Aktionspotentialmessung: Methoden und Prinzipien

Die Messung von Aktionspotentialen ist ein zentraler Bestandteil der neurophysiologischen Forschung und Diagnostik. Sie ermöglicht es, die elektrischen Signale von Zellen zu erfassen und zu analysieren, die für die Reizübertragung und Kommunikation im Nervensystem unerlässlich sind. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Methoden zur Messung von Aktionspotentialen, die zugrunde liegenden Prinzipien und ihre Bedeutung in verschiedenen Anwendungsbereichen.

Grundlagen des Aktionspotentials

Das Aktionspotential ist eine vorübergehende Veränderung des Membranpotentials einer Zelle, die während der Erregungsleitung auftritt. Es ist ein Nervenimpuls, der für die Weiterleitung von Reizen verantwortlich ist. Die Übertragung von Reizen findet in Nervenzellen (Neuronen) statt und äußert sich als Änderung des Membranpotentials. Zu einer Änderung der Spannung kommt es durch das Öffnen und Schließen von spannungsgesteuerten Ionenkanälen in der Membran.

Im Ruhezustand hat eine Nervenzelle ein Ruhepotential von etwa -70 mV. Dieses Ruhepotential wird durch eine ungleiche Verteilung von Ionen (hauptsächlich Kalium und Natrium) innerhalb und außerhalb der Zelle aufrechterhalten. Die Membran ist im Ruhezustand hauptsächlich für Kaliumionen permeabel, die aufgrund ihres Konzentrationsgradienten aus der Zelle diffundieren. Dadurch entsteht eine negative Ladung im Zellinneren.

Wenn ein Reiz an einem Neuron ankommt, ändert sich die Spannung an der Zellmembran. Überschreitet diese Depolarisation einen bestimmten Schwellenwert (ca. -50 mV), wird ein Aktionspotential ausgelöst. Dies folgt dem Alles-oder-Nichts-Gesetz: Entweder wird der Schwellenwert überschritten und ein Aktionspotential in voller Größe ausgelöst, oder es passiert nichts.

Das Aktionspotential besteht aus mehreren Phasen:

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  1. Depolarisation: Spannungsabhängige Natriumkanäle öffnen sich, und Natriumionen strömen in die Zelle. Dadurch kehrt sich die Ladung um, und das Zellinnere wird positiv.
  2. Repolarisation: Natriumkanäle schließen sich, und Kaliumkanäle öffnen sich. Kaliumionen strömen aus der Zelle, wodurch das Membranpotential wieder sinkt.
  3. Hyperpolarisation: Die Kaliumkanäle bleiben etwas länger geöffnet, wodurch das Membranpotential kurzzeitig unter das Ruhepotential sinkt.
  4. Wiederherstellung des Ruhepotentials: Die Natrium-Kalium-ATPase pumpt Natriumionen aus der Zelle und Kaliumionen in die Zelle, um die ursprüngliche Ionenverteilung wiederherzustellen.

Nach dem Ablauf des Aktionspotentials kann nicht direkt die nächste Erregung weitergeleitet werden. Es dauert eine kurze Zeit, bis eine Zelle wieder erregbar ist. Die Zeit, in der die Kanäle inaktiv sind, heißt Refraktärzeit. Sie ist wichtig für eine unidirektionale Weiterleitung eines Reizes.

Messmethoden für Aktionspotentiale

Grundsätzlich gibt es zwei Hauptmethoden zur Messung von Aktionspotentialen:

Extrazelluläre Ableitung

Bei der extrazellulären Ableitung werden zwei Elektroden in das Außenmedium gehalten, wobei die Messelektrode möglichst nahe an der Zellmembran platziert wird. Im Ruhezustand der Zelle wird keine Spannung bzw. kein Stromfluss angezeigt. Während der Depolarisationsphase des Aktionspotentials fließen positive Ladungen (Na+) in die Zelle, wodurch das Außenmedium negativer wird. In der Repolarisationsphase fließen positive Ladungen (K+) in das Außenmedium, wodurch die negative Ladung verschwindet und das Außenmedium kurzzeitig sogar positiv wird.

Dieses Verfahren ist relativ einfach durchzuführen, da keine Zelle punktiert werden muss. Es ist jedoch weniger empfindlich als die intrazelluläre Ableitung, da das Signal durch das Außenmedium abgeschwächt wird.

Intrazelluläre Ableitung

Bei der intrazellulären Ableitung wird eine extrem dünn ausgezogene Glasröhre (Messelektrode) mit einer elektrisch leitenden Flüssigkeit gefüllt und mit einem Kabel mit dem Oszilloskop verbunden. Die Spitze dieser Messelektrode wird in die Zelle gestochen. Ein einfacher Draht wird ins Außenmedium gehalten und dient als Referenzelektrode. Auf diese Weise kann man leicht Depolarisationen und Hyperpolarisationen der Membran messen.

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Dieses Verfahren ist empfindlicher als die extrazelluläre Ableitung, da das Signal direkt im Zellinneren gemessen wird. Es ist jedoch technisch anspruchsvoller, da die Zelle punktiert werden muss, was zu Schäden an der Zelle führen kann.

Patch-Clamp-Technik

Die Patch-Clamp-Technik ist eine moderne Methode zur Untersuchung von Ionenkanälen. Bei dieser Technik wird eine Glasmikropipette durch Ansaugen an der Zellmembran befestigt, wodurch ein sehr kleiner Membranbereich isoliert und analysiert werden kann. Durch die Blockierung spezifischer Kanäle, wie beispielsweise Natriumionenkanäle, kann man gezielt untersuchen, welche Ionen durch welche Kanäle diffundieren.

Es gibt verschiedene Varianten der Durchführung, manchmal wird ein Teil der Membran ausgeschnitten oder die Gesamtheit der Zelle wird als funktionelle Einheit gemessen.

Die Patch-Clamp-Methode erlaubt, kleinste Ionenströme (pA-Bereich) zu messen, die z.B. durch einzelne Ionenkanäle fließen. Einsatzgebiete sind z.B. die Messung des Einflusses von verschiedenen Substanzen auf das Aktionspotential an Nervenzellen, auf das Membranpotential aller Zellen oder auf die Signalübertragung zwischen Zellen.

Messgeräte und Zubehör

Für die Messung von Aktionspotentialen werden folgende Geräte und Zubehör benötigt:

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  • Messelektrode: Eine Elektrode, die entweder in die Zelle (intrazellulär) oder in die Nähe der Zelle (extrazellulär) platziert wird, um das elektrische Signal aufzunehmen.
  • Referenzelektrode: Eine Elektrode, die in das Außenmedium platziert wird, um ein stabiles Referenzpotential zu liefern.
  • Verstärker: Ein Gerät, das das schwache elektrische Signal der Elektroden verstärkt, damit es messbar wird.
  • Oszilloskop: Ein Gerät, das die gemessenen Spannungswerte als Funktion der Zeit anzeigt. Im Prinzip besteht ein solches Oszilloskop aus einem Leuchtschirm, über den von links nach rechts ein Elektronenstrahl wandert. Die Quelle dieses Strahls ist mit Elektromagneten ausgestattet, die den Strahl nach oben oder unten ablenken können, je nach angelegter Spannung.
  • Reizgenerator: Ein Gerät, das elektrische Reize erzeugt, um die Zelle zu stimulieren und ein Aktionspotential auszulösen.

EKG: Messung von Aktionspotentialen im Herzen

Die Messung von Aktionspotentialen ist nicht nur auf einzelne Zellen beschränkt. Das Elektrokardiogramm (EKG) ist ein Beispiel für die Messung von Aktionspotentialen im gesamten Herzen.

Das Aktionspotential tritt in allen Herzzellen auf, sein Aussehen variiert jedoch je nach Zelltyp. Während der De- und Repolarisation fließen Ionen (Na+, K+ und Ca2+) über die Zellmembran hin und her. Da Ionen elektrisch geladen sind, erzeugt ihre Bewegung einen elektrischen Strom. Alle Gewebe und Flüssigkeiten, die das Herz umgeben, enthalten Ionen, was bedeutet, dass sie als elektrische Leiter wirken können. Folglich werden die im Myokard erzeugten elektrischen Ströme bis zur Haut übertragen, wo sie durch Elektroden abgeleitet werden können. Der Elektrokardiograph (EKG-Gerät) zeichnet diese elektrischen Ströme auf und stellt sie als Elektrokardiogramm (EKG) dar.

Die EKG-Kurve zeigt verschiedene Wellen, die den verschiedenen Phasen der Erregung und Erholung des Herzens entsprechen:

  • P-Welle: Entspricht der Erregung (Depolarisation) der Vorhöfe.
  • QRS-Komplex: Entspricht der Erregung (Depolarisation) der Ventrikel.
  • T-Welle: Repräsentiert die Repolarisation der Ventrikel.

Die Analyse der EKG-Kurve ermöglicht es, Rückschlüsse auf die Funktion des Herzens zu ziehen und verschiedene Herzerkrankungen zu diagnostizieren.

Bedeutung der Aktionspotentialmessung

Die Messung von Aktionspotentialen ist ein wichtiges Werkzeug in der neurophysiologischen Forschung und Diagnostik. Sie ermöglicht es, die elektrischen Eigenschaften von Zellen zu untersuchen, die Mechanismen der Reizübertragung zu verstehen und verschiedene neurologische und kardiovaskuläre Erkrankungen zu diagnostizieren.

Einige Beispiele für Anwendungen der Aktionspotentialmessung sind:

  • Untersuchung von Ionenkanälen: Die Patch-Clamp-Technik ermöglicht es, die Funktion einzelner Ionenkanäle zu untersuchen und die Auswirkungen von Medikamenten und anderen Substanzen auf diese Kanäle zu analysieren.
  • Diagnose von Nervenerkrankungen: Die Messung von Aktionspotentialen in Nervenfasern kann helfen, Nervenschäden zu erkennen und die Ursache von Nervenerkrankungen zu identifizieren.
  • Entwicklung neuer Medikamente: Die Messung von Aktionspotentialen kann verwendet werden, um die Wirkung neuer Medikamente auf die Erregbarkeit von Zellen zu testen und ihre Wirksamkeit und Sicherheit zu beurteilen.
  • Überwachung der Herzfunktion: Das EKG ermöglicht es, die elektrische Aktivität des Herzens zu überwachen und verschiedene Herzerkrankungen zu diagnostizieren.

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