Die Diagnose eines Hirntumors ist ein einschneidendes Ereignis, das nicht nur das Leben der Betroffenen, sondern auch das ihrer Angehörigen grundlegend verändert. Die plötzliche Konfrontation mit einer solchen lebensbedrohlichen Erkrankung löst oft eine Vielzahl von Emotionen aus, darunter Angst, Unsicherheit, Hilflosigkeit und Trauer. Es ist wichtig zu verstehen, dass sowohl die Patient*innen als auch ihre Angehörigen in dieser Situation Unterstützung benötigen, um mit den physischen, psychischen und sozialen Herausforderungen umgehen zu können. Dieser Artikel soll Angehörigen helfen, die Situation besser zu verstehen, ihre eigenen Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen und die bestmögliche Unterstützung zu leisten.
Die emotionale Achterbahn: Reaktionen und Gefühle von Angehörigen
Die Diagnose Krebs, insbesondere eines Hirntumors, kann bei Angehörigen eine Achterbahn der Gefühle auslösen. Es ist normal, sich überfordert, hilflos und ängstlich zu fühlen. Viele Angehörige berichten von Schlafstörungen, psychosomatischen Schmerzen, Reizbarkeit und depressiven Verstimmungen. Schuldgefühle können ebenfalls auftreten, insbesondere wenn man sich fragt, ob man mehr hätte tun können, um die Erkrankung zu verhindern.
Es ist wichtig zu akzeptieren, dass all diese Gefühle normal und berechtigt sind. Es gibt keinen "richtigen" Weg, mit einer solchen Situation umzugehen. Jeder Mensch verarbeitet die Diagnose auf seine eigene Art und Weise. Es ist jedoch entscheidend, sich nicht von diesen Gefühlen überwältigen zu lassen und aktiv nach Wegen zu suchen, um mit ihnen umzugehen.
Zuhören, Sortieren, Planen: Empfehlungen für die Zeit nach der Diagnose
Nach der ersten Schockphase ist es wichtig, als Angehöriger aktiv zu werden, ohne dabei die eigenen Bedürfnisse zu vernachlässigen. Psychoonkologin Prof. Dr. Anja Mehnert-Theuerkauf empfiehlt Angehörigen, in der Anfangszeit vor allem zuzuhören, Unterstützung anzubieten, die Situation zu sortieren und Informationen zu sammeln.
Konkret bedeutet das:
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- Zuhören: Geben Sie den Betroffenen Raum, um über ihre Gefühle, Ängste und Sorgen zu sprechen. Hören Sie aufmerksam zu, ohne zu urteilen oder Ratschläge zu geben. Manchmal ist es schon hilfreich, einfach nur da zu sein und zuzuhören.
- Unterstützung anbieten: Fragen Sie konkret nach, wie Sie helfen können. Das können praktische Dinge wie Einkaufen, Kochen oder Putzen sein, aber auch emotionale Unterstützung wie Begleitung zu Arztterminen oder einfach nur Zeit miteinander verbringen.
- Die Lage sortieren: Helfen Sie den Betroffenen, die Situation zu strukturieren und Prioritäten zu setzen. Was muss sofort geregelt werden, und was hat noch Zeit? Welche Informationen werden benötigt?
- Informationen sammeln: Informieren Sie sich über die Erkrankung, die Behandlungsmöglichkeiten und die verschiedenen Unterstützungsangebote. Seriöse Informationen finden Sie bei Krebsberatungsstellen, dem Krebsinformationsdienst oder auf den Webseiten anerkannter medizinischer Fachgesellschaften.
Es ist wichtig, den Betroffenen das Gefühl zu geben, dass sie nicht allein sind und dass die Situation nicht aussichtslos ist. Vermitteln Sie Zuversicht und Hoffnung, ohne dabei die Realität zu verleugnen.
Selbstfürsorge nicht vergessen: Wie Angehörige mit ihren eigenen Ängsten umgehen können
Ein häufiger Fehler von Angehörigen ist, sich selbst zu vergessen und alle Energie in die Betreuung der Erkrankten zu stecken. Dabei ist es essentiell, auch auf die eigenen Bedürfnisse zu achten, um langfristig eine Stütze sein zu können. Prof. Dr. Mehnert-Theuerkauf betont, dass man anderen nur helfen kann, wenn man selbst stabil ist.
Konkrete Maßnahmen zur Selbstfürsorge sind:
- Auszeiten nehmen: Planen Sie regelmäßig Zeit für sich selbst ein, in der Sie Ihren Hobbys nachgehen, sich entspannen oder einfach nur zur Ruhe kommen können.
- Soziale Kontakte pflegen: Treffen Sie sich mit Freunden und Familie, um sich auszutauschen und Unterstützung zu erhalten.
- Sport treiben und sich gesund ernähren: Bewegung und eine ausgewogene Ernährung helfen, Stress abzubauen und die körperliche und seelische Gesundheit zu erhalten.
- Professionelle Hilfe suchen: Scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn Sie sich überfordert oder überlastet fühlen. Krebsberatungsstellen, Psychologen oder Selbsthilfegruppen bieten Unterstützung und Beratung für Angehörige.
Es ist wichtig, offen über die eigenen Ängste und Gefühle zu sprechen, sei es mit dem Partner, der Familie, Freunden oder einer neutralen Person. Eine offene Kommunikation kann helfen, Missverständnisse auszuräumen und die Belastung zu reduzieren.
Anlaufstellen und Unterstützung: Wo Angehörige Hilfe finden
Es gibt zahlreiche Anlaufstellen, die Angehörigen von Krebspatienten Unterstützung und Beratung anbieten:
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- Krebsberatungsstellen: Sie bieten kostenlose Beratungsgespräche für Betroffene und Angehörige an.
- Krebsinformationsdienst: Hier erhalten Sie Informationen über die Erkrankung, die Behandlungsmöglichkeiten und die verschiedenen Unterstützungsangebote.
- Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Angehörigen in einer ähnlichen Situation kann sehr hilfreich sein.
- Psychoonkologen: Sie bieten psychologische Unterstützung und Begleitung für Betroffene und Angehörige.
- Online-Angebote: Es gibt verschiedene Online-Plattformen und Foren, die Informationen und Unterstützung für Angehörige bereitstellen. Die AOK bietet beispielsweise einen Online-Coach für Angehörige von Krebspatienten an.
Scheuen Sie sich nicht, diese Angebote zu nutzen. Professionelle Hilfe kann Ihnen helfen, die Situation besser zu bewältigen und Ihre eigenen Bedürfnisse nicht zu vernachlässigen.
Warnsignale erkennen: Wann Angehörige überlastet sind
Es ist wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen und auf Warnsignale für Überlastung zu achten. Diese können sich in verschiedenen Bereichen äußern:
- Psychische Symptome: Grübeln, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Aggressivität, Rückzug, depressive Verstimmungen, Gefühl der Überforderung
- Körperliche Symptome: Schlafstörungen, psychosomatische Schmerzen, Müdigkeit, Erschöpfung
- Soziale Symptome: Vernachlässigung sozialer Kontakte, Isolation
Wenn Sie eines oder mehrere dieser Symptome bei sich feststellen, sollten Sie frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Eine rechtzeitige Intervention kann verhindern, dass die Überlastung chronisch wird und Ihre Gesundheit beeinträchtigt.
Kinder einbeziehen: Wie man betroffene Familien unterstützt
Wenn Kinder in der Familie betroffen sind, ist es besonders wichtig, sie altersgerecht in die Situation einzubeziehen. Studien zeigen, dass offene Kommunikation und altersgerechte Aufklärung den Kindern helfen, die Situation besser zu verstehen und mit ihren Ängsten umzugehen.
Wichtige Grundsätze bei der Kommunikation mit Kindern sind:
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- Ehrlichkeit: Sprechen Sie offen und ehrlich über die Erkrankung, ohne dabei zu beschönigen oder zu dramatisieren.
- Altersgerechtigkeit: Passen Sie Ihre Sprache und Erklärungen dem Alter und dem Entwicklungsstand der Kinder an.
- Sicherheit vermitteln: Geben Sie den Kindern das Gefühl, dass sie nicht allein sind und dass sie sich auf Sie verlassen können.
- Raum für Gefühle: Erlauben Sie den Kindern, ihre Gefühle auszudrücken, sei es Trauer, Angst oder Wut.
- Normalität bewahren: Versuchen Sie, den Alltag so normal wie möglich zu gestalten, um den Kindern Stabilität und Sicherheit zu geben.
Es ist wichtig zu betonen, dass auch in schwierigen Zeiten Freude und Glück ihren Platz haben dürfen. Die Kinder sollen wissen, dass es erlaubt ist, auch fröhlich zu sein, auch wenn ein Elternteil krank ist.
Partnerschaft in der Krise: Schwierigkeiten und Lösungsansätze
Eine Krebserkrankung kann eine Partnerschaft stark belasten. Typische Probleme sind Kommunikationsschwierigkeiten, Ängste, sexuelle Probleme und Veränderungen im Körperbild. Es ist wichtig, offen über diese Probleme zu sprechen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Konkrete Tipps für Paare in dieser Situation sind:
- Offene Kommunikation: Sprechen Sie offen über Ihre Gefühle, Ängste und Bedürfnisse.
- Zeit füreinander nehmen: Planen Sie regelmäßig Zeit für sich als Paar ein, in der Sie sich entspannen und die Zweisamkeit genießen können.
- Körperliche Nähe: Auch wenn Sexualität im Moment schwierig ist, ist körperliche Nähe wie Umarmungen, Streicheln oder Kuscheln wichtig für die emotionale Verbundenheit.
- Professionelle Hilfe: Scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn Sie als Paar nicht mehr weiterkommen. Paartherapeuten oder Psychoonkologen können Ihnen helfen, die Krise zu bewältigen und Ihre Beziehung zu stärken.
Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass die Integration einer Krebserkrankung in das Leben ein Prozess ist, der Zeit und Geduld erfordert. Geben Sie sich und Ihrem Partner die Zeit, die Sie brauchen, um mit der Situation umzugehen.
Psychoonkologische Unterstützung: Ein ganzheitlicher Ansatz
Die psychoonkologische Unterstützung zielt darauf ab, ein ganzheitliches, individuelles Gleichgewicht zu schaffen. Sie berücksichtigt nicht nur die medizinischen Aspekte der Erkrankung, sondern auch die psychischen, sozialen und spirituellen Bedürfnisse der Betroffenen und ihrer Angehörigen.
Ein wichtiger Aspekt der Psychoonkologie ist die Individualität der Behandlung. Jeder Patient und jeder Angehörige befindet sich in einer einzigartigen Lebenssituation und hat spezielle Bedürfnisse und Ziele. Die psychoonkologische Unterstützung wird daher individuell auf die jeweilige Situation angepasst.
Ein psychoonkologisches Team kann aus verschiedenen Fachkräften bestehen, darunter Ärzte, Psychologen, Seelsorger, Sozialarbeiter, Kunst- und Musiktherapeuten, Ergo- und Physiotherapeuten, Logopäden und Pflegepersonal. Die Art und Häufigkeit der Interventionen richtet sich nach den Bedürfnissen und Ressourcen der Betroffenen.