Migräne: Welche Lebensmittel man vermeiden sollte

Die Ernährung spielt eine komplexe und oft missverstandene Rolle bei der Entstehung und Behandlung von Migräne und anderen Kopfschmerzerkrankungen. Obwohl es keine allgemeingültigen Ernährungsempfehlungen für alle Migränepatienten gibt, deutet die aktuelle Forschung auf verschiedene Mechanismen hin, durch die bestimmte Nahrungsmittel und Inhaltsstoffe Kopfschmerzen auslösen oder verstärken können. Diese Mechanismen umfassen die Auswirkungen von Nahrungsbestandteilen auf Neuropeptide, Ionenkanäle, Rezeptoren, die Freisetzung von Stickstoffmonoxid, die Aktivierung des sympathischen Nervensystems, Gefäßerweiterungen und Veränderungen im zerebralen Glukosestoffwechsel. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass der direkte Einfluss einzelner Nahrungskomponenten schwer zu isolieren ist.

Ernährung und Migräne: Ein komplexes Zusammenspiel

Die Frage, welche Lebensmittel bei Migräne vermieden werden sollten, ist individuell sehr unterschiedlich. Was bei dem einen eine Attacke auslöst, kann bei dem anderen keine Auswirkungen haben. Es gibt jedoch einige allgemeine Überlegungen und spezifische Lebensmittel, die bei manchen Menschen Migräne auslösen können.

Die Rolle des Blutzuckerspiegels

Neben anderen Einflussfaktoren wie Stress und Schlaf können Blutzuckerschwankungen zu den Triggern für Migräne zählen. Starke Blutzuckerschwankungen nach einer Mahlzeit steigern das Risiko für eine Migräneattacke, während ein stabiler Blutzuckerspiegel das Risiko senkt. Blutzuckerreaktionen sind jedoch sehr individuell und können nicht für bestimmte Lebensmittel verallgemeinernd vorhergesagt werden. Die Makronährstoffe eines Lebensmittels bzw. einer Mahlzeit, also das Verhältnis zwischen Fetten, Proteinen und Kohlenhydraten, sind für die Blutzuckerreaktion von Bedeutung. Stoffwechselreaktionen hängen nämlich auch von der Genetik, den Darmbakterien (dem Mikrobiom), den Aktivitäten, dem Schlaf und dem Hormonstatus ab.

Individuelle Trigger identifizieren

Immer wieder berichten Patienten davon, dass bestimmte Lebensmittel als Auslöser ihrer Migräne infrage kommen. Vor allem Lebensmittel, die Alkohol, Koffein, Histamin und Tyramin enthalten, stehen im Verdacht, zu Migräne zu führen. Wissenschaftliche Studien sehen hingegen kaum einen Zusammenhang zwischen der Kopfschmerzerkrankung und bestimmten Nahrungsmitteln. Es ist daher ratsam, ein Migränetagebuch auszufüllen, in dem über einige Wochen die Ernährung und Migräneattacken festgehalten werden. Achten Sie dabei auch auf Getränke. Eventuell können Sie dann herausfinden, welche Lebensmittel Sie bei Migräne meiden sollten. Es ist wichtig zu bedenken, dass der Körper dynamisch ist. So kann es sein, dass Sie an manchen Tagen das Glas Sekt gut vertragen und an anderen danach mit Kopfschmerzen zu kämpfen haben.

Häufig genannte Auslöser und ihre potenziellen Mechanismen

Alkohol

Alkohol wird am häufigsten als Migräne-Trigger genannt. Einige Migränepatienten berichten, dass alle alkoholischen Getränke problematisch sind, während andere nur bestimmte wie Sekt oder Rotwein nennen. Generell greift Alkohol in einer Vielzahl biochemischer Prozesse ein, manche spüren schon nach wenigen Schlucken die Auswirkungen. Daher ist es nicht unwahrscheinlich, dass Alkohol Migräne auslöst. Einige Experten vermuten, dass die harntreibende Wirkung des Alkohols zu einer Dehydrierung und damit zu Migräne führt. Alkoholbedingter Kopfschmerz ist typischerweise beidseitig lokalisiert, pulsierend, löst sich innerhalb von 72 Stunden spontan und wird durch körperliche Aktivität verstärkt. Die Häufigkeit, mit der Migränepatienten Alkohol als möglichen Triggerfaktor angeben, schwankt erheblich und scheint sowohl von der individuellen Verträglichkeit, der Art des alkoholischen Getränkes sowie der Kopfschmerzform abhängig zu sein. Der Gehalt an Flavonoiden (z.B. Anthocyanine, Catechine) in Rot- und Weißweinen variiert stark. Rotweine enthalten bis zu 1200 mg/l, während Weißweine meist nicht mehr als 50 mg/l enthalten. Es wird angenommen, dass die Flavonoide im Rotwein möglicherweise die Thrombozyten-Phenolsulphotransferase P und in geringerem Maß die Thrombozyten-Phenolsulphotransferase M hemmen und direkten Einfluss auf die Blutgefäße haben.

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Koffein

Viele Menschen trinken täglich Kaffee; manche zwei Tassen, andere bis zu fünf. Der Körper gewöhnt sich dadurch an die tägliche Dosis Koffein und gerät in eine Abhängigkeit. Aus diesem Grund ist es eher problematisch, wenn Kaffeetrinker plötzlich ihren Konsum reduzieren oder gar einstellen - etwa am Wochenende. Wer allerdings kaum Kaffee trinkt, kann von dem ungewohnten Koffein Kopfschmerzen bekommen. Koffein ist auch in Tee, Cola und Energy-Drinks enthalten. Koffein wird vor allem über Kaffee, Tee und koffeinhaltige Limonaden sowie Erfrischungsgetränke aufgenommen. Doch auch in der Behandlung von Migräneattacken kommen Koffein-haltige Medikamente zum Einsatz, da diese nachweislich die Wirkung verbessern. Höhere Dosierungen (>300-400 mg/ Tag) können vor allem bei Männern Angst und Panikstörungen hervorrufen. Genetische Polymorphismen der Adenosin-A2A-Rezeptoren können die Anfälligkeit für die Nebenwirkungen von Koffein wie Schlaflosigkeit oder Angst beeinflussen. Bekannt ist zudem, dass eine unregelmäßige Koffeinzufuhr - nicht nur bei Migränepatienten - Kopfschmerzen verursachen kann. Der sogenannte Koffein-Entzugs-Kopfschmerz entwickelt sich innerhalb von 24 Stunden, wenn die über mindestens 2 Wochen andauernde regelmäßige Aufnahme von 200 mg Koffein am Tag unterbrochen wird. In der Regel löst sich der Kopfschmerz innerhalb von einer Stunde, wenn mindestens 100 mg Koffein aufgenommen werden oder klingt bei ausbleibender Koffeinzufuhr spontan innerhalb von sieben Tagen ab.

Histamin und Tyramin

Histamin ist ein natürlicher Stoff, der unter anderem als Signalüberträger (Neurotransmitter) im Gehirn und an Entzündungsreaktionen beteiligt ist. Tyramin ist ein Neurotransmitter, der als Trigger für Migräne im Fokus steht. Stark tyramin- und histaminhaltigen Lebensmittel wird nachgesagt, dass sie Migräneattacken auslösen können. Demnach sollten Sie - wenn diese Lebensmittel bei Ihnen zu den auslösenden Faktoren zählen -vor allem lang gelagerte oder gereifte Speisen, wie beispielsweise Käse, Salami und Schinken oder Sauerkraut, vermeiden. Gleiches gilt für Getränke wie Sekt, Wein oder Bier.

Schokolade

Viele beobachten einen Zusammenhang zwischen Schokoladengenuss und Migräne. Wissenschaftler vermuten jedoch, dass nicht die Schokolade Kopfschmerzen auslöst. Veränderungen im Hirnstoffwechsel, die einer Attacke vorausgehen, können einen Heißhunger auf Süßigkeiten verursachen.

Weitere potenzielle Trigger

  • Glutamat: Der in zahlreichen Fertigprodukten, Fertigsaucen und -dressings sowie Gewürzsalzen und Konserven zum Einsatz kommende Geschmacksverstärker gilt als möglicher Auslöser für Kopfschmerzen.
  • Aspartam: Der künstliche Süßstoff steckt vor allem in Light- und Diätprodukten, vielen Softdrinks und auch Kaugummis.
  • Nitrate und Nitrite: Sie kommen als Konservierungsmittel vor allem in verarbeiteten Fleischwaren wie Speck, Salami, Wurst oder Schinken sowie Fertigprodukten und geräuchertem Fisch zum Einsatz.

Ernährungsumstellungen und ihre potenziellen Vorteile

Obwohl die Forschungslage noch nicht eindeutig ist, deuten einige Studien darauf hin, dass bestimmte Ernährungsumstellungen bei der Behandlung von Migräne hilfreich sein können.

Ketogene Diät (KD)

Die ketogene Diät (KD) wird bereits seit den 1930er Jahren intensiv erforscht und stellt eine etablierte Maßnahme in der Therapie der Epilepsie bei Kindern dar. Die klassische KD sieht ein Verhältnis der Hauptnährstoffe von 4 Teilen Fett zu 1 Teil Kohlenhydrat und Eiweiß vor. In der Regel beschränkt sich die tägliche Aufnahme von Kohlenhydraten je nach Form auf 20-50 Gramm. Um einen therapeutischen Erfolg erzielen zu können, muss die Diät streng und über einen längeren Zeitraum eingehalten werden. Dies setzt eine hohe Akzeptanz und ein intensives Mitwirken aller Beteiligten voraus. Klinische Daten weisen darauf hin, dass die fettreiche und extrem kohlenhydratreduzierte Ernährungsform sich in vielerlei Hinsicht positiv auf das Krankheitsgeschehen der Migräne auswirkt. Nach dem ersten Monat konnte neben einer Gewichtsreduktion eine deutliche Verringerung der Kopfschmerzhäufigkeit und der Medikamenteneinnahme festgestellt werden.

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Oligoantigene Diät

Die oligoantigene Diät hat sich in einigen Studien als hilfreicher Behandlungsansatz in der Therapie von Migräne, ADHS und Epilepsie erwiesen. In einer doppelblinden Untersuchung konnte durch die Ernährungsumstellung bei 93 % der untersuchten Kinder eine Kopfschmerzreduktion erzielt werden. Darüber hinaus besserten sich während dieser Zeit auch andere Symptome wie Bauchschmerzen, Verhaltensstörungen, Asthma und Ekzeme. Dabei war der Effekt nach 16 Wochen am stärksten ausgeprägt, wenn die Zufuhr an Omega-3-Fettsäuren (z. B. Leinöl, Lachs) zu- und diejenige an Omega-6-Fettsäuren (z. B. Schweinefleisch, tierische Fette, Innereien, Soja-/Maiskeimöl) abnahm. Ein messbarer, aber geringerer Effekt trat auf, wenn nur der Verzehr an Omega-3-Fettsäuren stieg, derjenige an Omega-6-Fettsäuren aber konstant blieb. Die Anzahl der Kopfschmerztage reduzierte sich um 2 bis 4 Tage; auch die Anzahl der Kopfschmerzstunden nahm ab. Einige konnten die Anzahl der eingenommenen Kopfschmerztabletten reduzieren.

Fettarme Diät

In einer Studie mit 54 Migränepatienten wurde gezeigt, dass sich die Häufigkeit, die Intensität sowie die Dauer der Attacken im Rahmen einer 12-wöchigen fettarmen Diät signifikant verbesserten. Im Rahmen der Studie wurde die tägliche Gesamtfettaufnahme um 58 Prozent auf durchschnittlich 27,8 g reduziert. Die Aufnahme mehrfach ungesättigter und gesättigter Fette sowie Ölsäure wurde jeweils um durchschnittlich 63 Prozent reduziert. Eine weitere Studie zeigte ähnliche Ergebnisse. Auch hier wurde unter der fettarmen Diät eine Reduktion der Anfallshäufigkeit und -intensität beobachtet. Die Gesamtfettaufnahme wurde im Interventionszeitraum von 35 % auf 23 % reduziert.

Nahrungsergänzungsmittel

Studien zeigen, dass eine Supplementierung von 25 mg Vitamin B6 und 400 μg Vitamin B12 sowie 2 mg Folsäure die Schwere der Kopfschmerzen bei Personen mit Migräne mit Aura deutlich verringern kann. Die beobachteten Effekte waren am stärksten ausgeprägt bei Personen mit bestimmten Mutationen im MTHFR-Gen. In Studien wurde gezeigt, dass Migränepatienten verminderte Konzentrationen der Mikronährstoffe Riboflavin (Vitamin B2), Magnesium und Coenzym Q10 aufweisen. Die Mikronährstoffe spielen eine wichtige Rolle bei der Energieerzeugung in den Mitochondrien und sind an zahlreichen physiologischen Prozessen beteiligt, die das Krankheitsgeschehen der Migräne beeinflussen. Menschen, die an Migräne leiden nehmen im Vergleich zu Nicht-Migränikern weniger Folat über die Nahrung auf. Neben Vitamin B12 ist Folat ein wichtiger Kofaktor für Enzyme wie die Methylentetrahydrofolat-Reduktase (MTHFR), die eine wesentliche Rolle im Homocystein-stoffwechsel spielen. Spezifische Mutationen im MTHFR-Gen wurden mit einer erhöhten Prävalenz von Migräne assoziiert. Zudem zeigen Studien, dass Migränepatienten (v.a.

Regelmäßige Mahlzeiten

Mitunter können Attacken auch auftreten, wenn Migräne-Patienten Mahlzeiten auslassen. Darum ist es sinnvoll, regelmäßig zu essen und möglichst komplexe Kohlenhydrate zu sich zu nehmen. Das sind die "guten Kohlenhydrate", die den Blutzucker konstant halten und lange satt machen (im Gegensatz zu den "schlechten Kohlenhydraten", die in Zucker und Weißmehl enthalten sind). Gute Kohlenhydrate finden sich in Vollkornprodukten, Reis, Mais, Hirse, Kartoffeln, Hülsenfrüchten und in vielen Sorten Obst und Gemüse.

Omega-3-Fettsäuren

Es gibt Hinweise (jüngst erschienene Studie im "British Medical Journal"), dass Omega-3-Fettsäuren die Zahl der Migräneanfälle deutlich verringern können. Omega-3-Fettsäuren sind zum Beispiel in fetten Fischen wie Lachs, Makrele und Hering enthalten oder in Leinsamen und Nüssen. Eine gesunde Ernährung mit frischen, vollwertigen Produkten und Omega-3-Fettsäuren wirkt sich auf den ganzen Organismus positiv aus. Deshalb ist sie Migräne-Patienten in jedem Fall zu empfehlen. Omega-3-Fettsäuren wirken entzündungshemmend. Aus ihnen werden im Körper Botenstoffe hergestellt, die Schmerz unterdrücken. Das kann sich auch positiv auf die Migräne auswirken. Geeignete Lebensmittel mit reichlich Omega-3-Fettsäuren ist Fisch sowie Lein-, Walnuss- und Rapsöl.

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Weitere wichtige Aspekte

  • Regelmäßig trinken: Achten Sie auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr von mindestens 1,5 Litern pro Tag.
  • In Ruhe essen: Nehmen Sie sich Zeit für Ihre Mahlzeiten und essen Sie in einer entspannten Atmosphäre.
  • Ernährungstagebuch führen: Ein Ernährungs- und Schmerztagebuch hilft, die individuellen "Trigger" zu identifizieren.

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