Welche Gehirnhälfte Steuert Egoismus? Eine Neurowissenschaftliche Untersuchung

Einführung

Die Frage, ob Egoismus eine spezifische Gehirnregion oder -hälfte zugeordnet werden kann, beschäftigt Neurowissenschaftler und Psychologen seit geraumer Zeit. Die Suche nach den biologischen Wurzeln der Moral und des Sozialverhaltens hat zu faszinierenden Erkenntnissen über die komplexen neuronalen Netzwerke geführt, die unseren Entscheidungen zugrunde liegen. Dieser Artikel beleuchtet, welche Hirnstrukturen und -prozesse bei egoistischem Verhalten eine Rolle spielen und wie diese mit Altruismus und prosozialem Verhalten interagieren.

Die Suche nach den "Spuren des Bösen" im Gehirn

Wissenschaftler suchen im Gehirn nach den "Spuren des Bösen", insbesondere bei Psychopathen, die als Prototyp des kaltblütigen Killers gelten. Forscher wie Kent Kiehl von der University of Mexico haben festgestellt, dass das paralimbische System von Psychopathen defekt ist. Dieses System, das den Mandelkern (Amygdala), die Insel und den cingulären und orbitofrontalen Cortex umfasst, ist bei diesen Menschen auffallend inaktiv.

Ein anderes Störungsbild ist das Urbach-Wiethe-Syndrom, eine seltene Erbkrankheit, die unter anderem mit einer Verkalkung des Mandelkerns einhergeht. Betroffene gelten als "gefühlskalt" und haben Schwierigkeiten, Emotionen zu erkennen und zu verarbeiten. Der Psychologe Hans Markowitsch von der Universität Bielefeld stellte 2003 fest, dass Probanden mit dieser Störung nicht in der Lage waren, Emotionen aus Gesichtern zu lesen.

Schäden im Frontalhirn können ebenfalls zu antisozialem Verhalten führen. Bei der frontotemporalen Demenz werden Zellen von Stirnhirn und Schläfenlappen schleichend zerstört, was dazu führt, dass sich normale Bürger zu antisozialen Störenfrieden wandeln.

Das Netzwerk moralischer Entscheidungen

Bei moralischen Entscheidungen ist ein ganzes Netzwerk von Hirnarealen aktiv. Ein moralisches Zentrum gibt es nicht, und auch exklusiv ethische Hirnareale scheinen nicht zu existieren. Die Hirnregionen, die bei moralisch relevanten Aufgaben rekrutiert werden, unterscheiden sich nicht wesentlich von denen, die bei der Abschätzung sozialer Situationen oder dem Sichhineinversetzen in andere benötigt werden. Hormone wie Oxytocin und Serotonin beeinflussen moralische Entscheidungen, und bestimmte Genvarianten gehen mit antisozialem Verhalten einher.

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Der Fall Phineas Gage: Eine Fallstudie

Der Fall von Phineas Gage, einem Eisenbahnarbeiter, dessen Stirnhirn durch eine Eisenstange beschädigt wurde, ist ein frühes Beispiel für den Zusammenhang zwischen Hirnschädigungen und moralischen Einstellungen. Nach dem Unfall veränderte sich Gages Persönlichkeit drastisch: Er wurde launenhaft, respektlos und zeigte wenig Achtung vor seinen Kollegen. Dies deutet darauf hin, dass bestimmte Areale des Stirnhirns für Impulsivität, Aggression und antisoziales Verhalten verantwortlich sein können.

Ethische Dilemmata und Hirnaktivität

Neurowissenschaftler verwenden ethische Dilemmata wie das Trolley-Problem, um die biologischen Wurzeln der Moral zu erforschen. In diesem Dilemma muss entschieden werden, ob das Leben eines Menschen geopfert werden soll, um das Leben von fünf Personen zu retten. Studien haben gezeigt, dass viele Menschen kein Problem damit haben, die Weichen eines Lebens zu stellen.

Joshua Greene von der Harvard University fand heraus, dass emotionale moralische Dilemmata den medialen präfrontalen Cortex stärker aktivieren, während rationale Dilemmata den dorsolateralen präfrontalen Cortex aktivieren. Der mediale präfrontale Cortex verarbeitet Informationen, die mit der Regulation unserer Emotionen und der Abschätzung von sozialen Situationen zu tun haben, während der dorsolaterale präfrontale Cortex für kognitive Kontrolle und problemlösendes Denken zuständig ist.

Beteiligte Hirnareale und ihre Funktionen

Verschiedene Hirnareale spielen eine Rolle bei moralischen Entscheidungen:

  • Amygdala: Aktiviert sich bei moralischen Emotionen und ist relevant für die Vorhersage, ob ein bestimmtes Verhalten anderen Menschen Schaden zufügt.
  • Übergangsbereich zwischen temporal und parietal gelegenen Cortexgebieten: Beteiligt an der Fähigkeit, die Absichten und Bedürfnisse anderer zu verstehen.
  • Limbisches System: Wichtig für das emotionale Erleben.

Monika Sommer von der Universität Regensburg betont, dass es kein ethisches oder moralisches Zentrum im Gehirn gibt, sondern ein großes, weit verteiltes Netzwerk. Die entsprechenden cortikalen Areale sind bei fast allen moralischen Beschlüssen aktiv, während limbische Strukturen wie die Amygdala sich nur dann verstärkt regen, wenn uns die moralische Aufgabe emotional berührt.

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Entwicklung des moralischen Bewusstseins

Die neuronalen Netzwerke, die an moralischen Entscheidungen beteiligt sind, entwickeln sich erst nach und nach im Laufe der Adoleszenz. Die Psychologin Carla Harenski und ihre Kollegen vom Mind Research Network in Albuquerque in New Mexico fanden heraus, dass der Übergang zwischen temporalem und parietalem Cortex angesichts moralischer Entscheidungen bei älteren Erwachsenen aktiver war als bei jungen Erwachsenen und Jugendlichen.

Der Einfluss von Hormonen und Genen

Hormone wie Oxytocin und Serotonin beeinflussen moralische Entscheidungen. Oxytocin stärkt prosoziales Verhalten, indem es Empathie, Vertrauen und Bindung fördert, während Serotonin Menschen dazu bringt, eher ein für ihre Mitmenschen schädliches Verhalten abzulehnen.

Zwillings-​, Familien-​, und Adoptionsstudien zeigen, dass das Erbgut neben der Umwelt eine wichtige Rolle bei moralisch relevantem Verhalten spielt. Eine häufige Veränderung im Gen für das Enzym Monoaminoxidase A, das unter anderem Serotonin abbaut, geht mit antisozialem Verhalten einher.

Die Rolle des VMPFC

Besonders im Fokus steht das mittlere untere Stirnhirn, auch VMPFC genannt. Menschen mit einer Verletzung des Stirnhirns neigen zu Gefühlsarmut, Mangel an Einfühlungsvermögen, zeigen kaum noch Mitleid, Scham oder Schuldgefühle und tendieren dazu, soziale Normen zu missachten. Auch ihre Entscheidungsfähigkeit ist beeinträchtigt, vor allem, wenn es um komplexe Situationen geht, in denen Intuition eine wichtige Rolle spielt.

Altruismus und Hirnstruktur

Forscher der Universität Zürich haben herausgefunden, dass Personen, die sich altruistischer als andere verhalten, mehr graue Hirnsubstanz an der Grenze zwischen Scheitel- und Schläfenlappen haben. Dies deutet darauf hin, dass Unterschiede in der Hirnstruktur mit Unterschieden in Persönlichkeitsmerkmalen und Fähigkeiten zusammenhängen können.

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Unreifes Gehirn und unfaire Handlungen bei Kindern

Forscher des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften haben festgestellt, dass die Gehirnregion, die eigennützige Impulse unterdrückt und faires Handeln steuert, bei Grundschulkindern noch nicht voll entwickelt ist. Das egoistische Verhalten der Kinder beruhe daher nicht auf mangelndem Wissen um falsch oder richtig, sondern darauf, dass ihr Gehirn noch nicht weit genug entwickelt ist, um der Versuchung, egoistisch zu handeln, zu widerstehen.

Das soziale Gehirn und seine Auswirkungen

Der Mensch ist ein soziales Wesen, und unser soziales Gehirn zeigt sich in verschiedenen Aspekten:

  • Gesichtserkennung: Wir verfügen über spezielle Hirnfunktionen, um Gesichter von Menschen zu erkennen und zu bewerten.
  • Bindungssuche: Nervenbotenstoffe und Hormone sorgen dafür, dass wir Bindungen suchen.
  • Belohnung für Beziehungen: Gelingende Beziehungen belohnt unser Gehirn mit dem schnellen Ausstoß von Dopamin.

Soziale Ausgrenzung aktiviert sogar unser Schmerzsystem im Gehirn, wie Naomi Eisenberger und ihre Kollegen in einem Experiment 2003 herausgefunden haben. Gute Kommunikation steigert das Wohlbefinden, und von der Güte der Mitarbeiterkommunikation hängt das persönliche Wohlbefinden ab.

Empathie und Spiegelneurone

Einfühlung, auch Empathie genannt, ist essenziell für das Entstehen und Entwickeln von Beziehungen und gelungene Kommunikation am Arbeitsplatz. Spiegelneurone sind die neurobiologischen Grundlagen dafür, dass wir die Gefühle eines anderen Menschen erkennen, aufnehmen und hierauf reagieren können. Durch die Spiegelneuronen können die Beschäftigten die Gefühle des Firmenchefs mit-fühlen, dessen Begeisterung und Überzeugungen, aber auch dessen Zweifel.

Unbewusste Prozesse und interne Kommunikation

Die Neurowissenschaften weisen darauf hin, dass wir die meisten Informationen unbewusst verarbeiten, nämlich 95 Prozent. Nur der geringste Teil dringt ins Bewusstsein. Das implizite System entscheidet, übernimmt das Steuer im Kopf, wenn Menschen unter Zeitdruck stehen, mit Informationen überlastet, wenig interessiert und unsicher hinsichtlich einer Entscheidung sind.

Die interne Kommunikation sollte demnach unbewussten Prozessen künftig deutlich mehr Aufmerksamkeit schenken, weil sie es sind, die maßgeblich an der Auswahl, Interpretation und Bewertung von Informationen beteiligt sind und letztlich auch über das Verhalten der Mitarbeitenden entscheiden.

Gefühl und Verstand: Keine strikte Trennung

Entgegen der Vorstellung, dass Gefühl und Verstand streng getrennt sind, bilden beide Systeme eine Einheit. Die Schweizer Psychologin Maja Storch (2005: 14) schreibt: „Gute Entscheidungen fallen emotions- und leidenschaftslos: Diese Vorstellung hat sich in unserem Alltagsverständnis so sehr festgesetzt, dass sie oftmals gar nicht mehr hinterfragt wird."

Aggression und ihre neurobiologischen Grundlagen

Aggression ist eine komplexe Emotion, die eine Reihe von Verhaltensweisen und Reaktionen umfasst, die oft feindselig, destruktiv oder gewalttätig sind. Um herauszufinden, welche Strukturen im Gehirn an der Entstehung von Aggression beteiligt sind, wurden Versuchspersonen Bilder mit aggressivem Motiv gezeigt, während man ihr Gehirn mit dem MRT „beobachtete“. Dadurch wurden unter anderem der präfrontale Cortex (PFC) sowie die Amygdala identifiziert.

Fehlfunktionen am PFC können zu einem fehlgeleiteten Belohnungssystem kommen, das Aggression belohnt, oder zu einem Verlust der kognitiven Kontrolle, was ebenfalls zu Gewalt führt. Verschiedene Ursachen können den oben beschriebenen Fehlfunktionen zugrunde liegen, vor allem Umweltfaktoren und genetische Faktoren.

Genetische Faktoren: MAO-A

MAO-A ist ein Enzym, das am Neurotransmitter-Abbau beteiligt ist, vor allem bei Serotonin, Noradrenalin und Dopamin. Mutationen an diesem Gen wurden in vielen Studien in Verbindung mit aggressivem Verhalten gebracht. MAOA-L wurde hierbei mit gesteigerter Aggressivität in Verbindung gebracht.

Sozialisation und Gewalt

Sozialisation beschreibt den Lernprozess und die Entwicklung, die ein Mensch in Auseinandersetzung mit seiner Umwelt durchläuft. Kinder lernen durch Beobachten und Nachahmen. Wenn sie also in ihrer Kindheit Gewalt erfahren oder beobachten, kann das dazu führen, dass sie dieses Verhalten fälschlicherweise als gut einstufen und nachahmen.

Die basolaterale Amygdala und prosoziales Verhalten

Forschende haben herausgefunden, dass die "basolaterale Amygdala" (BLA), ein Teil des limbischen Systems, kalibriert, wie großzügig wir uns gegenüber Fremden und Freunden verhalten. Bei Personen, bei denen dieses Gehirnareal beschädigt ist, erfolgt diese Abstufung so radikal, dass sie fast nur noch mit engen Freunden teilen.

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