Überraschende Erkenntnisse in der Alzheimer-Forschung: Schlafstörungen als Frühwarnzeichen

Die Alzheimer-Krankheit stellt eine der größten medizinischen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit dar. Während die Forschung intensiv nach wirksamen Behandlungsmöglichkeiten sucht, rücken neue Erkenntnisse über die Rolle von Schlafstörungen als frühe Warnzeichen in den Fokus.

Die Alzheimer-Krankheit: Eine wachsende Herausforderung

In Deutschland leben derzeit rund 1,84 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung, wobei Alzheimer die häufigste Form darstellt. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft prognostiziert, dass diese Zahl bis 2050 auf bis zu 2,7 Millionen ansteigen könnte. Diese Entwicklung unterstreicht die dringende Notwendigkeit, die Ursachen der Krankheit besser zu verstehen und neue Therapieansätze zu entwickeln.

REM-Schlaf-Verhaltensstörung als Vorbote von Alzheimer

Eine besonders auffällige Schlafstörung, die sogenannte REM-Schlaf-Verhaltensstörung (RBD), hat sich als potenzielles Warnzeichen für die Entwicklung von Alzheimer und Parkinson erwiesen. Bei RBD-Patienten tritt während der REM-Phase des Schlafs keine normale Muskellähmung auf. Dies führt dazu, dass Betroffene ihre Träume körperlich ausleben, indem sie schlagen, treten oder schreien.

Eine Studie aus Montreal, die 93 Patienten mit RBD über einen Zeitraum von bis zu zwölf Jahren begleitete, zeigte beeindruckende Ergebnisse. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Neurology veröffentlicht und zeigte, dass 26 der 93 Patienten eine neurodegenerative Erkrankung entwickelten. Das 5-Jahres-Risiko lag bei 17,7 Prozent, das 10-Jahres-Risiko bei 40,6 Prozent und das 12-Jahres-Risiko erreichte sogar 52,4 Prozent. Von den erkrankten Patienten entwickelten 14 Parkinson, 7 Lewy-Körper-Demenz, 4 Alzheimer-Demenz und einer eine Multisystematrophie. Interessanterweise erkranken Frauen häufiger an Alzheimer als Männer.

Subtile Veränderungen im Traumschlaf erhöhen das Demenzrisiko

Auch weniger auffällige Veränderungen im Schlaf können eine Rolle spielen. Die Framingham-Studie untersuchte über 300 Menschen über 60 Jahre und verfolgte sie bis zu 19 Jahre lang. Die Ergebnisse, die ebenfalls in der Fachzeitschrift Neurology veröffentlicht wurden, zeigten, dass Menschen, die weniger REM-Schlaf hatten oder bei denen diese wichtige Traumphase später in der Nacht begann, häufiger an Demenz erkrankten. Jedes Prozent weniger REM-Schlaf erhöhte das Demenzrisiko um etwa neun Prozent. Von den 32 Menschen, die später an Demenz erkrankten, hatten 24 Alzheimer.

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Das nächtliche Reinigungssystem des Gehirns

Die Verbindung zwischen Schlafproblemen und Demenz ist kein Zufall. Unser Gehirn verfügt über ein eigenes "Reinigungssystem", das besonders nachts aktiv wird. Während des Schlafs werden schädliche Abfallstoffe, darunter auch die Eiweißklumpen, die bei Alzheimer die Nervenzellen zerstören, aus dem Gehirn gespült.

Der REM-Schlaf wird von bestimmten Bereichen im Hirnstamm gesteuert, die besonders anfällig für die Ablagerung schädlicher Proteine sind. Wenn der REM-Schlaf gestört ist, funktioniert möglicherweise auch die nächtliche "Gehirnwäsche" nicht mehr richtig. Dies kann dazu führen, dass sich schädliche Stoffe ansammeln und Jahre später zu Demenz oder Parkinson führen.

Schlaf und Demenz: Erkenntnisse der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin

Der Zusammenhang von Schlaf und Demenz ist ein aktuelles Thema bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin. PD Dr. med. Helmut Frohnhofen von der Klinik für Geriatrie und Zentrum für Altersmedizin Essen präsentierte auf der Tagung aktuelle Studien, die zeigen, dass Menschen mit Demenz schon in leichten und mittleren Krankheitsstadien spezifische Veränderungen des Schlafes aufweisen. Diese Veränderungen treten bereits sehr früh im Krankheitsverlauf auf, noch bevor eine Demenz erkennbar ist, und gehen mit der Ablagerung von Amyloid im Gehirn einher.

Tierversuche haben gezeigt, dass die Amyloid-Konzentration im Gehirn mit dem Tag-Nacht-Rhythmus schwankt. Bei Schlafentzug oder längerem Schlafmangel zeigten sich verstärkte Amyloid-Ablagerungen, die bei natürlichem, erholsamem Schlaf wieder abgebaut werden. Auch Unterbrechungen des Schlafes gingen mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer Demenz einher.

Früherkennung und Prävention

Es ist wichtig zu betonen, dass nicht jede Schlafstörung automatisch zu Demenz führt. Dennoch können die Forschungsergebnisse bei der Früherkennung helfen. Menschen mit der REM-Schlaf-Verhaltensstörung sollten regelmäßig zum Neurologen gehen, um mögliche Anzeichen von Gehirnerkrankungen früh zu entdecken. Eine frühe Diagnose kann zwar noch nicht heilen, aber sie ermöglicht eine bessere Planung und den rechtzeitigen Beginn von Therapien, die den Krankheitsverlauf verlangsamen können.

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Die Rolle des Neurokinin3-Rezeptors

Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf haben einen Mechanismus im Gehirn entdeckt, der die Gedächtnisleistung im Alter verbessert. Zusätzlich identifizierten die Forscher ein Gen, das eine Vorhersage über mögliche Gedächtnisstörungen im Alter ermöglicht. Die Forschungsergebnisse eröffnen neue Möglichkeiten für die Diagnose und Therapie von Demenzerkrankungen.

Die Forscher fanden heraus, dass der Neurokinin3-Rezeptor im Gehirn die Ausschüttung des Botenstoffes Acetylcholin reguliert. Dieser Botenstoff wird schon seit langem mit der Kontrolle von Aufmerksamkeit und Gedächtnis in Verbindung gebracht. "In unserer Studie haben wir nachgewiesen, dass der Rezeptor die Ausschüttung von Acetylcholin aktiviert und sich dadurch die Gedächtnisleistung verbessert", erklärt Prof. Müller.

Die phylogenetische Komponente der Alzheimer-Krankheit

Die Alzheimer-Krankheit weist eine phylogenetische Komponente auf. Offensichtlich hat es in der jüngeren Evolution der Hominiden Ereignisse gegeben, die zum einen mit einer enormen Leistungszunahme des Gehirns verbunden sind, zum anderen aber im höheren Alter zu einer erhöhten Anfälligkeit gegenüber Neurodegeneration führen. Diese Erkenntnis könnte die Richtung vorgeben, die die Forschung einschlagen sollte.

Herausforderungen und Ausblick

Die Entwicklung von Medikamenten gegen Alzheimer ist aus verschiedenen Gründen eine große Herausforderung. Bisher sind wir noch nicht in der Lage, die molekularen und zellulären Grundlagen komplexer zerebraler Leistungen, die bei Alzheimer typischerweise gestört sind, auch nur annährend zu verstehen. Zudem ist die Alzheimer-Krankheit humanspezifisch, was die Entwicklung von Tiermodellen erschwert.

Trotz dieser Herausforderungen gibt es auch Fortschritte. Fortschritte der Biomarkerforschung und der molekularen Bildgebung lassen Verbesserungen erwarten. Bereits heute gelingt es per PET, Ablagerungen abnormer Eiweiße (β-Amyloid und Tau-Protein) oder den Verlust von Synapsen sichtbar zu machen.

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Ein möglicher heuristischer Zugang zum besseren Verständnis der Erkrankung könnte in der Einbettung in einen breiteren biologischen und pathophysiologischen Kontext liegen. Es erscheint daher sinnvoll, die molekulare Forschung stärker in den biologischen Kontext zellulärer Programme einzubinden.

Wolfgang Müller und die Erinnerung an die Kinderklinik Neuwerk

Dr. Wolfgang Müller, ehemals Ärztlicher Leiter der Kinderklinik Neuwerk, engagiert sich für die Erinnerung an die wichtige und nachhaltige Arbeit der Klinik. Die Kinderklinik Neuwerk war die erste Klinik, die die moderne Leukämiebehandlung bei Kindern durchgeführt hat und das "Rooming-in" von Eltern im Zimmer bei ihren kranken Kindern eingeführt hat.

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