Operation und die Erfahrung des Operateurs sind entscheidend, um das Risiko einer Nervschädigung zu minimieren. Als Patient haben Sie das Recht auf umfassende Aufklärung und Einwilligung vor jeder Behandlung. Bei einer Nervschädigung haben Sie Anspruch auf Schadenersatz und Schmerzensgeld.
Präoperative Maßnahmen zur Risikominimierung
Vor der Weisheitszahnentfernung sind mehrere präoperative Maßnahmen entscheidend, um das Risiko einer Nervschädigung zu minimieren. Dazu gehört eine umfassende Anamnese, um Vorerkrankungen und Risikofaktoren zu identifizieren. Eine sorgfältige klinische Untersuchung ist unerlässlich, um die Lage des Weisheitszahns und seine Beziehung zu umliegenden Strukturen zu beurteilen.
Radiologische Diagnostik
Die radiologische Diagnostik spielt eine zentrale Rolle bei der Planung der Weisheitszahnentfernung. Ein Orthopantomogramm (OPG) istStandard, um einen Überblick über die gesamte Mundhöhle und die Kiefer zu erhalten. In komplexen Fällen kann eine dreidimensionale Bildgebung mittels digitaler Volumentomographie (DVT) erforderlich sein, um die genaue Lage des Weisheitszahns und seine Beziehung zum Nervus alveolaris inferior und Nervus lingualis zu beurteilen. Dieses zeigte eine röntgendichte Struktur, die positiv mit der klinischen Annahme eines versprengten Wurzelrests im Mundboden korrelierte.
Aufklärung des Patienten
Eine umfassende Aufklärung des Patienten über die Risiken und Komplikationen der Weisheitszahnentfernung ist unerlässlich. Der Patient muss über die Möglichkeit einer Nervschädigung, Nachblutungen, Infektionen und andere potenzielle Komplikationen informiert werden. Es ist wichtig, dass der Patient die Aufklärung versteht und seine Einwilligung zur Behandlung gibt.
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Intraoperative Maßnahmen zur Risikominimierung
Während der Weisheitszahnentfernung sind mehrere intraoperative Maßnahmen entscheidend, um das Risiko einer Nervschädigung zu minimieren. Dazu gehört eine sorgfältige Schnittführung, um den Nervus lingualis nicht zu verletzen. Weiterhin muss bei der Schnittführung zur Entfernung unterer Weisheitszähne darauf geachtet werden, nicht zu weit oral zu inzidieren, da hier bereits der Nervus lingualis verlaufen kann.
Schutz des Nervus Lingualis
Der Nervus lingualis muss während der Operation geschützt werden. Dies kann durch die Verwendung eines Raspatoriums oder anderer Instrumente erfolgen, um den Nerv abzuschirmen. Der lingual liegende Mukoperiostlappen wurde schonend von der Linea obliqua abpräpariert und der Wurzelrest wurde unter sachgerechter Darstellung (Abbildung 4) des Nervus lingualis geborgen und extrahiert (Abbildung 5).
Sorgfältige Osteotomie und Zahnextraktion
Die Osteotomie und Zahnextraktion müssen sorgfältig durchgeführt werden, um den Nervus alveolaris inferior und Nervus lingualis nicht zu verletzen. Kontinuitätsunterbrechungen des Nervus alveolaris inferior und des Nervus lingualis können beispielsweise durch das Abgleiten eines Bohrers bei der Osteotomie entstehen. Eine stumpfe Schädigung des Nervus lingualis kann durch die Elevation des lingualen Periostes mit dem Raspatorium entstehen.
Postoperative Maßnahmen zur Risikominimierung
Nach der Weisheitszahnentfernung sind mehrere postoperative Maßnahmen entscheidend, um das Risiko von Komplikationen zu minimieren. Dazu gehört eine gute Mundhygiene, um Infektionen zu vermeiden. Die postoperative Wundheilung verlief unauffällig und komplikationslos.
Überwachung auf Nervschädigungen
Der Patient muss auf Anzeichen einer Nervschädigung überwacht werden. Dazu gehören Taubheitsgefühle, Kribbeln oder Schmerzen im Bereich der Zunge oder des Kinns. Bei Auftreten von Nervschädigungen muss eine frühzeitige Behandlung erfolgen, um die Heilung zu fördern.
Medikamentöse Therapie
Bei Nervschädigungen kann eine medikamentöse Therapie erforderlich sein, um die Heilung zu fördern. Dazu gehören entzündungshemmende Medikamente, Schmerzmittel und Vitamin-B-Präparate. Zusätzlich erfolgt eine antiödematöse Therapie, um eine Kompression des Nervs durch ein Ödem zu vermeiden. Als Medikation erhält der Patient Steroide (z.B. Decortin) für drei bis vier Tage in folgender Dosierung: 1. Tag 20 mg, 2.Tag 10 mg, 3. Tag 5 mg. Eine darüber hinausgehende Behandlungsoption gibt es nicht.
Komplikationsmanagement
Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen können Komplikationen bei der Weisheitszahnentfernung auftreten. Es ist wichtig, dass der Zahnarzt über ein effektives Komplikationsmanagement verfügt, um die bestmögliche Versorgung des Patienten zu gewährleisten.
Behandlung von Nervschädigungen
Die Behandlung von Nervschädigungen hängt vom Schweregrad der Schädigung ab. In leichten Fällen kann eine konservative Therapie mit Medikamenten und Physiotherapie ausreichend sein. In schweren Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um den Nerv zu rekonstruieren.
Behandlung von Infektionen
Infektionen nach der Weisheitszahnentfernung müssen frühzeitig behandelt werden, um eine Ausbreitung zu verhindern. Die Behandlung umfasst in der Regel Antibiotika und eine Spülung der Wunde.
Behandlung von Nachblutungen
Nachblutungen nach der Weisheitszahnentfernung können in der Regel durch lokale Maßnahmen gestillt werden. In seltenen Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um die Blutung zu stoppen.
Aktuelle Forschung und Entwicklungen
Die Forschung im Bereich der Weisheitszahnentfernung konzentriert sich auf die Entwicklung neuer Techniken und Materialien, um das Risiko von Komplikationen zu minimieren. Dazu gehören minimalinvasive Operationstechniken, die Verwendung von Wachstumsfaktoren zur Förderung der Heilung und die Entwicklung neuer Materialien zur Nervenregeneration.
Die Rolle der Technologie
Moderne Technologien spielen eine zunehmend wichtige Rolle bei der Planung und Durchführung der Weisheitszahnentfernung. Dazu gehören die dreidimensionale Bildgebung mittels DVT, computergestützte Operationsplanung und die Verwendung von Lasern zur Gewebetrennung.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Die Behandlung von Komplikationen nach der Weisheitszahnentfernung erfordert oft eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Zahnärzten, Kieferchirurgen, Neurologen und Schmerztherapeuten. Durch die Zusammenarbeit können die Patienten optimal versorgt und die bestmöglichen Ergebnisse erzielt werden.
Die Bedeutung der Patientenaufklärung
Eine umfassende Patientenaufklärung ist ein wesentlicher Bestandteil der Weisheitszahnentfernung. Der Patient muss über die Risiken, Komplikationen und Behandlungsalternativen informiert werden. Durch eine gute Aufklärung kann der Patient eine informierte Entscheidung treffen und aktiv an seiner Behandlung mitwirken.
Ethische Aspekte
Bei der Weisheitszahnentfernung sind auch ethische Aspekte zu berücksichtigen. Der Zahnarzt muss die Interessen des Patienten in den Vordergrund stellen und eine Behandlung anbieten, die medizinisch indiziert und ethisch vertretbar ist.
Zukünftige Trends
Die Zukunft der Weisheitszahnentfernung wird von neuen Technologien und Materialien geprägt sein. Es ist zu erwarten, dass minimalinvasive Operationstechniken und die Verwendung von Wachstumsfaktoren zur Förderung der Heilung eine immer größere Rolle spielen werden. Auch die Entwicklung neuer Materialien zur Nervenregeneration wird die Behandlung von Nervschädigungen verbessern.
Die Rolle der Prävention
Präventive Maßnahmen spielen eine wichtige Rolle bei der Vermeidung von Komplikationen nach der Weisheitszahnentfernung. Dazu gehören eine gute Mundhygiene, eine gesunde Ernährung und der Verzicht auf Rauchen.
Die Bedeutung der Nachsorge
Eine gute Nachsorge ist entscheidend für den Erfolg der Weisheitszahnentfernung. Der Patient muss die Anweisungen des Zahnarztes befolgen und regelmäßig zur Kontrolle kommen.
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