Windpocken, verursacht durch das Varizella-Zoster-Virus (VZV), sind eine hochansteckende Krankheit, die vor allem Kinder betrifft. Typische Symptome sind ein juckender Hautausschlag mit roten Bläschen und leichtem Fieber. Dank der seit 2004 empfohlenen Impfung treten Windpocken in Deutschland seltener auf als früher. Dennoch können in seltenen Fällen Komplikationen auftreten, die das Gehirn betreffen. Dieser Artikel beleuchtet die möglichen neurologischen Folgen von Windpocken und Gürtelrose, einer Reaktivierung des VZV, und gibt einen Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse und Empfehlungen.
Varizella-Zoster-Virus (VZV) und seine Auswirkungen
Das Varicella-Zoster-Virus (VZV) aus der Familie der Herpesviren verursacht bei einer Erstinfektion Windpocken (Varizellen). Nach der Ersterkrankung verbleibt das Virus in den Spinal- bzw. Hirnnervenganglien und kann sich reaktivieren, was zu Herpes Zoster, umgangssprachlich Gürtelrose, führt. Die häufigste chronische Folgeerscheinung des akuten Herpes zoster ist die postzosterische Neuralgie.
EMA-Überprüfung von Windpocken-Impfstoffen
Aktuell überprüft die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) die Sicherheit von zwei zugelassenen Impfstoffen gegen Windpocken, Varilrix® und Varivax®. Anlass für die Überprüfung war ein Fall in Polen, bei dem ein Kind nach der Impfung mit Varilrix an Enzephalitis erkrankte und verstarb. Die polnische Arzneimittelbehörde stoppte daraufhin vorsorglich die Verteilung der betroffenen Impfstoffcharge. Die EMA empfiehlt bis zum Abschluss der Untersuchung die Anwendung der Impfstoffe gemäß den geltenden Fachinformationen.
Neurologische Komplikationen nach VZV-Reaktivierung (Gürtelrose)
Professor Peter Kennedy von der Universität Glasgow gibt in einem aktuellen Review einen Überblick über das breite Spektrum neurologischer Manifestationen nach VZV-Reaktivierung. Neben der postzosterischen Neuralgie können folgende Komplikationen auftreten:
Zoster-assoziierte Vaskulopathie
Die VZV-Reaktivierung kann zu einer Vaskulopathie führen, bei der zerebrale Gefäße vom VZV infiziert werden. Dies erhöht das Risiko für Schlaganfälle in Assoziation mit Herpes zoster. Es zeigen sich entzündliche Infiltrate in den betroffenen Gefäßen. Klinische Korrelate sind Schlaganfälle, transitorische ischämische Attacken, zerebrale Aneurysmen, zervikale arterielle Dissektionen, Hirnblutungen, Rückenmarksinfarkte und periphere Thrombosen. Zur Diagnose eignen sich bildgebende Verfahren und der Nachweis von anti-VZV-IgG-Antikörpern im Liquor.
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Riesenzellarteriitis (RZA)
Es wird vermutet, dass eine VZV-Infektion den Ausbruch der Riesenzellarteriitis (RZA) triggern kann. Studien konnten VZV-DNA und VZV-Antigen in Proben der Temporalarterien betroffener Patienten nachweisen. Unbehandelt kann die RZA der Temporalarterien zum irreversiblen Erblinden führen.
Enzephalitis
Bei etwa 0,25% aller Zoster-Erkrankungen kann eine Meningoenzephalitis auftreten. Schwere Verläufe treten meist bei immunsupprimierten Patienten auf. Im Liquor zeigen sich Pleozytose, VZV-DNA und in manchen Fällen anti-VZV-IgG-Antikörper.
Motorische Radikulopathie
Motorische Defizite treten klassischerweise etwa zwei Wochen nach den Hautläsionen auf. Eine VZV-assoziierte Myelitis wird als möglicher Auslöser vermutet. Der Nachweis von VZV-DNA im Liquor kann bei der Diagnose helfen.
Zoster sine herpete (ZSH)
Der Zoster sine herpete (ZSH) ist definiert als unilateraler dermatomaler Schmerz ohne Hautläsionen bei virologischem und/oder serologischem Nachweis einer VZV-Infektion. Hier ist es bisweilen schwierig, eine Kausalität herzustellen, da die charakteristischen kutanen Läsionen fehlen.
Windpocken und Schlaganfall bei Kindern
In seltenen Fällen kann eine Windpockenerkrankung bei Kindern zu einem Schlaganfall führen. Die Universitäts-Kinderklinik in Münster schätzt, dass etwa 10% aller Schlaganfälle im Kindesalter auf eine vorangegangene Windpockenerkrankung zurückzuführen sind. Die Windpocken-Viren können zu einer Entzündung der Gefäßwände führen, wodurch sich diese verengen und es zum Infarkt kommt. Viele der betroffenen Kinder sind in der Folge halbseitig gelähmt.
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Fallbeispiel Milton
Der fünfjährige Milton aus Schweden erlitt nach einer Windpockenerkrankung einen Schlaganfall. Ein Blutgerinnsel im Gehirn beeinträchtigte seine motorischen Fähigkeiten und seine Sprache. Nach einer Reha geht es ihm langsam wieder besser, aber er hat weiterhin Probleme mit dem Gleichgewicht, dem Sprechen und der Nahrungsaufnahme.
Vorbeugung durch Impfung
Seit 2004 gibt es in Deutschland eine allgemeine Impfempfehlung gegen das Windpockenvirus. Zuvor gab es etwa 750.000 Infektionen jährlich, seither sind die Zahlen deutlich zurückgegangen. Die Impfung bietet einen sicheren Schutz vor Windpocken und kann so auch das Risiko für seltene, aber schwerwiegende Komplikationen wie Schlaganfälle reduzieren.
Windpocken und Alzheimer-Erkrankung
Immer mehr Wissenschaftler sehen einen Zusammenhang zwischen Herpes-Viren und der Alzheimer-Erkrankung. Eine neue Studie zeigt, dass das Varizella-Zoster-Virus (VZV) in Kombination mit dem Herpes-simplex-Virus (HSV) eine wesentliche Ursache für die Demenzerkrankung sein könnte. Wer also schon einmal an Windpocken erkrankt ist und zusätzlich das HSV in sich trägt, hat ein höheres Risiko, später an Alzheimer zu leiden.
Die Rolle von VZV und HSV bei der Plaque-Bildung
Ein Forscherteam um Dana Carins von der Tufts University hat herausgefunden, dass die typischen Eiweiß-Plaques, die sich an der Außenseite von Nervenzellen ansammeln und ein Hauptmerkmal der Alzheimer-Krankheit sind, bei Menschen, die das Herpes-simplex-Virus und das Varizella-zoster-Virus in sich tragen, verstärkt angestoßen werden. Demnach könnte der Windpocken-Erreger Entzündungssignale im Gehirn verursachen, die dann wiederum Herpes simplex aktivieren.
Schutz durch Impfung?
Es gibt Hinweise darauf, dass Menschen, die gegen Gürtelrose bzw. Windpocken geimpft sind, einen gewissen Schutz gegen die Reaktivierung des VZV in sich tragen und somit möglicherweise auch das Risiko für Alzheimer reduzieren können.
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Diagnose und Behandlung neurologischer Komplikationen
Die Diagnose neurologischer Komplikationen nach Windpocken oder Gürtelrose kann schwierig sein, da die Symptome oft unspezifisch sind. Wichtig sind eine gründliche Anamnese, neurologische Untersuchung und bildgebende Verfahren wie CT oder MRT. Der Nachweis von VZV-DNA oder Antikörpern im Liquor kann die Diagnose bestätigen.
Die Behandlung neurologischer Komplikationen umfasst in der Regel antivirale Medikamente wie Aciclovir und Glukokortikoide zur Reduktion der Entzündung. In einigen Fällen können auch weitere Therapien wie Physiotherapie oder Schmerztherapie erforderlich sein.
Prävention und Schutzmaßnahmen
Die beste Möglichkeit, neurologischen Komplikationen durch Windpocken oder Gürtelrose vorzubeugen, ist die Impfung. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Impfung gegen Windpocken für alle Kinder ab 11 Monaten sowie für ungeimpfte Jugendliche und Erwachsene, die noch keine Windpocken hatten. Für ältere Menschen und Personen mit geschwächtem Immunsystem empfiehlt die STIKO die Impfung gegen Gürtelrose.
Zusätzlich zu Impfungen können folgende Maßnahmen helfen, das Risiko einer Ansteckung mit Windpocken zu reduzieren:
- Häufiges Händewaschen
- Vermeidung von Kontakt mit Erkrankten
- Stärkung des Immunsystems durch gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf
Windpocken in der Schwangerschaft
Eine Windpocken-Erkrankung während der Schwangerschaft kann für das ungeborene Kind gefährlich sein. Insbesondere in den ersten sechs Monaten der Schwangerschaft können die Viren zu schweren Fehlbildungen führen. Erkrankt die Schwangere um den Geburtstermin, kann eine Windpocken-Infektion für das Kind lebensbedrohlich sein. Schwangere Frauen sollten daher ihren Impfstatus überprüfen und sich gegebenenfalls impfen lassen.
Meldepflicht
Windpocken gehören zu den meldepflichtigen Erkrankungen. Das bedeutet, dass Ärzte bereits bei einem Verdacht auf Windpocken das regionale Gesundheitsamt benachrichtigen müssen.
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