Oktopusse, auch Kraken genannt, sind geheimnisvolle und faszinierende Tiere, die seit langem die menschliche Vorstellungskraft beflügeln. Ihre Intelligenz, ihre Fähigkeit zur Tarnung und sogar zur Kommunikation mit Menschen machen sie zu einzigartigen Lebewesen. Zum Welttag des Oktopus am 8. Oktober werfen wir einen genaueren Blick auf diese außergewöhnlichen Kopffüßer und enthüllen einige ihrer erstaunlichsten Geheimnisse.
Die außergewöhnlichen Fähigkeiten der Kraken
Seit über 100 Jahren begeistern sich Forschende für die Fähigkeiten von Kraken - und das aus gutem Grund. Die Liste an außergewöhnlichen Eigenschaften der Kopffüßer ist lang. Der lateinische Artname für die gewöhnliche Krake ist Octopus vulgaris. Der Name deutet bereits auf ein Charakteristikum dieser Tintenfische hin: Sie haben acht Arme, im Gegensatz zu Kalmaren und Sepien, die über zehn Extremitäten verfügen.
Meister der Tarnung
Kraken sind wahre Meister der Tarnung. Sie können sich geschickt verbergen, indem sie ihre Farbe und Textur an ihre Umgebung anpassen. Verschiedene farbige Zellen der Haut erzeugen ein Farbmuster, das dem der wahrgenommenen Umgebung entspricht. Dies geschieht ohne direkte Mitwirkung des Gehirns, sondern durch diese Pigmentzellen selbst. Hinzu kommen sogenannte Spiegelzellen, welche die Umgebungsfarbe reflektieren. Zudem können Kraken Warzen auf der Haut bilden, um die Textur ihrer Umgebung nachzubilden.
Die farbliche Anpassung dient nicht nur zur Tarnung, sondern auch als Kommunikationsmittel, um beispielsweise ein Revier zu markieren oder Paarungsbereitschaft zu signalisieren. Selbst im Schlaf wechseln manche Kraken häufig ihre Farbe. Demnach wird bei der Art Octopus insularis eine längere ruhige Schlafphase regelmäßig unterbrochen von einer sehr kurzen aktiven Phase, in der die Tiere ihre Hautfarbe plötzlich ändern, die Augen bewegen oder ihre Saugnäpfe zusammenziehen. Etwa jede Stunde wechseln sie für grob eine Minute aus der ruhigen in die aktive Schlafphase.
Multifunktionale Arme
Zentrales Merkmal von Oktopussen sind ihre acht mit Saugnäpfen bestückten Arme. Diese Tentakel sind multifunktional einsetzbar - die Tiere können sich damit nicht nur fortbewegen und koordiniert jagen, sondern auch Dinge ertasten, greifen und zum Beispiel Dosen aufschrauben. Darüber hinaus haben die Arme auch eine Funktion, die der unserer Zunge und unserer Nase ähnele. Sie können damit sozusagen Objekte abschlecken, aber auch Gerüche wahrnehmen und somit nach Raubtieren oder Nahrung Ausschau halten. Jeder Arm habe einen eigenen Nervenknoten, also eine Art eigenes Gehirn, wodurch alle acht Tentakel selbstständig agieren könnten.
Lesen Sie auch: Entdecke die erstaunliche Komplexität des Gehirns
Die Tentakel dienen mittlerweile dem Menschen sogar als Vorbild bei der Herstellung bestimmter Handschuhe. Forschende entwickelten einen Handschuh, der Objekte unter Wasser sicher greifen und festhalten kann. An den Fingern sei er mit Saugnäpfen sowie kleinen Laserscannern ausgestattet, die Entfernungen messen.
Die Gehirne der Kraken: Ein dezentrales Nervensystem
Ein faszinierender Aspekt der Kraken ist ihre einzigartige Gehirnstruktur. Es kursiert die berühmte Zahl neun: So viele Gehirne sollen sie haben: ein Zentralgehirn und jeweils eines in ihren acht Armen. Ganz korrekt ist das aber nicht, denn Oktopusse haben in ihren Armen keine zusätzlichen Gehirne, die auch wie solche aussehen. Was sie dort aber haben, ist die Mehrzahl ihrer insgesamt 500 Millionen Neuronen.
Mit rund 500 Millionen Neuronen würden Oktopusse über weit mehr Nervenzellen verfügen als andere wirbellose Tiere - ähnlich viele wie die ebenfalls für ihre Intelligenz bekannten Hunde. Allerdings sei nur etwa ein Drittel davon im Kopf verankert. Der Rest verteile sich auf die acht Arme mit jeweils etwa 300 Saugnäpfen. Jeder dieser Saugnäpfe wird von einer Art eigenem Minigehirn versorgt, einem Haufen von Nervenzellen, dem Saugnapfganglion. Die einzelnen Saugnapfganglien sind mit dem Brachialganglion verbunden, einem weiteren Neuronenklumpen in der Mitte des Armes. Diese Klumpen ziehen sich wie eine Art Lichterkette durch jeden der Tentakel, die einzelnen Saugnapfganglien könne man sich in diesem Szenario als die Glühbirnen vorstellen.
Die Saugnapfganglien könnten zwar nicht miteinander kommunizieren, die Brachialganglien aber schon. Sie koordinieren die einzelnen Saugnäpfe und sorgen dafür, dass der ganze Arm organisiert tätig werden kann. Außerdem vollziehen sie vieles allein ohne Mitwirkung des Zentralgehirns. Kraken haben sozusagen zwei verschiedene Umwelten: Die Arme leben in einer Welt von Geschmack und Berührung. Im Kopf dominiert das Sehen.
Evolutionäre Herausforderungen
Ihr zentrales, im Kopf angesiedeltes Gehirn wuchs im Laufe der Evolution stetig - doch das bietet nicht nur Vorteile. Da die Speiseröhre der Kopffüßer durch das Gehirn verläuft, erhält sie dadurch immer weniger Platz. Die Evolution erwürgt mit dem wachsenden Gehirn sozusagen die Speiseröhre. Auch deshalb müssen Oktopusse ihre Nahrung teils stundenlang zerkleinern. Dies sei sehr lange, wenn man bedenke, dass sie durchschnittlich nur 1,3 bis 1,6 Jahre alt werden. Sie leben sozusagen nach dem Motto ‚Live fast, die young‘.
Lesen Sie auch: Wissenschaftliche Erkenntnisse zur Gehirnkapazität
Intelligenz und Verhalten der Kraken
Kraken sind nicht nur physisch bemerkenswert, sondern auch für ihre Intelligenz und ihr komplexes Verhalten bekannt. Sie sind intelligente, neugierige und anpassungsfähige Tiere, die in der Lage sind, komplexe Probleme zu lösen und sich an veränderte Umgebungen anzupassen. Ihre Intelligenz und ihr Verhalten sind von Meeresbiologen gut dokumentiert, auch wenn viele Arten von ihnen wissenschaftlich noch nicht beschrieben werden konnten.
Problemlösung und Werkzeuggebrauch
Es ist absolut verblüffend: In freier Wildbahn wurden sie dabei beobachtet, wie sie Kokosnussschalen, Muschelschalen und andere Gegenstände als Schutz oder Versteck nutzen. In Gefangenschaft haben Oktopusse sogar gezeigt, dass sie in der Lage sind, einfache Werkzeuge herzustellen und einzusetzen, um an Futter zu gelangen. Damit noch nicht genug, denn Oktopusse meistern komplexe Aufgaben und sind fähig, Probleme zu lösen. In Experimenten wurde dokumentiert, wie sie gezielt durch Labyrinthe navigieren und sogar komplizierte Verschlüsse öffnen, um an Futter zu gelangen. Auch sind sie in der Lage, Formen und Farben zu erkennen und zu unterscheiden. Dies wiederum nutzen sie, um sich an ihre Umgebung anzupassen und sich zu tarnen.
Soziales Verhalten
Obwohl Oktopusse als Einzelgänger gelten, haben sie auch eine starke soziale Seite. Sie sind in der Lage, zwischen verschiedenen Individuen zu unterscheiden und sogar Freundschaften zu schließen. In Experimenten haben sie gezeigt, dass sie in der Lage sind, andere Oktopusse zu erkennen und sich an sie zu erinnern. Auch zu Menschen können diese Tiere eine komplexe Beziehung aufbauen.
Bedrohungen und Schutzmaßnahmen
Die weltweiten Bestände von Kopffüßern und Tintenfischen wie Kraken sind stark rückläufig. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach ihrem Fleisch. In der Folge wird vermehrt versucht, die Tintenfischzucht zu industrialisieren. Fehlende gesetzliche Vorgaben würden dazu führen, dass in dieser Einrichtung unzählige Kraken bei vollem Bewusstsein getötet werden. Dabei steht für die Wissenschaft fest, dass Kraken empfindsame Lebewesen sind, deren Haltung in solchen Anlagen unvorstellbares Leid für die Tiere bedeuten würde.
Kraken können nicht „artgerecht“ gehalten werden: Die neugierigen Tiere lieben es, ihre Umwelt zu erkunden und mit ihr zu interagieren. Zusammengepfercht mit unzähligen Artgenossen in tristen Becken würden die Tiere unter fehlender Beschäftigung leiden. Als Einzelgänger würden sie extrem unter Stress stehen - Verletzungen und Kannibalismus wären die Folge. Da Kraken sich nur einmal fortpflanzen und dann sterben, müssten immer wieder Kraken in den Meeren gefangen werden, was die natürlichen Bestände weiter gefährdet. Außerdem ernähren sich Kraken von anderen Meerestieren, sodass unzählige weitere Tiere für den menschlichen Konsum von Kraken-Fleisch getötet werden müssten.
Lesen Sie auch: Krämpfe: Ursachen und was hilft?