Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Gehirn und das Rückenmark betrifft. Sie ist durch eine Vielzahl von Symptomen und Verläufen gekennzeichnet, was die Diagnose und Behandlung komplex macht. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die MS, basierend auf den Erkenntnissen von Dr. Wolfgang Weihe und anderen Experten, und berücksichtigt verschiedene Perspektiven auf die Krankheit und ihre Behandlung.
Die Vielschichtigkeit der MS
Die MS manifestiert sich auf unterschiedliche Weise, was sich bereits im Namen der Krankheit widerspiegelt: "multiplex" bedeutet vielfältig. "Sklerose" beschreibt die Verhärtung von Gewebe oder Organen durch eine Vermehrung des Bindegewebes. Die Sklerose ist somit keine eigenständige Krankheit, sondern die Folge einer Grunderkrankung. Die Symptome sind vielfältig und reichen von Müdigkeit und Taubheitsgefühlen bis hin zu Sehstörungen und Koordinationsproblemen. Der Verlauf der MS ist ebenfalls sehr unterschiedlich. Einige Patienten erleben nur wenige Schübe mit vollständiger Remission, während andere einen progressiven Verlauf mit zunehmender Behinderung haben.
Der Beginn einer MS-Erkrankung: Eine persönliche Erfahrung
Ein Gespräch in den frühen 90er Jahren auf einem Bahnhof, kurz vor der Einführung von Beta-Interferonen in die MS-Therapie, gab den Anstoß zu diesem Artikel. Dr. Weihe traf eine junge Frau, die trotz ihrer MS-Erkrankung einen gesunden Eindruck machte. Ihre Erfahrungen mit der Diagnose und der Aufklärung darüber waren jedoch erschütternd. Sie berichtete von einem Chefarzt, der sie zunächst mit einer anderen Patientin verwechselte und ihr mitteilte, dass eine Gewebeprobe bösartig sei. Nachdem der Irrtum aufgeklärt war, wurde ihr mitgeteilt, dass im Rückenmarkswasser eindeutige Entzündungszeichen gefunden worden seien und somit die Diagnose MS feststehe. Die junge Frau fühlte sich hilflos und schlecht informiert.
Unterschiedliche Perspektiven auf die MS-Therapie
Die Behandlung der MS ist ein kontroverses Thema. Es gibt im Wesentlichen drei Gruppen von Ratgebern:
- Die Befürworter des pharmakologischen Fortschritts: Sie glauben, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis noch bessere Medikamente gegen die MS gefunden werden.
- Die Verfechter der frühen Diagnose: Sie argumentieren, dass man heute im Kernspintomogramm schon leichte Fälle erkennen kann, die früher unerkannt geblieben wären. Daher sollte man frühzeitig mit der Behandlung beginnen.
- Die Kritiker des Fortschritts: Sie sind misstrauisch gegenüber dem Hype um die MS-Therapie und setzen auf die Eigeninitiative der Patienten. Sie stellen die Frage, wann mit der Behandlung begonnen werden muss und ob man nicht erst einmal abwarten kann.
Viele Patienten haben Bedenken bezüglich der Medikamente, insbesondere wegen der Notwendigkeit, sich selbst Spritzen zu geben, und der möglichen Nebenwirkungen. Frauen dürfen unter der Therapie nicht schwanger werden. Die Entscheidung für oder gegen eine Therapie ist daher sehr individuell und sollte in enger Absprache mit dem behandelnden Arzt getroffen werden.
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Die Bedeutung der individuellen Situation
Eine Neurologin betonte, dass die Umstände, unter denen ein MS-Schub auftritt, eine wichtige Rolle spielen. Schübe in Belastungssituationen sollten anders bewertet werden als Schübe ohne erkennbaren Auslöser. Die Ärztin empfahl, die Lebenssituation zu ändern, anstatt sich Medikamente zu spritzen. Diese Sichtweise wird jedoch von vielen Kollegen als unkonventionell betrachtet.
Die Ursachenforschung: Ein Blick in die Irre
Die Ursache der MS ist bis heute nicht vollständig geklärt. Viele Forscher vermuten eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise das eigene Nervengewebe angreift. Diese Theorie ist jedoch nicht unumstritten. Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Lymphozyten, die bisher als Hauptverursacher der Zerstörung galten, möglicherweise eine schützende Funktion haben. Sollte sich diese Erkenntnis bestätigen, müsste die gesamte bisherige MS-Therapie überdacht werden.
Dr. Weihe vermutet, dass der "Keim der MS" genetisch bedingt ist und durch bestimmte Umweltfaktoren aktiviert wird. Er betont, dass Stress, Industrialisierung und die Überlastung des Gehirns durch ein "Zuviel von allem" eine Rolle spielen könnten.
Die Prognose der MS: Hoffnung trotz Unsicherheit
Früher galt die MS als eine schwer beeinträchtigende Krankheit, die unweigerlich zum Rollstuhl führt. Diese Vorstellung ist jedoch überholt. Dank moderner Diagnose- und Behandlungsmethoden können viele Patienten ein normales Leben führen. Die Pittock-Studie ergab, dass die meisten Patienten mit MS stabil bleiben oder nur eine geringe Progression zeigen. Insbesondere Patienten mit einem milden Verlauf haben eine hohe Wahrscheinlichkeit, stabil zu bleiben.
Die Rolle der Evidenz und der Leitlinien
Dr. Weihe wendet sich gegen die international akzeptierten und von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie herausgegebenen evidenzbasierten Leitlinien zur Behandlung der MS. Er kritisiert, dass die Therapieempfehlungen den Interessen der Industrie dienen würden. Der Ärztliche Beirat der DMSG (Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft) betont jedoch, dass seine Arbeit transparent und unabhängig ist. Die DMSG hat eine Selbstverpflichtungserklärung erstellt, die von allen Mitgliedern des Ärztlichen Beirats unterzeichnet wird.
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Die MSTKG (Multiple-Sklerose-Therapie-Konsensus-Gruppe) empfiehlt eine Frühtherapie mit rekombinanten Beta-Interferonen, jedoch immer in Verbindung mit einer vorherigen Risikoabschätzung. Die Wirksamkeit dieser Medikamente zur Reduktion der Schubrate und Verlangsamung der Progression der Behinderung ist unumstritten. Da bei der MS bereits zu Beginn der Erkrankung Axone zerstört werden, ist es ein international anerkanntes Ziel, durch eine konsequente Frühtherapie die Langzeitbehinderung möglichst gering zu halten.
MS-Zentren spielen eine wichtige Rolle bei der Behandlung der MS. Sie kombinieren traditionelle und innovative Behandlungsansätze und dokumentieren ihre Erfahrungen transparent. Die Dokumentation ist integraler Bestandteil für die Anerkennung eines MS-Zentrums.
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