Wiederkehrende Enzephalitis: Ursachen, Stress und neuroimmunologische Aspekte

Einführung

Die Enzephalitis, eine Entzündung des Gehirngewebes, kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden. Neben direkten Virusinfektionen spielen auch neuroimmunologische Prozesse und Stress eine Rolle. Insbesondere im Kontext von Viruserkrankungen wie COVID-19 rücken diese Zusammenhänge verstärkt in den Fokus. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, die Rolle von Stress und die neuroimmunologischen Aspekte der wiederkehrenden Enzephalitis.

Was ist Enzephalitis?

Enzephalitis ist eine Entzündung des Gehirns, die lebensbedrohlich sein und dringende medizinische Behandlung erfordern kann. Sie wird oft als Gehirnentzündung bezeichnet und kann durch verschiedene Faktoren verursacht werden, darunter virale und bakterielle Infektionen sowie Autoimmunreaktionen. Die Symptome reichen von grippeähnlichen Anzeichen bis zu schweren neurologischen Problemen.

Anatomische Einteilung und Häufigkeit

Im allgemeinen pathophysiologischen Sinne bezeichnet Enzephalitis eine Entzündung des Hirngewebes. Es gibt verschiedene spezifische Formen, die sich auf bestimmte Teile des Gehirns konzentrieren. Obwohl Enzephalitis in gemäßigten Klimazonen selten ist, sind Viren die häufigsten Erreger, mit einer geschätzten Inzidenz von 1,5-7 Fällen pro 100.000 Einwohner. Weltweit werden jährlich etwa 7 Fälle von Enzephalitis pro 100.000 Personen gemeldet.

Ursachen der Enzephalitis

Die Ursachen der Enzephalitis sind vielfältig und oft nicht eindeutig zu bestimmen. Zu den Hauptursachen gehören:

  • Virale Infektionen: Insbesondere das Herpes-simplex-Virus (HSV-1) und das Murray-Tal-Enzephalitis-Virus sind bekannte Auslöser. Auch das Japanische Enzephalitis-Virus, Flaviviren, die das Dengue-Fieber, West-Nil-Fieber und Gelbfieber verursachen, können durch Mückenstiche übertragen werden. Andere Viren, die Enzephalitis verursachen können, sind das Epstein-Barr-Virus, FSME-Virus, West-Nil-Virus, Varizella-Zoster-Virus, SARS-CoV-2-Virus und Influenzaviren.
  • Bakterielle Infektionen: Bakterien können ebenfalls eine Enzephalitis verursachen, insbesondere bei Personen mit geschwächtem Immunsystem.
  • Autoimmunreaktionen: In einigen Fällen kann das Immunsystem eine Form von Enzephalitis auslösen, bekannt als akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM). Dies tritt normalerweise auf, wenn das Immunsystem nach einer Infektion oder Impfung überreagiert und gesundes Gewebe angreift.

Seltene Ursachen

In seltenen Fällen können auch Pilze oder Parasiten eine Enzephalitis verursachen. Diese Ursachen sind häufiger bei Personen mit geschwächtem Immunsystem zu finden.

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Symptome der Enzephalitis

Die Symptome der Enzephalitis können sich über Stunden, Tage oder sogar Wochen entwickeln und hängen von der genauen Lokalisation und Größe der betroffenen Gehirnregionen ab. Die ersten Anzeichen können sich über einen Zeitraum von Tagen bis Monaten entwickeln. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Kopfschmerzen
  • Fieber
  • Grippeähnliche Symptome und Abgeschlagenheit
  • Verwirrtheit
  • Epileptische Anfälle
  • Bewusstseinsstörungen
  • Neurologische Symptome wie Lähmungen oder Sprachstörungen
  • Denkstörungen (Konzentrationsprobleme, Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses)
  • Verhaltensänderungen
  • Halluzinationen

Spezifische Symptome je nach Erreger

Da die einzelnen Viren verschiedene Areale des Gehirns betreffen können, unterscheiden sich auch die Symptome je nach Erreger:

  • Herpes-simplex-Enzephalitis: Sprachstörungen und epileptische Anfälle treten besonders häufig auf.
  • Arboviren: Diese Viren werden durch Insekten übertragen und führen oft zu Störungen im Bewegungsapparat.
  • Bei kleinen Kindern: Zeigen sich häufig unspezifische Symptome wie Teilnahmslosigkeit, Nackensteife, Fieber und fehlender Appetit.

Diagnose der Enzephalitis

Die Diagnose einer Enzephalitis kann eine Herausforderung sein, da viele der Symptome auch bei anderen Erkrankungen auftreten können. Ärzte setzen in der Regel auf eine Kombination aus:

  • Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und aktueller Beschwerden.
  • Neurologischer Untersuchung: Beurteilung der neurologischen Funktionen.
  • Bluttests: Identifizierung bakterieller Erreger und Entzündungsmarker.
  • Bildgebungstests: Computertomographie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) vom Gehirn, um entzündetes Hirngewebe direkt nachzuweisen.
  • Lumbalpunktion: Entnahme von Liquor aus dem Rückenmarkskanal zur Analyse auf Erreger und Autoantikörper.
  • EEG: Elektroenzephalografie zur Aufzeichnung der Hirnaktivität, insbesondere bei epileptischen Anfällen.

Neuroimmunologische Aspekte der Enzephalitis

Neuroimmunologische Mechanismen spielen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf der Enzephalitis, insbesondere im Zusammenhang mit viralen Infektionen und Autoimmunreaktionen.

Neuroimmunologische Beteiligung bei COVID-19

Im Verlauf der Corona-Pandemie wurde deutlich, dass viele Patienten auch neurologische Beschwerden entwickeln, die durch neuroimmunologische Ursachen entstehen können. Dazu gehören Enzephalitiden, Myelitiden, Meningitiden und demyelinisierende Erkrankungen. Vermutlich spielen sowohl hyperinflammatorische als auch durch spezifische Antikörper vermittelte Mechanismen eine Rolle, während eine direkte Schädigung des Zentralnervensystems (ZNS) durch SARS-CoV‑2 nachrangig zu sein scheint.

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Chronische Beschwerden nach COVID-19

Etliche Beschwerden können die pulmonale Akutphase der Erkrankung weit überdauern oder erst im Verlauf dazutreten. Dazu gehören chronische Erschöpfung, Konzentrationsstörungen, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen, Veränderung der Stimmung sowie Schlafstörungen, an deren Entstehung neuroimmunologische Mechanismen möglicherweise beteiligt sind.

Pathophysiologie der COVID-19-assoziierten neuroimmunologischen Erkrankungen

Für die Pathophysiologie der COVID-19-assoziierten neuroimmunologischen Erkrankungen wird das Zusammenspiel mehrerer Faktoren vermutet, insbesondere die Schwere der systemischen Erkrankung, (hyper)inflammatorische Prozesse, Koagulopathie und postinfektiöse Autoimmunmechanismen.

Zytokinsturm und neurologische Symptome

Ein Zusammenhang zwischen dem sogenannten Zytokin-Sturm und neurologischen Symptomen zeigt sich im oft gleichzeitig rasch ansteigenden Serumspiegel von Akute-Phase-Proteinen (z. B. C‑reaktives Protein [CRP] und Ferritin) bei Enzephalopathie, Enzephalitis, ADEM und Myelitis. Die periphere Hyperinflammation mit einem Anstieg proinflammatorischer Zytokine kann sich auf das ZNS ferner über eine Erhöhung der Permeabilität der Blut-Hirn-Schranke und die Aktivierung von Mikroglia auswirken.

Autoantikörper und molekulares Mimikry

Die Abwesenheit von SARS-CoV‑2 im Liquor lässt an eine indirekt vermittelte Affektion des ZNS denken, die durch Immunzellen oder Autoantikörper vermittelt sein könnte. Ein interessanter neuer Ansatz ist die Möglichkeit eines molekularen Mimikrys, also die Kreuzreaktivität von antiviralen Antikörpern mit Oberflächenstrukturen des eigenen Körpers und Gehirns.

Umgang mit immunsupprimierten Patienten

Eine der Herausforderungen der SARS-CoV-2-Pandemie stellt der Umgang mit chronisch kranken neuroimmunologischen Patienten dar, die einerseits auf eine regelmäßige medizinische Versorgung angewiesen sind, andererseits aber als Risikogruppe zählen, z. B. Patienten mit Multipler Sklerose (MS), Myasthenia gravis oder einer Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung (NMOSD).

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Stress als Auslöser und Verstärker

Stress kann eine bedeutende Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf von Enzephalitis spielen, insbesondere bei wiederkehrenden Formen.

Auswirkungen von Stress auf das Immunsystem

Chronischer Stress kann das Immunsystem schwächen und somit die Abwehr gegen Viren und andere Erreger beeinträchtigen. Dies erhöht die Anfälligkeit für Infektionen, die wiederum eine Enzephalitis auslösen können.

Neuroinflammation und Stress

Stress kann auch direkt zu Neuroinflammation führen, einer Entzündung im Gehirn. Diese Entzündung kann bestehende neurologische Erkrankungen verschlimmern und das Risiko für Enzephalitis erhöhen.

Stressmanagement als Prävention

Strategien zur Stressbewältigung können helfen, das Immunsystem zu stärken und Neuroinflammation zu reduzieren. Dazu gehören:

  • Regelmäßige Bewegung: Sportliche Aktivität kann Stress abbauen und das Immunsystem stärken.
  • Ausreichend Schlaf: Schlafmangel kann Stress verstärken und das Immunsystem schwächen.
  • Entspannungstechniken: Yoga, Meditation und autogenes Training können helfen, Stress abzubauen.
  • Soziale Unterstützung: Der Austausch mit Freunden und Familie kann Stress reduzieren und das Wohlbefinden steigern.

Behandlung der Enzephalitis

Die Behandlung der Enzephalitis zielt darauf ab, die Ursache zu bekämpfen und die Symptome zu lindern. Je nach Ursache kommen folgende Behandlungen in Frage:

  • Antivirale Medikamente: Bei viraler Enzephalitis können antivirale Medikamente, wie Aciclovir für Herpes-simplex-Enzephalitis, eingesetzt werden.
  • Antibiotika: Bei bakterieller Enzephalitis werden Antibiotika eingesetzt.
  • Entzündungshemmende Medikamente: In schweren Fällen oder wenn die Krankheit durch das Immunsystem verursacht wird, können entzündungshemmende Medikamente wie Kortikosteroide erforderlich sein.
  • Immuntherapien: Bei autoimmunen Enzephalitiden können Immuntherapien wie intravenöse Immunglobuline (IVIG) oder Plasmapherese eingesetzt werden.
  • Unterstützende Behandlungen: Zur Linderung der Symptome und Verbesserung des Befindens des Patienten.

Frührehabilitation bei entzündlichen ZNS-Erkrankungen

Die Frührehabilitation beginnt bereits in der Akutphase der Erkrankung. In dieser Phase erfolgt eine umfassende interdisziplinäre Bewertung durch ein Team aus Ärzt:innen, Physiotherapeut:innen, Ergotherapeut:innen, Logopäd:innen und Neuropsycholog:innen. Der Rehabilitationsprozess erfordert regelmäßige Neubewertungen (Assessment) durch das interdisziplinär arbeitende Team.

Physiotherapie

Die Physiotherapie konzentriert sich auf die Wiederherstellung der Mobilität und darauf, Sekundärkomplikationen wie Versteifungen (Kontrakturen) oder Muskelschwäche vorzubeugen.

Ergotherapie

Die Ergotherapie zielt darauf ab, die Selbstständigkeit im Alltag zu fördern. Die Therapeut:innen unterstützen ihre Patient:innen bei der Ausführung täglicher Aktivitäten und entwickeln Strategien, um die Umgebung an die Einschränkungen der Betroffenen anzupassen.

Logopädie

Bei Patient:innen mit Schluckstörungen oder/und Sprachdefiziten wenden die Therapeut:innen spezielle logopädische Therapien an.

Neuropsychologie

Kognitive Defizite, die durch eine entzündliche ZNS-Erkrankung entstanden sind, behandeln die Expert:innen durch gezielte neuropsychologische Übungen.

Psychologische Unterstützung

Die psychologische Unterstützung ist ein wichtiger Bestandteil der Frührehabilitation. Die Erkrankung selbst wie auch die Dauer der Rehabilitation können bei den Patient:innen zu Ängsten, Depressionen oder/und Verhaltensänderungen führen. Psycholog:innen und Sozialarbeiter:innen unterstützen sie dabei, mit den emotionalen Schwierigkeiten umzugehen.

Langzeitfolgen und Rehabilitation

Die Folgen von Enzephalitis können erheblich sein und von Person zu Person variieren. Diese können Gedächtnisprobleme, Verhaltens- und Persönlichkeitsveränderungen, Sprach- und Kommunikationsprobleme, körperliche Behinderungen und sogar dauerhafte Hirnschäden umfassen. In einigen Fällen können Patienten auch von Rehabilitationsmaßnahmen profitieren, einschließlich Physiotherapie, Ergotherapie und Sprachtherapie.

Prävention

Einige vorbeugende Maßnahmen können das Risiko einer Enzephalitis verringern:

  • Impfungen: Schutz vor bestimmten viralen Infektionen, die Enzephalitis verursachen können.
  • Mückenschutz: Vermeidung von Mückenstichen durch geeignete Kleidung und Insektensprays.
  • Hygiene: Regelmäßiges Händewaschen und Vermeidung von Kontakt mit infizierten Personen.
  • Stressmanagement: Techniken zur Stressbewältigung können das Immunsystem stärken und die Anfälligkeit für Infektionen reduzieren.

Gedächtnisstörungen im Zusammenhang mit Enzephalitis

Gedächtnisstörungen können eine Folge von Enzephalitis sein. Probleme beim Merken oder Erinnern sind nicht zwangsläufig eine Alterserscheinung. Hinter Vergesslichkeit und Konzentrationsschwierigkeiten kann eine Vielzahl an Ursachen stecken - von Stress, über Schlafmangel bis hin zu Nebenwirkungen von Medikamenten. Gedächtnisschwierigkeiten können nur zeitweilig auftreten und wieder verschwinden, wenn sich die Lebenssituation normalisiert.

Ursachen von Gedächtnisstörungen

Probleme mit dem Gedächtnis können z. B. entstehen durch:

  • Stress
  • Schlafmangel
  • Flüssigkeitsmangel
  • Einnahme bestimmter Medikamente, z. B. Schmerz- und Beruhigungsmittel sowie blutdrucksenkende oder entwässernde Medikamente

Behandlung von Gedächtnisstörungen

Sobald sich die Umstände ändern, die die Gedächtnisstörungen auslösen, verschwinden diese auch wieder und das Gedächtnis funktioniert wieder wie gewohnt. Bei Stress oder Schlafmangel als Ursache können Autogenes Training, Yoga oder Progressive Muskelentspannung hilfreich sein.

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