Die Halsschlagadern spielen eine zentrale Rolle bei der Versorgung des Gehirns mit sauerstoffreichem Blut. Dieser Artikel beleuchtet die Anatomie, Funktion, Erkrankungen und Behandlungsmöglichkeiten der Halsschlagadern, insbesondere im Zusammenhang mit der Entstehung von Schlaganfällen.
Anatomie und Funktion der Halsschlagadern
Der Mensch besitzt zwei Halsschlagadern (Arteriae carotides), eine auf jeder Halsseite. Sie sind die Hauptschlagadern des Halses, die das Gehirn mit Blut versorgen. Man kann den Pulsschlag fühlen, wenn man den Finger neben den Adamsapfel legt. Die Halsschlagadern entspringen in der Brust aus der Hauptschlagader (Aorta) direkt nach ihrem Abgang aus dem Herzen. In Höhe des Kehlkopfes teilt sich jede Halsschlagader in zwei Äste auf:
- Arteria carotis externa (äußere Halsschlagader): Versorgt das Gesicht mit Blut.
- Arteria carotis interna (innere Halsschlagader): Führt zum Gehirn und versorgt es mit sauerstoffhaltigem Blut.
Zusätzlich zu den Halsschlagadern gibt es noch zwei weitere Schlagadern im Nackenbereich, die sogenannten Arteriae vertebrales, die ebenfalls zur Blutversorgung des Gehirns beitragen. Das Gehirn wird also durch insgesamt vier Schlagadern versorgt: zwei vordere (A. carotis) und zwei hintere (A. vertebralis). Diese "Luxusversorgung" sorgt dafür, dass das Gehirn auch bei einer Verengung oder einem Verschluss einer Schlagader weiterhin ausreichend mit Blut versorgt werden kann, da sich das Gehirn an den geringeren Blutfluss anpassen kann und die Halsschlagader der Gegenseite und die Schlagadern des Nackens ausgleichend mehr Blut zum Gehirn transportieren.
Carotisstenose: Verengung der Halsschlagader
Eine der häufigsten Erkrankungen der Arteria carotis interna (ACI) ist ihre Verengung (Stenose) im Rahmen einer Arteriosklerose. Bei einer Carotisstenose liegt eine Einengung (Stenose) der inneren, hirnversorgenden Halsschlagader (Arteria carotis interna) vor. Diese erhöht das Risiko für einen Schlaganfall (Apoplex).
Ursachen und Risikofaktoren
Die Hauptursache für eine Carotisstenose liegt in der Arteriosklerose (Arterienverkalkung). Arterien unterliegen im Laufe des Lebens Veränderungen. Mit zunehmendem Alter werden die Arterienwände steifer. Dabei kommt es zu Ablagerungen von Blutfetten, Blutpfropfen (Thromben) und Kalk in den Blutgefäßen, die mit der Zeit die Gefäße verengen. Die Folge: eine verminderte Blut- und Sauerstoffversorgung des Gehirns oder das Ablösen von Blutgerinnseln, die - mit dem Blutstrom mitgerissen - nachgeschaltete Hirngefäße verstopfen (Embolie) können.
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Weitere Risikofaktoren für die Entstehung einer Carotisstenose sind:
- Hoher Blutdruck
- Cholesterinstoffwechselstörungen
- Rauchen
- Bewegungsmangel
- Falsche Ernährung
- Erbliche Veranlagung
Epidemiologie
Die Carotisstenose tritt meist in der zweiten Lebenshälfte auf. Ab dem 65. Lebensjahr steigt die Häufigkeit von signifikanten Stenosen der inneren Halsschlagader auf sechs bis acht Prozent, ab dem 70. Lebensjahr sogar bis auf 15 Prozent. Entsprechend erhöht sich das Risiko, im Alter einen durch eine Carotisstenose ausgelösten Schlaganfall zu bekommen. In Deutschland werden jährlich etwa 200.000 bis 270.000 Schlaganfall-Patienten behandelt. Etwa 15 bis 30 Prozent davon erleiden den Schlaganfall aufgrund der Einengung der hirnversorgenden Gefäße.
Symptome
Engstellen an der Halsschlagader verursachen häufig keine Beschwerden. Menschen mit geringen Verengungen der Halsschlagadern haben keine Symptome, selbst der komplette Verschluss einer Halsschlagader kann symptomlos bleiben. Die Halsschlagaderverengung kann symptomlos bleiben. Treten jedoch Symptome auf, sprechen wir von einer symptomatischen ACI-Stenose.
Die Symptome einer Carotisstenose sind stets ernst zu nehmen, da sie Anzeichen einer zeitweiligen Durchblutungsstörung des Gehirns darstellen und Vorboten eines Schlaganfalls sein können. Erste Anzeichen sind:
- Sehstörungen auf einem Auge mit plötzlicher, vorübergehender Blindheit (Amaurosis fugax)
- Halbseitige Gesichts- und Armlähmungen oder Lähmung des Gesichts und Armes
- Schwäche in der Hand oder Gefühlsstörungen in Gesicht und Hand
- Sprachstörungen
- Schluckbeschwerden
- Verwirrtheit
- Starke Kopfschmerzen
- Pulssynchrones Ohrensausen oder Schwindel
Diese Symptome können vorübergehend sein (transitorische ischämische Attacke, TIA) oder zu einem dauerhaften Hirninfarkt (Schlaganfall) mit bleibenden neurologischen Ausfällen führen.
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Diagnose
Die Diagnose einer Engstelle wird meistens zunächst mittels Ultraschall gestellt. Die Diagnose kann mit Hilfe einer nebenwirkungsfreien Ultraschalluntersuchung der Halsschlagadern erfolgen. Auf diese Weise gewinnen wir völlig schmerzfrei und ohne Strahlenbelastung einen exakten Eindruck von den Arterien und des durchfließenden Blutes und können so den Grad der Verengung beurteilen. Durch die Duplexsonografie, eine spezielle Form von Ultraschall, können sowohl die Blutströme in den Gefäßen als auch die Gefäße selbst dargestellt werden.
Als ergänzende Untersuchung wird eine Schichtuntersuchung (MR- oder CT-Angiographie) angefertigt, um bei der Operationsplanung Details wie Knick- und Schleifenbildung sowie nachgeschaltete Engstellen oder Normvarianten der Gefäße, die für die Operation bedeutsam sein können, beurteilen zu können. Alternativ zur Ultraschalluntersuchung kann in Grenzfällen bei reduzierter Beurteilbarkeit durch den Ultraschall auch eine Computertomographie (CT) oder eine Magnetresonanztomographie (MRT) veranlasst werden.
Bei Bedarf werden weitere Untersuchungen, wie z. B. eine Sonografie des Herzens oder ein Langzeit-EKG, durchgeführt, um das Risiko eines Schlaganfalls genauer abschätzen zu können.
Therapie
Als wichtigste Behandlungsmöglichkeit von Engstellen an der Halsschlagader ist die Reduzierung aller Risikofaktoren zu sehen. Die Therapie einer Carotisstenose umfasst medikamentöse, interventionelle und operative Verfahren. Die Einschätzung, wann operativ interveniert werden sollte, erfolgt immer interdisziplinär. Hierbei besteht selbstverständlich eine enge Zusammenarbeit mit der Neurologischen Klinik und auch der Neuroradiologischen Klinik.
Medikamentöse Therapie
Unterstützend sollten Patienten mit Ablagerungen und Verengungen der Gefäße eine bestmögliche medikamentöse Therapie erhalten. Ganz wesentlich ist zudem die langfristige medikamentöse Behandlung der Begleiterkrankungen etwa mit Acetylsalicylsäure (ASS) oder Statin, einem Cholesterinsenker sowie eine strikte Einstellung des Blutdrucks.
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In dieser Stellungnahme soll erläutert werden, warum Patienten mit nachgewiesenen Ablagerungen in der Carotis - auch ohne akute Symptome - langfristig von einer intensiven Cholesterinsenkung profitieren können. Schon seit Jahren empfehlen Kardiologen ein konsequentes Senken des LDL-Cholesterins, um Plaques zu stabilisieren und kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle zu verhindern. In den europäischen und US-amerikanischen Leitlinien werden dabei auch Patienten mit asymptomatischen Carotisplaques, also Patienten, die noch keine Beschwerden haben, in die sehr hohe Risikokategorie („very high risk“) eingestuft.
Operative Therapie (Karotisendarteriektomie)
Als operative Maßnahme erfolgt die Ausschälung der Halsschlagader, die in unserem Hause in der Regel als sog. Eversionsendarteriektomie durchgeführt wird. Bei der Operation legen die erfahrenen Spezialisten die Schlagader am Hals über einen kleinen Schnitt frei und schälen den Kalk heraus. Danach vernähen sie die Halsschlagader so, dass das Blut wieder ungehindert fließen kann. Hierbei wird die innere Halsschlagader abgetrennt, „auf Links gezogen“, die Verengung entfernt, zurückgestülpt und wieder angenäht. Dieses Verfahren hat gegenüber der sogenannten Thrombendarteriektomie (Längsaufschneiden des Gefäßes, Ausschälplastik und Einnähen eines Erweiterungsstreifens aus Vene oder Kunststoff) den Vorteil, daß im Verlauf von Jahren Rezidiv-Engstellen seltener auftreten. Zudem ist die Ausklemmzeit kürzer.
Der Eingriff wird bei uns bevorzugt in örtlicher Betäubung durchgeführt. Über eine Längsinzision (Schnitt) an der betroffenen Halsseite wird die Aufzweigung der gemeinsamen Schlagader aufgesucht. Anschließend wird das Blutgefäss abgklemmt und über der erkrankten Stelle eröffnet, die Ablagerungen werden ausgeschält.
Eine solche Operation befürworten wir in der Regel erst ab einem Verengungsgrad der Halsschlagader von mindestens 70 Prozent (asymptomatische Carotisstenose). Patienten, die bereits einen Schlaganfall (symptomatische Carotisstenose) hatten, operieren wir aufgrund des erhöhten Risikos bereits bei kleineren Verengungsgraden.
Stent-Implantation
Alternativ zu diesem Operationsverfahren ist die Implantation eines Stents möglich. In speziellen Einzelfällen behandeln wir die Carotisstenose durch eine Aufdehnung der Schlagader mit einem intravaskulären Stent. Dieses feine Gittergerüst wird in die Arterie mithilfe eines Katheters eingeführt und vorsichtig aufgedehnt. So lässt sich das Gefäß wieder öffnen und die Durchblutung wiederherstellen. Die Stentimplantation kommt jedoch nur in geeigneten Fällen unter ganz bestimmten Auswahlkriterien zur Anwendung.
Mögliche Komplikationen
Bei der Operation kann es - wie bei jeder anderen Operation auch - zu einer Verletzung der umgebenden Gefäße und Nerven, insbesondere des die Schlagader überkreuzenden Zungennerven kommen. Diese würde zu einer - meist vorübergehenden - Einschränkung der Zungenbeweglichkeit mit zunächst undeutlicher Sprache und vermehrtem auf die Zunge beißen beim Essen führen. Sollte sich einmal ein größerer Bluterguss im Halsbereich entwickeln, müsste dieser ggf. Selten kann eine Entzündung im Wundbereich auftreten, möglicherweise unter Einbeziehung des Kunststoff-Streifens, so dass dieser wieder entfernt und gegen einen Venenstreifen ausgetauscht werden müsste.Ferner kann sich in der Schlagader ein Blutgerinnsel lösen, welches einen Schlaganfall auslösen könnte. Ein Gerinnsel in der Beinvenen, eine sogenannte Beinvenenthrombose, welche zu einer Lungenembolie mit Verlegung der Blutbahnen in der Lunge führen kann, ist aufgrund der zusätzlich durchgeführten Blutverdünnung sehr selten.
Nachsorge
Je nach OP-Verfahren bleiben unsere Patienten zwischen zwei und fünf Tagen in der Klinik. Eine Operation ist immer nur ein Baustein in der Therapie. Um dauerhaft der Verengung der Halsschlagader vorzubeugen, sind ständige Kontrollen der individuellen Risikofaktoren unerlässlich.
Die Wundheilung beträgt bei einer Karotisendarterektomie drei bis fünf Tage und nach einer Stentimplantation zwei bis drei Tage. Danach entlassen wir Sie in die ambulante Weiterbetreuung durch niedergelassene Kollegen. Sechs Wochen nach der Entlassung bitten wir Sie, sich zu einer duplexsonographischen Verlaufskontrolle in unserer Sprechstunde vorzustellen. Die anschließend folgenden jährlichen Kontrollen können Sie durch Ihren Hausarzt oder einen Facharzt durchführen lassen.
Im weiteren sollten Sie ein Medikament einnehmen, welches die Blutplättchen an der Verklumpung hindert (z.B. ASS, Iscover, Plavix). In den ersten Wochen nach der Operation sollten Sie noch starke Anstrengungen vermeiden, sich jedoch viel bewegen. Zweimal im Jahr muss die Halsschlagader dann zunächst mittels Ultraschalluntersuchung nachkontrolliert werden. Sollte es zu Veränderungen und Schmerzhaftigkeit an der Wunde, Fieber oder Gefühlsstörungen in Armen oder Beinen kommen, sollten Sie sofort Ihren Hausarzt informieren und ggf. Selbstverständlich stehen wir Ihnen auch jederzeit persönlich bei weiteren Fragen zur Verfügung.
Wird die Operation aufgrund eines Schlaganfalles durchgeführt ist in der Regel im Anschluss an den Aufenthalt eine neurologische Rehabilitation sinnvoll.
Prävention
Verkalkte und verengte Gefäße bringen ein erhöhtes Schlaganfallrisiko mit sich. Doch diese lassen sich gut behandeln - und man kann vorsorgen.
- Risikofaktoren reduzieren: Die wichtigste Maßnahme zur Vorbeugung einer Carotisstenose ist die Reduzierung der beeinflussbaren Risikofaktoren wie Rauchen, hoher Blutdruck, Cholesterinstoffwechselstörungen, Übergewicht und Bewegungsmangel.
- Gesunde Lebensweise: Eine gesunde Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten sowie regelmäßige körperliche Aktivität können dazu beitragen, die Arteriosklerose zu verlangsamen oder sogar aufzuhalten.
- Regelmäßige Kontrolluntersuchungen: Personen mit einem erhöhten Risiko für eine Carotisstenose (z.B. aufgrund von Vorerkrankungen oder familiärer Veranlagung) sollten regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Arzt durchführen lassen, um eine Verengung der Halsschlagader frühzeitig zu erkennen und behandeln zu können.
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