Einführung
Neuropathischer Schmerz, oft als Nervenschmerz bezeichnet, ist eine komplexe und oft schwer zu behandelnde Schmerzform. Im Gegensatz zu nozizeptiven Schmerzen, die durch Gewebeschädigung entstehen, resultiert neuropathischer Schmerz aus einer Schädigung oder Funktionsstörung des Nervensystems selbst. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über neuropathische Schmerzen, einschließlich Definition, Ursachen, Diagnose und verschiedene Behandlungsansätze.
Definition und Einteilung von Schmerz
Nach der Definition der Internationalen Vereinigung für Schmerzforschung (IASP) ist Schmerz ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit tatsächlicher oder potenzieller Gewebeschädigung verbunden ist. Schmerz ist subjektiv und individuell unterschiedlich. Die Art und Stärke des Schmerzes muss nicht immer mit einer erkennbaren Ursache zusammenhängen.
Einteilung nach zeitlichem Verlauf
- Akuter Schmerz: Tritt als Reaktion auf eine Gewebeverletzung oder drohende Schädigung auf und hat eine Warnfunktion. Er ist meist von kurzer Dauer.
- Chronischer Schmerz: Entwickelt sich, wenn akuter Schmerz nicht ausreichend behandelt wird oder bei chronischen Erkrankungen wie Tumoren oder Gelenkverschleiß. Er kann auch ohne erkennbare Ursache entstehen und seinen Warncharakter verlieren.
Einteilung nach Entstehungsmechanismus
- Nozizeptiver Schmerz: Entsteht durch Reizung von Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) in verschiedenen Körpergeweben. Der Schmerzort ist meist gut lokalisierbar.
- Neuropathischer Schmerz: Entsteht durch Schädigung oder Funktionsstörung des Nervensystems selbst. Typisch sind Missempfindungen wie Kribbeln oder Brennen.
- Gemischter Schmerz: Eine Kombination aus nozizeptiven und neuropathischen Schmerzen, die häufig bei länger anhaltenden Schmerzen auftritt.
Ursachen neuropathischer Schmerzen
Neuropathische Schmerzen können vielfältige Ursachen haben, darunter:
- Diabetes mellitus: Schädigung der Nerven durch hohe Blutzuckerspiegel (diabetische Neuropathie).
- Gürtelrose (Herpes Zoster): Virale Infektion, die Nervenschmerzen in den Hautnerven verursacht (Postzosterneuralgie).
- Nervenverletzungen: Quetschungen, Durchtrennungen oder Kompression von Nerven nach Unfällen oder Operationen.
- Bandscheibenvorfall: Einengung von Nervenwurzeln, die zu ausstrahlenden Schmerzen führen kann.
- Amputation: Phantomschmerzen in nicht mehr vorhandenen Gliedmaßen.
- Engpass-Syndrome: Kompression von Nerven in engen anatomischen Strukturen (z.B. Karpaltunnelsyndrom).
- Schlaganfall, Rückenmarkschädigung, Multiple Sklerose: Schädigungen des zentralen Nervensystems.
- Chemotherapie: Bestimmte Chemotherapeutika können Nervenschäden verursachen (chemotherapieinduzierte periphere Neuropathie).
- Alkoholismus: Schädigung der Nerven durch chronischen Alkoholkonsum.
- Tumoren: Druck auf Nerven oder Infiltration von Nervenstrukturen.
- Genetische Erkrankungen: Seltene genetisch bedingte Neuropathien.
- HIV-Neuropathie: Nervenschädigung im Zusammenhang mit einer HIV-Infektion.
- Komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS): Chronischer Schmerzzustand nach einer Verletzung.
Symptome neuropathischer Schmerzen
Neuropathische Schmerzen äußern sich vielfältig. Zu den typischen Symptomen gehören:
- Brennende, stechende oder einschießende Schmerzen: Oft als quälend und unerträglich beschrieben.
- Kribbeln oder Taubheitsgefühl: In den betroffenen Körperregionen.
- Allodynie: Schmerzen, die durch normalerweise nicht schmerzhafte Reize ausgelöst werden (z.B. leichte Berührung).
- Hyperalgesie: Verstärkte Schmerzempfindlichkeit bei schmerzhaften Reizen.
- Spontane Schmerzen: Schmerzen, die ohne erkennbaren Auslöser auftreten.
- Schmerzen im Versorgungsgebiet eines Nervs: Z.B. bei Nervenwurzelreizung nach Bandscheibenvorfall.
- Missempfindungen: Wie Ameisenlaufen oder elektrische Schläge.
Diagnose neuropathischer Schmerzen
Die Diagnose neuropathischer Schmerzen basiert auf einer sorgfältigen Anamnese, einer körperlichen Untersuchung und gegebenenfalls zusätzlichen diagnostischen Verfahren.
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Anamnese
Der Arzt erfragt die Art, Lokalisation, Stärke und den zeitlichen Verlauf der Schmerzen. Wichtig sind auch Informationen über Vorerkrankungen (z.B. Diabetes, Herpes Zoster), Operationen, Unfälle, Medikamenteneinnahme und Alkoholkonsum.
Körperliche Untersuchung
Der Arzt untersucht die betroffenen Körperregionen auf Sensibilitätsstörungen (z.B. Taubheit, Kribbeln), Schmerzempfindlichkeit bei Berührung und andere neurologische Auffälligkeiten.
Zusätzliche diagnostische Verfahren
- Schmerzfragebögen: Zur Erfassung der Schmerzqualität und -intensität (z.B. Pain Detect Fragebogen).
- Quantitative sensorische Testung (QST): Messung der Schmerzempfindlichkeit und des Temperaturempfindens.
- Elektroneurographie (ENG) und Elektromyographie (EMG): Messung der Nervenleitgeschwindigkeit und der Muskelaktivität.
- Nervenbiopsie: Entnahme einer Gewebeprobe zur Untersuchung der Nervenfasern (insbesondere bei Small-Fiber-Neuropathie).
- Bildgebende Verfahren (CT, MRT): Zum Ausschluss anderer Ursachen der Schmerzen (z.B. Bandscheibenvorfall, Tumor).
Behandlung neuropathischer Schmerzen
Die Behandlung neuropathischer Schmerzen ist oft komplex und erfordert einen multimodalen Ansatz. Ziel ist es, die Schmerzen zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und dieFunktion wiederherzustellen.
Medikamentöse Therapie
- Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva (z.B. Amitriptylin, Duloxetin) können neuropathische Schmerzen lindern, indem sie die Schmerzverarbeitung im Gehirn beeinflussen.
- Antikonvulsiva: Medikamente gegen Epilepsie (z.B. Gabapentin, Pregabalin) können die Nervenaktivität reduzieren und so Schmerzen lindern.
- Opioide: Starke Schmerzmittel (z.B. Tramadol, Morphin) können bei schweren neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden, sollten aber aufgrund des Abhängigkeitsrisikos nur unter strenger ärztlicher Kontrolle verwendet werden.
- Lokalanästhetika: Lidocain-Pflaster oder -Infusionen können lokale Nervenschmerzen lindern.
- Capsaicin-Creme oder -Pflaster: Können bei lokalen neuropathischen Schmerzen (z.B. Postzosterneuralgie) eingesetzt werden.
- Tapentadol: Ein Schmerzmittel mit dualem Wirkmechanismus (Opioid und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer), das bei neuropathischen Schmerzen wirksam sein kann.
Nicht-medikamentöse Therapie
- Physiotherapie: Übungen zur Verbesserung der Beweglichkeit, Kraft und Koordination.
- Ergotherapie: Anpassung des Alltags und der Arbeitsumgebung zur Schmerzlinderung und Funktionsverbesserung.
- Psychotherapie: Verhaltenstherapie, Schmerzbewältigungstraining und Entspannungstechniken zurReduktion von Stress und Angst.
- Akupunktur: Kann bei einigen Patienten mit neuropathischen Schmerzen eine Linderung bewirken.
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Stimulation der Nerven durch elektrische Impulse zur Schmerzlinderung.
- Rückenmarkstimulation (SCS): Implantation von Elektroden in der Nähe des Rückenmarks zur Schmerzlinderung bei chronisch-neuropathischen Schmerzen.
- Autologes Conditioniertes Serum (ACS): Eine innovative Therapie, bei der aus dem eigenen Blut gewonnenes Serum zur Schmerzlinderung eingesetzt wird. Studien deuten darauf hin, dass ACS Exosomen enthält, die eine wichtige Rolle bei der Schmerzlinderung spielen könnten.
Interventionelle Verfahren
- Nervenwurzelblockade: Injektion von Lokalanästhetika und Kortikosteroiden in die Nähe von Nervenwurzeln zur Schmerzlinderung.
- Facettengelenkblockade: Injektion von Lokalanästhetika und Kortikosteroiden in die Facettengelenke der Wirbelsäule zur Schmerzlinderung bei Rückenschmerzen.
- Sympathikusblockade: Blockade des Sympathikus-Nervensystems zur Behandlung von Schmerzen, die durch das sympathische Nervensystem unterhalten werden.
- Intrathekale Medikamentengabe: Verabreichung von Schmerzmitteln (z.B. Morphin) direkt in den Rückenmarkskanal über eine implantierte Pumpe bei schwersten chronischen Schmerzen.
Spezielle Therapien
- Hochfrequente Rückenmarkstimulation: Eine Form der Rückenmarkstimulation, bei der hochfrequente elektrische Impulse abgegeben werden, um neuropathische Schmerzen zu lindern. Sie wird bei chronischen Rücken- und Beinschmerzen, Failed Back Surgery Syndrome, peripherer arterieller Verschlusskrankheit und Angina Pectoris eingesetzt.
Bedeutung der interdisziplinären Behandlung
Die Behandlung neuropathischer Schmerzen erfordert oft einen interdisziplinären Ansatz, bei dem Ärzte verschiedener Fachrichtungen (z.B. Neurologen, Schmerztherapeuten, Psychologen, Physiotherapeuten) zusammenarbeiten, um einen individuellen Behandlungsplan zu entwickeln.
Prävention
Einige Ursachen neuropathischer Schmerzen lassen sich durchVorbeugung vermeiden oder zumindest das Risiko reduzieren:
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- Gute Blutzuckereinstellung bei Diabetes: Zur Vorbeugung diabetischer Neuropathie.
- Vermeidung von übermäßigem Alkoholkonsum: Zur Vorbeugung alkoholbedingter Neuropathie.
- Schutz vor Verletzungen: Zur Vorbeugung von Nervenverletzungen.
- Impfung gegen Gürtelrose: Zur Vorbeugung von Postzosterneuralgie.
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