Tetraplegie: Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze

Eine Tetraplegie, auch bekannt als Quadriplegie oder Tetraparalyse, ist eine Form der Querschnittslähmung, die durch eine Schädigung des Rückenmarks im Bereich der Halswirbelsäule verursacht wird. Diese Schädigung führt zu einer Lähmung aller vier Extremitäten - Arme und Beine - und kann erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen haben. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze der Tetraplegie, um ein umfassendes Verständnis dieser komplexen Erkrankung zu ermöglichen.

Was ist Tetraplegie?

Der Begriff Tetraplegie leitet sich von den griechischen Wörtern "tetra" (vier) und "plege" (Lähmung) ab und beschreibt eine Lähmung aller vier Gliedmaßen. Sie ist eine Ausprägung der Querschnittlähmung, die durch eine Schädigung der Halswirbelsäule verursacht wird. Bei etwa der Hälfte aller Menschen mit Querschnittlähmung liegt eine Tetraplegie vor. Die andere Hälfte ist von einer Paraplegie betroffen, die auf eine Rückenmarkschädigung unterhalb der Brustwirbelsäule zurückzuführen ist und nur die unteren Extremitäten betrifft.

Ursachen der Tetraplegie

Die Ursachen einer Tetraplegie sind vielfältig und können in traumatische und nicht-traumatische Ursachen unterteilt werden.

Traumatische Ursachen

In den meisten Fällen, etwa 50 bis 60 Prozent, wird eine Querschnittlähmung durch ein Trauma verursacht. Diese Verletzungen entstehen hauptsächlich bei Unfällen im Straßenverkehr oder bei sportlichen Aktivitäten.

  • Unfälle im Straßenverkehr: Schwere Unfälle mit hoher Geschwindigkeit können zu Frakturen und Luxationen der Halswirbelsäule führen, die das Rückenmark schädigen.
  • Sportunfälle: Extremsportarten wie Skifahren, Snowboarden, Klettern und Radfahren bergen ein Verletzungsrisiko für die Wirbelsäule. Auch beliebte sportliche Freizeitbeschäftigungen sind nicht risikofrei.
  • Stürze: Stürze aus großer Höhe oder Stürze mit direkter Krafteinwirkung auf den Kopf- und Nackenbereich können ebenfalls zu Halswirbelsäulenverletzungen führen.

Auffallend ist, dass der Anteil an Tetraplegie-Patienten in dieser Altersgruppe besonders hoch ist. Da Männer grundsätzlich risikobereiter sind als Frauen, sind männliche Tetraplegiker mit fast siebzig Prozent deutlich in der Überzahl.

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Nicht-traumatische Ursachen

Neben Unfällen können verschiedene Erkrankungen eine Tetraplegie auslösen.

  • Angeborene Erkrankungen: Kinderlähmung oder Syringomyelie können angeboren sein und zu einer Querschnittlähmung führen.
  • Autoimmunerkrankungen: Neurologische Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose können das Rückenmark schädigen. Durch bisher nicht vollständig geklärte Auslöser richtet sich das Immunsystem gegen körpereigenes Gewebe und zerstört dieses im Rahmen chronisch-entzündlicher Prozesse. Jene Autoimmunerkrankung, der als Auslöser der Tetraplegie besondere Bedeutung zukommt, ist die Multiple Sklerose.
  • Infektiöse Erkrankungen: Infektionen mit Viren oder Bakterien, wie Herpes zoster, Varizellen, das Eppstein-Barr- und das HI-Virus, sowie Mykoplasmen und Brucellen können eine Tetraplegie verursachen.
  • Tumorerkrankungen: Tumore, die auf das Rückenmark drücken oder in das Rückenmark einwachsen, können Nervenschäden verursachen. Am häufigsten sind Tochtergeschwülste bei Krebserkrankungen die Ursache.
  • Osteoporose: Durch Osteoporose bedingte Wirbelkörperbrüche können das Rückenmark schädigen.
  • Vaskuläre Ereignisse: Thrombosen und Embolien von Arterien, die im Rückenmark verlaufen, können zu einer Querschnittlähmung führen.
  • Nährstoffmängel: In seltenen Fällen kann ein Vitamin-B1-Mangel eine Polyneuritis verursachen, die mit einer Tetraplegie einhergeht.
  • Vergiftungen: Chronische oder akute Vergiftungen können das Rückenmark schädigen. Allerdings bleiben die genauen Ursachen für toxisch bedingte Schädigungen des Rückenmarks in vielen Fällen ungeklärt.
  • Bandscheibenvorfall: Aber auch ein Bandscheibenvorfall kann zu einer Rückenmarkschädigung führen. Normalerweise werden durch den Druck der Bandscheibe auf das Rückenmark nur einzelne Muskeln gelähmt.

Symptome der Tetraplegie

Die Symptome einer Tetraplegie hängen vom Ausmaß und der Höhe der Rückenmarkschädigung ab.

Primäre Symptome

Das Hauptsymptom der Tetraplegie ist die Lähmung aller vier Gliedmaßen.

  • Motorische Einschränkungen: Die Bewegungsfähigkeit der Arme und Beine ist eingeschränkt oder vollständig aufgehoben. Sind im Rahmen einer Tetraplegie die absteigenden Nervenbahnen betroffen, hat dies zur Folge, dass vom Gehirn an die Arme und Beine ausgesendete motorische Signale nicht mehr vollständig übertragen werden.
  • Sensibilitätsverlust: Viele Betroffene spüren in den Gliedmaßen keinen Schmerz oder nehmen Temperatureinwirkungen auf der Haut nicht mehr wahr. Bei Verletzungen oder Schädigungen aufsteigender Nervenfasern kommt es zu einem Verlust des sensorischen Empfindens.
  • Atemprobleme: In schweren Fällen kann die Atmungsfähigkeit vermindert oder erheblich eingeschränkt sein. Liegt der Schädigungsort für die Tetraplegie bei C4 oder höher, führt dies zu einer Lähmung des Zwerchfells.

Weitere Symptome und Komplikationen

Neben den primären Symptomen können weitere Komplikationen auftreten.

  • Funktionsstörungen innerer Organe: Die Verletzung des Rückenmarks kann Störungen im autonomen Nervensystem verursachen, was zu Funktionsstörungen im Magen-Darm-Trakt, der Blase und den Sexualorganen führen kann.
  • Kreislaufprobleme: Die unwillkürliche Regulation der Herzfrequenz, der Körpertemperatur oder des Blutdrucks kann beeinträchtigt sein. Der Wegfall der Steuerung von Blutdruck und Puls kann zu teils schwerwiegenden Kreislaufproblemen wie autonomer Dysreflexie führen.
  • Erhöhte Infektanfälligkeit: Patienten sind anfälliger für Infektionen.
  • Degenerative Prozesse: Es kann zum Abbau von Gewebe im Bereich des Bewegungsapparats kommen.
  • Spastik: Hier ist das harmonische Zusammenspiel von Beuge- und Streckmuskulatur gestört, feine Bewegungen fallen schwer oder sind unmöglich. Mehrere Wochen nach der akuten Querschnittlähmung entwickelt sich bei den Betroffenen eine spastische Lähmung. Die Muskelspannung ist krankhaft erhöht.
  • Osteoporose: Aufgrund der fehlenden Bewegung und Knochenbelastung entsteht bei 60 Prozent aller Betroffenen Osteoporose.
  • Druckgeschwüre: Typisch sind Druckgeschwüre als Folge von lang anhaltendem Druck auf die Haut. Diese wird zwischen der Unterlage und den Knochen eingeklemmt und dadurch ungenügend durchblutet. Da Schmerzen nicht mehr wahrgenommen werden, wird keine Lageänderung ausgelöst. Es sind vor allem Körperstellen betroffen, bei denen wenig Weichteilgewebe zwischen Haut und Knochen ist, etwa im Gesäßbereich.
  • Nervenschmerzen: Bei bis zur Hälfte aller Betroffenen entstehen Nervenschmerzen.
  • Blasen- und Darmlähmung: Betroffene verspüren weder Stuhl- noch Harndrang. Im Bereich der Innenseite der Oberschenkel ist keine Sensibilität vorhanden und auch ein Zusammenziehen des Analmuskels ist nicht möglich. Ein großes Problem für die Betroffenen und das weitere Leben stellt die Blasenlähmung dar, die auch schon bei inkomplettem Querschnitt auftreten kann.
  • Psychische Probleme: Aufgrund ihrer Lebenssituation entwickeln viele Betroffene Depressionen oder sind sogar suizidgefährdet.

Diagnose der Tetraplegie

Die Diagnose einer Tetraplegie umfasst verschiedene Schritte.

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  • Anamnese: Das ärztliche Personal befragt die Betroffenen nach dem Unfallhergang sowie Beginn und Dauer der Symptome. Bei einer Querschnittlähmung, die ohne Unfall aufgetreten ist, ist zusätzlich eine sogenannte Differenzialdiagnose erforderlich.
  • Körperliche Untersuchung: Das ärztliche Personal kontrolliert Motorik und Sensibilität des Körpers und der Gliedmaßen und prüft die Reflexe. Darüber hinaus untersucht es Störungen der Blase und des Mastdarms und klärt eventuelle Vorerkrankungen ab.
  • Bildgebende Verfahren: Röntgenaufnahmen der Wirbelsäule sowie Computer- oder Magnetresonanztomografie des Rückenmarks geben Aufschluss über knöcherne Verletzungen und Schäden am Rückenmark.

Behandlung der Tetraplegie

Die Behandlung einer Tetraplegie erfordert eine umfassende Betreuung durch ein interdisziplinäres Team.

Akutbehandlung

  • Stabilisierung der Wirbelsäule: Bei Frakturen oder Luxationen der Wirbelsäule kann eine Operation erforderlich sein, um das Rückenmark zu entlasten und die Wirbelsäule zu stabilisieren. Instabile Brüche der Wirbelsäule werden mit Hilfe von Schrauben und Platten fixiert.
  • Medikamentöse Therapie: Akute Querschnittlähmung kann zum Beispiel einen Kreislaufschock auslösen. Bei einer Tetraplegie ist ein (meistens vorübergehendes) Versagen der Atemmuskulatur möglich, das eine maschinelle Beatmung erfordert.
  • Intensivmedizinische Überwachung: Die Patienten werden intensivmedizinisch überwacht und behandelt, um Komplikationen wie Atemversagen, Kreislaufinstabilität und Infektionen zu vermeiden.

Rehabilitation

Nach der Akutbehandlung beginnt die Rehabilitationsphase, die darauf abzielt, die Selbstständigkeit und Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

  • Physiotherapie: Physiotherapie hilft, verbliebene Fähigkeiten zu stärken und gleichzeitig eine Fehlhaltung oder eine Überbeanspruchung zu vermeiden. Ziel ist immer eine bestmögliche Wiederherstellung der Selbstständigkeit des Betroffenen.
  • Ergotherapie: Ergotherapie hilft, verbliebene Fähigkeiten zu stärken und gleichzeitig eine Fehlhaltung oder eine Überbeanspruchung zu vermeiden.
  • Logopädie: Bei Atemproblemen kann eine Atemtherapie notwendig sein.
  • Psychotherapie: Krisenintervention und psychologische oder psychotherapeutische Betreuung helfen, die Krankheit und die bleibende Behinderung zu verarbeiten.
  • Hilfsmittelversorgung: Eine gezielte Sitzoptimierung im Rollstuhl und das Training im Umgang mit diesem gewährleisten die notwendige Versorgung des Patienten im Alltag.
  • Sozialberatung: Sozialarbeiter unterstützen bei der Bewältigung sozialer und finanzieller Probleme.

Weitere Behandlungsansätze

  • Schmerztherapie: Eine angemessene Schmerzbehandlung ist von Beginn an notwendig.
  • Behandlung von Komplikationen: Häufige Komplikationen wie Druckgeschwüre, Spastik, Osteoporose und Blasenfunktionsstörungen müssen behandelt werden.
  • Urologische Betreuung: Behandlungsrichtlinien für die urologische Betreuung Querschnittgelähmter haben zu einer deutlichen Verbesserung des Krankheitsverlaufes und der Lebensqualität der Betroffenen geführt.
  • Atemtherapie: Gezielte Atemtherapie ist vor allem bei Menschen mit einer hohen Querschnittlähmung (Tetraparese und -plegie) wichtig.

Leben mit Tetraplegie

Das Leben mit einer Tetraplegie ist mit erheblichen Einschränkungen verbunden, aber mit der richtigen Unterstützung und Therapie können Betroffene ein erfülltes Leben führen.

  • Anpassung des Wohnumfelds: Das Wohnumfeld muss an die Bedürfnisse von Menschen mit Tetraplegie angepasst werden, beispielsweise durch barrierefreie Gestaltung und den Einsatz von Hilfsmitteln.
  • Unterstützung im Alltag: Viele Betroffene benötigen Unterstützung im Alltag, beispielsweise bei der Körperpflege, der Ernährung und der Mobilität.
  • Teilnahme am gesellschaftlichen Leben: Es ist wichtig, dass Menschen mit Tetraplegie weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, beispielsweise durch den Besuch von Veranstaltungen, die Ausübung von Hobbys und den Kontakt zu Freunden und Familie.
  • Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann sehr hilfreich sein. Verschiedene Fachverbände und Selbsthilfegruppen im deutschsprachigen Raum bieten weitere Informationen, Hilfestellung und vermitteln Ansprechpartner für Betroffene und ihre Angehörigen.

Forschung und Ausblick

Die Forschung im Bereich der Querschnittlähmung macht stetig Fortschritte. Es gibt vielversprechende Ansätze, die in Zukunft möglicherweise zu einer Verbesserung der Behandlungsmöglichkeiten und sogar zu einer Heilung führen könnten. Große Hoffnungen ruhen auf Stammzelltherapien. Schließlich feiern Therapien erste Erfolge, die auf die Kombination aus Physiotherapie und Elektrostimulation, eine Art Rückenmarkschrittmacher, setzen.

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