Der Sehnerv (Nervus opticus) ist ein essenzieller Bestandteil des visuellen Systems und spielt eine entscheidende Rolle für unsere Fähigkeit zu sehen. Er verbindet das Auge mit dem Gehirn und ermöglicht die Umwandlung von Lichtreizen in visuelle Informationen, die wir als Bilder wahrnehmen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Struktur, Funktion, mögliche Erkrankungen und Untersuchungsmethoden des Sehnervs.
Anatomie und Struktur des Sehnervs
Der Sehnerv ist der zweite von zwölf Hirnnerven und wird oft fälschlicherweise als Nerv bezeichnet. Tatsächlich besteht er aus weißer Gehirnsubstanz und ist somit ein Teil des Gehirns selbst. Jeder Mensch besitzt zwei Sehnerven, einen für jedes Auge.
Verlauf des Sehnervs
Der Sehnerv erstreckt sich über eine Länge von etwa vier bis fünf Zentimetern und lässt sich in drei Abschnitte gliedern:
- Intraokularer Teil: Dieser Teil befindet sich innerhalb des Augapfels. Die Nervenfasern der Ganglienzellen der Netzhaut (Retina) bilden den Sehnerv. Diese Fasern verlassen das Auge gebündelt an einer Stelle, die als Papille oder blinder Fleck bezeichnet wird. Hier treten auch die Netzhautgefäße ein und aus, was zu einer fehlenden Lichtempfindlichkeit an dieser Stelle führt.
- Orbitaler Teil: Nach dem Austritt aus dem Augapfel verläuft der Sehnerv durch die knöcherne Augenhöhle (Orbita). Hier legt er eine Strecke von etwa 3 bis 4 cm zurück und weist eine S-förmige Krümmung auf, die dem Augapfel ausreichend Bewegungsfreiheit ermöglicht.
- Intrakranieller Teil: Beim Verlassen der Augenhöhle tritt der Sehnerv durch den Canalis opticus (Sehnervenkanal) in den Schädel ein und verläuft bis zur Sehnervenkreuzung (Chiasma opticum).
Sehnervenkreuzung (Chiasma Opticum)
Vor der Hypophyse in der Schädelhöhle vereinigen sich die Sehnerven beider Augen an der Sehnervenkreuzung (Chiasma opticum). Hier kreuzen sich die Nervenfasern, die von den nasalen (mittleren) Hälften der Netzhaut stammen, während die Fasern von den temporalen (äußeren) Hälften ungekreuzt bleiben. Dadurch gelangen Informationen von beiden Augen in beide Gehirnhälften, was für das räumliche Sehen unerlässlich ist. Nach der Kreuzung werden die Nervenfasern als Sehstrang oder Sehtrakt (Tractus opticus) bezeichnet.
Weitere Stationen
Die Fasern des Tractus opticus ziehen zum Corpus geniculatum laterale (CGL), einer Struktur im Thalamus. Das CGL dient als Umschaltstation zwischen der Netzhaut und dem primären visuellen Cortex im Gehirn. Knapp 90 Prozent aller Axone der Sehnerven enden im CGL. Von dort aus werden die visuellen Informationen zur Sehrinde im Okzipitallappen des Gehirns weitergeleitet, wo die eigentliche Bildverarbeitung stattfindet.
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Umhüllung und Versorgung
Der Sehnerv ist über seine gesamte Länge von den Hirnhäuten (Dura mater und Pia mater) und der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor) umgeben. Die arterielle Blutversorgung erfolgt hauptsächlich durch die Arteria centralis retinae, die in der Nähe des Augapfels in den Sehnerv eintritt und bis zur Sehnervenpapille verläuft.
Funktion des Sehnervs
Die Hauptfunktion des Sehnervs besteht darin, visuelle Reize in Form von Lichtimpulsen von der Netzhaut zum Sehzentrum in der Großhirnrinde zu transportieren.
Vom Licht zum Bild
- Lichteinfall: Lichtstrahlen gelangen durch die Hornhaut und die Linse ins Auge und werden auf der Netzhaut gebündelt.
- Rezeptoraktivierung: Die Netzhaut enthält Millionen von Photorezeptoren (Stäbchen und Zapfen), die Licht in elektrische Signale umwandeln.
- Signalübertragung: Diese elektrischen Signale werden von den Ganglienzellen der Netzhaut aufgenommen und über die Nervenfasern des Sehnervs weitergeleitet.
- Kreuzung und Weiterleitung: An der Sehnervenkreuzung werden die Signale teilweise gekreuzt und dann über den Tractus opticus zum Corpus geniculatum laterale (CGL) im Thalamus geleitet.
- Verarbeitung im Gehirn: Vom CGL aus gelangen die Signale zum primären visuellen Cortex im Okzipitallappen, wo sie zu einem räumlichen Bild verarbeitet werden.
Pupillenreflex
Ein Teil der Fasern des Tractus opticus ist auch am Pupillenreflex beteiligt. Bei starkem Lichteinfall verengen sich beide Pupillen, um die Netzhaut vor Überbelichtung zu schützen. Dieser Reflex wird über den Sehnerv und das Gehirn gesteuert.
Erkrankungen des Sehnervs
Schädigungen des Sehnervs können zu vielfältigen Sehstörungen führen, die von leichten Einschränkungen bis hin zur Erblindung reichen.
Häufige Erkrankungen
- Glaukom (Grüner Star): Eine der häufigsten Ursachen für Sehnervschäden ist das Glaukom. Dabei führt ein erhöhter Augeninnendruck zu einer Schädigung der Nervenfasern im Sehnerv. Unbehandelt kann das Glaukom zur Erblindung führen.
- Optikusneuritis (Sehnervenentzündung): Eine Entzündung des Sehnervs kann durch Infektionen, Autoimmunerkrankungen (z.B. Multiple Sklerose) oder andere Ursachen ausgelöst werden. Typische Symptome sind Sehminderung, Schmerzen bei Augenbewegungen und Gesichtsfeldausfälle.
- Optikusatrophie: Bei der Optikusatrophie kommt es zum Verlust von Nervenfasern im Sehnerv. Dies kann die Folge verschiedener Erkrankungen, Verletzungen, Entzündungen oder toxischer Einflüsse sein.
- Diabetische Retinopathie: Bei Patienten mit Diabetes können langfristig erhöhte Blutzuckerwerte die kleinen Blutgefäße in der Netzhaut schädigen, was zu einer verminderten Durchblutung des Sehnervs und der Netzhaut führen kann.
- Stauungspapille: Ein erhöhter Hirndruck kann zu einer Stauungspapille führen, einem Ödem im Bereich der Einmündung des Sehnervs in die Netzhaut. Dies kann die Nervenfasern schädigen und zu Sehstörungen führen.
- Gefäßverschlüsse: Verschlüsse von Blutgefäßen, die den Sehnerv versorgen, können zu einer Minderversorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen führen. Dies kann zum Absterben von Nervenzellen und zu Sehverlusten führen.
- Tumore: Tumore im Bereich des Auges oder des Gehirns können Druck auf den Sehnerv ausüben und dessen Funktion beeinträchtigen.
Symptome von Sehnervschäden
Die Symptome einer Sehnervschädigung können vielfältig sein und hängen von der Art und dem Ausmaß der Schädigung ab. Mögliche Symptome sind:
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- Sehstörungen: Verschwommenes Sehen, Doppeltsehen, Gesichtsfeldausfälle, Farbsehstörungen
- Schmerzen im Auge: Insbesondere bei Entzündungen des Sehnervs (Optikusneuritis)
- Müdigkeit der Augen: Durch die Anstrengung, die das Auge aufbringen muss, um visuelle Reize zu verarbeiten
- Kopfschmerzen: In einigen Fällen
- Erblindung: Im schlimmsten Fall
Untersuchung des Sehnervs
Die Untersuchung des Sehnervs ist ein wichtiger Bestandteil der augenärztlichen Diagnostik. Verschiedene Methoden stehen zur Verfügung, um den Zustand des Sehnervs zu beurteilen und mögliche Erkrankungen frühzeitig zu erkennen.
Methoden zur Untersuchung
- Ophthalmoskopie (Augenspiegelung): Bei der Ophthalmoskopie wird die Pupille erweitert, um eine klare Sicht auf den Sehnervenkopf (Papille) zu ermöglichen. Der Arzt kann so Veränderungen der Papille, wie z.B. Schwellungen, Blutungen oder Farbveränderungen, erkennen.
- Perimetrie (Gesichtsfeldmessung): Die Perimetrie dient der Überprüfung des Gesichtsfeldes. Dabei wird untersucht, wie weit ein Patient in verschiedene Richtungen sehen kann. Gesichtsfeldausfälle können auf Schädigungen des Sehnervs oder anderer Teile der Sehbahn hinweisen.
- Optische Kohärenztomographie (OCT): Die OCT ist ein bildgebendes Verfahren, das hochauflösende Querschnittsbilder des Sehnervenkopfes und der Netzhaut liefert. Sie ermöglicht eine präzise Beurteilung der Nervenfaserschichtdicke und kann Veränderungen im Frühstadium erkennen, bevor sie sich in Gesichtsfelddefekten äußern.
- Bestimmung des Augeninnendrucks: Die Messung des Augeninnendrucks ist wichtig zur Erkennung eines Glaukoms.
- Visuell evozierte Potentiale (VEP): VEP messen die elektrische Aktivität des Gehirns als Reaktion auf visuelle Reize. Sie können Hinweise auf Störungen der Sehnervenleitung geben.
- Farbsehtest: Ein Farbsehtest untersucht die Fähigkeit, Farben richtig zu erkennen. Störungen des Farbsehens können auf eine Schädigung des Sehnervs hindeuten.
- Bildgebende Verfahren: In einigen Fällen können bildgebende Verfahren wie die Computertomographie (CT) oder die Magnetresonanztomographie (MRT) erforderlich sein, um den Sehnerv und seine Umgebung genauer darzustellen.
Wann ist eine Sehnerv-Untersuchung sinnvoll?
Eine Sehnerv-Untersuchung ist besonders wichtig bei:
- Verdacht auf Glaukom: Insbesondere bei familiärer Vorbelastung
- Diabetes und Hypertonie: Da diese Erkrankungen die Blutgefäße schädigen können
- Sehstörungen: Unklare Sehminderung, Gesichtsfeldausfälle, Doppeltsehen
- Entzündungen im Auge: Z.B. bei Verdacht auf Optikusneuritis
- Neurologischen Erkrankungen: Z.B. Multiple Sklerose
Therapie von Sehnervschäden
Die Behandlung von Sehnervschäden richtet sich nach der Ursache der Schädigung. Ziel ist es, die Ursache zu behandeln, den Sehnerv zu schützen und das verbleibende Sehvermögen zu erhalten.
Therapiemöglichkeiten
- Glaukomtherapie: Die Behandlung des Glaukoms zielt darauf ab, den Augeninnendruck zu senken. Dies kann durch Augentropfen, Laserbehandlungen oder Operationen erreicht werden.
- Behandlung der Optikusneuritis: Eine Entzündung des Sehnervs wird in der Regel mit Kortikosteroiden behandelt, um die Entzündung zu reduzieren und die Sehkraft wiederherzustellen.
- Behandlung der diabetischen Retinopathie: Eine gute Blutzuckereinstellung ist entscheidend, um das Fortschreiten der diabetischen Retinopathie zu verlangsamen. In einigen Fällen können Laserbehandlungen oder Operationen erforderlich sein.
- Behandlung von Gefäßverschlüssen: Bei Gefäßverschlüssen im Bereich des Sehnervs ist eine schnelle Behandlung erforderlich, um das Absterben von Nervenzellen zu verhindern.
- Chirurgische Eingriffe: Tumore, die auf den Sehnerv drücken, können operativ entfernt werden.
Kann sich der Sehnerv regenerieren?
Leider ist eine Regeneration des Sehnervs nach einer Schädigung in der Regel nicht möglich, da sich die Nervenzellen nicht neu bilden können. Daher ist es von großer Bedeutung, mögliche Erkrankungen des Sehnervs frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, um irreversible Schäden zu vermeiden.
Rehabilitation
Bei Patienten mit einem restlichen Sehvermögen kann versucht werden, die verbleibenden Funktionen zu verbessern.
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Vorsorge und Früherkennung
Da Sehnervschäden oft unbemerkt beginnen, sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen beim Augenarzt von großer Bedeutung. Insbesondere Menschen mit einem erhöhten Risiko (z.B. familiäre Vorbelastung für Glaukom, Diabetes, Hypertonie) sollten regelmäßig ihren Augeninnendruck messen lassen und ihren Sehnerv untersuchen lassen.