Epilepsie ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der allein in Deutschland etwa eine halbe Million Menschen betroffen sind. Die Prävalenz und Inzidenz der Erkrankung sind im höheren Alter höher als in jungen Jahren. Gleichzeitig sind im fortgeschrittenen Lebensalter diagnostische und therapeutische Unterschiede zu beachten. Die Relevanz der Kenntnis um diese Unterschiede nimmt mit der Bevölkerungsentwicklung und dem Trend alternder Gesellschaften weiter zu.
Epidemiologie der Epilepsie
Epidemiologie ist die Lehre von der Verteilung, den Ursachen und den Folgen von Erkrankungen und (gesundheitsbezogenen) Zuständen in der Bevölkerung. Anders als die klinische Medizin hat sie nicht die optimale Behandlung einzelner Patienten zum Ziel, sondern die Erforschung der Grundgesamtheit unterschiedlicher Populationen. Dadurch trägt sie zu einem umfassenderen Verständnis von Erkrankungen bei.
Um die Vergleichbarkeit epidemiologischer Kennzahlen zu ermöglichen, ist eine einheitliche Definition der Epilepsie erforderlich. Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) hat eine konzeptionelle Definition verfasst, der zufolge eine Epilepsie durch eine anhaltende Prädisposition für das Auftreten epileptischer Anfälle und deren neurobiologische, kognitive, psychologische und soziale Folgen charakterisiert ist und mindestens einen Anfall voraussetzt. Sie ermöglicht v. a. die klinische Diagnosestellung. Im Kontext epidemiologischer Studien ist eine Operationalisierung der Definition nötig. Hier wird auch weiterhin die Anwendung der konservativeren, zuvor gültigen und in der Praxis etablierten Definition von mindestens 2 epileptischen Anfällen im zeitlichen Abstand von über 24 h empfohlen. Die Vorteile dieser Empfehlung liegen in der oft einfacheren und einheitlicheren Beurteilung v. a. für Fälle, in denen die Rekurrenz der einzige verfügbare Hinweis auf eine anhaltende Prädisposition ist, und in der Vergleichbarkeit über die vergangenen Jahrzehnte. Im Hinblick auf die Altersepilepsie (mit einem höheren Anteil symptomatischer Epilepsien) ist die Miteinbeziehung bildgebender und elektrographischer Befunde sinnvoll.
Epilepsien im höheren Lebensalter umfassen sowohl neu aufgetretene als auch bis ins höhere Lebensalter persistierende Epilepsien. Unter dem Begriff „Altersepilepsie“ werden alle ab dem 65. Lebensjahr (LJ) an neu auftretenden Epilepsien zusammengefasst. Diese Unterscheidung ist in vielfacher Hinsicht sinnvoll, da De-novo-Epilepsien des höheren Lebensalters häufig andere Ursachen zugrunde liegen als Epilepsien der Kindheit, Jugend oder des Erwachsenenalters.
Prävalenz und Inzidenz: Ein Überblick
Die Prävalenz beschreibt die Verteilung eines Ereignisses oder einer Eigenschaft in der Grundgesamtheit einer räumlichen oder zeitlich definierten Population. Da sie einen Ist-Zustand abbildet, ist sie weder für die Beurteilung der Ätiologie noch der Prognose dienlich. Die Anzahl der Studien zur Prävalenz der Epilepsien übersteigt die Anzahl der Inzidenzstudien deutlich, was v. a. an ihrem geringeren Aufwand und Kosten liegt.
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Die Punktprävalenz der aktiven Epilepsien liegt bei ca. 6,4/1000 (95 % CI 5,6-7,3) und unterscheidet sich nach Herkunftsland, Alter und Geschlecht mitunter erheblich. In einer Übersichtsarbeit europäischer Studien lag die Prävalenz aller Altersgruppen zwischen 3,3 und 7,8/1000 Einwohner. Bei einem Anteil von 0,6 % der Bevölkerung (6/1000) leiden in Deutschland etwa 500.000 Menschen (von 83 Mio., Stand 2021) an einer Epilepsie. In der EPIDEG-Studie (EPIDemiology of Epilepsies in Germany) wurde 1995 erstmalig an einer repräsentativen, bundesweiten Stichprobe die Prävalenz behandelter Patienten mit Epilepsie in Deutschland erhoben und 2010 in der zweiten Studie erneut erfasst. In diesem Zeitraum stieg die Prävalenz von 4,7 auf 5,5/1000, vergleichbar mit der Prävalenz in anderen europäischen Ländern und früheren Studien in Deutschland. In Europa lag die Prävalenz bei Erwachsenen zwischen 20 und 64 Jahren bei etwa 5,3 bis 6,3/1000 (1,9 Mio.) und im Vergleich dazu bei Kindern und Jugendlichen im Bereich von 3,2 bis 5,1/1000 (0,9 Mio.). Bei älteren Menschen gehen die Angaben zur Prävalenz weiter auseinander (3,0 bis 7,6/1000; 0,6 Mio. bei den über 65-Jährigen).
Eine weitere Studie konnte mithilfe von Rezeptdaten in Deutschland 2009 eine Periodenprävalenz von 9,1/1000 für Medikamentenverordnungen aufgrund einer Epilepsie feststellen. Bei älteren Menschen (≥ 65. LJ) war sie mit 12,5/1000 deutlich höher als bei Kindern und Jugendlichen (< 18. LJ, 5,2/1000) und höher als bei Erwachsenen (8,9/1000). Als Grund für die in einigen Studien niedrigere Prävalenz im höheren Lebensalter sind eine unvollständige Identifizierung von Menschen mit aktiver Epilepsie und damit eine Unterschätzung in dieser Altersgruppe anzunehmen. In 4 Seniorenheimen im Raum Erlangen war bei 2,8 % von 389 befragten Bewohnern im Alter von 82,5 Jahren (66 bis 105 Jahre) eine Epilepsie festzustellen, die vor Beginn der Studie lediglich bei 1,8 % diagnostiziert war. Zudem leben 30 % aller über 60-Jährigen in Deutschland alleine, bis 2040 werden es 33 % sein. Mit 80 Jahren lebt die Hälfte der Frauen (56 %) und 22 % der Männer leben alleine. Daher ist anzunehmen, dass Anfälle bei älteren Menschen häufig unbeobachtet bleiben.
Die Inzidenz beschreibt die relative Häufigkeit für das Auftreten einer Erkrankung oder eines Merkmals in einer Population in einem definierten Zeitraum. In einer Metaanalyse von 48 Inzidenzstudien war die jährliche kumulative Inzidenz 67,8/100.000/Jahr. Die Inzidenzrate, also der Anteil der neu erkrankten Personen, lag im Mittel bei 61,4/100.000 Personenjahre. Beide Kennzahlen unterscheiden sich je nach untersuchtem Ereignis und den Eigenschaften der Stichprobe mitunter erheblich. Wichtige Einflussgrößen sind v. a. Alter, Geschlecht und Herkunftsland.
Der U-förmige Verlauf der Inzidenz
Epilepsie ist eine Erkrankung aller Altersgruppen. Ihre Inzidenz zeigt jedoch einen U‑förmigen Verlauf mit den höchsten Inzidenzraten bei den jüngsten und ältesten Betroffenen. Bis Anfang der 1980er-Jahre galt Epilepsie v. a. als eine Erkrankung des Kindesalters. Die Verschiebung der höchsten Inzidenz ins höhere Lebensalter ist ein Resultat der besseren medizinischen Versorgung (Vermeidung perinataler Komplikationen) und der zunehmenden Lebenserwartung (s. unten). In einer prospektiven Studie zwischen 1984 und 1987 waren 25 % der Patienten mit neu aufgetretener Epilepsie jünger als 15 Jahre. Bei Kindern schwankt die Inzidenz mit rund 80 bis 130/100.000/Jahr mit der höchsten Rate im ersten LJ. Nach dem 1. bis zum 9. LJ liegt die Inzidenz bei etwa 50 bis 60/100.000/Jahr und sinkt dann bis zum 17. LJ auf das erwachsene Niveau mit knapp 20 bis 40/100.000/Jahr ab. Hier bleibt sie zwischen dem 20. und 65. LJ stabil (ca. 30/100.000/Jahr oder weniger).
Grund für diesen zweiten Erkrankungsgipfel sind v. a. die mit dem Alter zunehmende Häufigkeit zerebrovaskulärer Erkrankungen (40 %), der mit Abstand häufigsten Ursache für Anfälle in dieser Altersgruppe, sowie toxisch-metabolischer Prozesse, neurodegenerativer Erkrankungen, Tumoren und Schädel-Hirn-Traumata. Die höhere Lebenserwartung führt dadurch zwangsläufig zu einem Anwachsen der Risikopopulation und das trotz einer wahrscheinlichen Unterdiagnose im höheren Lebensalter.
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Demografischer Wandel und seine Auswirkungen
Von 1991 bis 2019 registrierte das Bundesamt für Statistik eine Zunahme der über 65-Jährigen von 12 auf 18 Mio. Das entspricht einem Anstieg von 50 % in etwas weniger als 30 Jahren. Aufgrund rückläufiger Geburtenzahlen nahm der Anteil dieser Altersgruppe an der Gesamtbevölkerung im gleichen Zeitraum von 15 % auf 22 % zu. Bis 2060 werden es der 14. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung (06/2019) zufolge rund 30 % sein. Unter Berücksichtigung unterschiedlicher Annahmen zu Geburtenhäufigkeit, Lebenserwartung und Bevölkerungswanderungen entspricht das einer mittleren Zunahme der über 65-Jährigen auf 22 bis 24 Mio. bis zum Jahr 2060. Mittelfristig werden es ca. 20 Mio. bis 2035 sein.
Insgesamt zeigt die Mehrheit der Studien eine etwas höhere Inzidenzrate für Epilepsien bei Männern. Der Unterschied wird meist durch die höhere Inzidenz von Schlaganfällen, Traumata und der unterschiedlichen Prävalenz der häufigsten Risikofaktoren zwischen Männern und Frauen erklärt, und das, obwohl der Frauenanteil ab 65 Jahren 2019 mit 10,2 Mio. bei 56 % lag (vgl. Männer 7,9 Mio., 44 %). Das entspricht einem relativen Rückgang von rund 10 % im Vergleich zu den 1990er-Jahren, in denen der Anteil der Männer ab 65 Jahren als Folge der Weltkriege rund ein Drittel der Altersgruppe ausmachte (1991: Frauen 7,9 Mio. [66 %]; Männer 4,1 Mio. [33 %]). In der Untergruppe der Hochbetagten (ab 85 Jahren) besteht dieses Verhältnis ebenfalls.
Regionale Unterschiede
Eine Metaanalyse von 33 Studien unterschiedlicher Herkunftsländer berichtete in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen („low- and middle-income countries“ [LMIC]) eine deutlich höhere Inzidenz (ca. 82/100.000/Jahr) als in Ländern mit hohem Einkommen (45/100.000/Jahr; „high-income countries“ [HIC]). Die Ursache dafür ist vermutlich multifaktoriell. Diskutiert werden die höhere Inzidenz von Schädel-Hirn-Traumata, Infektionen und parasitären Erkrankungen (z. B. Malaria oder Neurozystizerkose) in ressourcenschwachen Regionen. Der zweite Altersgipfel konnte für Entwicklungsländer bislang nicht bestätigt werden.
Akut symptomatische Anfälle
Akut symptomatische Anfälle sind besonders im ersten Lebensjahr und im höheren Lebensalter häufig. Die Inzidenz eines akut symptomatischen Anfalls liegt im Median bei ca. 30-40/100.000/Jahr. Sie nimmt mit dem Alter zu und ist für Männer (52,0/100.000 PJ) höher als für Frauen (29,5/100.000 PJ). Die häufigsten Ursachen akut symptomatischer Anfälle sind Schädel-Hirn-Traumata, zerebrovaskuläre und metabolische Erkrankungen, Fieber und Infektionen. Das relative Risiko epileptischer Anfälle nach Schädel-Hirn-Traumata ist für milde Traumata jenseits des 65. LJ höher als in jüngeren Jahren (RR 2,5 vs. RR 1,8 < 65. LJ), nicht aber für schwere Traumata (RR 10,7 < 65. LJ vs. RR 4,6 > 65. LJ).
Erkrankungen des höheren Lebensalters sind nicht selten mit einem erhöhten Risiko für unprovozierte epileptische Anfälle assoziiert. Schlaganfälle, Parkinson-Krankheit, Alzheimer und andere Demenzformen gehen mit einem erhöhten Risiko unprovozierter Anfälle einher. Als gemeinsame Ursache symptomatischer Epilepsien und dieser zerebrovaskulären und neurodegenerativen Erkrankungen werden beispielsweise zelluläre Schädigungen und oxidativer Stress diskutiert.
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Mortalität bei Epilepsie
Die Mortalität bei Epilepsie ist um den Faktor 2 bis 3 erhöht. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung haben Menschen mit Epilepsie ein erhöhtes Risiko für eine vorzeitige Mortalität. Die standardisierte Mortalitätsrate (SMR), ein Inzidenzverhältnis zwischen beobachteter und erwarteter Mortalität, liegt für Epilepsie im Mittel bei 1,6 bis 3,6 und ist für alle Altersgruppen erhöht. Sie ist abhängig von der zugrunde liegenden Erkrankung und v. a. bei konvulsiven Anfällen und fehlender Anfallsfreiheit erhöht. Jenseits des 64. LJ werden geringere SMR berichtet (1,4 bis 2,6) als bei den unter 45-Jährigen (6,4 bis 8,5), wobei die Zunahme konkurrierender Todesursachen im höheren Alter als Ursache diskutiert wird. Häufige Todesursachen bei älteren Menschen sind v. a. Pneumonien (SMR 3,5 bis 7,2; mittleres Alter 81,3 Jahre), Neoplasien und zerebrovaskuläre Erkrankungen. Todesfälle als unmittelbare Folge einer Epilepsie oder von Anfällen sind in 17 % der plötzliche unerwartete Tod bei Epilepsie (engl.
Ursachen epileptischer Anfälle
Die Ursachen für Epilepsie sind vielfältig und können je nach Altersgruppe variieren.
Gelegenheitsanfälle vs. Epilepsie
Es ist wichtig, zwischen Gelegenheitsanfällen (akut symptomatischen Anfällen) und Epilepsie zu unterscheiden. Etwa 10 % aller Menschen erleiden in ihrem Leben einen Krampfanfall, ohne jemals tatsächlich an Epilepsie zu erkranken. Gelegenheitsanfälle treten im Rahmen von akuten Erkrankungen des Gehirns (z. B. Hirnabszess), schweren Kopfverletzungen, Sauerstoffmangel oder der Einnahme einer Überdosis von Medikamenten auf. Sie haben einen direkt zu identifizierenden Auslöser, wie z. B. Alkoholgenuss, Drogen, bestimmte Medikamente, Schlafmangel oder auch Fieber (siehe Absatz Fieberkrampf).
Von einer Epilepsie oder einem Anfallsleiden spricht man dagegen erst, wenn die Anfälle spontan, das heißt ohne einen erkennbaren Auslösefaktor und in bestimmten Abständen bzw. bestimmter Häufigkeit auftreten. Epilepsien liegen unbekannte oder chronische Ursachen zugrunde, weshalb meistens die Einnahme von Anfallssuppressiva erforderlich ist, um eine Anfallskontrolle oder Anfallsfreiheit zu erreichen.
Fieberkrämpfe
Ein weiteres Beispiel für einen Gelegenheitsanfall ist der Fieberkrampf, dessen Auslöser ein fieberhafter Infekt ist. 2-5 % aller Kinder erleiden mindestens einmal einen Fieberkrampf. Nur in seltenen Fällen liegt dem Fieberkrampf eine lebensbedrohliche Erkrankung zugrunde, wie z. B. eine Entzündung des Gehirns (Enzephalitis) oder seiner Hirnhäute (Meningitis). Deshalb gilt als Regel, beim Auftreten eines ersten Fieberkrampfes auf jeden Fall einen Arzt bzw.
Ein Fieberkrampf entspricht im Allgemeinen dem Erscheinungsbild eines generalisierten tonisch-klonischen Anfalls, dem sogenannten Grand-mal-Anfall. Manchmal beginnt der Fieberkrampf z. B. mit einem Armzucken oder der Kopfwendung zu einer Seite. Dann spricht man von einem fokalen (von einem bestimmten Ort im Gehirn ausgehenden) Beginn des Anfalls. Bei circa 20 % der Fieberkrämpfe beträgt die Dauer des Fieberkrampfes zwischen 5 und 15 Minuten und nur bei 10 % länger als 15 Minuten. Diese Anfälle müssen durch Medikamente beendet werden. Man spricht dann von einem komplizierten Fieberkrampf. Während eines Infektes können sich Fieberkrämpfe auch mehrfach wiederholen. Auch wenn sich das Kind im Anschluss an den Anfall nicht rasch erholt oder in kurzer Folge (bzw. während der folgenden 24 Stunden) weitere Anfälle auftreten, handelt es sich um einen komplizierten Fieberkrampf.
In den meisten Fällen handelt es sich um einen sogenannten einfachen Fieberkrampf. Zu Beginn des Anfalls wird oft das Verdrehen der Augen beobachtet. Im Verlauf kommt es dann zum Bewusstseinsverlust und zur Anspannung des gesamten Körpers, die in ein Zucken der Arme und Beine übergehen kann. Das Gesicht ist meistens blass, manchmal kommt es auch zu einer Blaufärbung im Bereich der Lippen (sogenannte Zyanose). Mitunter tritt anstelle der Körperverspannung ein gänzlicher Verlust der Körperspannung auf. So bedrohlich dieses Ereignis auch aussieht, das Kind erholt sich davon anschließend normalerweise rasch und komplett.
Die Wahrscheinlichkeit, dass nach einem ersten Fieberkrampf erneut Krämpfe auftreten, liegt bei ca. 30-40 %. Nicht immer handelt es sich allerdings bei einem Anfall in einer fiebrigen Phase um ein harmloses Ereignis; in seltenen Fällen kann ein Krampfanfall bei Fieber auch das Zeichen einer beginnenden Hirnhautentzündung oder einer anderen ernsten Erkrankung sein.
Ursachen im Erwachsenenalter
Im Erwachsenenalter können Epilepsien verschiedene Ursachen haben, darunter:
- Strukturelle Ursachen: Hirntumore, Hirninfarkte, Kontusionsdefekte, vaskuläre Malformationen, Enzephalozelen, fokale kortikale Dysplasien, Polymikrogyrie der kortikalen Neurone, hypothalamische Hamartome oder eine Hippocampussklerose. Ebenso kann eine perinatale Hirnschädigung, oft infolge von Sauerstoffmangel während des Geburtsvorgangs, eine Epilepsie verursachen.
- Genetische Ursachen: In den letzten Jahren wurden mehrere Hundert Gene und Gen-Veränderungen identifiziert, die vermutlich oder sicher eine Epilepsie (mit)verursachen.
- Infektiöse Ursachen: Infektionen sind die weltweit häufigste Ursache von Epilepsie. Eine infektiöse Ätiologie bezieht sich auf Patienten mit Epilepsie und nicht auf Patienten, die Anfälle im Verlauf einer akuten Infektion erleiden. Typische Beispiele sind Neurozystizerkose, Tuberkulose, HIV, zerebrale Malaria, subakute sklerosierende Panenzephalitis, zerebrale Toxoplasmose und kongenitale Infektionen - etwa durch das Zika- oder Zytomegalie-Virus. Zudem sind post-infektiöse Entwicklungen einer Epilepsie möglich, beispielsweise nach einer viralen Enzephalitis.
- Metabolische Ursachen: Eine metabolisch verursachte Epilepsie ist direkte Folge einer Stoffwechselstörung, die epileptische Anfälle als Kernsymptomatik aufweist. Es wird angenommen, dass die meisten metabolisch bedingten Epilepsien einen genetischen Hintergrund haben und nur selten erworben sind.
- Immunologische Ursachen: Eine immunologische Epilepsie ist auf eine autoimmun vermittelte Entzündung des ZNS zurückzuführen. Hierzu gehören vor allem die Kalium-Kanal-Antikörper (LGI1)-bedingte limbische Enzephalitis und die NMDA-Rezeptor-Antikörper assoziierte Enzephalitis (NMDA = N-Methyl-D-Aspartat).
- Unbekannte Ursachen: Neben den zuverlässig differenzierbaren Epilepsien gibt es Formen, deren Ursache (noch) nicht bekannt ist.
Spezifische Ursachen im höheren Lebensalter
Im höheren Lebensalter sind zerebrovaskuläre Erkrankungen (Schlaganfälle) die häufigste Ursache für neu auftretende Epilepsien. Weitere Ursachen sind neurodegenerative Erkrankungen (z. B. Alzheimer-Demenz), Hirntumore und Schädel-Hirn-Traumata.
Diagnostisches Vorgehen
Die Diagnose von Epilepsie basiert auf einer sorgfältigen Anamnese, der Beobachtung des Anfallsgeschehens (idealerweise durch Augenzeugen) und der Durchführung verschiedener Untersuchungen.
Anamnese und Beobachtung
Eine möglichst genaue Beschreibung des Anfalls durch Dritte ist für die Diagnosefindung entscheidend. Wichtige Fragen dabei sind: Was ging dem Anfall voraus? Wie sah der Sturz aus, wenn es einen gab? Waren die Augen geöffnet oder geschlossen? Auf welcher Körperseite begannen Zuckungen? In welche Richtung war der Kopf gedreht? Eine Videoaufnahme des Anfalls kann für den Arzt sehr hilfreich sein.
Elektroenzephalographie (EEG)
Das Elektroenzephalogramm (EEG) ist eine wichtige Untersuchung zur Diagnose von Epilepsie. Dabei werden die elektrischen Aktivitäten des Gehirns über Elektroden auf der Kopfhaut gemessen. Epilepsietypische Auffälligkeiten können sich im EEG bereits nach einem erstmalig auftretenden epileptischen Anfall zeigen.
Bildgebung
Mithilfe von bildgebenden Verfahren wie der Magnetresonanztomographie (MRT) können strukturelle Veränderungen im Gehirn, wie z. B. Tumore oder Narben, erkannt werden, die möglicherweise die Ursache für die Epilepsie sind.
Therapie der Epilepsie
Die Behandlung der Epilepsie zielt darauf ab, Anfallsfreiheit zu erreichen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Therapie mit Antiepileptika ist die wichtigste Säule der Epilepsiebehandlung. Täglich eingenommene Antiepileptika sorgen dafür, dass die Nervenzellen gehemmt und dadurch beruhigt werden. Bei knapp 70 Prozent der Patienten helfen solche Medikamente gut. Dabei reicht häufig bereits ein einzelnes Medikament aus, manchmal wirkt nur eine Kombination von zwei oder mehr Medikamenten. Mittlerweile gibt es rund 30 verschiedene Medikamente gegen Epilepsie. Moderne Wirkstoffe haben oft weniger Nebenwirkungen.
Weitere Therapieoptionen
Für Patienten, bei denen die Antiepileptika nicht ausreichend wirken, kommen weitere Therapiemöglichkeiten in Betracht:
- Vagusnervstimulation: Ein Schrittmacher - ähnlich einem Herzschrittmacher - wird unter die Haut im Brustbereich implantiert. Das Gerät erzeugt elektrische Impulse, die vom Vagusnerv am Hals ins Gehirn geleitet werden.
- Tiefe Hirnstimulation: Eine dünne Silikonscheibe mit Platinkontakten wird unter die Kopfhaut geschoben. Auch bei diesem Verfahren gehen die elektrischen Impulse von einem Schrittmacher aus, der im Brustbereich unter die Haut gesetzt wird. Durch diese Therapie soll eine tiefgehende und fokussierte Stimulierung des Gehirns möglich sein, ohne das Gehirn selbst zu berühren.
- Epilepsiechirurgie: Operative Verfahren kommen nur in Frage, wenn sicher festgestellt wird, von welcher Stelle im Gehirn die Anfälle genau ausgehen, also bei fokalen Epilepsien. Dann müssen weitere Untersuchungen in einem Neurochirurgischen Zentrum zeigen, ob die Entfernung des Focus ohne größere Gefahr möglich ist, oder ob der Eingriff zu Lähmungen, Sprachstörungen oder anderen Ausfällen führen würde.
Ziele der Behandlung
Das Ziel der Epilepsie-Behandlung ist die Anfallsfreiheit. In der Regel müssen dafür dauerhaft Medikamente eingenommen werden. Ob ein Absetzen nach mehreren anfallsfreien Jahren sinnvoll sein kann, muss individuell abgewogen werden. Man spricht bei Epilepsie nicht von einer "Heilung" sondern davon, dass die Krankheit überwunden ist. Das ist dann der Fall, wenn man länger als zehn Jahre keinen epileptischen Anfall mehr hatte und seit über fünf Jahren kein Antiepileptikum mehr eingenommen hat.
Leben mit Epilepsie
Menschen mit Epilepsie können meist nicht vorhersagen, ob und wann sie einen epileptischen Anfall bekommen. Und genau das macht ihn gefährlich: Gerade bei einem großen Anfall - der Fachbegriff heißt "bilateral tonisch-klonischer" Anfall - kann es durch Bewusstlosigkeit zu Stürzen und damit verbunden zu Verletzungen kommen. Aber auch die häufigeren kleineren Anfälle können Betroffene körperlich und psychisch belasten. Hinzu kommen Vorurteile und Stigmata, die den Alltag für Menschen mit Epilepsie zusätzlich erschweren. So ist im Verlauf der Erkrankung das Risiko für eine Depression erhöht. Insgesamt haben Menschen mit Epilepsie ein erhöhtes Sterberisiko. Plötzliche unerwartete Todesfälle (SUDEP, engl. Sudden unexpected death in epilepsy) kommen auch in eigentlich weniger gefährlichen Situationen vor, zum Beispiel nachts im Bett.
Sicherheitshinweise
Menschen mit Epilepsie dürfen nicht selbst Auto fahren, wenn sie in den vergangenen zwölf Monaten einen Anfall hatten. In diesem Fall sollte man zum Beispiel nicht alleine schwimmen gehen. Denn wenn ein epileptischer Anfall im Wasser auftritt und nicht sofort ein Rettungsschwimmer zur Stelle ist, kann das tödlich enden: So ist auch die Haupttodesursache von Menschen mit Epilepsie ein Tod durch Ertrinken. Ebenfalls vorsichtig sein sollten Betroffene beim Baden in einer Badewanne sein - auch hier kann es zum Ertrinken kommen.
Erste Hilfe bei einem Anfall
Im Vordergrund steht, dass sich der Betroffene während eines Anfalls nicht verletzt. Wenn er oder sie bereits auf dem Boden liegt, zucken häufig Arme und Beine oder sie wirken versteift. Auch der Kopf kann zucken und dabei immer wieder auf den Boden aufschlagen. Manchmal kommt es zu einem Zungenbiss, dennoch sollte man niemals versuchen, während des Anfalls etwas in den Mund zu schieben. Der Blutverlust beim Zungenbiss ist sehr gering, durch die Verdünnung mit Speichel wirkt es mehr, als es ist. Daher gilt: Ruhe bewahren. Der Anfall selbst ist meist nach ungefähr einer Minute vorbei. Um die Zeit sicher zu messen, lohnt ein Blick auf die Uhr. Die Beobachtungen der Augenzeugen liefern später oft entscheidende Informationen bei der Diagnosefindung.
Nach einem großen Anfall kann es sein, dass die Person nicht direkt wieder orientiert oder kommunikationsfähig ist. Dafür braucht es meist 15 bis 30 Minuten, bei älteren Patienten kann es auch länger dauern. Manche Menschen mit bekannter Epilepsie können sich aber auch schnell erholen und ihrer Tätigkeit weiter nachgehen. Nach einem ersten Anfall ist aber immer zügig eine ärztliche Untersuchung notwendig.
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