Die Biochemie der Liebe: Was im Gehirn passiert, wenn wir uns verlieben

Verliebtsein ist ein komplexes Phänomen, das uns seit jeher fasziniert. Dichter und Denker haben versucht, dieses Gefühl in Worte zu fassen, aber erst die moderne Wissenschaft beginnt, die biochemischen Prozesse zu verstehen, die im Gehirn ablaufen, wenn wir uns verlieben. Dieser Artikel beleuchtet die faszinierenden Erkenntnisse der Neurowissenschaft und Psychologie über die Entstehung der Liebe, von den ersten Anzeichen des Verliebtseins bis hin zu den Mechanismen, die langfristige Beziehungen aufrechterhalten.

Das chemische Feuerwerk im Gehirn

Wenn wir uns verlieben, entfacht im Gehirn ein wahres chemisches Feuerwerk. Botenstoffe wie Dopamin, Oxytocin und Serotonin spielen eine entscheidende Rolle in diesem Prozess. Die Neurowissenschaft der Liebe steht zwar noch am Anfang, aber es ist bereits deutlich geworden, dass Liebe mehr ist als nur eine Angelegenheit des Herzens - sie ist ein komplexes Zusammenspiel von Gehirnregionen und Hormonen.

Dopamin: Der Rausch der Gefühle

In der frühen Phase der Liebe spielt vor allem der Botenstoff Dopamin eine große Rolle. Dopamin, ausgeschüttet vom Hypothalamus, der wichtigsten Hormonquelle des Gehirns, wirkt vor allem im limbischen System. Im Volksmund gilt der Botenstoff bereits als Glückshormon. Er sorgt für den Rausch der Gefühle und ist auch bei Belohnungen im Gehirn und bei Euphorie beteiligt. Der Psychologe Jim Pfaus von der Concordia University formuliert es so: „Liebe ist eigentlich eine Gewohnheit, die sich aus sexuellem Begehren ergibt, da Begehren belohnt wird. Es funktioniert in der gleichen Weise im Gehirn, wie wenn Menschen von Drogen abhängig werden.“

Serotonin: Liebe als Obsession?

Während der Dopaminspiegel im Rausch der Gefühle zunimmt, nimmt ein anderer Botenstoff ab: Serotonin. Der Serotoninpegel von Verliebten ähnelt denen von Menschen mit einer Zwangsstörung, ergaben erste Untersuchungen. Nicht nur der Hirnforscher Semir Zeki behauptet daher: „Liebe ist am Ende eine Form von Obsession.“ In frühen Stadien lähme sie im Allgemeinen das Denken und lenke es in die Richtung eines einzigen Menschen. Liebe ist also eine Form der Besessenheit. Zwar spielt das Serotoninsystem nach allem, was man weiß, tatsächlich bei der Liebe eine Rolle, doch diese Interpretation ist spekulativ.

Oxytocin: Das Kuschelhormon für langfristige Bindung

Nach den stürmischen Monaten einer neuen Liebe gelangen Paare allmählich in ruhigere Gefilde. Hier kommt das Hormon Oxytocin zum Zuge. Produziert im Hypothalamus, wird es verstärkt in Phasen romantischer Bindung ausgeschüttet. Oxytocin sorgt für Vertrauen gegenüber anderen Menschen, bestimmt, welchen Menschen wir besonders attraktiv finden, und fördert die langfristige Paarbindung und die Treue. Nicht nur beim Menschen übrigens: Präriewühlmäuse neigen eigentlich zur Monogamie.

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Die Rolle des Gehirns beim Verliebtsein

Forscher haben herausgefunden, dass Liebe blind macht. Das Gehirn ist unser größtes Liebes- und Sexorgan. Viele Studien haben gezeigt, welche seiner Regionen aktiviert und welche deaktiviert sind, wenn das Gefühl Liebe entsteht.

Aktivierte Hirnregionen

Beim Anblick des Geliebten leuchten mehrere Hirnregionen. In mehreren Untersuchungsreihen am University College London identifizierten die Neurobiologen Semir Zeki und Andreas Bartels als zwei der ersten Forscher die betreffenden Areale. Die Studienteilnehmer betrachteten dafür Bilder des Geliebten/der Geliebten oder einfach nur von Freunden. Dabei wurde ihr Gehirn mit einem funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT) gescannt. Es zeigte sich, dass ausschließlich beim Ansehen des „Liebesobjekts“ mehrere Hirnregionen zu leuchten begannen, andere dagegen verstummten. Vor allem vier Bereiche im limbischen System, darunter das sogenannte Belohnungszentrum, waren aktiv. Übrigens eine ganz ähnliche Reaktion, wie sie Kokainkonsum im Gehirn auslöst. „Es gibt dabei Überlappungen zwischen Liebe und Sucht. Sucht scheint Teile der Liebesmodule zu missbrauchen“, erklärt Andreas Bartels. Überrascht waren die Forscher, als sie den gleichen Test mit Müttern durchführten und ihnen Fotos ihrer Kinder vorlegten - es begannen die identischen Bereiche wie bei Verliebten zu leuchten bzw. zu verblassen.

Deaktivierte Hirnregionen

Gleichzeitig zeigt das Gehirn weniger Aktivitäten in Arealen, die mit negativen Gefühlen verbunden sind, etwa im präfrontalen Cortex, der unter Depressionen besonders aktiv ist. Die Amygdala, ein Gehirnsektor, der sich unter Angst und Trauer in MRT-Studien verstärkt aktiviert zeigte, ist ebenfalls inaktiv. Zu den inaktiven Hirnarealen zählt bei Müttern und Verliebten unter anderem genau der Bereich zwischen Temporal- und Parietallappen, der für kritische Urteile im emotionalen Bereich verantwortlich ist. Dies könnte die neurobiologische Grundlage für die viel beschriebene Blindheit der Liebe sein. Sie lässt über jeden Fehler des Partners hinwegsehen und Mütter jeden Streich des Sprösslings verzeihen.

Evolutionäre Perspektiven auf die Liebe

Glaubt man der evolutionären Psychologie, hat die Natur mit der Erfindung der romantischen Liebe tief in die Trickkiste gegriffen, um das Überleben der Spezies Mensch zu sichern. Als deren Gehirn im Laufe der Entwicklungsgeschichte immer größer wurde, war der Nachwuchs immer länger auf die Pflege seiner Eltern angewiesen. Daher seien Liebe und die Paarbeziehung praktische Einrichtungen der Evolution, damit beide Eltern die Sprösslinge für eine lange Zeit unter ihre Fittiche nehmen. So argumentieren etwa die Psychologen Lorne Campbell von der University of Western Ontario und Bruce Ellis von der University of Canterbury im „Handbook of Evolutionary Psychology“. Allerdings finden solche Erklärungsmuster immer wieder Kritiker. „Ich bin ein wenig skeptisch gegenüber evolutionspsychologischen Ansätzen“, sagt etwa die Biopsychologin Beate Ditzen von der Universität Zürich. Denn man könne nur die biologische und psychologische Situation untersuchen, wie sie heute ist. „Wir sehen also nur das Endprodukt.

Die Vielschichtigkeit der Liebe: Mehr als nur Biochemie

Was in der naturwissenschaftlichen Arbeit manchmal allzu schnell unter den Labortisch fällt: Liebe ist ein sehr komplexes Phänomen mit vielen Facetten. Stärker als in neurobiologischen Modellen spiegelt sich das in psychologischen wider. Ein sehr bekanntes stammt von dem Psychologen Robert Sternberg, die so genannte Dreieckstheorie der Liebe. Neben emotionalen und motivationalen Aspekten, die häufig die naturwissenschaftliche Arbeit dominieren, betont Sternberg auch einen kognitiven Aspekt. Er besteht in der rationalen Entscheidung, jemanden zu lieben und eine Bindung mit ihm einzugehen. Auch viele naturwissenschaftlich orientierte Forscher sind sich im Grunde dieser Vielschichtigkeit von Liebe bewusst, die sich nicht so leicht unter künstlichen Laborbedingungen abbilden lässt. Liebe sei eine komplexe Empfindung, betonen etwa die Hirnforscher Andreas Bartels und Semir Zeki.

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Der kognitive Aspekt der Liebe

Der Sozialpsychologe Manfred Hassebrauck von der Bergischen Universität Wuppertal glaubt nicht, dass man mit Hilfe eines modernen Aphrodisiakums aus köpereigenen Opiaten und Oxytocin jemanden dazu bringen könnte, sich in eine beliebige Person zu verlieben. „Sie werden sich dann zwar ganz toll fühlen, verspüren auch mehr Energie und freuen sich. Aber ob Sie verliebt sind, ist eine komplett andere Geschichte.“ Dazu gehöre nämlich noch der kognitive Aspekt der Liebe. „Und eine Person, die wir wahrnehmen als eine, die unseren Wünschen entspricht.“ Die Biopsychologin Beate Ditzen sieht das ganz anders: „Wir haben zwar im Moment einen solchen Cocktail nicht.“ Tatsache sei aber auch, dass ein biologischer Cocktail in uns in einer bestimmten Dynamik das Gefühl der Verliebtheit auslöse. „Das ist die Konsequenz und nicht die Ursache“, glaubt hingegen Manfred Hassebrauck.

Kulturelle und historische Perspektiven

Hinzu kommt, dass es nicht die eine Liebe gibt, sondern deren Bedeutung und Auslebung stark von Kultur und Zeitalter abhängt. Häufig legen wir dem Konzept der Liebe ausschließlich eine moderne, westliche Definition zu Grunde. Andere Kulturen gehen mit der Liebe aber deutlich nüchterner um - so zum Beispiel im Süden der indonesischen Insel Sulawesi. Der Grund: Liebe im Sinne von Schmetterlingen im Bauch und rosaroter Brille gibt es dort nicht. „Zum Teil werden diese Symptome eben nicht als Verliebtheit oder so etwas gewertet, sondern, so muss man das schon sagen, einfach als Krankheit“, so Röttger-Rössler. Und diese Krankheit bedarf einer Behandlung: „Man muss eingreifen. Man muss auf diese jungen Menschen aufpassen. Das ist ein gefährlicher Zustand. Im alten Rom waren Ehe und Treue zwei Paar Schuhe. Was für westliche Ohren erschreckend klingen mag, war in Wirklichkeit den größten Teil der Menschheitsgeschichte nicht viel anders. Man schätzt, dass das Ideal der frei gewählten Liebe, wie wir es in unserer Gesellschaft praktizieren, tatsächlich erst rund 250 Jahre alt ist. Zuvor galten arrangierte Ehen als Norm. Als Mittel zum Zweck, um an Sicherheit, Einfluss und Wohlstand zu gewinnen. Die Empfindungen von Liebe und Lust gab es natürlich ebenso, doch sie standen bei der Eheschließung hinten an und wurden stattdessen in Form von Affären ausgelebt. Im Mittelalter herrschte dann der Glaube vor, wahre Liebe könne nur Gott gelten. Dementsprechend wenig hatten auch Liebe und Sex miteinander zu tun. Körperliche Intimität galt als teuflischer Trieb, dem man lediglich zum Zeugen von Nachkommen folgen musste. Auch wenn diese gesellschaftlichen Ideale zu keiner Zeit Liebesbeziehungen verhindert haben, so galt die romantische Liebe erst gegen Ende des 19. Jahrhundert als offizielles Ideal.

Liebe im Alltag: Wie wir die Chemie am Laufen halten können

Wem es gelingt, den Nachschub an Liebeshormonen nicht abreißen zu lassen, der kann selbst bis ins hohe Alter glücklich mit seinem Partner sein. Die Liebeschemie macht uns also nicht zwingend zu Sklaven unserer Hormone. Im Gegenteil: Indem wir immer mehr darüber lernen, wie genau Liebe „funktioniert“, können wir die hormonellen Spielregeln nach unseren Wünschen einsetzen. Der entscheidende Mechanismus, mit dem wir langfristige, glückliche Beziehungen aufrechterhalten können, liegt demnach darin, die Zufuhr neuer Glücks- und Bindungshormone nicht abreißen zu lassen. Ein wichtiger Baustein für lebenslange Beziehungen sind daher guter Sex und körperliche Nähe, wie Forschende argumentieren. Eine ebenso wichtige Rolle spielt steter Adrenalin-Nachschub. Studien haben gezeigt, dass Paare, die regelmäßig aufregende Tätigkeiten zusammen ausüben und gemeinsam neue Herausforderungen bestehen, glücklicher sind und länger zusammenbleiben. Es muss allerdings nicht direkt ein Fallschirmsprung sein.

Komplimente und Blickkontakt

Komplimente haben einen ganz wunderbaren Effekt. Die lobenden Sätze ließen Teile des Gehirns leuchten, die zum limbischen System gehören - einem Zentrum für Emotionen. Interessanterweise war das nicht nur im Gehirn jener der Fall, die Komplimente erhielten, sondern genauso bei den Lobenden selbst. „Offenbar tut es nicht nur gut, Lob zu bekommen, sondern auch, es auszusprechen“, sagt Ditzen. Komplimente, vermutet die Professorin, könnten in allen sozialen Beziehungen positive Wirkungen entfalten. „Voraussetzung ist ­allerdings, dass sie nicht als Floskel daherkommen, sondern glaubwürdig sind.“ „Das ­effektivste Mittel, um ein Gefühl von Liebe auszulösen, ist Blickkontakt“, sagt Professorin Judith Mangelsdorf von der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport in Berlin. Dieser Effekt des Blickkontakts sei nicht allein für verliebte Paare spürbar. „Liebe ist der kurze Moment der Ver­bun­denheit, den wir mit jedem Menschen spüren können, selbst wenn er uns eigentlich fremd ist“, so die Expertin für ­Positive Psychologie. Jede Begegnung sei dafür geeignet - ob mit Freunden, Kollegen oder der Kassiererin im Supermarkt. Während man sich ansieht, entsteht ein besonderes Gefühl von Verbunden­heit. „Es ist ein faszinierender Mechanismus“, sagt Mangelsdorf. Die Botenstoffe im Kopf schaffen für einen Augenblick eine Syner­gie. Dann ist es egal, ob Romantik im Spiel ist oder nur der kurze Moment ­einer Gemeinsamkeit.

Weitere Tipps für eine glückliche Beziehung

  • Gemeinsame Aktivitäten: Alles, was Begeisterung auslöst, setzt im Gehirn Regelkreisläufe in Gang, die nicht nur Hochgefühle bescheren, sondern auch Gesundheit. Für Abenteurer mag es die steinige Mountainbike-Tour sein, für Chormitglieder der große gemeinsame Auftritt, für Großeltern das Spiel mit den Enkeln - die Vorgänge im Körper ähneln sich.
  • Gesundheitliche Vorteile der Liebe: Liebe fördert Lebenslust und Freude. Und sie hat ein Geschenk im Gepäck: Gesundheit. Denn die neurobiologischen Mechanismen, die sie in Gang setzt, wirken sich positiv auf das körperliche und psychische Wohlbefinden aus. Es tut nicht nur gut, Lob zu bekommen. Positive Gefühle sind deshalb schon für sich genommen ein Mechanismus, mit dem wir Stress abbauen und wieder in Balance kommen.
  • Haustiere: An Hunden konnte gezeigt werden, dass schon der Anblick, aber auch Berührungen und Streicheln bei den Besitzerinnen und Besitzern die Produktion von Oxytocin ankurbeln. Vergleichbares gilt vermutlich für Katzen und andere Haustiere. Der Stress lässt nach, der Blutdruck sinkt; und wer fleißig Gassi mit dem Vierbeiner geht, tut sowieso etwas für die Gesundheit.
  • Meditation: Ob Achtsamkeit, Body Scan oder klassische Meditation: Mentales Training kann Stress nachhaltig reduzieren. Haaranalysen belegen, dass das Level des Stresshormons Cortisol durch regelmäßige Übungen dauerhaft sinkt. Man fühlt sich wohler und ausgeglichener. Mit dem Stress sinkt das Risiko für Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes.
  • Kochen: Man kann es gemeinsam tun oder sich selbst etwas gönnen. Ein mit Freude gekochtes Essen ist generell beglückend. Kocht man mit Hühnchen, Soja, Avocado oder anderen Tryptophan-haltigen Lebensmitteln, liefert man seinem Körper den Grundstoff für das Glückshormon Serotonin gleich mit.
  • Arbeit im Freien: Manchmal reicht es, das Staudenbeet vom Unkraut zu befreien. An anderen Tagen ist es der Bau eines Gartenhäuschens oder das Bäumefällen. Im Freien zu arbeiten ist befriedigend und manchmal sogar aufregend.

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