In einer Gesellschaft, in der Leistung einen hohen Stellenwert einnimmt, drängen sich Fragen auf: Wie können wir unsere Leistung steigern, ohne uns dabei zu überfordern? Und was bedeutet Leistung überhaupt in unserer modernen Welt? Bücher wie "Besser ist nicht genug" und "Wie das Gehirn Spitzenleistung bringt" spiegeln das wachsende Interesse an diesem Thema wider. Dieser Artikel beleuchtet die wissenschaftlichen Erkenntnisse und gesellschaftlichen Perspektiven rund um das Thema Spitzenleistung und wie unser Gehirn dabei eine entscheidende Rolle spielt.
Die Ambivalenz des Leistungsbegriffs
Das Leistungsprinzip ist in unserer Gesellschaft tief verwurzelt, steht aber zunehmend in der Kritik. Einerseits motiviert es zu Höchstleistungen und Innovationen, andererseits kann es zu Überforderung, Stress und Burnout führen. Die ständige Optimierung des eigenen Leistungsvermögens wird oft als erstrebenswert angesehen, doch gleichzeitig warnen viele vor den negativen Folgen dieser Entwicklung. Es existiert eine große Anzahl an Ratgebern zur Verbesserung der eigenen Leistung, aber es gibt auch Bücher, die die negativen Folgen der Leistungsoptimierung thematisieren.
Die soziale Konstruktion von Leistung
Nina Verheyen, Historikerin an der Universität zu Köln, plädiert für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Alltagsverständnis von Leistung. Sie argumentiert, dass die Vorstellung objektiver Kriterien zur Messung individueller Leistung problematisch ist. Diese Vorstellung verleitet dazu, Menschen entlang ihrer Leistung zu unterscheiden und zu hierarchisieren. Verheyen betont, dass hinter jeder Leistung Anstrengungen vieler Menschen stecken und dass das Erreichte nicht zweifelsfrei auf eine Einzelperson zurückgeführt werden kann.
Die Historikerin betont, dass es keine individuelle Leistung gibt, die von menschlichen Sinnstiftungen und sozialen Kontexten unabhängig ist. Was als Leistung gilt, wird nicht von Einzelpersonen festgelegt, sondern ist eine gemeinschaftliche Aufgabe. Leistung wird im Alltag immer wieder neu erfunden und verändert, indem sie bewertet, zugeschrieben und anerkannt wird.
Verheyen zeichnet das soziale Leistungsverständnis gebildeter Kreise um 1800 nach, bei dem es um menschliche Dienste für andere ging, die nicht einmal anstrengend sein mussten. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden durch industriekapitalistische Dynamiken und wissenschaftliche Entdeckungen Arbeit, Kraft und Leistung enger aufeinander bezogen, was zu einem mechanisch-technischen Verständnis von Leistung führte. Einen Tiefpunkt erlebte das Leistungsprinzip im Nationalsozialismus. Verheyen beleuchtet auch, wie sich die heute verbreiteten Praktiken der Leistungszuschreibung, wie IQ-Tests und Noten, historisch etabliert haben, und untersucht die rechtshistorische und wohlfahrtsstaatliche Dimension des Leistungsprinzips.
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Vor dem Hintergrund dieser historischen Entwicklung plädiert Verheyen für ein soziales Leistungsverständnis, "das individuelle Leistung als einen kollektiven Kraftakt begreift und als eine gemeinsame Konstruktion, die sich durchaus ändern lässt". Sie betont, dass der Leistungsbegriff immer wieder neu justiert werden muss, wenn sich die Gegebenheiten ändern. Die Regeln der Leistungszuordnung können also hinterfragt und verändert werden, bis das Ergebnis sinnvoll erscheint. Es ist eine Notwendigkeit, öfter und gezielter darüber zu verhandeln, was als anerkennungswürdiges Handeln gelten soll, da Leistung ein grundlegendes Ordnungsprinzip ist, das Lebenswege eröffnen, aber auch verbauen kann.
Die Rolle des Glücks in der Leistungsgesellschaft
Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Robert H. Frank untersucht die Rolle des Glücks in der wettbewerbsgesteuerten Leistungsgesellschaft. Er argumentiert, dass Erfolg und Scheitern immer auch von Zufallsereignissen abhängen. Erfolge werden nicht allein durch individuelle Leistung errungen, sondern immer auch durch Glück. Frank plädiert für Investitionen in das Umfeld, insbesondere in das Bildungswesen, um Chancen zu verbessern. Um das benötigte Geld bereitzustellen, schlägt er eine progressiv gestaltete Konsumsteuer vor.
Achtsamkeit als Schlüssel zur Spitzenleistung
Die Neurowissenschaftlerin Karolien Notebaert und der Coaching-Experte Peter Creutzfeldt zeigen in ihrem Buch "Wie das Gehirn Spitzenleistung bringt", wie Achtsamkeit zu gesteigerter Leistungsfähigkeit führen kann. Sie erklären, wie einfache Übungen zu strukturellen Veränderungen im Gehirn führen, die dessen Funktion verbessern.
Notebaert und Creutzfeldt zeigen, wie Achtsamkeit den Leser beim Meistern beruflicher und privater Herausforderungen unterstützt. Belastungen wie vermehrte Erreichbarkeit oder ständiges Multitasking können mit erhöhter Resilienz begegnet werden. Die einfachen Übungen führen, wissenschaftlich nachweisbar, zu positiven strukturellen Veränderungen im Gehirn. Sibylle Gerbers, eine Finanz- und Achtsamkeits-Expertin, erklärt, wie Achtsamkeit sogar finanzielle Entscheidungen verbessern kann.
Die Wissenschaft hinter der Achtsamkeit
Notebaert erklärt, dass die Leistung unseres Gehirns unser Potenzial minus der Störungen ist. Jeder Mensch bringt Potenzial mit, sei es durch Talent, Erfahrung oder erlernte Fertigkeiten. Störungen können jedoch dazu führen, dass wir unser Potenzial nicht voll ausschöpfen können. Ein begnadeter Sänger, der auf der Bühne plötzlich blockiert ist, ist ein Beispiel dafür.
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Ein Teil unseres Gehirns, die Amygdala, ist dafür verantwortlich, wie wir Informationen wahrnehmen und emotional bewerten. Sie ist auch für Angst und Furcht zuständig. Oftmals ist die Amygdala jedoch auch dann aktiv, wenn wir nicht in Gefahr sind. Wenn wir ausgeruht sind, arbeitet der präfrontale Cortex optimal. Wenn unsere Batterie leer ist, wird die Amygdala aktiver und wir treffen möglicherweise emotionale statt wohlüberlegte Entscheidungen.
Notebaert suchte nach einer Strategie, um den präfrontalen Cortex zu stärken und die Amygdala zu beruhigen. Dabei stieß sie auf das Konzept der Achtsamkeit und Achtsamkeitsmeditation. Sie betont, dass es aus wissenschaftlicher Sicht nur eine erprobte Methode gibt, um zu erreichen, dass sich die Amygdala ruhiger verhält und der präfrontale Cortex aktiver wird: die tägliche Übung von Achtsamkeit.
Achtsamkeitsmeditation lenkt die Aufmerksamkeit auf die Sinne, um den Teil des Gehirns, in dem sich die Amygdala befindet, ruhig zu stellen. Wenige Minuten am Tag reichen aus. Notebaert empfiehlt, die Übung nicht dann anzugehen, wenn man bereits gestresst ist. Bereits nach einigen Wochen kann man eine Veränderung bemerken. Achtsamkeit macht uns frei.
Achtsamkeit im Alltag integrieren
Notebaert und Creutzfeldt geben konkrete Anleitungen, wie Achtsamkeit im Alltag integriert werden kann. Sie zeigen, wie man durch regelmäßige Übungen die Stressresilienz und Gelassenheit erhöhen kann. Sibylle Gerbers erklärt, wie Achtsamkeit dazu beitragen kann, finanzielle Entscheidungen zu verbessern, da es gerade bei der Risikoabwägung wichtig ist zu erfahren, wie wir und unser Gehirn zu einer guten Beurteilung kommen.
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