Zahnprothesen und Demenz: Herausforderungen und Lösungsansätze

Die alternde Gesellschaft stellt die Zahnmedizin vor neue Herausforderungen, insbesondere bei der Versorgung von Patienten mit Demenz. Die Mundgesundheit steht in engem Zusammenhang mit der allgemeinen Gesundheit, und Zahnverlust kann das Risiko für Demenzerkrankungen erhöhen. Dieser Artikel beleuchtet die besonderen Probleme bei der prothetischen Versorgung von Demenzpatienten und zeigt Lösungsansätze auf, um ihre Lebensqualität zu verbessern.

Einführung

Die Prävalenz von Demenzerkrankungen nimmt in alternden Gesellschaften stetig zu. Zahnlose Menschen haben ein höheres Risiko für Demenz, was der zahnärztlichen Prophylaxe eine neue Dimension verleiht. Eine adäquate zahnmedizinische Versorgung älterer Patienten sicherzustellen, ist daher von großer Bedeutung.

Der Zusammenhang zwischen Zahngesundheit und Demenz

Prof. Feine wies auf einen alarmierenden Zusammenhang zwischen Zahnstatus und Demenzerkrankungen hin: „Mit jedem Zahn, der gezogen wird, mit jeder Pulpa, die verloren geht, erhöht sich das Risiko für Demenzerkrankungen.“ Gründe dafür sind nicht nur die mit der schlechteren Kauleistung einhergehende Mangelernährung, auch die Mastikation an sich scheint mit kognitiven Leistungen zu korrelieren.

Schlechte Mundhygiene kann auch ein Risikofaktor für Aspirationspneumonie sein. Wo Plaque und Candidose gedeihen, sind auch Keime im Speichel. Durch Verschlucken können Speichel und damit Pathogene in die Lunge geraten und dort zu Lungenentzündungen führen.

Herausforderungen bei der prothetischen Versorgung von Demenzpatienten

Die zahnärztliche Behandlung wird mit fortschreitender Demenz der Patienten immer schwieriger. Angst kann nicht mehr durch kognitive Prozesse unterdrückt werden, sodass sie vor der Zahnbehandlung und dem Schmerz nicht kontrollierbar ist. Zusätzlich müssen sich die an Demenz erkrankten Patienten häufig an eine neue Zahnärztin oder Zahnarzt gewöhnen, da entweder der jahrelange Hauszahnarzt sich im Ruhestand befindet oder keine aufsuchende Betreuung stattfindet. Da Demenzkranke Alltagssituationen nicht mehr richtig einschätzen können, ist es ratsam, sich den Menschen im fortgeschrittenen Stadium der Demenz äußerst behutsam zu nähern und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Eine Annäherung wird erschwert, wenn sich die Patienten an eine vorherige Kontaktaufnahme nicht mehr erinnern können, obwohl diese vielleicht erst vor Kurzem stattgefunden hat.

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Die zahnärztliche Behandlung beschränkt sich zunehmend auf Prophylaxemaßnahmen, Schmerzbeseitigung und gegebenenfalls auf Reparaturen von vorhandenem Zahnersatz. Die Adaptationsfähigkeit an einen neuen Zahnersatz ist meist nicht mehr vorhanden. Eventuell sind Duplikatprothesen möglich. Nicht selten kann ein(e) an Demenz erkrankte(r) Patient(in) die Prothese nicht mehr dem korrekten Kiefer zuordnen, sodass beispielsweise versucht wird, die Oberkieferprothese im Unterkiefer einzugliedern. Häufig können sich die Demenzkranken im letzten Stadium der Demenz ihren Zahnersatz gar nicht mehr oder nur noch manchmal selbst eingliedern. Die Erkennung von zahnmedizinischen Schmerzen wird aufgrund der Polypharmazie erschwert. Starke Schmerzmittel, z.B. aufgrund von rheumatischen Erkrankungen, erschweren neben der problematischen Kommunikation die Befunderhebung und die Diagnose zusätzlich.

Mögliche Probleme mit Zahnprothesen

Schleimhautgetragene Totalprothesen sind mit vielen Beschwerden verbunden (schlechter Sitz, Schleimhautreizungen, Schwierigkeiten beim Kauen und Sprechen), Folgen sind neben gesundheitlichen Einschränkungen auch der soziale Rückzug.

Mit zunehmender Demenz sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein herausnehmbarer Zahnersatz getragen wird, auf ungefähr ein Drittel, da das Einsetzen ein kognitiver Prozess ist. Nicht selten können sich die Demenzkranken im letzten Stadium der Demenz ihren Zahnersatz gar nicht mehr oder nur noch manchmal selbst eingliedern.

Trägt die pflegebedürftige Person eine Prothese, sollte der richtige Sitz regelmäßig kontrolliert werden. Wenn Druckstellen auf dem Kiefer sichtbar werden oder der Betroffene Schmerzen beim Kauen hat, kann das am falschen Sitz der Prothese liegen.

Lösungsansätze für die prothetische Versorgung

Minimalinvasive Maßnahmen

Vor implantologischen Maßnahmen schrecken viele ältere Menschen zurück: Da sie schon diverse Beschwerden haben, fürchten sie weitere Schmerzen und Einschränkungen. Dabei könnten minimal-invasive Maßnahmen mit ein bis zwei Implantaten oder Mini-Implantaten die Lebensqualität enorm verbessern. Je gebrechlicher der Patient sei, umso simpler sollte die Behandlung sein: „Less is more“.

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Mundhygiene

Die häusliche Mundhygiene hat enorme Bedeutung: „Eine Zahnbürste kann quasi Leben retten“, so Müller - kurzfristig in Hinsicht auf die Plaquebeherrschung und Mundgesundheit, langfristig auf den Zahnerhalt. Es ist notwendig, den Demenzkranken selbst, das Pflegepersonal und die Bezugspersonen zur Durchführung von Mundhygienemaßnahmen bei dem Demenzkranken anzuleiten. Zusätzlich ist die regelmäßige professionelle Mundhygiene mit Prothesen- und Zungenreinigung zu empfehlen. Nicht nur die Kaufähigkeit wird dadurch erhalten, sondern es wird auch dem Entstehen von Pneumonien vorgebeugt.

Unterstützung der Selbstständigkeit

Menschen mit Demenz möglichst lange bei der selbstständigen Mundhygiene zu unterstützen ist wichtig: „Eine gut zu greifende Zahnbürste, eine sanfte Anleitung und ein Mundspülbecher mit Nasenausschnitt können sehr hilfreich sein. Günstig ist eine weiche oder mittelharte Zahnbürste mit einem kurzen Kopf. Auch Prothesen müssen regelmäßig gereinigt werden.

Kommunikation und Vertrauensaufbau

Da Demenzkranke Alltagssituationen nicht mehr richtig einschätzen können, ist es ratsam, sich den Menschen im fortgeschrittenen Stadium der Demenz äußerst behutsam zu nähern und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Die Ursache merkwürdigen Verhaltens zu kennen, lässt adäquate Reaktionen zu. Unpassende Reaktionen auf das Verhalten von Demenzkranken führen nicht nur zu Ärger und Behandlungsblockaden und schaden dem demenzkranken Patienten, sondern mindern auch die Behandlungscompliance und verzögern die Behandlung.

Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse

Es ist verständlich, dass man älteren Patienten den Wunsch nach einer Implantatversorgung nicht verwehren sollte unter dem durchaus realistischen Vorwand, dass diese in wenigen Jahren ohnehin pflegebedürftig und höchstwahrscheinlich durch ihre Demenz nicht mehr autonom sein werden. Eine vorausschauende implantatprothetische Planung, die einen problemlosen späteren Umbau einer festsitzenden in eine abnehmbare Prothese ermöglicht, sollte beachtet werden, um das Risiko einer Periimplantitis zu minimieren.

Umgang mit herausforderndem Verhalten

Besonders relevant ist das rechtzeitige Erkennen von Ärger, um herausforderndes Verhalten, das manchmal mit Gewalt verbunden ist, zu vermeiden. Die unterschiedlichsten Situationen, die für einen demenzkranken Menschen unliebsam sind, können zu Ärger führen. Das kann das Gefühl sein, eingesperrt zu sein, der besetzte Lieblingsplatz im Wartezimmer oder auch laute Musik. Das unerwünschte oder störende Verhalten eines Mitmenschen kann ebenfalls zu Ärger führen.

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Präventive Maßnahmen

Präventive Maßnahmen, um Demenzerkrankungen zu vermeiden, sind eine ausgewogene und kauaktive Ernährung (Vermeidung von Zucker und Transfetten), geistige, körperliche und soziale Aktivitäten, produktive Tätigkeiten sowie die Berücksichtigung und Wahrung körperlicher Rahmenbedingungen (z.B. Übergewicht vermeiden, Bluthochdruck behandeln lassen).

Die Rolle der Implantologie

Es wird dabei angeführt, dass ein hohes Alter keine Kontraindikation für eine Implantation darstellt, jedoch sollten kognitive und physische Einschränkungen wie auch Familienangehörige und gegebenenfalls Pflegekräfte in die prothetische Planung miteinbezogen werden. Miniimplantate oder Implantate als Pfeilervermehrung für bestehende Prothesen rücken beim geriatrischen Patienten in den Vordergrund. Abhängige ältere Menschen können von Implan­taten profitieren, vorausgesetzt, dass eine adäquate Mundpflege und Nachsorge bereitgestellt wird.

Wichtige Aspekte bei Implantaten

Implantatkonstruktionen sollten putzbar und umbaufähig gestaltet werden. Die beste „Therapie“ für die Periimplantitis liegt nach wie vor in der Prävention, daher sollte bei älteren Patienten die Maintenance bzw. der Recall restriktiv eingehalten werden.

Rechtliche Aspekte

Die Zahnärztin bzw. der Zahnarzt muss prüfen, ob die/der demenzkranke Patient(in) noch in die Behandlung einwilligen kann. Bestehen noch Phasen der Rechtsfähigkeit? Wer ist eventuell der eingesetzte Vormund oder rechtliche Betreuer? Muss ein betreuungsrechtliches Verfahren bei der geplanten Behandlung beim Amtsgericht über den rechtlichen Betreuer eingeleitet werden (ggf. mit zahnärztlichem und/oder psychiatrischem Gutachten)?

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