Tai Chi bei Parkinson: Verbesserung von Beweglichkeit und Lebensqualität

Tai Chi, ursprünglich eine chinesische Kampfkunst, gewinnt in der westlichen Medizin zunehmend an Bedeutung. Heute stehen harmonische Bewegungsabläufe, Körperwahrnehmung und achtsame Atmung im Vordergrund. Neben positiven Effekten für die allgemeine Gesundheit rückt die chinesische Bewegungskunst auch in der geriatrischen und neurologischen Rehabilitation in den Fokus. Besonders ältere Menschen und Parkinsonpatienten können von mehr Stabilität, Beweglichkeit und Lebensqualität profitieren.

Was ist Tai Chi?

Die Übungen bestehen aus langsamen, fließenden Bewegungen, die in festen Abläufen, den sogenannten Formen, miteinander verbunden sind. Anders als statische Kräftigungsübungen werden hier Haltung und Gewicht ständig verlagert. Ein zentrales Element ist die rhythmische Atmung, die den Parasympathikus aktiviert. Dadurch können Blutdruck und Herzfrequenz positiv beeinflusst werden.

Ursprung und Entwicklung

Das „Taijiquan“ oder Schattenboxen genannt, entwickelte sich im chinesischen Kaiserreich zunächst als „(innere) Kampfkunst“ für den bewaffneten und unbewaffneten Nahkampf. Insbesondere in der westlichen Welt wird es jedoch in jüngerer Zeit häufig als System der Bewegungslehre oder auch eine Form der Gymnastik betrachtet, die sowohl der Gesundheit (Verbesserung des Chi-Flusses in der Denkweise der Traditionellen Chinesischen Medizin), der Persönlichkeitsentwicklung und der Meditation dient. In diesem Sinne praktizieren Millionen Menschen weltweit „Tai-Chi“. In China sind derartige Bewegungsfolgen sogar als Volkssport zur gesundheitlichen Ertüchtigung in den Alltag vieler fest integriert.

Die Prinzipien des Tai Chi

Die Bewegungen im Tai Chi sind bewusst und aufmerksam auszuführen. Allerdings soll sich die Konzentration nicht ausschließlich auf die Vorgänge im Körperinneren richten, sondern neben einer Wahrnehmung der eigenen Bewegungen ausdrücklich auch jenen Reizen gelten, die die Umwelt bereithält. Hauptprinzip des Tai-Chi ist die „Weichheit“ - das heißt: Der Übende soll sich natürlich, entspannt, locker und fließend bewegen. Die Bewegungsabfolgen sind explizit mit einem Minimum an Kraft auszuführen und anders als bei vielen Kampfkünsten zumeist langsam angelegt, damit die technische Umsetzung möglichst korrekt erfolgt. Zudem soll der Körper „entspannt“ sein - allerdings nicht schlaff, sondern in fokussierter Anspannung jener Muskeln, die für eine bestimmte Bewegung oder Haltung wirklich benötigt werden. Ziel ist es, die Jin- oder Explosivkraft auszubilden: schnelle, gerichtete Bewegungen, die in manchen Situationen plötzlich erforderlich sind und keinerlei hemmenden Spannungen unterliegen dürfen. Der Atem geht stets tief und fließt locker und natürlich in den Bauch. Dadurch ist die Atemfrequenz deutlich niedriger als bei der normalerweise verwendeten Brustatmung.

Tai Chi für ältere Menschen

Mit zunehmendem Alter verschlechtern sich Gleichgewicht und Muskelkraft, wodurch das Sturzrisiko steigt. Schwere Verletzungen wie Hüftfrakturen können die Folge sein und Mobilität sowie Selbstständigkeit beeinträchtigen. Hier setzt Tai Chi laut wissenschaftlichen Studien an. Die kontrollierten, langsamen Schrittfolgen fördern Standfestigkeit und Beinmuskulatur, ohne den Körper zu überlasten. Zudem berichten Übende von verbessertem Körpergefühl und gesteigertem Selbstvertrauen im Alltag, etwa beim Aufstehen oder Treppensteigen. Ein weiterer Vorteil ist die moderate Belastung des Herz-Kreislauf-Systems. Das Herz wird leicht gefordert, ohne die Schlagfrequenz stark zu erhöhen. Dadurch eignet sich Tai Chi auch für Menschen mit eingeschränkter kardiovaskulärer Belastbarkeit. Ergänzend zu Kraft- und Ausdauertraining kann es als schonende und effektive Einheit in der Seniorensporttherapie eingesetzt werden. Diese dynamische Balanceförderung macht Tai Chi für ältere Menschen besonders attraktiv: Es verbessert den Gleichgewichtssinn durch koordinierte Bewegungsabfolgen, den Fokus auf die Körpermitte („Zentrum“) und eine bewusste Fuß- und Beinstellung.

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Tai Chi bei Parkinson

Parkinson ist gekennzeichnet durch Bewegungsverlangsamung (Bradykinese), Muskelstarre (Rigor) und Zittern (Tremor). Studien zeigen, dass Tai Chi Parkinsonpatienten helfen kann. Die ruhigen Bewegungsfolgen verbessern die posturale Kontrolle, verringern das Sturzrisiko und fördern die allgemeine Gehfähigkeit. Zudem deuten die Studienergebnisse darauf hin, dass regelmäßig ausgeführte Übungen die Feinmotorik fördern und Muskelsteifheit reduzieren kann. Durch die langsame Bewegungsführung und das konzentrierte Arbeiten mit der Körperachse werden die Bewegungen bewusst initiiert, durchgeführt und beendet. Das verbessert die motorische Steuerung und die propriozeptive Wahrnehmung. Die bewusste Atmung kann außerdem psychisch stabilisieren und Stress reduzieren. Das wiederum kann den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen.

Studienlage

Mehrfach konnten Wissenschaftler zeigen, dass an Parkinson Erkrankte von Tai-Chi profitieren. So wiesen jüngst erst wieder Forscher des Oregon State Research Institute in den USA nach, dass sich bei den Betroffenen die Körperhaltung, die gesamte Aufrichtung des Muskel- und Skelettapparates und das Gleichgewichtsvermögen durch regelmäßiges Üben spürbar verbessern lassen. Nach Abschluss eines verschiedene Sportarten und Bewegungsformen vergleichenden Trainings über mehrere Monate zeigte sich, dass eine Mischung aus Tai-Chi, Krafttraining und Dehn- und Stretch-Übungen die Körperbalance sowie eine stabile Körperhaltung bei Parkinsonpatienten sehr gut unterstützt und fördert. Gemessen am Ausgangsniveau konnten die Teilnehmer ihre „Fitness“ um zwei Drittel bis vereinzelt sogar um drei Viertel ihrer Eingangswerte steigern. Die nach Studienende fortlaufende Begleitung der Teilnehmer ergab: Jene, die weiter ihren Trainingsplan einhielten, blieben länger im Beruf und bewältigten ihren Alltag besser - ohne auf Hilfe angewiesen zu sein.

Eine Forschergruppe untersuchte zwei Patientenkohorten über fünf Jahre von 2016 bis 2021 lang. Eine Gruppe mit Morbus-Parkinson-Patienten nahm regelmäßig zweimal in der Woche an einem Tai-Chi-Training (n=143) teil. Der Schweregrad der Erkrankung wurde bei allen Teilnehmerinnen zu Beginn des Beobachtungszeitraums bewertet. Alle Probandinnen wurden danach im November 2019, Oktober 2020 und Juni 2021 erneut untersucht. Das Ausmaß der motorischen und nicht-motorischen Symptome wurde anhand validierter Skalen verfolgt. Es zeigte sich, dass das Tai-Chi-Training den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflusste. Auch die Zahl der Patientinnen, die ihre Medikation erhöhen mussten, war in der Vergleichsgruppe höher als in der Tai-Chi-Gruppe. Die Studienautorinnen weisen darauf hin, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, die keine eindeutigen Rückschlüsse auf Ursache und Wirkung zulasse. Li G, Huang P, Cui S et al. Effect of long-term Tai Chi training on Parkinson’s disease: a 3.5-year follow-up cohort study. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry; Published Online First: 24 October 2023.

Vorteile von Tai Chi für Parkinsonkranke

In der Zusammenschau zeigen verschiedene Studien, dass Tai-Chi für Parkinsonkranke mehrere Vorteile hat: Es gehört zu den Therapieformen mit dem größten Nutzen, ist günstig, man benötigt keine zusätzliche Ausrüstung und kann die Übungen überall und zu jeder Uhrzeit absolvieren. Ähnlich wie beim Yoga sind beim Tai-Chi Körper und Geist gemeinsam gefordert, werden aber nicht über die Maßen strapaziert.

Integration in Therapiepläne

Tai Chi kann prinzipiell gut in bestehende Therapiepläne oder als Komplementärmaßnahme integriert werden. Wichtig ist eine sorgfältige Einführung in die Grundhaltungen und Bewegungsabläufe. Da Tai Chi grundsätzlich langsam und kontrolliert ausgeführt wird, ist das Verletzungsrisiko gering. Um einen nachhaltigen Nutzen zu erzielen, braucht es Kontinuität. Idealerweise wird Tai Chi zwei- bis dreimal pro Woche praktiziert. Das Training kann in fast jeder Umgebung stattfinden und lässt sich unkompliziert in den Alltag integrieren. Die Tai-Chi-Sequenzen lassen sich individuell an die Bedürfnisse der älteren oder neurologisch Erkrankten anpassen, etwa durch vereinfachte Formen oder Übungen im Sitzen, um auch bei starken Bewegungseinschränkungen das Oberkörpergleichgewicht zu schulen.

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Keep Moving: Taiji-Therapie bei Bewegungsstörungen

Der Tai-Chi-Lehrer und Therapeut Mirko Lorenz hat mit „Keep Moving“ eine aus dem Tai-Chi abgeleitete und allseits anerkannte Taiji-Therapie für Bewegungsstörungen und Parkinson entwickelt. Keep Moving ist ein anerkanntes Trainingsprogramm bei Bewegungsstörungen und Parkinson, das sich den Gesundheitsaspekt der Bewegungslehre Taiji besonders zunutze macht. Es ist leicht erlernbar und hat einen baukastenähnlichen Aufbau. Das Training verbessert Gleichgewicht, Körperkontrolle und Motorik sowie die Fähigkeit zu Entspannung und Konzentration und es hebt die innere Stimmung.

Fazit

Tai Chi vereint Elemente der Bewegung, Atmung und Meditation zu einem ganzheitlichen Ansatz, der körperliche und psychische Ressourcen stärkt. Für ältere Menschen bietet die Methode eine effektive Sturzprävention und Kraftschulung, während Parkinsonpatienten von verbesserter Stabilität und Koordination profitieren. Wissenschaftliche Studien bestätigen die positiven Effekte und zeigen, dass Tai Chi eine sinnvolle Ergänzung zu konventionellen Therapie- und Trainingsangeboten darstellt.

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