Einführung
Eine Krebserkrankung ist eine einschneidende Erfahrung, die nicht nur körperliche, sondern auch psychische Auswirkungen auf die Betroffenen haben kann. Während der Fokus oft auf den medizinischen Aspekten der Behandlung liegt, sind Wesensveränderungen, die im Zusammenhang mit Krebserkrankungen auftreten können, ein wichtiger, aber oft übersehener Aspekt. Diese Veränderungen können verschiedene Ursachen haben, von der direkten Wirkung des Tumors auf das Gehirn bis hin zu den psychischen Belastungen, die mit der Diagnose und Behandlung einhergehen.
Der Fall Marie: Ein Beispiel für Wesensveränderung nach Krebsbehandlung
Marie, eine junge Frau, die erfolgreich von einem bösartigen Schilddrüsentumor und Metastasen in den Lymphknoten behandelt wurde, ist ein typisches Beispiel. Trotz guter Heilungschancen erlebt sie eine deutliche Verschlechterung ihres psychischen Zustands. Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit und der Verlust von Lebensfreude bestimmen ihren Alltag. Interessanterweise fühlte sie sich während der intensiven Behandlungsphase weniger krank und konnte ihren Alltag weitgehend aufrechterhalten.
Anette Brechtel, Leiterin der Psychoonkologischen Ambulanz am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg, erklärt, dass dies kein ungewöhnliches Phänomen ist. Oftmals greift während der Akutphase der Behandlung ein natürliches Notfallprogramm, das es den Patienten ermöglicht, die Belastung auszublenden. Erst später, wenn die Behandlung abgeschlossen ist, realisieren sie das Ausmaß der Erkrankung und die damit verbundenen psychischen Herausforderungen.
Ursachen von Wesensveränderungen bei Krebserkrankungen
Wesensveränderungen bei Krebserkrankungen können vielfältige Ursachen haben:
- Psychische Belastung: Angst, Antriebslosigkeit und Phasen der Hoffnungslosigkeit sind normale Reaktionen auf die Diagnose und Behandlung von Krebs. Diese können jedoch problematisch werden, wenn sie über Monate anhalten und die Bewältigung des Alltags erschweren.
- Hormonelle Veränderungen: Tumoren in der Schilddrüse oder den Nebennieren können den Hormonspiegel beeinflussen und somit die Persönlichkeit verändern.
- Neurologische Auswirkungen von Hirntumoren: Hirntumoren können direkt auf bestimmte Hirnregionen drücken und neurologische Ausfallerscheinungen sowie Veränderungen in der Persönlichkeit verursachen. Ein Beispiel ist ein Patient mit einem Hirntumor im Stirnlappen, der zu Kaufrausch und gesteigertem Sexualtrieb neigt.
- Autoimmunreaktionen: Im Zuge einer Krebserkrankung kann das Immunsystem gesundes Gewebe angreifen und so Depressionen, Aggressivität oder Gedächtnisstörungen auslösen.
Hirntumoren als Ursache für Wesensveränderungen
Hirntumoren sind Geschwülste im Gehirngewebe oder den Hirnhäuten, die sowohl gut- als auch bösartig sein können. Sie treten insgesamt selten auf, können aber erhebliche Auswirkungen auf die Persönlichkeit und das Verhalten der Betroffenen haben.
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Symptome von Hirntumoren
Die Symptome von Hirntumoren sind vielfältig und hängen von der Größe, Lage und Art des Tumors ab. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Kopfschmerzen: Typischerweise treten Kopfschmerzen nachts oder in den frühen Morgenstunden auf und bessern sich im Laufe des Tages. Sie können in relativ kurzer Zeit an Stärke zunehmen und sind oft mit Übelkeit und Erbrechen verbunden.
- Sehstörungen: Flimmern vor den Augen, Gesichtsfeldausfälle oder die Wahrnehmung von Doppelbildern können Anzeichen für einen erhöhten Hirndruck oder eine direkte Schädigung des Sehnervs sein.
- Epileptische Anfälle: Der Anfall kann aus völligem Wohlbefinden heraus auftreten oder von einer Aura begleitet sein. Es kann auch zu Empfindungsstörungen oder Zuckungen einer Extremität oder Körperseite kommen.
- Psychische Veränderungen und Wesensveränderungen: Plötzliche Reizbarkeit, Ablenkbarkeit oder Rückzug können Anzeichen für einen Hirntumor sein. Auch Depressionen können im Zusammenhang mit einem Hirntumor auftreten.
- Weitere Symptome: Müdigkeit, Erschöpfung, Antriebslosigkeit, Sprach- und Schluckstörungen, Schwerhörigkeit und hormonelle Störungen können ebenfalls auf einen Hirntumor hindeuten.
Diagnose von Hirntumoren
Zur Diagnose von Hirntumoren werden bildgebende Verfahren wie die Computertomographie (CT), die Magnetresonanztomographie (MRT) und die Positronen-Emissions-Tomografie (PET) eingesetzt. Mithilfe dieser Methoden können Informationen über die Art des Hirntumors, die Gut- oder Bösartigkeit und das Wachstumsverhalten ermittelt werden.
Behandlung von Hirntumoren
Die Behandlung von Hirntumoren hängt von der Art, Größe und Lage des Tumors ab. Zu den möglichen Behandlungen gehören Operation, Strahlentherapie und Chemotherapie.
Fallbeispiel: Langzeitüberleben mit Hirntumor und die Auswirkungen auf die Angehörigen
Die Geschichte eines Mannes, der seit 15 Jahren mit einem inoperablen Astrozytom III im Hirnstamm lebt, verdeutlicht die Herausforderungen, mit denen sowohl Patienten als auch Angehörige konfrontiert sind. Neben den körperlichen Einschränkungen durch den Tumor und die Behandlungen (Bestrahlung und Chemotherapie) kommt es zu erheblichen Wesensveränderungen. Die Ehefrau berichtet von Aggressivität, Beschimpfungen und einer Fixierung auf die Krankheit, die das Familienleben stark belasten.
Die Ehefrau steht vor der schwierigen Entscheidung, ob sie ihren Mann in dieser Situation verlassen soll. Sie fühlt sich überlastet durch die Pflege, die Organisation des Alltags und die berufliche Tätigkeit. Zudem leidet sie unter der ständigen Kritik und der sozialen Isolation. Suizidgedanken sind Ausdruck ihrer Verzweiflung.
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Dieser Fall zeigt, wie wichtig es ist, nicht nur den Patienten, sondern auch die Angehörigen in die Betreuung einzubeziehen. Psychoonkologische Unterstützung kann helfen, die Belastungen zu bewältigen und neue Perspektiven zu entwickeln.
Meningeome: Langsam wachsende Tumoren mit vielfältigen Auswirkungen
Meningeome sind Tumoren, die sich aus den Hirnhäuten entwickeln. Sie wachsen langsam und bleiben daher oft über längere Zeiträume unentdeckt. Die Symptome hängen von der genauen Lage des Meningeoms ab und können neurologische Defekte, Verhaltens- oder Wesensänderungen umfassen.
Ein Fallbeispiel einer Frau, bei der ein riesiges Meningeom erst nach jahrelanger Behandlung wegen Depressionen entdeckt wurde, zeigt, wie wichtig es ist, bei unklaren psychischen Symptomen auch an eine organische Ursache zu denken. Nach der Operation, bei der das Meningeom entfernt wurde, verschwanden die Depressionen und andere Symptome.
Unterstützung für Betroffene und Angehörige
Krebserkrankungen und insbesondere Hirntumoren können tiefgreifende Auswirkungen auf die Persönlichkeit und das Verhalten der Betroffenen haben. Es ist wichtig, diese Wesensveränderungen ernst zu nehmen und sowohl den Patienten als auch den Angehörigen die notwendige Unterstützung zukommen zu lassen.
Psychoonkologische Betreuung
Psychoonkologen können helfen, die psychischen Belastungen der Erkrankung zu bewältigen, Ängste abzubauen und neue Perspektiven zu entwickeln. Sie bieten sowohl Einzel- als auch Gruppentherapien an.
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Krebsberatungsstellen
Krebsberatungsstellen sind eine gute Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige, die kurzfristig Antworten auf brennende Fragen suchen und einfach einen Außenstehenden brauchen, der ihnen zuhört und eine neue Perspektive aufzeigt.
Selbsthilfegruppen
In Selbsthilfegruppen können sich Betroffene und Angehörige austauschen und gegenseitig unterstützen.
Medikamentöse Behandlung
In einigen Fällen kann eine medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva oder anderen Medikamenten sinnvoll sein, um die Symptome zu lindern.
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