Die Behandlung von Hirntumoren ist ein komplexer Prozess, der verschiedene Therapieansätze umfasst. Medikamente spielen dabei eine zentrale Rolle, wobei sowohl klassische Chemotherapeutika als auch neuartige zielgerichtete Substanzen zum Einsatz kommen. Die Wahl der geeigneten Medikamente hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Art des Tumors, sein Grad der Bösartigkeit, das Stadium der Erkrankung und der Allgemeinzustand des Patienten. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Medikamente, die in der Hirntumorbehandlung eingesetzt werden, ihre Wirkungsweise, Anwendungsgebiete und potenziellen Nebenwirkungen.
Chemotherapie: Grundlagen und Wirkungsweise
Unter Chemotherapie versteht man die Behandlung mit Zytostatika. Zytostatika sind Zellgifte, die besonders schnell teilende Zellen, wie Tumorzellen, angreifen. Diese Medikamente hemmen das krankhafte Zellwachstum der Tumoren und können diese verkleinern oder sogar ganz zerstören. Es gibt verschiedene Zytostatikaklassen, die an unterschiedlichen Stellen des Zellstoffwechsels angreifen. Die Chemotherapie ist eine systemische Therapie, die im ganzen Körper wirkt und die Absiedlung in andere Organe oder Gewebe verhindern soll. Im Gegensatz dazu werden Operation und Strahlentherapie als lokale Maßnahmen bezeichnet.
Wann wird eine Chemotherapie bei Hirntumoren durchgeführt?
Der Einsatz einer Chemotherapie hängt von der Lokalisation und dem Grad der Bösartigkeit des Tumors ab. Ist eine Chemotherapie indiziert, wird sie bei Patienten mit Hirntumoren in der Regel nach der Operation und histologischen Sicherung des krankhaften Prozesses angewendet. Die Chemotherapie erfolgt dann entweder vor der Strahlentherapie (neoadjuvante Therapie), gleichzeitig mit der Strahlentherapie (begleitende Therapie) oder nach der Strahlentherapie (adjuvante Therapie). In einigen Fällen ist die Chemotherapie auch ohne begleitende oder vorangegangene Operation indiziert. In Ausnahmefällen wird das Zytostatikum auch direkt in das Liquor-System über ein spezielles Reservoir verabreicht. Es handelt sich dabei um ein sogenanntes Rickham- oder Ommaya-Reservoir, eine Kammer mit Verbindung zum Liquorraum, die unter die Kopfhaut eingebracht wird und wiederholt durch die Haut anpunktiert werden kann.
In den meisten Fällen kann die Behandlung ambulant erfolgen, das heißt, eine stationäre Aufnahme ist nicht erforderlich. Bei schlechten Venenverhältnissen ist unter Umständen die Anlage eines sogenannten Ports (spezielle Kammer, die unter der Haut liegt und mit einer Vene in Verbindung steht) notwendig, um die Medikamente sicher infundieren zu können. Die Chemotherapie läuft üblicherweise in Zyklen ab, das heißt, nach Einnahme der Medikamente werden Therapiepausen von 1-4 Wochen eingelegt.
Medikamente, die in der Chemotherapie von Hirntumoren eingesetzt werden
Die Blut-Hirn-Schranke ist eine natürliche Barriere, die das Gehirn vor eindringenden Giftstoffen schützen soll. Zur Chemotherapie von Hirntumoren werden deshalb Medikamente eingesetzt, die diese Blut-Hirn-Schranke passieren können. Man spricht auch davon, dass ein Medikament "liquorgängig" sein muss, also auch in die Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit aufgenommen werden kann. Zu den Zytostatika, die heute bei Hirntumoren eingesetzt werden, gehören insbesondere:
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- Alkylierende Substanzen: Temozolomid oder Nitrosoharnstoffe (z.B. CCNU)
- Mitosehemmstoffe: VP16 (Etoposid)
- Platinverbindungen: Cisplatin, Carboplatin
- Nitrosoharnstoffe: ACNU (Nimustin), BCNU (Carmustin) und CCNU (Lomustin)
- Procarbazin: DNA-schädigende (alkylierende) Substanz
- Topoisomerase-I-Hemmstoffe: Topotecan
- Topoisomerase-II-Hemmstoffe: VP16 (Etoposid) und VM26 (Teniposid)
- Methotrexat (MTX): Hemmt Stoffwechselschritte bei der Bildung der DNA, für die Folsäure gebraucht wird
- Vincristin: Ein "Spindelgift", das die Zellteilung stört
Mögliche Nebenwirkungen einer Chemotherapie
Das Nebenwirkungsprofil hängt von der Art der Chemotherapie ab. Grundsätzlich besteht das Problem, dass durch die Chemotherapie auch gesunde, sich schnell teilende Zellen angegriffen werden. Die Nebenwirkungen der Zytostatika betreffen deshalb - je nach Substanz in unterschiedlichem Ausmaß - die Haarwurzeln, die Schleimhäute in Magen und Darm und das blutbildende System im Knochenmark. Es kann daher zu Haarausfall, Entzündungen der Mundschleimhäute, Übelkeit und Erbrechen, Durchfall und Blutbildveränderungen kommen. Eine Folge der Blutbildveränderungen, die oft erst einige Zeit nach der Behandlung einsetzt, ist die Verringerung der weißen Blutkörperchen ("Leukozyten") und damit eine Schwächung der Krankheitsabwehr. Seltener sind Gerinnungsstörungen durch zu wenige Thrombozyten oder eine Blutarmut ("Anämie") durch Mangel an roten Blutkörperchen ("Erythrozyten"). Das Blutbild muss daher während einer Chemotherapie regelmäßig kontrolliert werden. Viele dieser Nebenwirkungen lassen sich entweder durch die Wahl einer geeigneten Applikationsform vermeiden oder durch eine sogenannte "supportive" (unterstützende) Therapie behandeln. Erfreulicherweise sind in den vergangenen Jahren neue Medikamente und Therapiekonzepte entwickelt worden, so dass die aktuellen Zytostatika gegen Hirntumore wirksamer und oft besser verträglich sind als früher oder auch bei anderen Krebserkrankungen.
Neue Substanzen und Therapieansätze
Neben den klassischen Substanzen drängen auch einige neue Medikamente auf den Markt, die bislang noch nicht frei verfügbar sind, aber im Rahmen von klinischen Studien untersucht werden. Es handelt sich dabei in der Regel um Substanzen, die eine zielgerichtete und individualisierte Therapie ermöglichen sollen. Beispiele hierfür sind Medikamente, die die Gefäßversorgung von Tumoren blockieren (z.B. Angiogenesehemmer, Integrinantagonisten etc.).
Vorasidenib: Ein zielgerichteter Ansatz bei Gliomen
Ein Beispiel für ein neues Medikament ist Vorasidenib, das in den USA bereits für die Behandlung bestimmter Gliome zugelassen ist. Vorasidenib wirkt zielgerichtet und soll schonender sein als eine Chemotherapie. Es wird als tägliche Pille eingenommen und gelangt über die Blutbahn ins Gehirn, wo es die Tumore daran hindert, weiterzuwachsen. Der Wirkstoff Vorasidenib blockiert veränderte Enzyme und verhindert so, dass bösartige Zellen entstehen.
In einer Studie mit Patienten, die bereits operiert wurden, aber noch keine Chemo- oder Strahlentherapie erhalten hatten, dauerte es bei den Patienten, die das Medikament bekamen, länger, bis ihre Tumore wieder zu wachsen begannen. Im Schnitt gewannen sie fast eineinhalb Jahre mehr Zeit. Das Mittel zögerte auch eine weitere Behandlung mit einer Bestrahlung oder Chemotherapie hinaus.
Die europäische Arzneimittelagentur EMA prüft derzeit den Zulassungsantrag für Vorasidenib. Es bleiben jedoch noch Fragen offen, wie sich das Medikament langfristig auswirkt, wie oft es bei einem Menschen eingesetzt werden kann, um den Tumor zu schrumpfen, wie lange die Wirkung anhält und ob es die kognitive Funktionen und letztlich die Lebensqualität der Patienten verbessern kann. Derzeit laufen Studien, wie sich Vorasidenib mit anderen Behandlungsoptionen kombinieren lässt.
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Kenpaullon: Verstärkung der Temozolomid-Wirkung
Eine japanische Forschungsgruppe hat 1301 Verbindungen aus einer Sammlung gut erforschter Wirkstoffe darauf geprüft, ob sie in Kombination mit Temozolomid dessen Wirkung gegen Glioma-Stammzellen verstärken. Als bester Treffer stellte sich der Kinasehemmer Kenpaullon heraus. Kenpaullon zeigte in Kombination mit Temozolomid einen deutlichen synergistischen Effekt: Das Tumorwachstum war nach Gabe der Kombination deutlich stärker reduziert als mit dem Chemotherapeutikum allein. Zudem ergab sich eine Verlängerung der Überlebenszeit, wenn mit der Kombination aus Kenpaullon und Temozolomid behandelt wurde.
Immuntherapie, zielgerichtete Therapie und Störung der Tumorkommunikation
Prof. Dr. Wolfgang Wick beschreibt neue Behandlungsansätze für Hirntumoren, die sich auf Immuntherapie, zielgerichtete Therapie und die Störung der Tumorkommunikation konzentrieren.
- Immuntherapeutische Ansätze: Nutzung des körpereigenen Abwehrsystems, um Krebszellen zu bekämpfen.
- Zielgerichtete Therapien: Blockierung von Mutationen, wie die IDH-Mutationen.
- Störung der Tumorkommunikation: Blockierung der Übertragung von Nervenzellen auf die Hirntumorzellen.
Vortioxetin: Ein Antidepressivum gegen Glioblastome?
Forschende um ETH-Professor Berend Snijder haben einen Wirkstoff gefunden, der Glioblastome zumindest im Labor wirksam bekämpft. Dabei handelt es sich um das Antidepressivum Vortioxetin. Durch die Pharmakoskopie-Plattform konnten die ETH-Forschenden gleichzeitig hunderte von Wirkstoffen an lebenden Zellen aus menschlichem Krebsgewebe testen. Bei den Tests zeigte sich, dass einige - aber nicht alle - der getesteten Antidepressiva überraschend wirksam gegen die Tumorzellen waren. Nun bereitet die Gruppe aus ETH- und USZ-Forschenden zwei klinische Versuche vor. In einer der Studie werden Glioblastom-Patient*innen zusätzlich zur Standard-Behandlung (Operation, Chemotherapie und Bestrahlung) mit Vortioxetin behandelt.
CCNU/TMZ-Kombinationstherapie
Wissenschaftler um Prof. Dr. Ulrich Herrlinger haben gezeigt, dass die Gabe von CCNU und TMZ die Überlebenszeit bei Patienten mit Glioblastom und methyliertem MGMT-Promotor deutlich verlängert, und das bei gut tolerierbaren Nebenwirkungen. Im Mittel überlebten die so behandelten Patienten rund vier Jahre, mehr als 16 Monate länger als bei alleiniger Gabe von TMZ.
Herausforderungen und Ausblick
Die Behandlung von Hirntumoren stellt nach wie vor eine große Herausforderung dar. Die Blut-Hirn-Schranke erschwert das Eindringen von Medikamenten in das Gehirn, und die Tumoren entwickeln häufig Resistenzen gegen die eingesetzten Therapien. Dennoch gibt es in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte in der Entwicklung neuer Medikamente und Therapieansätze. Zielgerichtete Therapien, Immuntherapien und die Störung der Tumorkommunikation bieten neue Möglichkeiten, die Behandlung von Hirntumoren zu verbessern. Klinische Studien spielen eine wichtige Rolle bei der Erforschung neuer Therapien und der Verbesserung der Behandlungsergebnisse.
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