Einführung
Die Frage, wie viele Gehirnzellen täglich sterben, ist komplex und hängt von verschiedenen Faktoren ab. Lange Zeit ging man davon aus, dass die Anzahl der Nervenzellen im menschlichen Zentralnervensystem mit zunehmendem Alter kontinuierlich abnimmt und dass nach der Geburt keine neuen Nervenzellen mehr gebildet werden. Neuere Forschungsergebnisse haben dieses Dogma jedoch widerlegt und gezeigt, dass auch im Erwachsenenalter Neurogenese, also die Neubildung von Nervenzellen, stattfindet. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte des Nervenzellverlusts und der Neurogenese, um ein umfassendes Bild der Dynamik von Gehirnzellen zu vermitteln.
Der natürliche Zelltod und Alterungsprozesse
Der menschliche Körper erneuert sich ständig selbst. Pro Sekunde sterben etwa 50 Millionen Zellen ab, werden aber auch wieder neu gebildet. Dieser Prozess hält den Körper im Gleichgewicht. Im Gehirn ist es jedoch etwas komplizierter.
Zellverlust im Alter
Es ist ein unbestreitbarer Fakt, dass die grauen Zellen im Gehirn mit dem Alter abnehmen. Dieser Abbauprozess ist ein natürlicher Bestandteil des Alterns. Wie schnell und in welchem Ausmaß dieser Verlust stattfindet, variiert jedoch von Person zu Person.
Neurodegenerative Erkrankungen
Bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson, Huntington oder ALS sterben Nervenzellen nach und nach ab. Dieser Verlust ist oft mit Proteinverklumpungen, sogenannten Aggregaten, in den Hirnzellen verbunden. Diese Aggregate können die Zellfunktion beeinträchtigen, insbesondere wenn sie sich im Zellplasma befinden, wo sie wichtige Transportwege zwischen Zellplasma und Zellkern stören.
Schlaganfall und akuter Zellverlust
Ein Schlaganfall ist ein dramatisches Ereignis, das zu einem massiven und schnellen Verlust von Gehirnzellen führt.
Lesen Sie auch: Der Mythos der 10%-Gehirnnutzung
Die verheerenden Folgen eines Schlaganfalls
Ein Schlaganfall entsteht meist durch ein blockiertes Gefäß, das die Blutzufuhr zum Gehirn unterbricht. Ohne Sauerstoff und Nährstoffe sterben die betroffenen Nervenzellen schnell ab. Laut einer Analyse sterben nach einem unbehandelten Schlaganfall jede Minute etwa 1,9 Millionen Nervenzellen ab. Dies entspricht einer Alterung des Gehirns um 3,6 Jahre pro Stunde.
Die Bedeutung schneller Behandlung
Diese Zahlen verdeutlichen, wie wichtig eine sofortige Behandlung nach einem Schlaganfall ist. Je schneller die Blutversorgung wiederhergestellt wird, desto weniger Zellen sterben ab und desto geringer sind die bleibenden Schäden.
Neurogenese: Die Neubildung von Nervenzellen
Entgegen der früheren Annahme, dass keine neuen Nervenzellen gebildet werden, hat die Forschung gezeigt, dass Neurogenese auch im Erwachsenenalter stattfindet.
Entdeckung der adulten Neurogenese
Die Neurowissenschaftlerin Elizabeth Gould entdeckte in den 1990er Jahren, dass im Gehirn erwachsener Ratten neue Neurone entstehen, insbesondere im Hippocampus, der für Lernen und Gedächtnis zuständig ist. Diese Entdeckung wurde später auch bei anderen Tieren und beim Menschen bestätigt.
Quantifizierung der Neurogenese
Studien haben gezeigt, dass sich bei Erwachsenen im Hippocampus täglich etwa 700 neue Neuronen bilden. Diese neuen Zellen befinden sich im Gyrus dentatus, einem Bereich, der für die Verarbeitung neuer Informationen und das Gedächtnis wichtig ist.
Lesen Sie auch: Was steckt hinter dem Mythos der 10-Prozent-Gehirnnutzung?
Faktoren, die die Neurogenese beeinflussen
Die Neubildung von Nervenzellen wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Alkoholkonsum kann die Neurogenese bremsen, während Sport und körperliche Aktivität sie steigern können. Auch eine abwechslungsreiche Umgebung und geistige Herausforderungen können die Neubildung von Nervenzellen fördern.
Der Einfluss von Sport und geistiger Aktivität
Eine Kombination aus körperlicher und geistiger Aktivität scheint einen positiven Einfluss auf die Nervenzellbildung zu haben. Studien haben gezeigt, dass sportliche Betätigung das Risiko, an Demenz und Depressionen zu erkranken, signifikant verringern kann.
Körperliche Aktivität und Wachstumsfaktoren
Es wird vermutet, dass körperliche Aktivität die Konzentration von Wachstumsfaktoren (FGF-2) im Blut erhöht, die die Blut-Hirn-Schranke überwinden und die Neubildung von Nervenzellen stimulieren können.
Geistige Herausforderungen und Resilienz
Ein „fittes“ Gehirn, das ständig lernt und sich neuen Situationen anpasst, kann den Zellverlust im Alter länger kompensieren. Gedächtnistraining allein führt zwar nicht zur Entstehung neuer Nervenzellen, aber ein abwechslungsreiches und aktives Leben kann die Flexibilität des Gehirns erhalten und den geistigen Abbau verzögern.
Alkohol und Gehirnzellen
Der Konsum von Alkohol ist ein weit verbreitetes Thema, wenn es um die Gesundheit des Gehirns geht. Es gibt viele Mythen und Missverständnisse darüber, wie Alkohol die Gehirnzellen beeinflusst.
Lesen Sie auch: Gehirngewicht: Was ist normal?
Alkohol tötet nicht direkt Gehirnzellen
Entgegen der landläufigen Meinung tötet Alkohol nicht direkt Gehirnzellen, sondern stört ihre Kommunikation untereinander. Alkohol beeinflusst die Botenstoffe im Gehirn, indem er die Ausschüttung hemmender Botenstoffe erhöht und die Ausschüttung aktivierender Botenstoffe verringert. Dadurch werden die Kettenreaktionen zwischen den Nervenzellen verlangsamt, was zu einer Beeinträchtigung des Denkens und der Motorik führt.
Indirekte Schäden durch Alkoholmissbrauch
Übermäßiger Alkoholkonsum kann jedoch indirekte Schäden am Gehirn verursachen. Das Wernicke-Korsakow-Syndrom, das vor allem schwere Alkoholiker betrifft, führt zu Verwirrung und Gedächtnisverlust. Auch eine durch Alkohol verursachte Leberschädigung kann zu einer erhöhten Konzentration von Ammoniak im Blut führen, was die Nervenzellen schädigen kann.
Die Empfindlichkeit des sich entwickelnden Gehirns
Es ist wichtig zu betonen, dass sich die oben genannten Ergebnisse auf das Gehirn von Erwachsenen beziehen. Ein Gehirn, das sich noch in der Entwicklung befindet, reagiert viel empfindlicher auf Alkohol.
Kopfbälle im Fussball und ihre Auswirkungen
In der Sportmedizin wird diskutiert, inwieweit Kopfbälle im Fussball dem Gehirn schaden können. Eine US-Studie hat eine Obergrenze für die Anzahl der Kopfbälle pro Jahr vorgeschlagen, ab der das Gehirn Schaden nehmen kann.
Die Auswirkungen wiederholter Kopfbälle
Die Studie ergab, dass wiederholtes Köpfen zu einer Rückbildung von Hirnzellen führen kann. Bei Spielern, die häufig köpften, wurden Schäden festgestellt, die mit denen nach einer leichten Gehirnerschütterung vergleichbar waren. Diese Spieler schnitten auch in Erinnerungstests schlechter ab.
Die Bedeutung der Technik
Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass "Kopfball nicht gleich Kopfball" ist. Entscheidend ist, mit welcher Wucht und aus welcher Richtung der Ball auf den Kopf trifft. Auch die Technik und die Nackenmuskulatur spielen eine wichtige Rolle, um das Gehirn vor Schäden zu schützen.
Prävention im Jugendbereich
Um das Risiko von Kopfverletzungen zu minimieren, sollte das Kopfballspiel bereits im Kinder- und Jugendbereich richtig gelernt werden, mit leichten Bällen und der richtigen Technik.
Gehirnzellenverlust in der Pubertät
Die Pubertät ist eine Zeit großer Veränderungen, sowohl körperlich als auch geistig. Während dieser Zeit sterben Milliarden von Gehirnzellen ab, was jedoch erstaunlicherweise positive Konsequenzen hat.
Hormonelle Umstellung und Zellverlust
Aufgrund der hormonellen Umstellung kommt es in der Pubertät zu einem Abbau von Gehirnzellen. Dieser Prozess führt jedoch dazu, dass sich nur das verfestigt, was wirklich gebraucht wird.
Verbesserte kognitive Leistungen
Am Ende des Reifeprozesses hat sich die Anzahl der Gehirnzellen zwar verringert, aber die kognitiven Leistungen verbessern sich. Jugendliche können besser planen und die Konsequenzen ihres Handelns abwägen. Die Datenverbindungen zwischen den Nervenzellen werden schneller, ähnlich wie bei der Umstellung von Kupfer- auf Glasfaserkabel.